If your memory serves you well ...

Schlagwort: Marshall McLUhan

Wirres Zeug bei der Welt

In Springers Flaggschiff haben sie, wo ihnen schon der Kommunismus abhanden kam, immer noch den ersatzweisen Popanz der Alt-68er, also böse Dämonen, welche in Ewigkeit an allen Übeln der ‘Welt’ schuldig zu sein haben:

“Die Technologie der 68er-Generation zerstört die Kultur des bürgerlichen Lebens.”

Öhem – ein Rudi Dutschke mit Handy ist wirklich ein arg seltsames Bild. Das hindert zwei ideologisch gestählte Welt-Kommentatoren, Ulrich Machold und Andreas Rosenfelder, aber nicht daran, diese ‘Welt’ noch weiter zu verzeichnen. Bekiffte Landkommunarden hätten, glaubt man ihnen mal, das Silicon Valley aus dem Boden gestampft. Nun – bei solchen ökonomischen Erfolgen, warum denn dann nicht gleich Haschisch für alle fordern, um unsere Jugend und die deutsche Digitalwirtschaft unternehmerisch mal so richtig in Schwung zu bringen?

“Das Personal der ersten Computerfirmen wie Apple und Microsoft rekrutierte sich zu einem guten Teil aus den Überresten der amerikanischen Hippie- und Kommunardenbewegung: eine brodelnde Ursuppe aus haarigen Individualisten, befeuert von Beat-Gedichten, halluzinogenen Drogen und den Schriften Norbert Wieners, Buckminster Fullers und Marshall McLuhans.”

Soso, Marshall McLuhan als Blumenkind? Mümmelte der nicht schon an seiner Rente, als der ‘Summer of Love’ begann? Es wird noch drolliger – Jerry Rubin oder ersatzweise Fritz Teufel sollen unserem Duo Debitale zufolge seit jeher die Hofsänger eines unbeschränkten Unternehmertums gewesen sein, eine Entourage, die ich Blödmann bisher eher in der Reihen der ‘Welt’ vermutete:

“Sie sahen sich als Teil eines neuen Wilden Westens, in dem ein unbeschränktes Unternehmertum aller Einzelnen die Harmonie des Ganzen zeitigen würde.”

Alles nur FDP- und Hayek-Aktivisten mit Dorothea-Siems-Denke also? Mein Zwerchfell schmerzte an diesem Punkt übermäßig, und ich konnte nicht mehr weiterlesen …

Um mal ein wenig Klarheit in dieser brodelnden Ideologiesuppe zu schaffen: Die Gründergeneration des Internet warf sich keine bunten Pillen aus Timothy Learys Hexenküche ein, die Algorithmen wurden dort auch nicht zu bunten Mandalas verflochten. Diese Gründergeneration kam seit den 60er Jahren aus den Reihen der amerikanischen Halbleiter- und Rüstungsindustrie, wie auch des MIT, wo man gerade den Transistor und seine fortschreitende Miniaturisierung erfunden hatte. Es waren Ingenieure, ‘Nerds’ – und eben bestimmt keine ‘Hippies’. Eher schon bleiche, übernächtigte und bebrillte Bürohengste ohne Bizeps und ohne Schlag bei den Frauen, die damals schon die 24/7-Arbeitszeiten entdeckt hatten, statt auf Open-Air-Festivals zu rennen …

Würde man die Überschrift dort oben einigermaßen angemessen formulieren, käme also vielleicht so etwas dabei heraus: “Die heutige Industrie hat die ‘Kultur des bürgerlichen Lebens’ gar nicht mehr nötig.” Das wäre dann immer noch grassierender Kulturpessismus, aber zumindest diskussionswürdig … allerdings nicht von dieser ‘Welt’.

McLuhan rotiert

Früh am Morgen wurden meine müden Augen schon folgendermaßen in welterläuternder Absicht traktiert:

“Die Art des Mediums bestimmt die Art der Botschaft, diese These hat der Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan schon 1967 aufgestellt – das gilt auch für den Terrorismus im Internetzeitalter.”

Schön wär’s, wenn’s so wär, dann stimmten sogar die Folgerungen, die man zieht. Marshall McLuhan hat aber nun mal gesagt: “Das Medium ist die Botschaft“, was schon einen gewissen Unterschied macht. Denn wäre das ‘Medium Internet’ irgendwie für die Breivik-Taten verantwortlich zu machen, dann wäre das ‘Medium Buchdruck’ dank Luthers Hasstraktaten auch für die Bauernmetzeleien in der Reformationszeit verantwortlich zu machen, oder im Falle eines Bernard von Clairvaux das ‘Medium Volkspredigt’ für die Judenschlächtereien im Vorfeld der Kreuzzüge.

Kurzum: Das Medium ist ein Medium ist ein Medium, es vermittelt immer nur irgendwas. Letzteres ist zunehmend egal. Dass damit die Botschaft entwertet wird, dass das Blinkyblinky wichtiger wird, als das Winkewinke weiser Hinweise unserer Mandarine – das hat McLuhan im Kern gesagt. Fasslicher ausgedrückt: Das ‘Medium iPad’ ist deshalb cool, weil es ein iPad ist. Die Botschaften, die sich coole Besitzer darauf ‘messagen’, die sind in der Regel doch nur alter Käse, der neuerdings besonders weithin duftet. So gesehen, bleiben dann auch Leute wie Herre, Fjordman, Wilders & Co. als geistige Miturheber ‘mitverantwortlich’ für die Taten dort in Norwegen. Schuld ist eben nicht ‘das Internet’. Ebenso wie auch Luther – und nicht der Buchdruck – für die Grausamkeit der Bauernkriege seinen Teil Verantwortung trägt …

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