If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kommentare

Dööfer geht immer …

Immer, wenn du denkst, blöder geht’s nicht mehr, kommt noch ein blöderer Depp daher. Dieser im orthographischen Sinn durchaus gebildete Herr lässt in seinem Focus-Kommentar sogar die Kenntnis des Konjunktivs durchschimmern, mit dessen Hilfe er das Opfer im Rahmen seiner Möglichkeiten dann ratzfatz zum Täter stilisiert:

“Vor lauter Rassismus geht die Ursache des Ganzen völlig unter. Wäre der Schwarze nicht schwarz gefahren, hätte es kein Gerangel mit dem Sicherheitsdienst gegeben, der Mack wäre kein Nigger gewesen und die Gutmenschen hätten keinen Grund, sich zu empören.”

Jaja, diese Gutmenschen mal wieder! Und hätte ‘der Neger’ ein Auto gehabt, dann hätte der auch nicht schwarzfahren müssen. Am besten aber wäre er nie geboren worden, dann wäre er auch nie nach Deutschland gekommen. Das Focus-Kommentariat ist schon ein höchst bräunlich duftender Beritt …

Kommentatorenmund

Tickt sie noch richtig? Anstatt sich in Italien einzumischen, sollte sie erstmal einen Beitrag zur Stabilität im eigenen Land leisten, indem sie ihren blöden Horst und andere Nebelgranatenwerfer in der Union zurückpfeift.”

Oha – unser Horschtl als Bayern-Berlusconi, das hat schon was. Dem Volk dämmert, scheint’s, dass es ohne Steuererhöhungen wohl nicht abgeht, dagegen sehr wohl ohne Maut nur für Fremdlinge. Allerdings fehlen unserem Horschtl zur Vergleichbarkeit doch noch ein paar Milliarden …

Constantin Seibt zur NZZ

Nun ja, dafür versagt die NZZ regelmässig, wenn wirklich etwas passiert: beim Fall der Berliner Mauer brachten sie nur einen Einspalter, die Bedrohung der SVP für den Liberalismus sahen sie nicht, die Finanzkrise begriffen sie nicht, selbst als das Finanzsystem bereits fast zusammenbrach. Unaufgeregtheit ist noch lang nicht Urteilsfähigkeit. Und deshalb ist Journalismus auch ein interessanter Beruf: Weil er wirklich schwierig ist.”

Sobald ein Journalist tatsächlich in den Dialog eintritt und dialogisch seine eigenen Kommentarspalten befüllt, wird’s regelmäßig spannend. Um auf die Äußerung zurückzukommen: Dass die SVP in der Schweiz so stark ist, könnte daher durchaus etwas mit der publizistischen Landschaft dort zu tun haben, wo Verschnarchtes als Qualitätsjournalismus gilt und Hetze als Informationsjournalismus (s.u.). Dort drucken sie den größten Quark, sofern er nur den Stempel von Blochers Mannen trägt – und ‘das bisschen Mauerfall’ kommt dann eben erst auf Seite Zwei. Da dort ferner nie ein angestellter Schreiber ‘ganz rangvergessen’ in die Kommentarspalten einsteigen würde, wird’s auch nie interessant …

Kommentare gewichten

Aus Kommentaren lässt sich viel lernen, vor allem, wenn die Zustimmung des Publikums zum jeweiligen Kommentator offen sichtbar wird (solch eine Feedback-Funktion wäre übrigens auch für die Artikel im Dutzendjournalismus sinnvoll). In diesem Beispiel, im bürgerlichen ‘Tagesanzeiger’ der Schweiz, kommentiert ein bürgerliches Publikum die bürgerliche Sicht auf ein Ereignis, das die Schweiz gar nicht unmittelbar betrifft: Es geht um die ‘Einigung’ der Troika mit Zypern. Ein Like- und ein Dislike-Button ermöglicht es den Lesern, die Relevanz der Beiträge zu gewichten. Ich liste einfach einige der Kommentare, die besonders viel Zustimmung fanden, um einer bürgerlichen Sicht auf die Ereignisse näher zu kommen:

“Immer wieder erstaunt es mich, dass ausgerechnet die Banker protestieren. Ausländern haushohe Zinsen anbieten, die Gewinne abschöpfen, und wenn dann das Land vor die Wölfe geht, gleich wieder die hohle Hand machen. Wie der “wütende” Banker vorgestern: die EU solle “Zypern moralisch und finanziell unterstützen”. Ja, natürlich … aber damit die Zyprer-Banker das Geld als Zinsen an Russen weitergeben?

“Zypern wird nicht gerettet. Nur die EZB und die Banken, die fehlinvestiert hatten. … Die Papierversprechen sind null und nichtig. Der einzige Weg, an wirkliches Geld zu kommen, ist, die Ersparnisse der Leute abzugreifen. Enteignung nennt man das. Das ist die Blaupause für die Rest-EU.

