Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Liberalismus (Seite 1 von 4)

Liberale sind eigentlich Hippies

Das meint zumindest Alex, unser Grauchen vom ‘Cicero’:

“Liberalismus wird in Deutschland als Lobby-Veranstaltung gesehen, als Ausdruck ökonomischer Interessen und als eine Art Wirtschaftssystem. Doch Liberalismus ist erst in zweiter Linie eine Wirtschaftsordnung – wenn überhaupt. Liberalismus ist vor allem erst einmal ein Lebensgefühl, eine tiefe Begeisterung für Freiheit und für Individualismus, für ein Leben ohne Vorschriften, Regelungen und gut gemeinte Einschränkungen.”

Wer jetzt aber meint, dass es im Text nun losginge mit der Freigabe von Drogen, mit der Abschaffung aller Verkehrsregeln, mit der freien Liebe auf allen Bürgersteigen, und der freien Fahrt für freie Bürger, endlich auch im ÖPNV, kurzum, mit der empfohlenen ‘Anarchie’ aus der Headline auf allen Ebenen, der hat sich schwer getäuscht. Hinten raus kommt beim Alexander Grau stets wieder der gewohnte Lobbyismus für die einzig und allein freiheitsbedürftigen Investoren:

“Warum ist die Wasserversorgung in Deutschland nicht längst privatisiert? Weshalb werden Straßen durch die öffentliche Hand gebaut? Weshalb finanziert der Staat eigentlich Kulturveranstaltungen?”

Vielleicht, weil es allemal billiger und substanzerhaltener ist, als wenn man diese Bereiche auch noch den Hedgefonds ausliefern würde, bester Alexander Grau; vielleicht, weil in ‘privatisierten Staatstheatern’ nur noch Helene Fischer auf die Bühne käme? Kurzum – das, was der Mann vom ‘Cicero’ Anarchie nennt, ist bloß der feuchte Traum renditefroher Investoren. Und da liegt der Hund dann auch wieder brav im Körbchen begraben … und die FDP würde sich mit dem wilden Alex auch keineswegs berappeln. Wir alle sahen bloß mal wieder ‘Alexander Graus Health & Happiness Show’ …

Um mich zum Thema dieses Liberalismus à la ‘Grau’ mal selbst zu zitieren:

“Liberalismus wäre demnach das Recht jedes Einwohners, so doof, asozial und verantwortungslos zu sein, wie er will. Und mit dieser zutiefst antibürgerlichen Einstellung wundert sich Grau, dass die FDP abkackt?

Neue liberale Programmatik

Liberalismus

Alles magenta – oder was?

Atomspaltung

Wenn die FDP sich aufspaltet, dann brauchst du dazu eine Lupe, besser ein Mikroskop:

“Frühere FDP-Politiker haben die Gründung einer neuen liberalen Partei angekündigt.”

Ball paradox

Es ist kein Scheiß: Das ‘Handelsblatt’ mit Gabor Steingart – hinter ihm die deutsche Industrie – das ist heute und seit Wochen schon die Speerspitze der pazifistischen Bewegung in Deutschland:

“Das Nachkriegstabu – keine Waffenlieferungen in Krisengebiete – ist damit gefallen. Die Politiker sprechen von der größeren Verantwortung, die Deutschland übernehmen müsse. Gegenüber der “Verantwortung” ist das nicht ganz fair: Das Wort kann sich gegen seinen Missbrauch nicht wehren.”
(Handelsblatt-Newsletter, 21. 8. 2014, leider nicht online)

Tscha, ‘Missbrauch’. Dass sie dort dann nicht nur gegen Handelssanktionen, sondern zugleich auch gegen eine zunehmende Einschränkung von Rüstungsexporten in aller anderen Herren Länder sind, ist gewissermaßen nur der Gipfel dieser Hochkomik. Freihändler halt …

ZP

Richtig gut fände ich den Namen ‘ZP’ für ‘Zahnwaltotheker-Partei’. Neuer Slogan vielleicht: ‘Alles meins!’. Jeder wählende ‘Kunde’ wüsste gleich, ob da für ihn noch etwas dabei wäre:

“Die FDP steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte, jetzt wird sogar über eine Umbenennung der Partei gestritten.”

