If your memory serves you well ...

Schlagwort: Konservatismus

Sehnsucht nach Strauß

Folgendes schreibt uns einer der Köpfe der konservativen Verlegerschaft in Deutschland, Günter Bannas von der FAZ:

“In der Merkel-CDU fehlen die Charakterköpfe, die durch Kraftmeierei die politischen Ränder binden könnten.”

Der Ruf nach einem echten ‘Kraftmeier’ also, einer, der – wie einst der bayrische Landesvater – von ‘Geschmeiß’ und ‘Gesocks’ daherdonnern würde, bis alle Spießbürger eine Ejakulation erleiden? Somit wäre dann die AfD gar kein CDU-Problem mehr?

Um eins mal klarzustellen: Wenn die rechten Zirkel in der Union kein Format haben und außer nostalgischem Gequengel nichts Substanzielles und Zündendes liefern, dann ist dies allein ihre Schuld: Sie bringen dann eben keine Kerle vom Format eines Franz-Josef Strauß mehr hervor. Punkt. Eine Erika Steinbach ist derzeit dort das Maximum an Strahlkraft auf diesen Mißfeldern, und ein Dobrindt der allgemeine Durchschnitt. Das ist die strukturelle Folge der ‘Ochsentour’, also der Art, wie man es bei der Union ‘zu etwas bringt’. Da hilft dann auch keine nachträgliche Typ-Beratung oder eine Nerd-Brille für die Kameras.

You can’t always get what you wish … oder: Man muss mit dem Lehm bauen, der vorhanden ist, auch wenn der zum Bröckeln neigt. Der Konservatismus ist intellektuell längst von der Grasnarbe kaum noch zu unterscheiden. Übrigens auch bei der AfD … siehe unsere neue Leuchte des Abendlandes, Frau Beatrix von Storch … ein Name nicht wie Donnerhall, sondern wie aus Entenhausen.

Konservativ

Als Adam den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter, das wedelte gar bedächtig mit den Ohren und sagte, es sei konservativ; es könne aber keinen Grund hierfür angeben und Adam sagte: Du sollst Esel heißen!”
(Gottfried Keller: Der grüne Heinrich)

So schöne blaue Augen?

Ob unsere ministeriale Intelligenzbestie wohl weiß, was sie da in welchem parteipolitischen Umfeld mal eben so behauptet?

Kristina Schröder: Homosexuelle „leben konservative Werte“

In den Kommentaren bäumt sich die Volksseele schon wie einst Fury beim Anblick des Wolfes, das geschundene Weltbild des deutschen Kleinbürgers windet sich konvulsisch, festgefügte moralische Bastionen bröseln in ihren Fundamenten, dazu ist es ihre christliche Partei höchstselbst, die ihnen solch ‘unnatürlichen’ Tort antut. Neue Wahlsiege werden dank Kristina Schröder immer wahrscheinlicher:

“Ich weigere mich jedenfalls als normaler Mensch mit Schwulen und Lesben bezüglich konservativer Werte auf die gleiche Stufe gestellt zu werden. Es kann jeder leben wie er will, aber solche unnatürlichen Verbindungen die den Regeln der Natur widersprechen, als konservative Werte zu bezeichnen ist unglaublich.”

Tscha, wer hätte das gedacht!

Geringe Denkleistungen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen, sondern an der Oberfläche stehen bleiben, [produzieren] Konservativismus, der sich u.a. durch persönliche anstelle systemischer oder gesellschaftlicher Verantwortung, durch Akzeptanz von Hierarchien und durch die Vorliebe für den Status quo auszeichnet. Das bedeutet, dass Anhänger von konservativen Parteien eher zur Denkfaulheit neigen, aber auch, dass die konservative Politik entsprechend intellektuell bescheiden formuliert wird.”

Wer kennt sie denn nicht, die konservativen Leserforen einschlägiger Verlagserzeugnisse? Aber auch bspw. die Andrea Seibel oder den Ulf Poschardt, die den Äffchen zuvor den Zucker gaben. Also mal wieder nichts Neues unter der Sonne … Klugheit und Konservatismus stehen unverändert in Opposition. Und wenn der Konservative mal was ‘Revolutionäres’ fordert, dann läuft es meist auf Steuersenkungen hinaus. Anders ausgedrückt: Selbst da, wo er sich fortschrittlich dünkt, stapft er nur durch alten Käse. Und der Jan Fleischhauer ist sein Prophet, hoch oben an dem ihm maximal überschaubaren Denkmaßstab im blauen Ungefähr …

Klarstellung: Ich bin nicht links, ich bin nur nicht doof.

