Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kurt Tucholsky

Für den Zettelkasten (12)

Und ich plage mich hier mit allerlei Arbeit, die geht so langsam … Und wenn sie nachher da ist, dann sagen die Leute: “Ach der – man versteht ja jedes Wort! Das schüttelt er so aus dem Ärmel.” Ein Kompliment – aber in Deutschland eines vierten Ranges. Neulich las ich: “… von einer bis zur Dunkelheit gesteigerten Fülle” … Das hab ich gern. Sehen Sie – Gewöll, Geschlinge, Nebel und Wolken, kurz: im Dunkeln ist gut Munkeln. Unsereiner aber hat es mit Mozart, und sie wollen Wagnern. Die Trompeten blasen so schön …”
(Kurt Tucholsky, GA XIX, 254)

Tschaja – unvorstellbare Metaphern, das Geheimnis aller Rauner und Mahner. Wenn das Publikum sich nichts Bildliches mehr darunter vorstellen kann, muss es wohl Dichtung sein. Ähnliches gilt übrigens auch für derartiges Kisuaheli: “Ohne Sondereffekte war das operative Ergebnis aber deutlich geklettert.”

Publizistik aus böser Sicht

Deine ‘Journalistenhasserjournalisten’, das sei doch eine Chimäre, diese Leute hätte es nie in ernstzunehmender Anzahl gegeben, so etwas musste ich mir nach diesem Text am Telefon anhören. Allenfalls krähe mal ein Motzblogger wie Don Alphonso in seinen Blogs gegen die pöse ‘Johurnaille’ herum. Nach meinem eher historischen Hinweis auf Karl Kraus hieß es: “Ach, Karlchen Kraus, das war doch ein Solitär, ein absoluter Einzelfall”. Ist das so? In meinen Augen sieht die Geschichte doch etwas anders aus, nicht nur bei Karl Kraus, der den “Untergang der Welt durch schwarze Magie” beschwor, also durch die Druckerschwärze der Zeitungen.

Eigentlich ging es schon bei der Gründung des Berufsstandes los: Wer jemals H. H. Houbens Kompilationen der Spitzelberichte an Metternich las, der weiß, dass nahezu der gesamte Vormärz-Journalismus bereitwillig der Zensur des ‘Policeystaates’ als Zulieferer diente, Selbst ein Heinrich Heine entblödete sich nicht – initiiert von James Rothschild – eine Pension des französischen Staates für PR-Dienstleistungen “ganz famillionär” einzustreichen, auch wenn er damit nicht Preußen diente, sondern einer konstitutionellen Monarchie. Von Anfang an gab es Käuflichkeit in der Publizistik, wohin man auch blickt, vielleicht mit Ausnahme von Ludwig Börne oder Karl Gutzkow, die als geborene ‘Journalistenhasserjournalisten’ diese biegsamen Gestalten in ihren Briefen dann gehörig glossierten.

Von Schopenhauer, Johannes Scherr und auch Theodor Fontane, der selbst in einer solchen Charaktermühle lange fronte, bei der preußischen Kreuzzeitung nämlich, sind uns ergreifende Schilderungen dessen überliefert, was dem Feld-Wald-und-Wiesen-Journalisten an devoter Gelenkigkeit zu jeder Zeit abverlangt wurde. Anderswo war es übrigens nicht anders, ziehen wir die einschlägigen Texte von Balzac oder Zola heran, oder später auch die Berichte eines Mencken, eines Hunter S. Thompson oder eines David Foster Wallace aus den USA. Selbst im Film, z. B. in Billy Wilder’s ‘Extrablatt’, ist doch nicht der berufsflüchtige Jack Lemmon die entscheidende Figur, sondern die journalistische Entourage aus seelisch gescheiterten Dutzendschreibern, die ihn dort qualmend und saufend umgibt. Kurzum – Journalismus war nie ein schöner Beruf, der Redlichkeit oder Charakterstärke im Übermaß verlangt hätte. Eher im Gegenteil.