Gut gefiele mir auch ‘PP’ für ‘Privilegien-Partei’. Oder ‘HdZ’ für ‘Hort des Zünftigen’, was lautlich dicht am ‘Zukünftigen’ liegt, ohne es allerdings so zu meinen. Wenn nämlich irgendwer das freie Wirken des Marktes und die Gewerbefreiheit behindert – siehe ständische Arztverfassung, anwaltliche Gebührenordnung oder Apotheker-Monopole – dann doch wohl die FDP …

Für den Zettelkasten (20)

Was war das für ein Sinn? Der eines ganzen Zeitalters. Er hieß Liberalismus. Oder enger gesprochen: liberaler Journalismus. Muß ich sagen, was dieser liberale Journalismus fast ein Jahrhundert lang bedeutete? Ihr wißt alle, was ihr ihm zu danken habt und worin ihr recht hattet. ihn zu schmähen. Er hatte eine sonderbare Aufgabe und eine noch sonderbarere Autorität. Seine Aufgabe: dem Besitz den Anschein einer höheren Sittlichkeit zu verleihen, den nackten Begriff ‘Geld’ mit geist- und golddurchwirkten Vorhängen, als da genannt werden: Beethoven – das absolute Ich – a priori und a posteriori – Kulturgewissen – Goethe – der kategorische Imperativ – zu verdecken. … Noch seltsamer war es um die Autorität dieses Journalismus bestellt: eine ungemessene Fähigkeit, das Denken der Zeitgenossen theoretisch zu bestimmen, verband sich bei ihm mit einer gleich starken Unfähigkeit, irgend etwas, was sich gegen ihn ereignen könnte, praktisch zu verhindern; er zog eben, gleich einer Theaterbühne, seine Wirkung ausschließlich aus sich selber und verlor sie immer mit dem Augenblick. wo die Vorstellung zu Ende (d.h. der Leser wieder bei seinem Tagewerk) war.”
Anton Kuh, Zeitgeist im Literatur-Café, 117 f 

Alles abschaffen!

Hermann Behrendt fordert … die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie. Dies sei notwendig, um unliebsame Maßnahmen durchzuführen wie die Abschaffung des Streikrechts, die Abschaffung des Kündigungsschutzes, die Einschränkung der betrieblichen Mitbestimmung und die Einführung eines verpflichtenden Dienstjahres für 18jährige Frauen und Männer. … Durch die “Mandative Demokratie” sei zudem gewährleistet, dass konsequenter gegen “Arbeitsscheue” und “Migration der Falschen” vorgegangen werden könne.”

Alles abschaffen also – außer den eigenen Privilegien natürlich. Und jetzt ist dieser Mann Sprecher der NRW-AfD geworden – aber ‘rechts’ ist diese Partei selbstverfreilich nicht, eher bloß so hayek-reaktionär. Oder erzliberal in urliberalem Sinne … also eine Koofmich-Partei.

Ein kleiner Artikel

Schon schäumen die Rechten und die Linken – und die selbsternannte Mitte sowieso. Auch der Zeitgeist geht baden. Kurzum: ‘Last Man Standing’ als Schreibhaltung. So etwas ist Journalismus. Und aus den Kommentaren wird prompt eine Lawine … weil urplötzlich eine gesellschaftliche Debatte entsteht, die eben nicht nur aus dem üblichen Schmäh unserer Hirnverrannten besteht, die da meinen, sie hätten schon deshalb recht, weil sie ‘gewonnen’ haben. Wobei sie doch in Wahrheit nur auf jemanden ‘reingefallen’ sind.

Es gab mal einen Seitenzweig der historischen Forschung, der hieß ‘Mentalitätsgeschichte’. Von dessen Ansätzen scheinen unsere Eliten keinen Schimmer mehr zu haben. Und so kommt es so, wie Constantin Seibt es beschreibt – und wie es eben denselben Eliten gar nicht in den Kram passt. Sie stehen eher hilflos davor. Wobei dann nicht die Mentalität der Bevölkerung in erster Linie reformbedürftig wäre, sondern vor allem die mentale Arroganz unserer Eliten …

“Das Paradoxe an der globalisierten Wirtschaft ist: Sie hat ihre Elite so reich wie nie gemacht und gleichzeitig so unglaubwürdig wie nie.”

Lustig ist auch zu sehen, zu welchen Worthülsen die Begriffe ‘liberal’ und ‘Liberalismus’ heutzutage degeneriert sind. Da stimmen große Teile des Kommentariats fröhlich für eine planwirtschaftliche ‘Kontingentierung von Arbeitskräften’ – und sie nennen diese Planwirtschaft dann einfach mal ‘liberal’. 😉

‘Die Deutschen’ sind doof

Solch starken Toback verabreicht uns der Alexander Kissler im ‘Cicero’. Also ich und du und ‘die Deutschen’ generell, wir wären allesamt unfähig, einfachste Zusammenhänge zu erkennen. Außer ihm natürlich, unserem politisch-publizistischen Kanzelredner im Auftrag des Herrn und der Börse zugleich:

“Das Gemeinwohl wächst, wo der Staat sich heraushält. Die Debatte um Steuerbetrug und Steuergerechtigkeit zeigt indes, dass die Deutschen dies nicht begreifen.”

