If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kunst

Part of the Art

Jemand muss schon seltsam vernagelt sein, wenn er nicht zu begreifen vermag, dass das Computerspiel die traditionellen Formen der Artistik längst abgelöst hat – zumindest beim Publikum. Statt bequem im Theater- oder Kinosessel zu dösen, statt ‘ergriffen’ vor einem Gemälde zu stehen, statt bei einem Konzert ein wenig mit dem Fuß zu wippen, macht diese neue Kunstform das Publikum zum ‘part of the art’, der Spieler kann in einer ‘offenen Welt’ sich die Handlung so ausgestalten, wie es seinen individuellen Anlagen und Vorlieben entspricht. Die besten Künstler der neuen Generation haben längst diese Residuen für sich entdeckt: Gestalter, Musiker, Schriftsteller. Von einer Baselitz-Welt, wo es mal als ‘revolutionär’ galt, Bilder verkehrt herum an die Wand zu hängen, haben sie sich verabschiedet.

Das dominierende Setting der besseren Games ist dabei durchweg ‘post-apokalyptisch’, und hier wird es gesellschaftlich interessant. Der Feind – so man überhaupt ein verbindendes Muster festlegen kann – das ist immer der ‘Elitarismus’. Eine gewissen- und skrupellose Oberschicht, die sich selbst für ‘Entscheider’ und ‘Macher’ hielt, hat all diese Welten in die Grütze geritten, und der Rest der Menschheit darf im hinterlassenen Chaos versuchen, schlicht zu überleben. Es ist ein einziger und auch durchaus anarchistischer Aufstand gegen Führungsschichten, der dort im virtuellen Raum abläuft – und er trifft unbestreitbar auf ein weit verbreitetes ‘Lebensgefühl’. Wer will, der darf jetzt anstrengungslos eine Parallele bspw. zur EU-Müdigkeit ziehen, wo hinter verschlossenen Türen in ‘Kommissionen’ die Polit-Matadore und Industrie-Tycoons ja längst besser als das Volk wissen, was gut für das Volk ist. Der unübersehbare Boom der Computerspiele ist in meinen Augen eben auch eine massenhafte Reaktion auf die Blindheit der Eliten und auf das volksferne Versagen von Parteien, Politikern und Populisten.

Von ‘DayZ’ bis ‘Breaking Point’, von ‘Bioshock’ bis ‘Nether’, von ‘Fallout 3’ bis ‘Wasteland 2’, von ‘Miasmata’ bis ‘7 Days to Die’, von ‘Stalker’ bis zu ‘The Seed’ zieht sich die Kette solcher Survival-Games, zu denen man selbst das scheinbar putzige ‘Minecraft’ noch zählen darf, Spiele, deren Erfolg meist nicht mehr auf ausgeklügeltem Marketing beruht (die großen kapitalistischen Entwicklerstudios versagen beim Zuspruch meist jämmerlich), sondern auf Crowd-Funding oder auf der wachsenden Resonanz nach einem ‘Pre-Alpha-Release’, wo die Spieler selbst die weitere Entwicklung mitbestimmen.

Mit einem Wort – die Avantgarde hat die Welt der Vernissagen und Opernpremieren verlassen. Die Kunst der Eliten steht dumm in einer verstaubten und verlassenen Welt herum … während Millionen von Menschen sich am Überleben in einer Kunstwelt versuchen, wo sie es in der Realität schon zunehmend weniger vermögen.

Ha, entlarvt!

Die 22 Jahre alte ehemalige Philosophiestudentin Nadjeschda Tolokonnikowa, die als Ikone der Russischen Revolution, als Heldin gezeichnet wird, ist seit Jahren Mitglied der russischen Aktionskunstszene.”