Ausreißer gab es allerdings auch immer – nehmen wir nur Kurt Tucholsky. Wer in der Gesamtausgabe das Register im Band XXII mit einschlägigen Begriffen befragt, der findet eine Fülle von Sottisen und Interna über das korrupte Zeitungswesen. Der Weltbühnen-Star kannte das Geschäft, von Ullstein bis zur AIZ hatte er das gesamte Terrain beackert. Auch dort, wo es besonders schmutzig wurde, nämlich in der Provinz, kannte er sich aus. Unser größter Journalist war damit zugleich der größte Journalistenhasserjournalist deutscher Zunge. In gewisser Weise lässt sich auch sagen, dass die ‘Weltbühne’ ein Blog war, bevor es solche gab: wenig Leser, kaum Inserate, manchmal große Wirkung.

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Der nun wieder!

Die Zeitung sollte geistigen Leuten gehören, die sich geschäftliche Mitarbeiter halten. Das Umgekehrte dürfte nicht ganz das Richtige sein.”
(Kurt Tucholsky, GA XV, 25)

Hinweis: Der fehlende 15. Band der Gesamtausgabe ist heute erschienen. Wenn ich diese 1.500 Seiten durchgeackert habe, dann habe ich mein Unternehmen abgeschlossen, den Meister aller deutschen Journalisten auf geschätzten 15.000 Druckseiten erneut zu lesen. Bei meiner ersten Lektüre stand mir nur eine zehnbändige rororo-Ausgabe zur Verfügung, die stark auf die Bedürfnisse eines zartbesaiteten Frankfurter-Rundschau-Publikums hin redigiert war. Für mich jedenfalls kommt nach Kurt Tucholsky nur noch Joseph Roth – und dann lange Zeit nichts …

Der Bügelfaltenstil

Thomas Mann gehört zu jenen Schriftstellern, die beim Publikum immer mehr Achtung genossen als unter Kollegen. “Buddenbrooks ist ein verdammt gutes Buch. Wäre er ein großer Schriftsteller, wäre es prima“, schrieb Ernest Hemingway an F. Scott Fitzgerald (Briefe, 119). Auch Tucholsky mochte das “sanfte Arschloch” (GA XXI, 297) nicht, sein Stil sei das “erschwitzte Produkt tiefster Sterilität” (GA XIX, 231). Bert Brecht gewann bei jeder Begegnung den Eindruck, “3000 Jahre schauen auf mich herab” (FA, 29, 211). Und das böse Wort vom “Bügelfaltenstil” stammt meines Wissens von Alfred Döblin: “Man schläft dabei ein“, lautet jedenfalls sein Verdikt (Briefe, 217). Was aber macht diesen Stil eigentlich aus?

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” – so beginnt bspw. der vierbändige Josephs-Roman. Eine Banalität wird hier in raunende Worte gefasst. Denn klar ist doch eins: Schreibe ich über die Französische Revolution, dann ist dieser ‘Brunnen der Vergangenheit’ nun mal ziemlich genau 225 Jahre tief, und tauche ich ein ins alte Ägypten, dann sind es 3000 Jahre und mehr. Aber unergründlich, so wie es diese rhetorische Frage gleich eingangs suggeriert, ist er nun mal nicht, jedenfalls würde dies kein Archäologe je behaupten. Hier hubert also einer nach Bedeutung – die eigentliche Spezialität des schreibenden Kaskadeurs folgt daher jetzt:

“Dies nämlich sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht. Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.”

Äh, Ägypten? – Inhaltlich wäre an dieser Schichttorte aus getürmten Nebensätzlichkeiten so ziemlich alles zu bestreiten. Dass die Geschichte des alten Ägypten für uns unergründlicher sei als diejenige des frühchristlichen Mittelalters beispielsweise. Denn das Licht, das für uns auf eine beliebige Vergangenheit fällt, ist zumeist abhängig davon, ob wir aus jener Zeit Schriftzeugnisse besitzen oder nicht. Insofern bleibt der Papua-Insulaner vor hundertfünfzig Jahren uns genauso rätselhaft wie der Cro-Magnon-Mensch der Champagne. Mit der Zeitachse und der ‘Brunnentiefe’ aber hat das alles nichts zu tun. Und dass die ‘Anfangsgründe des Menschlichen’ bei den Maya oder in der Prähistorie deutlicher zutage getreten seien als heute bei einer rappenden Straßengang aus Hamburg-Mümmelmannsberg, das ließe sich auch mit Fug bezweifeln. Angesichts der zahllosen Menschenopfer damals möchte ich das sogar hoffen. Kurzum – es handelt sich um eine bloß vorgespielte Tiefe, um sprachliches Tandaradei.