Und wo es gar keinen Staat mehr gibt, wie bspw. in Somalia, da steigt das Gemeinwohl bekanntlich ins Unermessliche. Mit anderen Worten: Wer den Sozialstaat plattmacht und allen Steuerhinterziehern noch ein ‘Vivat!’ hinterherruft, der hätte sich um das Gemeinwohl maximal verdient gemacht. Wir aber würden – mangels Intelligenz – einfach nicht begreifen können, wie segensreich es wäre, wenn unser soziales Zusammenleben komplett auf Ehrenamt und Caritas aufbauen würde.

Dass er zum Kronzeugen seiner Rodomontade einen vergilbten Erzkatholiken aus dem Fundus kramt, den Lord Acton nämlich, das ist nicht weiter verwunderlich, so wie der Alexander Kissler religiös gepolt ist. Dass er aber diesen wortgewaltigen Verteidiger einer menschenverachtenden Südstaaten-Sklaverei zum ‘Erzliberalen’ umschminken möchte, das wirft dann entweder kein gutes Licht auf den Liberalismus, der dann ja für ein bisschen Rendite allemal jedwede Menschenwürde beiseite stellen würde – oder der Herr Kissler verschweigt uns Actons sonstige Ansichten aus anderen Gründen, vielleicht weil sein Patchwork-Artikel sonst vollends zu einem Nichts zerbröselt …

Auf den naheliegenden Gedanken jedenfalls, dass der radikale Liberalismus und das ungeschminkte Christentum – wie auch die Humanität – waschechte Gegensätze sein könnten, auf den kommt er jedenfalls nie. Er sollte sich vielleicht mal mit dem Kulturkampf der Bismarck-Zeit beschäftigen, den vor allem die Liberalen gegen die Kirche führten. Die Kirche solle sich aus dem Staatswesen und der Politik heraushalten, das war die liberale Parole zu jener Zeit – und das gilt heute auch für solch zusammengeschusterte Artikel. Statt mit untauglichen Verrenkungen und Beleidigungen der Logik uns den altkatholisch-erzliberalen Schlangenmenschen zu geben, der in seinem Kopf Feuer und Wasser vereint. Wer so etwas sehen will, der soll gefälligst zu Roncalli gehen … selbst der Papst versucht ja nicht mehr, die ‘wirtschaftliche Freiheit’ mit der ‘Freiheit des Christenmenschen’ unter einen Hut zu bringen.

Was im Kern ist Politik?

Politik ist keine moralische Veranstaltung, sondern ein Kommunikationssystem – um mal luhmännisch daherzureden – dessen Diskurs zwischen den Polen ‘Macht’ und ‘Ohnmacht’ systemisch operiert. Wo also die ‘deutsche Politik’ ins Spiel kommt, müssen wir als erstes Machtverhältnisse und Machtverschiebungen betrachten. Für die Ethik und die Kalendersprüche im Moral-Feuilleton gäbe es dann noch einen – folglich auch ziemlich machtfernen – Bundespräsidenten, der ‘politisch’ aber außerhalb des Systems operiert, bestenfalls ist er ein Korrektiv, um Betrachtungsweisen anderer Systeme kommunikativ einzuspielen:

“Durch Billig-Zinsen und deshalb mögliche rasche Tilgungen haben Bund, Länder und Gemeinden rund 114 Milliarden Euro gespart”, erklärte Chatzimarkakis.”

Dass ist doch nur eine kühle wirtschaftspolitische Betrachtung, welche die Profiteure der Macht benennt, die beim politischen Großprojekt ‘Euro-Rettung’ die Lage zu deutschen Gunsten wenden konnten. Insofern könnten wir auch von einer ‘erfolgreichen Politik’ sprechen, sobald wir nur die Nationalbrille mit ihren überdimensionalen Scheuklappen aufsetzen. Dass unser Chatzi von der FDP bei seiner Rechnung mal wieder die Banken außen vor lässt, überrascht mich nicht wirklich. Dass die deutschen Zeitungen und die assoziierten Kleinbürger ‘Skandal!’ schreien, auch nicht …

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