If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kommunikation (Seite 1 von 2)

Der Fluch der blöden Tat

Bundespräsident Wulff: “… von den Sonderinteressen Dritter unbeeinflusst, auf rein sachliche Erwägungen beschränkt, nur so stellen wir in einer Demokratie das Primat der Politik sicher …”
– Unruhe im Publikum, Füßescharren –

Bundespräsident Wulff: “… Transparenz, dies Lebenselixir eines demokratischen Umgangs miteinander, verlangt von uns Offenheit und Wahrhaftigkeit, auch und gerade dann, wenn kritische Sachverhalte thematisiert werden …”
– unüberhörbares Gniggeln in den hinteren Stuhlreihen, einige Zuhörer verlassen eilig den Raum, die Hände vor den Mund gepresst –

Bundespräsident Wulff: “… Demokratie ist auf Vertrauen, nicht auf Geld und Geldmacht gebaut. Wer den Umgang mit Menschen nur deshalb bevorzugt, weil sie Macht und Einfluss besitzen, der ist für verantwortungsvolle Aufgaben in unserem Gemeinwesen schwerlich geeignet …”
– aus dem Publikum kommt jetzt lauthals Lachen, einer ruft in den Saal: “Und du?”. Überall beste Karnevalsstimmung –

Die Schwäche des Befehlens

Grammatisch scheint der Imperativ der glasklare Ausdruck eines Machtverhältnisses: “Tu dies und das!” sagt der höherrangige Kommunikationspartner, der andere sagt “Jawoll!” und tut’s. Soweit die Theorie.

In der Realität – mal abgesehen vom Militär – drücken sich Machtstrukturen zumeist nicht im Imperativ aus, zumindest habe ich regelhaft erlebt, dass dort, wo ein Mächtiger zur Befehlsform greifen musste, seine Machtposition zugleich auch schon schwach und wackelig war. Sei’s, weil er sich noch nicht lange im Amt befand, sei’s, weil ihn die Untergebenen längst als substanzloses Windei durchschaut hatten, dem auf der dahinschmelzenden Eisscholle seiner Autorität nur die Kollerkommunikation geblieben war.

Der wahrhaft und unwidersprochen Mächtige dagegen setzt seine Pläne nur selten als Befehle um. Das hat er gar nicht nötig. Der Wunsch, die Frage oder die Bitte sind viel angemessenere grammatische Formen, dort, wo Autoritäten und Hierachien noch intakt und unhinterfragt sind: “Müller, könnten Sie nicht bitte dies oder das mal veranlassen?” Müller hört’s und verfährt wie gewünscht, ohne dass bestehende Machtverhältnisse explizit hervorgekramt und zur Schau gestellt werden müssten. Was beiderseits die Nerven schont.

Diejenigen dienstbereiten Geister, die von Karriere und Partizipation träumen, können sogar dem Chef unausgesprochene Wünsche von den Lippen ablesen, sie antezipieren den Willen des Vorgesetzten. Der Chef residiert im Kopf des Untergebenen. Letzteres passt übrigens auch gut zu Ian Kershaws Analyse der ungenügend bürokratisierten Machtstrukturen im Dritten Reich: Massenhaft handelten die Befehlsempfänger des Führerstaats vorausschauend so, wie es der Führer vermutlich befohlen hätte. Sie wussten oft besser als der Machthaber selbst, was der Führer wünscht.

Die Befehlsform, der Imperativ, ist hingegen ein kommunikatives Lila, so etwas wie der letzte Versuch, wenn sprachlich andere Möglichkeiten der verbalen Machtausübung nicht länger gelingen.

‘Krise’ – gibt es nicht:

Im gehobenen Sprachgebrauch heißt es immer nur ‘Probleme bei der Außendarstellung’ oder ‘missverständliche Kommunikation’. Deshalb wird bei dem Treffen, das einige unverantwortliche Journalisten schon eilfertig die ‘FDP-Krisensitzung’ tauften, stundenlang nur über ein Thema geredet werden, das laut Parteichef thematisch doch gar nicht existiert. Es sei halt eine typische ‘Arbeitssitzung’, auch wenn dort kein Mensch im strengen Wortsinn arbeiten wird – außer den Kellnern vielleicht. Auch Lady Cornelia Helmchen, die intellektuelle Leuchtturmwärterin des Liberalismus in Deutschland, bestätigt mich in meiner Nullsprech-Diagnose:

“Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper wies allerdings am Freitag Berichte zurück, es handele sich um eine Krisensitzung.”

