Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: LSR

Wat nu, Herr Döpfner?

Experten zerpflücken das Leistungsschutzrecht.”

Auf das nächste Statement aus den Verlagsetagen bin ich richtig gespannt. Vielleicht: Man brauche das Leistungsschutzrecht schon deshalb, weil man das Urheberrecht endlich in der Pfeife rauchen möchte?

‘Pffft!’ macht das LSR

Die meisten in der VG Media organisierten Verlage wollen keine verkürzte Darstellung ihrer Links bei Google hinnehmen. Der Konzern lehnte zuvor eine Bitte um “Waffenruhe” ab.”

Um Alexis Sorbas zu variieren: Ich habe selten etwas so kreuzdämlich auf der Schnauze landen sehen, wie den Rohrkrepierer dieses Leistungsschutzrechts. Bis heute habe ich nicht verstanden, wie jemand überhaupt auf die abstruse Idee kommen konnte, dass Werbung zukünftig gefälligst vom Werber bezahlt werden möge. Der ‘Spiegel’ löhnt ja auch nichts an Daimler, wenn bei ihm eine doppelseitige Anzeige der Untertürkheimer erscheint … und dass dieser böse Google-Konzern soooo groß sei, das mag ja sein, aber es ist trotzdem kein Argument, ihm in die Tasche zu greifen.

Schnellmerker!

Ach Gott, nach dem Ausstieg der Springer’schen LSR-Löwen ist in der Zunft endlich die Debatte um die ‘Zukunft des Journalismus’ auch in den Leid-Medien voll entbrannt: “Elf Vorschläge für bessere Zeitungen”. Fünf Jahre, nachdem ich im Jahr 2008 diesen Text dort unten für die Schweizer ‘medienlese’ schrieb, lauten die Schlüsse heute übrigens immer noch sehr ähnlich. Wie wenig also hat sich seither geändert – wie Passagiere auf einem untergehenden Schiff klammern sie sich an ihren liebgewordenen Schreibtisch, fern am Horizont die Rente fest ins Auge gefasst.

Noch einmal: Der Journalismus ist jetzt ein dialogisches Verfahren, man redet mit den Lesern oder man hat nichts mehr zu sagen. Das Gelesenwerden entscheidet jetzt, nicht das Gedrucktwerden. Der ‘Autor’ ist gefragt, nicht der ‘Pflastertreter’, es gilt, seinen Maulwurfshaufen mit stilistischen Mitteln in einen ‘Olymp’ zu verwandeln: “Come down off your throne and leave your body alone. … But I’m near the end and I just ain’t got the time. And I’m wasted and I can’t find my way home.” (Blind Faith: Can’t find my way home). Wer will, darf sich bei der folgenden Lektüre damit die Ohren verwöhnen:

“Eins: Netzbewohner sind vor allem anderen Leser

Das klingt zunächst einmal banal. Es hat aber für die Rezeption von Texten im Netz durchaus Konsequenzen. Für Journalisten heißt das nämlich, dass sie im Web 2.0 primär an ihrer Kernkompetenz arbeiten müssen, wollen sie noch ein Publikum finden: am Schreibenkönnen also. Ihr Stil ist der erste qualitative Prüfstein, also ihr ‘schriftstellerisches Können’, erst an zweiter Stelle vielleicht Ethik oder Recherche. Denn ein guter Mensch, der recherchieren kann, produziert noch lange keinen lesenswerten Text.

Zwei: No Gatekeeping anymore

Das Internet hat keine Tore. Es gibt auch keine Marktplätze. Und es ist unendlich groß. Niemand muss irgendwo vorbeikommen. Es ist ein Pull-Medium, kein Push-Medium – um mich für Marketingleute mal verständlich auszudrücken. No matter how big you are – im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss unter vielen, da kannst du noch so laut bimmeln oder Coca Cola heißen. Du gehst nicht zu den Leuten. Wenn du Glück hast (und Können) kommen die Leute zu dir – sonst eben nicht. Dafür benötigst du vor allem gute Ware. ‘Mutabor’ – das gilt daher für allen Journalismus und alles Schreiben im Netz: Weg vom Gatekeeper, weg vom autoritären Journalisten und Welterklärer hin zum journalistischen Autor, der vor allem gut erzählen und auch unterhalten kann.