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Der Plauderton

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

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Horizontal und vertikal

Es war Kurt Tucholsky, der Texte mit Hilfe dieses Maßstabs unterschied. Unter dem Titel “Horizontaler und vertikaler Journalismus” erschien am 13. Januar 1925 ein Text von ihm in der ‘Weltbühne’ (GA VII, 26ff), der zwei grundlegende Textsorten im Journalismus skizzierte. Beide gibt es bis heute – hier zunächst die Beschreibung des ‘horizontalen Schreibers’, der sich dadurch auszeichnet, dass er zwanghaft alles mit dem Gewohnten vergleicht:

“Wir haben den horizontalen Journalismus, der den reisenden Berichterstatter in seiner Klassenebene lokal verändert. Herr Schulz wird nach Rom, Herr Young nach Berlin versetzt. Was geschieht – ? Sie vergleichen die Fahrweise der elektrischen Bahnen, die Preise, die Bauart der Häuser, die Läden in der Fremde mit den Einrichtungen des Vaterlandes, immer aufgrund ihrer gewohnten Anschauungen; und berichten so in die staunende Heimat … Der horizontale Journalismus läßt viel sehen, aber nicht das Interessante.”

Der horizontale Journalist bleibt also immer derselbe Stenz, der er schon in Wanne-Eickel war: seinem Milieu verhaftet, unfähig, Atmosphäre einzufangen, die Lebensumstände, das Fühlen und Denken der Menschen zu begreifen. Altkluge Weisheiten sind die Folge, die immer auf einem Vergleich fundieren, gepackt in den adjektivreichen Sound des Feuilletons und der Reiseprospekte: “Das umherschweifende Leben in der endlosen Wüste hat aus den Beduinen harte und erbarmungslose Krieger geformt, auch die tagelangen, schneidenden Sandstürme und die unbarmherzige Glut der Sonne, die das Verlangen nach europäischem Komfort für den Reisenden zu einer Fata Morgana machen“. Ja – woher will der denn das wissen? Hat er lange im Schatten der Dünen gelebt, oder ist er doch nur ein Europäer auf Stippvisite? Es könnte ja auch die Religion sein, die dazu führte, die Sitten, die Habgier, der umgebende Despotismus – was weiß ich? Nichts, nichts, nichts weiß ich, sobald ich in ein fremdes Land komme. Ich bin nur ein weißes Blatt Papier.

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Was ist eine Information?

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‘Weltbühne’ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Ach ja, die gute alte Zeit

Führe ich mir journalistische Klagelieder in Zeiten der Medienwende zu Gemüte, dann muss ich über jenes nostalgische Übermaß lächeln, mit dem eine mickrige Gegenwart an einer vorgeblich strahlenden Vergangenheit gemessen wird. Eine ‘Heldenzeit’ des Journalismus wird historisch festlich illuminiert, ein Damals, wo es noch echte Verleger gegeben habe, wirkliche Charakterköpfe mit unbeugsamem Willen und verkümmertem Geschäftssinn, die für einen guten Artikel bereitwillig ihre größten Anzeigenkunden in die Wüste jagten; dazu heldenmütige Schreiber in jeder Redaktion, die den Gewaltigen auf die Füße traten, bis sie bereuten oder sich endlich Schuhe mit Stahlkappen zulegten; und eine interessierte Leserschaft, die zum Frühstück auf blendend recherchierte und gut formulierte Geschichten pochte.

Ach Kinder, was war das schön! Anderen stößt dies realitätsferne Gebarme der Journalistenzunft ebenso sauer auf wie mir:

“Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich.”