Informationshäppchen

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‘Internet-Manifest’ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

“Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.”

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‘Dingliches’ umherfliegt – also bspw. wie ‘Kokosnüsse’, ‘Regenschauer’ oder ‘Tastaturen’. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‘Informations- und Datenspeichern’ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‘Perturbationen‘, ‘Reize’, von mir aus auch ‘Fakten’ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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Zuhören?

Bewundert habe ich immer jene Autoren, die in ihren Autobiographien noch -zig Jahre später Gespräche Wort für Wort daherrezitieren konnten. Entweder ich glaube dabei an blanke Eidetik – oder aber an die ungenierte Erfindungsgabe solcher Schreiber. Denn niemand behält üblicherweise den Wortlaut eines Gespräches länger als ein paar Anstandsminuten im Kopf, allenfalls in den wenigen echten Krisensituationen des Lebens. Zum Kummer von Richtern und Polizisten, die sich aus abstrusen und widersprüchlichen Zeugenaussagen zusammenklamüsern müssen, was möglicherweise ‘wirklich’ gesagt worden sei.

Wenn ich zuhöre, dann schweife ich oft meilenweit ab. Ich gucke mein Gegenüber zwar weiterhin aufmerksam an, assoziiere aber längst frei daher, entlang von Wortketten und auf Gedankenflügen, zu denen der Gesprächspartner mir nur den Anstoß gab. Wenn dann plötzlich Nachfragen ertönen und ich wieder ‘ins Gespräch einsteigen’ muss, dann schützt mich eine glückliche Eigenschaft vor dem Kommunikations-GAU – ich kann die letzten paar Sekunden des Textes zurückspulen wie auf einem alten Cassetten-Recorder. So erscheine ich immer als höflicher und aufmerksamer Zuhörer.

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Ein Medium für jedermann?

In der Jugend mag uns das noch so vorkommen: Da wird gesimst und gechattet, was die Tastatur aushält. In den Pubertätsecken des Internet blühen die intimen Konfessionen wie einst im ‘lieben Tagebuch’: “Boaar, hastu den Kenny gsehn, ej! Den könnt ich fielleich – ej. Ir wist ja nix fon Liebe – ir Schlampn!” [Zeichensetzung halbwegs normalisiert] …

Das Internet – sagen wir’s, wie’s ist – steckt voller ‘Mist’: 99,9 % der Botschaften interessieren niemanden – nur den Absender. Das alte grundlegende Problem allen Schreibens bleibt im WWW erhalten: Man muss schon etwas zu sagen haben, damit man etwas schreiben kann – und es ist ein verdammt langer Weg vom Kopf auf den Bildschirm, und ein noch längerer von dort in den Kopf des Lesers.

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Durch die Blume

Es gibt Kunden, die in ihren Texten möglichst ‘kompetent’ erscheinen möchten. Das ist ja auch legitim. Streue ich dann aber das Wort ‘Kompetenz’ nicht wie mit der Pfefferbüchse über den Bildschirm, dann ist ihnen der ganze Text nicht recht, obwohl er sie doch ‘kompetent’ wirken lässt. Also eröffne ich mal wieder meine kleine Texterschule, bis diesen Hartköpfen endlich klar ist, dass der gewünschte kommunikative Effekt nicht am Wort klebt wie der Panzer an der Schildkröte.

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Textlogik

Die Frau Professorin Miriam Meckel ist diejenige, die mit der Anne Will und so – vor allem aber ist sie Professorin für Unternehmenskommunikation in St. Gallen. Bloggen tut sie auch, allein schon ihren Studenten ihren Studierenden zuliebe. Im zeitgemäßen und jugendgerechten Duktus klingt die wandlungsfähige Kommunikationsexpertin, dort wo sie dem Nachwuchs ihr Wollen und Sollen beschreibt, dann so:

“Hier habt Ihr die Gelegenheit, Eure Gedanken loszuwerden und neue Ideen in den Webdiskurs einzuspeisen”.

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