Drei: In einer Welt aus Mikromedien ist nichts groß

Ein, zwei großmediale Säulen mögen übrig bleiben. Das Netz benötigt kein zweites Google, und es benötigt ebensowenig ein zweites Spiegel Online. Dieses eine Portal wird wohl, vermute ich jedenfalls, als akzeptiertes Dokumentationszentrum der allgemeinen Großnachrichtenlage übrig bleiben – und daneben noch ‘tagesschau.de’ oder ein ‘Independent Medium’, vielleicht ‘Stefan Niggemeier’, etwas in der Art – oder ein deutsches ‘Techcrunch’ (wer macht es?). Das sind dann aber keine journalistischen Monumente mehr, zu denen der gemeine Netzbewohner aufschaut wie zu den Sternen. Sie hätten eine Funktion ähnlich der von Stripteasestangen in einer Nachtbar: Jedes Muttermal wird kommentiert. ‘Godlike’-Tollenwerfer und größenwahnsinnige Agenda-Setter dagegen werden von einem demokratisch gestimmten Publikum ausgelacht, denn wer will sich von einer Hupfdohle schon die Welt erklären lassen. Ein gewisses Bajazzotum ist also gefragt, eher Harald Schmidt als Wolf Schneider …

Vier: Das Internet ist glatt wie eine Billardkugel

Blank und eben, nirgends Hochgebirge. Höchstens Maulwurfshaufen kommen noch vor. Und diese Medienwelt wird sich weiter gnadenlos fragmentieren. Immer mehr Maulwurfshaufen. Es gibt keine medialen Schlachtschiffe mehr, um die gnädigerweise auch ein paar mikromediale Beiboote herumkreuzen dürfen, wie dies in der Diskussionen einige Old-Media-Leute zu erwarten schienen. Es gibt schon bald nur noch Beiboote. Selbst das ‘Special Interest’ zerfällt wiederum in zahllose Unterthemen. Leserscharen werden künftig eher nach Hunderten gezählt, nicht mehr nach Hunderttausenden, obwohl die Zahl der Leser in der Summe nicht abnimmt. Was das für die bisherigen Vertriebs- und Werbemodelle heißt? Ja, bin ich Nostradamus?

Fünf: Objektivität ist nicht 2.0

Im glattgeschmirgelten Bürokratenstil etablierter Printmedien klangen sogar abgeschriebene PR-Artikel ‘objektiv’. Objektivität gilt aber gerade deshalb nicht länger als ‘wahr’, sie wirkt auf Menschen einfach nur kalt oder zynisch. Das Web 2.0 ist aber ‘ein warmes Medium’. Ein Journalist im Web 2.0 muss wieder wissen, ‘wofür’ er schreibt, früher sagte man mal, er muss ‘mit Herzblut’ schreiben. Klingt kitschig, ich weiß.

Sechs: Vielfalt ersetzt heilige Einfalt

In der Welt der alten Medien konnte – cum grano salis – niemand mehr die Artikel aus der Süddeutschen, aus der FAZ, dem Tagespiegel, der Welt, oderoderoder auseinanderhalten. Ideologisch wie stilistisch war alles ‘ein Brei’ geworden. Der größte Unterschied war noch der Zeitungstitel. Hierin – in der großen Langeweile – liegt eine der Hauptursachen für die Flucht der Leser ins Netz. Wenn sie die Texte, die sie mögen, in den Zeitungen nicht mehr finden, dann schreiben sie sich die eben selber. Die Folge: Die Rückkehr der Person in den Text. Schreiber sind nicht mehr beliebig austauschbar. Ein Mikromedium lebt und stirbt mit seinem Autor. Auch darin unterscheidet es sich von einem Massenmedium.

Sieben: Abschied von gesellschaftlichen Lenkungsfunktionen

Massenmedien hatten durchaus auch eine politische Aufgabe: Sie sollten die Masse formieren durchs Informieren, Leitideen ‘implementieren’ und die Einstellungen der Menschen bewahren oder ändern. Was aus der Defunktionalisierung dieser Aufgabe durch Fragmentierung folgt, ist auch mir nicht klar. Jeder erfährt zwar noch immer quantitativ gleich viel, aber alle erfahren etwas anderes. Niemand gibt mehr – soziologisch gesehen – eine ‘Agenda’ vor. Wird das nun eine ‘führungslose’ oder eine ‘selbstorganisierende Gesellschaft’? In gewisser Weise stellt die Antwort auf diese Frage die These von der ‘Schwarmintelligenz’ auf die Probe.

Am meisten umgehauen hat es mich dann, dass die ‘Süddeutsche’, stets etwas wacher als andere, mit einem dieser verhassten ‘Aggregatoren’, mit ‘rivva’ nämlich, eine Partnerschaft abgeschlossen hat. Das dürfte ‘rivva’ helfen, wenn irgendein Verrückter es wagen sollte, das fabulöse Leistungsschutzrecht dieser Ab-Springer und Burdadas tatsächlich mal anzuwenden, Damit aber ist wohl kaum zu rechnen:

RivvaSZ


Das LSR wirkt homöopathisch

Heute ist der Stichtag, der 1. August 2013. Ein tapferes Fähnlein deutscher Verleger zog einst aus, um den großen Drachen Google mit einem scharfgeschliffenen und schweren Gesetzestext endlich zu erschlagen. Doch noch immer hält der Lindwurm in seiner Höhle die schönsten Jungfrauen aus dem Verlegerdorf des Qualitätsjournalismus gefangen:

News1

News2

News3

News4

Dumm gelaufen … letztlich haben sie dann wohl alle die Klausel künftigen Wohlverhaltens unterschrieben, die der Drache ihnen unter die Nase rieb. Allerdings durften sie diese Niederlage ‘Opt-in’ taufen, damit nicht so leicht ersichtlich sei, wo irgendein ‘Defeat’ dabei.