Insbesondere der darbende Lokaljournalismus wird von vielen als rückwärtsgewandte Utopie inszeniert. Bei allen Verdiensten des Kollegen Jakubetz, wo er sein Paradepferd zäumt, dieses Passauer Käsblatt dort, bildet auch bei ihm ‘der Verfall des Lokaljournalismus’ eine helle Folie, vor der er – wiederum zu Recht – das aktuelle Geschehen als dunkles Schattenspiel inszeniert. Die Folie aber ist falsch, nicht der beschriebene Ist-Zustand:

“Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.”

Genau so ist es. Inhaltlich ist diese Zustandsbeschreibung völlig richtig. Das Problem ist nur: Wann hätte es denn – abgesehen von mehr Redakteuren und höherer Bezahlung – in deutschen Lokalredaktionen jemals die vermissten journalistischen Qualitäten gegeben? Je mehr ich mich einlese, desto zweifelhafter wird mir all diese Nostalgie. Der Journalismus ist in der Krise zu seinem eigenen Mythos geworden. Denn im Grunde war es immer ein Scheiß-Beruf – vor allem in der Provinz.

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Noch ‘ne Lokalrunde

Das Hohelied auf den Lokaljournalismus, wie es prototypisch der Kollege Jakubetz dort singt, samt der Anklage gegen die bösen Verleger, die dieses Idyll jetzt geschleift hätten, beides scheint mir doch arg geschichtsvergessen. Journalisten arbeiten seit Wilhelms des Bärtigen Zeiten in kapitalistischen Verwertungsbetrieben, sie produzieren dort Text als Ware, sie sind von Beruf ‘Gebrauchsschriftsteller’, deren Ergüsse nach einer Woche vergessen sind. Sollten sie diese schlichten Wahrheiten verdrängt haben, dann dürfen sie nicht ihren Verlegern die Schuld für diese Amnesie geben. Zitieren wir zum Einstieg einen Mann, dessen medienkritische Texte gerade deswegen ein wenig ins Seitenaus gerieten, weil er von den Medien besonders gern zitiert wird. Dann aber natürlich nicht ausgerechnet mit solchen Themen. Ich rede von Kurt Tucholsky:

“Die Zeitung ist ein Geschäft. Sieht man von Partei-Organen ab, die es auch nicht gerade von sich weisen, wenn aus ihren Zeitungen Überschüsse herausspringen, so haben wir es bei der Zeitung, wie sie heute ist, mit einer rein kapitalistischen Unternehmung zu tun, die in sehr geschickter Weise den Nachrichtendienst und die für den Warenmarkt nötigen Anpreisungen zu verquicken gewußt hat. Daß diese beiden Elemente aufeinander ohne Einfluß bleiben, ist ohne Beispiel. Die politische Tendenz des Verlegers, also des Blattes, ist für ganz bestimmte Schichten von Lesern, also auch von Inserenten bestimmt; die geistigen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Leserschaft und der Inserenten beeinflussen selbstverständlich die Redaktion.” [K.T.: GA 5, 81 f]

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Tucholskys Lektüre

Jaja – bei dem Kurt Tucholsky, da kennt sich jeder bessere Zeitungsschreiber auch ganz ohne Lexikon wie in seiner Hosentasche aus. Zumindest sonntags beim Frühschoppen: ‘Wissense, das war ein ganz Großer, mein Vorbild übrigens, nicht so’n anonymer Krakeeler, wie wir sie heute im Internet finden’. – ‘Wie jetzt – Tucholsky hätte doch auch nur höchst selten seine Artikel als Tucholsky gezeichnet?’ – ‘Hörensema, das war ja damals auch noch ganz was anderes! Überall Freikorps und Fememörder und so. Und total modern und fortschrittlich war der Mann ja auch.’

Wen also wird dieser Tucholsky schon auf seinem literarischen Olymp um sich versammelt haben? Die Avantgarde seiner Zeit vermutlich, so wie unser feuilletonistischen Pflastertreter sie vom Heute aus sähe: Den Brecht also, den Karl Kraus, den Benn (weil der Tucholsky ‘das mit dem’ ja damals noch nicht wissen konnte), Döblin, vielleicht auch Hermann Hesse oder Johannes R. Becher.

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