Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Manierismus (Seite 1 von 2)

Der Bügelfaltenstil

Thomas Mann gehört zu jenen Schriftstellern, die beim Publikum immer mehr Achtung genossen als unter Kollegen. „Buddenbrooks ist ein verdammt gutes Buch. Wäre er ein großer Schriftsteller, wäre es prima„, schrieb Ernest Hemingway an F. Scott Fitzgerald (Briefe, 119). Auch Tucholsky mochte das „sanfte Arschloch“ (GA XXI, 297) nicht, sein Stil sei das „erschwitzte Produkt tiefster Sterilität“ (GA XIX, 231). Bert Brecht gewann bei jeder Begegnung den Eindruck, „3000 Jahre schauen auf mich herab“ (FA, 29, 211). Und das böse Wort vom „Bügelfaltenstil“ stammt meines Wissens von Alfred Döblin: „Man schläft dabei ein„, lautet jedenfalls sein Verdikt (Briefe, 217). Was aber macht diesen Stil eigentlich aus?

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ – so beginnt bspw. der vierbändige Josephs-Roman. Eine Banalität wird hier in raunende Worte gefasst. Denn klar ist doch eins: Schreibe ich über die Französische Revolution, dann ist dieser ‚Brunnen der Vergangenheit‘ nun mal ziemlich genau 225 Jahre tief, und tauche ich ein ins alte Ägypten, dann sind es 3000 Jahre und mehr. Aber unergründlich, so wie es diese rhetorische Frage gleich eingangs suggeriert, ist er nun mal nicht, jedenfalls würde dies kein Archäologe je behaupten. Hier hubert also einer nach Bedeutung – die eigentliche Spezialität des schreibenden Kaskadeurs folgt daher jetzt:

„Dies nämlich sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht. Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.“

Äh, Ägypten? – Inhaltlich wäre an dieser Schichttorte aus getürmten Nebensätzlichkeiten so ziemlich alles zu bestreiten. Dass die Geschichte des alten Ägypten für uns unergründlicher sei als diejenige des frühchristlichen Mittelalters beispielsweise. Denn das Licht, das für uns auf eine beliebige Vergangenheit fällt, ist zumeist abhängig davon, ob wir aus jener Zeit Schriftzeugnisse besitzen oder nicht. Insofern bleibt der Papua-Insulaner vor hundertfünfzig Jahren uns genauso rätselhaft wie der Cro-Magnon-Mensch der Champagne. Mit der Zeitachse und der ‚Brunnentiefe‘ aber hat das alles nichts zu tun. Und dass die ‚Anfangsgründe des Menschlichen‘ bei den Maya oder in der Prähistorie deutlicher zutage getreten seien als heute bei einer rappenden Straßengang aus Hamburg-Mümmelmannsberg, das ließe sich auch mit Fug bezweifeln. Angesichts der zahllosen Menschenopfer damals möchte ich das sogar hoffen. Kurzum – es handelt sich um eine bloß vorgespielte Tiefe, um sprachliches Tandaradei.

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Mach mir die Parodie!

Alles Lernen beginnt mit der Nachahmung. Da aber dieses Imitieren eine sehr trockene Tätigkeit sein kann, zieht ein Schreiber – des Amüsemängs wegen – am besten sein Vorbild am Schopf von dessen Manierismen durch den Kakao. Fertig ist die Parodie …

* ‚Dies weiteste Feld auf kleinem Raum, fürwahr ein Lebensspeicher, bewahrend alles Biographische für diesen Moment wie auch für die Ewigkeit, sich um Qualität nie scherend, sondern türmend alles in Ordnern ohne Zahl, so wie es dem Demiurgen an der Tastatur gefällt, meine Festplatte also, sie surrte frühmorgens schon leise vor sich hin, als ich meine hohe Kunst des Ordnens begann’
[Sätze voller Genitive und Partizipien, höchstpersönlich hantelgestemmt von eines Meisters Hirn, gelegentlich schwimmt eine preziöse Antike vorbei, eine Welt, wo jedes Ding so Stücker zwanzig Worte macht – ganz klar, das ist Thomas Mann].