Einfach mal was behaupten!

Rechtsintellektualität ist bekanntlich eine ‘contradictio in adiecto’, ein Widerspruch in sich. Und so sehen die dazugehörigen Zentralorgane auch aus. Trotzdem versuchen manche Magazine aus Gründen publizistischer Ausgewogenheit mit noch mehr Urinbeschau und Pendelei auch ein steuerbordseitiges Publikum kontinuierlich zu bedienen. Eines dieser verlegerischen Projekte, das aus Gründen des Attention-Phishing dann gern auf Autoren aus dem Umfeld der ‘Achse des Guten’ oder der Schweizer ‘Weltwoche’ zurückgreift, heißt in Deutschland ‘Cicero’.

Regelmäßig muss dort an Bord dann wohl konservativ induzierter Vernunftalarm herrschen. Denn von den üblichen Positionen bis zur Wand ganz rechts ist es nicht weit, wenn man auch sonst ein elitäres Selbstverständnis pflegt und bedient – der ganze Dampfer krängt dann unversehens weit hinüber zur Wasserlinie, was nicht nur das Flanieren, sondern auch das Ablassen der argumentativen Rettungsboote stark gefährdet. Trotzdem – gegen intellektuelle Notfallübungen der Upperclass wäre aus Gründen der allgemeinen Verkehrssicherheit gar nichts einzuwenden, sofern die dort vertretenen Ansichten rational verhandelbar wären. Was sie oft genug aber nicht sind.

So stellt in dieser Woche ein gewisser Beda M. Stadler aus dem Dunstkreis der Blocherschen Köppelschen ‘Weltwoche’ in seinem Sandkasten die Schlachten von gestern nach, indem er sich – nachdem der Zug längst abgefahren ist – für die Atomkraft in die Bresche schlägt: „Wenn Deutschland aussteigt, sind wir alle verloren“, lautet der Titel des Elaborats, dem gleich anfangs ein gewisser Wachtturm- und Kassandraton damit kaum abzusprechen ist.

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Die Konservativen und Mr. Hyde

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

“Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.”

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

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Vom Kabarett zum Konservativen

Der “Gutmensch” hat begriffsgeschichtlich einen weiten Weg zurückgelegt. Heute ist es eine rechte Kampfvokabel, mit deren Hilfe mentalversargte Hardliner alles zu verteufeln trachten, was ihrer reaganomisch gedachten Restdemokratie im Wege steht. Anfänglich aber war dieses Wort ein Instrument linker Selbstkritik, das vor allem in Satire und Kabarett jene weltfremde Fraktion christlich und humanistisch angehauchter ‘lila Latzhosen’ glossierte, die im Zuge des Widerstands gegen eine dräuende ‘Nachrüstung’ durch amerikanische Mittelstreckenraketen umstandslos die Bergpredigt als politisches Programm umsetzen wollten. Eckhard Henscheid von der ‘Neuen Frankfurter Schule’ nannte damals Uta Ranke-Heinemann, die lauthälsigste jener Figuren, lästerlich eine “Antikriegsheulboje der Nation”.

Das “Wörterbuch des Gutmenschen” führte erstmals diesen Begriff im Titel. Es erschien 1994 bei Tiamat – also in Maximaldistanz zum Springer- oder Siedler-Verlag. Der Rechtsabweichung unverdächtige Menschen wie Wiglaf Droste, Ulrich Holbein, Eckhard Henscheid, Joseph von Westfalen oder Gerhard Henschel nahmen hier den ‘Gesinnungskitsch’ und die Wortperlen des ‘Gutmenschentums’ auseinander, weil sie dessen tintenwolkiger Quallsprache den Verlust an kultureller Hegemonie in der beginnenden Kohl-Ära anlasteten. Das Wort ‘Gutmensch’ setzte sich also im Zuge linker Selbstkritik und Selbstaufklärung durch, es richtete sich gegen das “SPD-Deutsch” und gegen die Trottel des eigenen Lagers: “Irgendwas schwafelt bresthaft durch den Kopf – und schon steht’s grell auf dem Papier” (Henscheid). Die Stoßrichtung zielte vor allem auf das Appeasement der Sozialdemokratie, die es sich der Opferrolle und in der Weltsicht des Gegners kuschelig einzurichten begann:

“Die SPD wird wieder frech und unverschämt. Überall kommen diese politisch-schleimigen Opferdarsteller aus der Schmollecke gekrochen, um sich erneut in die Rolle des staatsmännischen Tätertypus und dann dennoch Versagers einzugewöhnen. Mit dem Hausmacherstolz einer 120jährigen Geschichte greifen sie mit korrupten Fingern all die Themen der sozialen Bewegungen auf und schlürfen sie in ihren stinkenden Tanker – kurz, der SPD gehört schon jetzt prophylaktisch mal wieder eins über die rosa Birne, damit sie sich nicht an den Grünen verschluckt” (Matthias Beltz, 1985).