Süsswoll, dann war ja alles Lüge, Kunst und Aktion passen bekanntlich hinten und vorn nicht zusammen! Aber was meint solch ein durchschnittliches FAZ-Feuilleton eigentlich, was der ‘Punk’ an und für sich denn sei? Eine föhnfrisierte bürgerliche Vernissage, wo die Frauen nur noch poppen, wenn sie gerade ‘koin Kind onter dem Hörzen tragen’, oder ihnen ersatzweise der bourgeoise Freier genügend Rubel bezahlt? Und was hat ein nahrhaftes Suppenhuhn in der Vagina mit unserer asketischen RAF zu tun? Wäre das nicht eher Otto Mühl? Und was verbindet zwei gut abgehangene Homosexuelle unterm Kirchendach mit Andreas Baader und Holger Meins? Wie muss ein Gehirn beschaffen sein, wo das Wort “Gruppensex” gleich das Suffix “Orgie” nach sich zieht? Fragen an dieses Paralleluniversum sind das … die Antwort lautet dann wohl: Kunst und Spießbürgertum passen ewiglich nicht zusammen. Letzterem bleibt nur das Feuilleton und seine ‘S-kahandaale’ – und das Vertrauen auf einen lupenreinen Demokraten wie den Putin, diesen Heiligen Vladimir, der mit eisernem Besen dieses Sodom und Gomorrha einer russischen RAF in die Tonne treten wird, oder so …

Update: Es ist noch schlimmer – der Moritz Gathmann hat sich das alles im Internet ‘zusammengehegemannt’ und dann ein wenig RAF als Zierpetersilie aufs schlechte Happening gestreut, fertig war das ‘Föjetong’. Dummerweise aber hat er glatt vergessen, seine Quelle anzugeben. Naja, das macht man halt so im ‘modernen Qualitätsjournalismus’, wenn man zu den Quellen hinabsteigt und nicht will, dass irgendwer anderes noch durchsteigt.

Mannomann, gestern der Jasper von Altenbrauchtum über die Schuld der Multikultis und ‘Sozialalchemisten’ an den Krawallen von Rostock-Lichtenhagen, heute slappt dieser Trötmann, gespickt wie ein Rehbraten, mit seinen Dossiers jedem Fortschritt ins Gesicht – manche Zeitungen übertreiben es nicht nur manchmal mit dem Rollback …  

Lebensregeln

In eine prekäre Künstlerexistenz führen viele Wege hinein, aber es führt nur ein Weg hinaus: die Produktion erfolgreicher Kunst. Wem diese Trauben zu hoch hängen, der scheitert dann. Insofern ist diese Antwort auf Don Alphonso ein guter Text, weil er nicht gleich Ponaders Spuren breit tritt, der seine individuelle Nischenexistenz in einem intellektuellen Kurzschluss gern absolut zu setzen pflegt. Schließlich ist eine Münchner Einser-Matura nicht mehr das, was sie mal war – in der großen Zeit prekärer Lebensentwürfe dort wäre der Johannes Ponader schlicht untergegangen, wegen eines gewissen Unterschieds zwischen Bohei und Bohème. Vielleicht straft er uns auch alle Lügen – und sein ‘Faust’ kommt erst noch …

Avantgarde

Wenn die jungen Wilden glücklich dort angekommen sind, wo die Reaktionäre der Vorvorgängergeneration standen, sprechen wir von einer arrivierten Avantgarde – oder auch von Kunst. Die nächste Avantgarde regt sich dann immer dort, wo mindestens zwei Feuilletons darüber schreiben. Wer hingegen bloß avantgardistisch fühlt, aber nicht mit Redakteuren säuft zu Zeitungsruhm gelangt, ist auch keine. Nach seinem Tod röhrt vielleicht irgendein Witwentröster etwas über den großen Unbekannten der deutschen Musik/Malerei/Literatur/Philosophie [Unzutreffendes bitte streichen] daher. Allerdings nur im unwahrscheinlichen Fall, dass auf dem Markt für Allotria und Sachverwandtes gerade mal keine frischere Avantgarde zur Hand sein sollte …

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