* ‚Vom stillen Weimar kommend schritt ich durch die breiten Gassen der wohlgefügten Handelsstadt. Alles war hier Leben und Treiben, auch in diesem kühlen, wiewohl glasumsäumten Kaufhaus mit dem markanten Zeichen über der Tür, das ich betrat, um endlich einen USB-Stick zu erstehen, so wie ihn Lotte sich wünschte.’
[Ein leichter Hauch von ministerialem Bürokratiestaub umschwebt diese stille Welt, die keinerlei Effekthascherei oder Manierismen kennt, sieht man einmal davon ab, dass ein göttergleicher Weimaraner nie ‚ginge’, sondern immer nur ‚schreitet’ – das kann nur Goethe sein] .

* ‚Diese Abmahnungen enthielten zum Teil Andeutungen über den Zweck meiner Bloggerei. Wovon der Herr Julius Cäsar nichts wissen konnte. Ich schrieb ihm, dass er sich aufs Sachliche beschränken möchte. Was ihn nur zu neuen Angriffen reizte.
[Eine Tonality wie ein Geschäftsbrief, ‚neue Sachlichkeit’ halt, geschrieben wie gesprochen, allerdings ohne Slang, es sei denn dort, wo er die Gangstersprache selbst zu parodieren trachtet, was er nicht kann – richtig geraten, das soll Brecht sein].

* ‚Eine ideale Lesart für mein Blog gibt es nicht. Ich glaube, man kann da einfach so drin rumblättern und über die Welt staunen. Man kann es natürlich aber auch von vorne bis hinten durchlesen, wenn man möchte. Die Texte sind vom Prinzip her eher einlullend, da kriegt man dann die vielen lustigen Einzelschicksale gar nicht mehr mit.
[Viel unfokussiertes Schwabbeldidu-Schwibbeldischwapp – und dann ein großes ‚Patati und Patata’ … alles ‚vom Prinzip her’ ‚eher einlullend’. Ach so – das ist übrigens gar keine Parodie, sondern ein Original, wo ich einmal ‚Blog’ statt ‚Buch’ zu setzen wagte – es ist der Benjamin von Stuckrad-Barré].

* Der Prinzessin farbloser Kopf bekam einen rosa Hauch: Denn der Don Alphonso wie auch Dogfood erinnerten einander in ihren Blogs mit männlich zurückgedrängter Wehmut an gewisse Dotcom-Tod-Lokale, die sie beide noch kannten, und an die ihnen beiden vertrauten Alkoven gewisser Damen.
[Klar, das ist Heinrich Mann in seiner Renaissance- und Nietzsche-Periode, also etwa ‚Die Göttinnen‘, ‚Pippo Spano‘ etc.].

* Es schlummern orphische Zellen / In den Birnen des Marketing, / Bits und Bytes und Stellen / An denen einst Hirnmasse hing …`
[Seele und Syphilis, Liebe und Lues, Be-Bop und Banales – so etwas parodiert den frühen Benn]

Ist Stil unwandelbar?

Im allgemeinen ja, aber – so müsste die Radio-Eriwan-Antwort auf diese Frage lauten: Natürlich klingen ein Büchner, ein Fontane, ein Tucholsky noch so frisch wie am ersten Tag, wenn wir mal davon absehen, dass historisch bedingte Defizite beim Wortschatz existieren. Was wusste ein Theodor Storm bspw. schon von Vierganggetrieben oder vom Internet? Auch schrieb er noch ‚Thür‘ statt ‚Tür‘ – was die Verlage stillschweigend längst korrigiert haben. Aber sonst? Zu mindestens 90 Prozent könnten seit dem Vormärz die Sätze unserer großen deutschen Schriftsteller heute geschrieben worden sein. Mutet uns dagegen ein Text aus jenen Zeiten seltsam und ‚historisch‘ an, dann ist dies fast schon ein Indiz dafür, dass es sich nicht um einen großen unter diesen Schriftstellern handelt. Ein Stefan George, ein Wilhelm Schäfer, ein Gustav Frenssen oder auch ein Maximilian Harden – die sind in ihrem Manierismus nahezu ungenießbar geworden. Sie gehörten ihrer Zeit an, sie erlebten seinerzeit große Auflagen, aber ihr Stil war ‚modisch‘ und erscheint uns gerade deshalb heute ‚geknödelt‘ und antiquiert. Ähnlich, wie morgen unsere Nachkommen die Pop-Häppchen eines Stuckradt-Barre belächeln werden. Während ein Uwe Tellkamp – vermute ich jetzt mal – überleben wird.