Dieser Themen- und Wortklau ist auch heute noch brandaktuell. Denn die Konservativen, seit jeher völlig unfähig, selbst einen gesellschaftlich durchsetzungsfähigen Neologismus zu prägen, haben nicht nur den Begriff des “Gutmenschen” ohne Copyright-Hinweis expropriiert – von der “Nachhaltigkeit” über die “regenerativen Energien” bis hin zum “qualitativen Wachstum” kommt kein anständiger konservativer Wahlkämpfer heutzutage ohne den genuinen Wortschatz des politischen Gegners aus. Das, was die Hardliner eine ‘Sozialdemokratisierung der Union’ nennen, ist faktisch nur ein geistiger Ladendiebstahl …

Bürgerliche Werte?

Im Kielwasser des Guttenberg-Plagiats wurde auch der Verrat der Christdemokratie an ‘bürgerlichen Werten’, an der Wissenschaft und an der ‘Bedeutung der Bildung’ verhandelt, als ob eine solche Trias ausgerechnet in dieser bürgerlichen Doppelpartei zu finden wäre. In Wahrheit treibt jene Klientel, die diese Partei trägt und wählt – dies sei hier als Gegenthese formuliert – vor allem derart viel spießbürgerliche ‘Geschäftigkeit’ um, dass ihr für jene unverzichtbare Muße, die Bildung und fundierte Wertereflexion nun mal erfordern, gar keine Zeit mehr bleibt. Generell sind die so genannten bürgerlichen Werte heute in keiner Partei daheim.

Betrachten wir die Literatur als jene Kulturgattung, die gesellschaftliche und bürgerliche Werte primär verhandelt, zumindest seit die Kirchen ins Transzendente abrauchten, dann gibt es eine Fülle von Belegen, dass gerade die ‘Bürgerlichen’ mit Wertfragen und Bildungsstreben nie etwas am Hut hatten. Aus den Reihen der Christdemokraten stammt eine Fülle legendärer Zitate, die uns schlicht zeigen, dass deren repräsentative Figuren nie etwas lasen, bevor sie davon zu reden meinten – ganz ähnlich, wie es dem Baron mit seiner Dissertation erging. Da wäre zum Beispiel der CDU-Bundespräsident Karl Carstens:

“Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.” (Spiegel 34, Nr. 10, 7, v. 3. März 1980)

Ach ja, falscher Name, aus der Luft gegriffenes Pseudonym – vom schlechten Deutsch bis zu den erfundenen Fakten ist an diesem Satz so ziemlich alles widerwärtig. Stark im Vergleich und schwach in den Belegen war auch der CDU-Außenminister Heinrich von Brentano:

“Sie waren der Meinung, daß Bert Brecht einer der größten Dramatiker der Gegenwart sei. … Aber ich bin wohl der Meinung, daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist.”

Meinungsfreudig, dafür aber ungebildet – so lautet auch hier der Befund. Bei seiner spätlyrischen Scheinpräzisierung dürfen wir getrost davon ausgehen, dass unser Herrenreiter weder die späte noch die frühe Lyrik jemals las.

Ich könnte jetzt fortfahren mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, der alle Schriftsteller mit “kleinen Pinschern” verglich, “die in dümmster Weise kläffen”. Bis hin zu den “Ratten und Schmeißfliegen” des seligen Herrn Strauß. Kurzum – Literatur, Wissenschaft, Kunst, Bildung und bürgerliche Werte waren in den bürgerlichen Parteien niemals in guten Händen.

Selbst dort, wo Geist und Konservatismus doch zeitweilig Hand in Hand zu gehen schienen, wie im Falle von Thomas Mann, da stellte sich nachträglich heraus, dass – igittigitt! – auch dieser Nobelpreisträger und Großschriftsteller peinlicherweise nur die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes gewesen war.

Kurzum: Bei denjenigen, die Bildung und bürgerliche Werte im Parteischilde führen, war die Geistferne schon immer inbegriffen. Insofern ist der Freiherr von Guttenberg auch kein Ausreißer, sondern der würdige Erbe eines fortdauernden Mentalzustands innerhalb der Union.

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