Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Manfred Spitzer

“Nichts ist ewig!”

So lautete einer der Kernsätze meines Geschichtsprofessors. Daher beseelt mich ein tiefes Misstrauen auch gegen digital gespeicherte Wissensbestände. Gegen Online-Bücher, deren Zugriff mir amazon ratzfatz kappen könnte. Misstrauen auch gegen wild gewordene Regierungen, die wesentliche Funktionen des Netzes aus politischen Gründen blockieren würden. Ohne meine Regale stünde ich dann plötzlich ‘wissensnackt’ in der Welt. Erst die Zellulose-Ware in ihnen gibt mir die wirkliche Verfügung über meine Daten, zumindest solange kein Feuer ausbricht …

Insofern stimme ich Nora Schulz vom ‘Spiegel’ zu, dass die Gefahr einer Verblödung ‘durch das Nutzen des Netzes’ kaum gegeben ist. Wir müssen uns nicht tausend Telefonnummern merken, wir müssen den Erlkönig nicht aus dem Kopf zitieren können. Soweit d’accord. Der Begriff ‘digitale Demenz’ in seiner üblichen Verwendung ist somit bloß ein Hoax, den sich ein geschäftstüchtiger Wuschenschaffler namens Manfred Spitzer mal ausgedacht hat, um möglichst viel Auflage zu generieren. Blöd wird jeder immer noch selber – und wer immer nur das gedruckte grüne Blatt liest, ist auch nicht schlauer als jemand, der sich digital nur bei PI herumtreibt.

Was mich aber von Nora Schulz unterscheidet, ist jenes unterschwellige Misstrauen, wonach am Ende selbst ‘Google’ oder ‘Facebook’ keine Einrichtungen von Ewigkeitswert sein könnten. Ich mache mich nicht abhängig von deren geschäftlichem Wohlergehen. Wenn Kiepenheuer & Witsch pleite ginge, hätte ich hingegen immer noch die Bücher dieses Verlages in der eigenen Hand. Der Nachteil gedruckter Ware besteht allerdings darin, dass man in etwa wissen muss, wo was steht. Es gibt dort keine Scan-Funktion. Nur selber lesen macht fett …

Oder nehmen wir das Beispiel des hochhackigen russischen Präsidenten: Dort ist der Zugang zu Facebook, zu wikipedia, zu Blogs, zum gesamten digitalen Raum höchst eingeschränkt, um es noch gelinde auszudrücken. Die Bevölkerung dort wird systematisch von vertrauenswürdigen Informationen abgeschnitten. Das einzige also, was zwischen Petersburg und Wladiwostok noch aus den Modems rinnt, ist jene ‘digitale Demenz’, die propagandistisch und staatlicherseits erzeugt wird, all die unaufhörlichen und bekannten Lügen von Russia Today, RIA Novosti usw. Eine weithin monolinguale Gesellschaft und der Graben zwischen kyrillischer und lateinischer Schrift kommen noch hinzu. Der Effekt, den dies auf die russische Bevölkerung hat, ist unübersehbar. Ein ganzes Volk verblödet dort tatsächlich – und es wird gezielt gepolt und verhetzt. Eine Samisdat-Bewegung wie in der Sowjetunion, die oppositionelle Sichtweisen als gedruckte Bückware klandestin weitergeben würde, ist durch die eingerissene digitale Distributionsweise auch kaum noch möglich.

Kurzum – mit Hilfe des Netzes lässt sich eine digitale Demenz politisch sehr wohl erzeugen. Dann, wenn wir über keine gedruckten Gegenmittel mehr verfügen und Menschen bösen Willens an der Spitze des Staates agieren sollten. Am besten ist es daher, ‘dual’ zu verfahren …

Slow-Science

Dass von einem Manfred Spitzer, der seit Jahren auf dem ominösen ‘Neuro-Ticket’ reist, nichts Seriöses zu erwarten ist, lässt sich für den Kundigen regelmäßig voraussehen. Da aber der Mann so schön headline-tauglich formuliert, drucken alle Medien das kulturpessimistische Ratatouille unseres ‘Schirrmachers für Arme’ zunächst gern und häufig ab – zuletzt sein Wirrsal von der ‘digitalen Demenz’.

Bis zur Widerlegung von Spitzers Thesen durch die Wissenschaft dauert es in der Regel längere Zeit, weil man dort Labors, Versuchsreihen und Blindstudien statt bloß eines Verlags benötigt, um seriös zu arbeiten. So kommt es, dass unser Science-Rastelli immer schon die nächste Welle surft, dass er längst einige Ecken weiter das Beinchen hebt, während seine alte, abgelegte These, wenn die Wissenschaft sie ein für allemal widerlegt, längst nach saurem Kohl zu duften begann, und kein Medium das abgestandene Zeug mehr drucken mag:

„Die alarmistischen Thesen von Spitzer und Co. haben wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun“

Nationaler Kassandra-Tag!

Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg.” Jaja, das böse Internet und die Computerspiele! Fehlt eigentlich nur der Fußpilz. Oder liegt’s vielleicht doch eher am Vorstadt-Milieu in Zeiten von Hartz IV? Wer jedenfalls an die These vom bösen Digitalen glaubt, für den ist ‘sozialer Abstieg’ prompt selbstverschuldet – und die Opfer wurden zu Tätern und haben den Bullshit an der Backe kleben. Oder: Soziale Mechanismen aus der Sicht eines beamteten Hochschulprofessors auf C-IV.

Seltsam ferner, dass jene Nationen, deren Computer-Daddel-Konsum weltweit doch am höchsten scheint, die ‘ostasiatischen Tiger’ also, dass die bei den Olympischen Spielen so sensationell gut abschneiden konnten. Und wirtschaftlich gleichfalls ‘rundbesohlt’ scheinen, auch bei den ‘Lernerfolgen’. Was wiederum in völligem Widerspruch zu den Thesen dieses famosen ‘Gehirnforschers’ stünde, dessen Steckenpferd bekanntlich jener Forschungsgegenstand ist, in den sich allemal am meisten hineininterpretieren lässt. Siehe Sarrazin … wo ein Buch mehr Schaden angerichtet hat, als zehn Folgen Super-Mario. Da halte ich mich doch lieber an Spitzers Kollegen Dirk Frank statt an diesen ‘terrible simplificateur’:

„Spitzer ist vor allem darauf bedacht, den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine mit naturwissenschaftlicher Präzision gestrickte Beweisführung. Umfangreiches Datenmaterial, Grafiken und scheinbar gesicherte Erkenntnisse aus Medizin, Kriminalistik, Ernährungswissenschaft und Pädagogik scheinen diesen Eindruck zu untermauern. Doch Spitzers massenmedial zugespitzte These fällt selber dem Prinzip anheim, das sie zu kritisieren vorgibt: nämlich einer oberflächlichen und vorurteilsgeleiteten Medienbetrachtung.“

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