Wessen Stil aber regelhaft und rettungslos binnen kürzester Frist veraltet ist, das ist der Stil der Stilkundler. Vor mir liegt die große Stilbibel des Kaiserreichs, Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“ in der 25. – 29. Auflage von 1919. Hier klingt alles wie eine Parodie auf die ‚Feuerzangenbowle‘, obwohl dieser Engel nichts anderes wollte, als seinen Zeitgenossen einen souveränen und brauchbaren Umgang mit der deutschen Sprache beizubringen – unter weitgehendem Verzicht auf unnötige Fremdwörter. Heute kann ich das Buch aufschlagen, wo ich will, ein Lachanfall ist unweigerlich die Folge: Denn der Text beginnt sofort wie ein Zirkuspudel auf den Hinterbeinen zu laufen, er bläst jede Banalität gleich zur sprachlichen Pretiose auf:

„Die deutschen Grammatiken und die neueren Sprachbesserungsbücher bemühen sich mit löblichem Eifer, zwischen Imperfektum und Perfektum unverrückbare Grenzlinien zu ziehen“ (75).

Joho – ’nur einen wönz’gen Schlock‘ von diesem Sprachgebräu und wir sind mitten im Wilhelminismus gelandet: „bemöhen söch“, „löblöcher Eiför“, „ohnveröckbar“. Und dabei gegen Fremdwörter eifern, aber ‚Imperfektum‘ sagen! Der kaiserliche Verbalschnurrbart wird gewichst und hochgebürstet, das Auge des Sprachkritikers blitzt martialisch – und dabei gäbe es inhaltlich und sachlich an den Engel’schen Regeln noch nicht einmal viel zu meckern, wie im folgenden Beispiel, wo der Stilpapst die Rolle der Erfahrung herausstreicht:

„Hüte dich, o Leser, vor solchen Schreibern, die vom Kamel, oder sonst von Tieren, Menschen, Dingen gleichviel welcher Art, aus der Tiefe der Gemüter sprechen, ohne irgendetwas gesehen zu haben: ihre Schriften werden dir nichts nützen, denn wer selber nichts gesehn, kann andre nicht sehn machen“ (123).

O Leser, hüte dich vor diesen Stilkundlern, die dir alle den Schnabel verbiegen möchten, bis du so sprichst, wie niemand vor dir je gesprochen – selbst dort, wo sie Wolf Schneider heißen. Lege guten Gewissens ihre Bücher auf dein Regalbrett zu den anderen Humoristen. Denn dort gehören sie hin …

Aberwitz und Langeweile

Bestätigte Erwartungen sind ein Quell von Langeweile. Nehmen wir eine Erzählung, wo nächtens ein schrecklicher Mord passiert, wo zwei Liebende sich unter dem Honigmond finden oder wo es mir endlich gelingt, durch einen schrecklichen Autounfall zwei Personen im Blaulichtgeflacker auf feuchtem Asphalt aus meinem Roman zu eliminieren. Weil ich längst nicht mehr wusste, wohin mit ihnen.

Und dann? Dann heißt es: „Die Sonne ging auf“. Ja, so hat es niemand gern: Schwaches Verb, abgenudelte Phrase, Leser gähnt. Witziger ist da fast noch der Polizeibericht, wo es heißt: „Der Sonnenaufgang hatte zum Zeitpunkt des Auffindens des Leichnams bereits eingesetzt“.

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Was meinst du bloß mit ‚Stil‘?

