If your memory serves you well ...

Schlagwort: Leser

Die Sache mit der Paywall

Tscha, doppelt gekniffen! Das Schlimmste aber ist, dass die gleichen Leute, die künftig kaum noch wahrgenommen werden, trotzdem Loblieder in die Tastatur hämmern müssen, wie superdupertoll doch dieses neu(gierig)e Leserbeglückungssystem aus dem Hause Madsack sei, vor allem für jenen Leser, der – lässt er sich drauf ein – prompt in Werbemails ersäuft wird:

“Als Journalist würde ich Zeter und Mordio schreien. Die Redakteure, deren Inhalt künftig nur noch von einem winzigen Staubkörnchenanteil der Bevölkerung gelesen werden, können ihre weitere Karriere in die Tonne kloppen – denn sie existieren im öffentlichen Diskurs nicht mehr. Madsack dürfte das nicht unrecht sein: So lassen sich Entlohnungen drücken.”

Aber was erwarten wir: Wo ‘Content’ zum ‘King’ wird, können Kunden und Leser nicht mehr König sein – und Schreiber nicht mehr Großvezire.

Medienhass

Klar, das ‘Anzeigenvolumen breche weg‘, das ‘Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‘ und die ‘Zielgruppen seien volatiler geworden‘. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‘Mehr Qualitätsjournalismus‘ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‘mehr Syndication‘, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‘Paid-Content-Wälle‘ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‘die Parteien’ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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Wirklichkeit ist eine Konvention

Wikimedia / Creative Commons

Wikimedia / Creative Commons

Das Wort ‘Pferd’ hat mit dem Abgebildeten dort wenig zu tun – zwischen ihm und dem Wort besteht eine konventionelle Beziehung: Wir sind geneigt, sobald wir das Wort ‘Pferd’ hören, uns eine Tiergestalt in dieser Art vorzustellen. Je enger wir solche Konventionen befolgen, je näher wir uns am üblichen Wortgebrauch entlanghangeln, desto ‘wirklicher’ und ‘verständlicher’ erscheint dem werten Leser auch unser Text. Hier liegt zugleich die überragende Bedeutung des ‘gewöhnlichen Sprachgebrauchs’. Burghard Damerau schrieb:

“Der Eindruck, daß ein Text der Wirklichkeit nahe ist, beruht genau besehen darauf, daß er einer Konvention gewordenen Art ihrer Darstellung nahe ist”.

Konventionen sind damit nichts Negatives, es kommt beim Schreiben überhaupt nicht darauf an, möglichst unkonventionell und ‘außergewöhnlich’ zu schreiben. Es sei denn, wir wollten einen eigenen Esoterik-Zirkel auf sprachlichem Beritt gründen, wie einst ein Stefan George oder auch die Swamis in ihren Bhagwan-Centern, die zum Schluss auch nur noch sich selbst verständlich waren. Mit anderen Worten: Das Einhalten von Konventionen verschafft uns Leser und Zuhörer – und die Kunst des Schreibens ist immer ein Va-Banque-Spiel mit den Erfordernissen des Gewöhnlichen und dem Wagnis des Außerordentlichen.

Das heißt noch nicht, dass ich sklavisch am Wortlaut der Konvention kleben muss, am statistischen Peak beim Wortgebrauch. Solange ich den allgemeinen Wortschatz nicht verlasse, könnte ich den Vierbeiner dort oben auch ‘Zossen’ nennen, ‘Gaul’ oder ‘Mähre’. Der Leser würde sich vielleicht fragen, was mir das arme Pferd getan hat, dass ich es so abwertend bezeichne, hierfür müsste ich jetzt eine Begründung nachliefern, die Ebene einer gemeinsamen Wirklichkeit, einer ‘shared reality’ hätte ich noch nicht verlassen. Würde ich diesen niedergeborenen Kaltblüter allerdings hochtrabend einen ‘Zelter’ nennen, dann würde sich der Leser schon fragen, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe.

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Zwischendank

Im Stilstand kommen nach einem Vierteljahr jetzt etwas mehr als 660 ‘Unique Visitors’ täglich vorbei, und zwar ohne SEO, ohne Optimierungen und Link-Gebolze. In jedem Monat wächst die Zahl dieser Leser und Leserinnen um ungefähr 80 Personen. Darüber freue ich mir ein Loch in den Bauch – und ich möchte mich für euer Interesse an dieser Stelle herzlich bedanken:

Wer schreibt, ist zu zweit

Wer Texte für ein öffentliches Netztagebuch schreibt, der erfindet nicht nur sich als Person, wie es guter Brauch unter Textern ist, sondern er erdichtet immer auch einen Leser hinzu – mindestens einen. Also wird er notwendigerweise Dinge verschweigen: alles, was dann doch ‘zu persönlich’ ist. So offen ist kein Blog, dass der Schreiber diese Hemmung fallen lassen könnte, dem letzten Handtuch in der Sauna gleich. Ob ein Schreiberling seinen Leser später wiederfinden wird, ist eine ganz andere Frage. In allem aber, was er schrieb, war ihm dieser Leser ständig präsent. Nie ist daher in einem Text der Schreiber daher ‘ganz’ oder ‘ausgesprochen’ vorhanden – auch und gerade nicht in solchen ‘elektronischen Tagebüchern’ wie hier.

Ach so – ‘Hallo, liebe Voyeure da draußen!’

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