Der Limbo beginnt

Wie vorhergesagt – wir treten in die Zeit der Schlangentänze ein. Hubert Burda will plötzlich gar kein Leistungsschutzrecht mehr, jedenfalls dann nicht, wenn Google streng auf der Grundlage ihres Gesetzes plötzlich so gemein zu ihnen ist. Ihr nagelneuer Daddelautomat wird schließlich nur dann richtig bedient, wenn jemand auch Geld in den Schlitz wirft:

‘Der Präsident des Beschwerdeführers, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Hubert Burda, erklärte: “Wenn Google nicht umgehend grundlegend verbesserte Vorschläge präsentiert, rufen wir die EU-Kommission auf, alle ihr zur Verfügung stehenden rechtlichen Instrumente zu nutzen, einschließlich einer formalen Mitteilung der Beschwerdepunkte mit effektiven Abhilfemaßnahmen. Eine faire und diskriminierungsfreie Suche mit gleichen Kriterien für alle Webseiten stellt eine essentielle Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung des europäischen Medien- und Technologiesektors dar.”

Das klingt für mich ziemlich hohl, und stark nach der Ameise, die sich auf dem Rücken des Elefanten halten konnte, nachdem sich der einmal schüttelte: ‘Hubi, würg ihn!‘ Die Sprache wirkt durchweg martialisch: ‘Umgehend’ und ‘grundlegend’ soll Google etwas tun, während es in der Folge, bei den Konkreta, doch merklich unkonkreter zur Sache geht. ‘Formale Mitteilungen’ und ‘effektive Abhilfemaßnahmen’ soll es subito geben, und zwar mit ‘allen der Kommission zur Verfügung stehenden Instrumenten’. Sind das jetzt eher ein oder zwei – oder vielleicht gar keine? Es fragt sich also, welche Folterinstrumente das – bitte schön – denn sein sollten? Und was spielen sie auf diesen ‘Instrumenten’ bloß für eine Melodie: ‘Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus‘?

Schließlich haben die anderen europäischen Länder das Problem ja gar nicht, weil die Verleger dort nicht freiwillig derart vor die Wand gerannt sind. Fakt ist, ein deutscher Sonderweg soll auf der Ebene europäischer Rechtshilfe mit Gold gepflastert werden, weil’s national nicht geklappt hat. Denn – so Burdas kühne Behauptung – eine ‘diskriminierungsfreie’ Umgehung des LSR stelle eine ‘essentielle Voraussetzung’ für mehr Rendite dar – also für die ‘erfolgreiche Entwicklung des europäischen Mediensektors’ (unter ‘europäisch’ tun wir’s mit unserer deutschen Besonderheit ja längst nicht mehr). Damit meint er wohl, dann, wenn Google den teutonischen Wegelagerern endlich ohne Widerrede die Knatter rausrückt. Am liebsten hätten unsere Ameisen, glaube ich, den kompletten Google-Algorithmus, aber auf einem Silbertablett. Was kommt als nächstes? Fordert ‘Vilsa’ die Coca-Cola-Rezeptur?

Ich denke mal, Google wird ihnen was husten. Sollen sie sich ihre eigene Suchmaschine basteln, wo ‘Bild’ und ‘Focus’ wie von selbst immer ganz weit vorn stehen. Das passt auch besser zum intellektuellen Niveau …

Nachtrag: Die Schweizer Verleger, die ja auch rechnen können, sind übrigens durch das deutsche Beispiel schon mächtig schlau geworden: «Ein Leistungsschutzrecht ist für den Verband kein Thema mehr.»

Keine Panik!

Deutschlands Verleger sind gar nicht so schlimm, wie dies manche befürchten. Allerkleinste Textausschnitte dürfen weiterhin gratis kopiert werden, wie zum Beispiel derjenige unterhalb dieses Textblocks, der uns zugleich die verlegerseits akzeptierte Maximallänge eines solchen geduldeten Textraubs (auch ‘Mini-Snippet’ genannt) andeutet. Zugleich möchte ich mich für diese Generosität bei Keeses ‘Welt’ recht herzlich und mit einem tiefen Diener bedanken. Allerdings – jede darüber hinausgehende Verwendung eines zweiten oder gar dritten Buchstabens aus dem Alphabet könnte nach dem neuen Gesetz schon lizenzpflichtig und damit auch abmahnfähig sein. Bereits die Ergänzung einer schlichten Buchstabenkombination wie ‘…oof‘ mit Hilfe eines vierten Buchstabens aus dem angewandten Verlags-ABC könnte dann vollends eine geistige Lizenz verletzen, die vor allem deutschen Verlegern recht eigentümlich zusteht:

“D”

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