Soll jemand stilbewusst schreiben, dann ist das Ergebnis bei Wenigschreibern vorhersehbar: Die Texte wandeln sich – die Wörter werden gewählter, der Duktus gestelzter, der Tonfall gravitätischer, die Wortstellung verschrobener – und der Sinn drapiert sich in ein verbales Theaterkostüm. Der Text wird pathetisch und wirkt plötzlich ebenso ulkig, wie er zuvor langweilig war. Manierismus heißt dieses Stilmerkmal, das unter bestimmten Bedingungen einem Rilke erlaubt sein mag, nicht aber uns:

„Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt?“

Was aber noch nicht einmal einen großen Dichter unsterblich macht, das macht uns mit Sicherheit unsterblich lächerlich.

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Denkfutter

Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher“.

Gottfried Benn

Denkfutter

Und ich plage mich hier mit allerlei Arbeit, die geht so langsam … Und wenn sie nachher da ist, dann sagen die Leute: „Ach der – man versteht ja jedes Wort! Das schüttelt er so aus dem Ärmel.“ Ein Kompliment – aber in Deutschland eines vierten Ranges. Neulich las ich: „… von einer bis zur Dunkelheit gesteigerten Fülle“ … Das hab ich gern. Sehen Sie – Gewöll, Geschlinge, Nebel und Wolken, kurz: im Dunkeln ist gut Munkeln. Unsereiner aber hat es mit Mozart, und sie wollen Wagnern. Die Trompeten blasen so schön …“
Kurt Tucholsky

Mythos und Nachruhm

Maximilian Harden gilt als einer der Großen des deutschen Journalismus, trotz seines überladenen, heute nahezu ungenießbaren Stils, worin er jede Sache fingerdick in bildungsbürgerlich-barocke Sprachornamentik hüllt. Ein großer Mann – so die etwas kurzschlüssige Folgerung – müsse er allein auch deshalb schon sein, weil die Vorgänger der Nazis, die sich damals noch in den hakenkreuzlerischen Freikorps sammelten, im Jahr 1922 auf ihn als jüdischen Journalisten ein Attentat verübten, an dessen Folgen er später starb.

Faktisch jedoch war Harden von den Ansichten allgermanischer Großbürger oft gar nicht so weit entfernt – in gewisser Weise war er der Prototyp eines assimilierten Deutschen jüdischen Glaubens – was Ballin für die deutsche Seegeltung und Bleichröder für die deutsche Bankwirtschaft, das war Harden für den ‚toitschen‘ Journalismus. Einer von denen, die der Zionist Chaim Weizman damals als so genannte ‚Kaiserjuden‚ apostrophierte.

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Wehleidigkeit …

… Weinerlichkeit und Wagalaweia. Diesen jungen Mann hat’s jedenfalls lebensperspektivisch schwer erwischt, und dann versucht er auch noch, seine innere Landschaft mit Worten zu beschreiben, die gar nicht ‚wirklich‘ als die seinen erscheinen. Jedenfalls scheppert es mir höchst klöterig in den Ohren. Als hätte er – – – *Achtung, Vorurteilsalarm!* – – –  (mindestens) eine (ältere) Psychologin zur Freundin, die ihn mit ihrem Soziolekt bis zum Eichstrich abgefüllt hat, ohne dass der dermaßen Hirnverstopfte diesen Gallimatthias an Vokabular bisher so recht verdauen durfte. Um einen solchen gefühlsbürokratisch vorgetragenen Psycho-Sound depressiver Verstimmung für eine spätere Verwurstung in irgendeiner ‚hard luck story‘ reproduzierbar zu machen, habe ich die Schlüsselwörter einfach mal farbig gekennzeichnet:

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Mit Puschkin voran!

Ach, was wünschte ich mir, unsere Stilakrobaten und Sprachnörgler würden sich gegen die zahllosen Manierismen und Gespreiztheiten im industriellen Sprachgebrauch, gegen die unvermeidlichen Fatzkes aus Werbung, Marketing und PR mal so wehren, wie gegen die zugewanderten Anglizismen! Doch hierzulande kämpft der Spießer eben auch auf sprachlichem Gebiet einzig und allein ‚gegen die vielen Ausländer‘.

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