“Die Legitimation des Vorbildes, welches der Kapitalismus für “alle” haben soll, verliert dieser immer mehr… Heute Zypern und morgen? Verlieren die Menschen in einer Sitzung per Dekret alles, worauf diese aufgebaut haben. … Gigantische Raubzüge …

“Das Problem ist – wie überall – die Verbandelung der Hochfinanz mit der Politik und die daraus entstandenen Korruptionen.”

“Was hier abläuft ist ein Krieg. Noch ohne Waffen. Die Gegner verstecken sich hinter den Banken. Nein, die Banken sind nicht Täter. Das Bankwesen ist Opfer, oder anders ausgedrückt, der Mantel eines gefährlichen Systems.

So weit diese kleine Übersicht. Wer will, soll selber nach Relevanz fahnden. Es zeigt sich, dass derzeit in einem bürgerlichen Publikum diejenigen Thesen – und zwar ganz ohne pöbelhaften Schaum vor dem Mund – am meisten Zustimmung finden, die das Ende des Laissez-Faire-Systems unserer jüngsten Vergangenheit konstatieren. Das ist ein fundamentaler Wandel, vergleicht man ihn mit dem Individualismus-Getute vom Anfang des Jahrtausends. Die Menschen fühlen sich längst wieder ‘als Kollektiv’ betroffen. Gecko ist von gestern …

Was aber kriegt unserer bürgerlicher Antik-Journalismus davon mit? Nichts. Er schreibt meilenweit an den Ansichten seiner Bürger vorbei, immer noch direkt aus dem Wolkenkuckucksheim der Hochfinanz heraus. Eine Funktion der Kommentar-Gewichtung könnte da neue journalistische ‘Leitlinien’ generieren, ohne populistisch zu werden. Denn am meisten Zustimmung erntet im ‘Tagesanzeiger’ nicht das rassistische Off-Topic-Gegröhle auf intellektuell besonders tief gelegtem Niveau, hoch gewichtet werden zumeist die ernsten und vernunftgelenkten Beiträge …

Manche Figuren …

Angesichts güllekübelnder und hass-strotzender Postings ohne Fakten, Sinn und Verstand frage ich mich manchmal schon, ob solche rechten Witzfiguren diesen zusammengepantschten Dreck eigentlich selbst glauben, den sie dort ständig unter konspirativem Gefasel verzapfen:

“Obama brauchte 3 jahre um seine gefakte geburtsurkunde Öffentlich zu machen, was soll der ganze scheiss ? Noch nie Ging es amerika so schlecht wie unter dem sozialisten obama Und mir ist lieber ein erfolgreicher unternehmer an der spitze Der usa, als ein geburtsurkundenloser kenianer, der reichtum Nur umverteilen kann, statt welchen zu schaffen.”

Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Stefan Niggemeier versucht sich an einer Verteidigung von Wolf Schneiders Internet-Kompetenz, ein Unternehmen, das der Quadratur des Kreises gleichkäme, wenn es Aussicht auf Erfolg besäße. Entsprechend laut schallt ein rezeptives Hallo durch jenen halben Kilometer Kommentarkorridor, der sich prompt nach diesem Wagnis geöffnet hat. In gereizten Wortmeldungen heißt es gleich mehrfach, an den Statements der jeweils anderen Partei könne man doch sehen, wie empfindlich diese zarten Blogger-Seelen gestrickt seien. Bis zum Horizont aber – von Detlef Gürtler über Christian Jakubetz bis hin zu Ulrike Langer, vom Heddesheim-Porthmann bis zu Stefan Niggemeier himself – tummeln sich vor meinen Augen dort nur gestandene Journalisten, die allerdings alle auch ‘online’ zu finden sind. Auf den Punkt gebracht: Hier streiten On-Off-Liner miteinander, ob ein nativer Offliner wie Wolf Schneider, der sich ohne Not aufs Glatteis des Web 2.0 begab, trotz notorischer Anfälle von Größenwahn immer noch Pietät verdient.

Sobald unsere Kombattanten auf andere Diskutanten wie Mimosen wirken, müssen sie sich Bloggerseelchen schimpfen lassen; bringen sie faktengestützte Argumente vor, umschmeicheln sie sich wechselseitig als wahrhafte Journalisten. Was aber der gemeine Nur-Blogger draußen auf der weiten Prärie zur großen Beckmesserei am Journalistenstammtisch sagt, das erfahren wir mal wieder nicht …

Don’t feed the trolls?

Wir dürften mit jenen unangenehmen und psychopathischen Zeitgenossen gar nicht erst reden, die ihr mentales Ungenügen sich selbst gegenüber gern als verkannte Brillianz solitärer Genies zu rechtfertigen suchen. So jedenfalls lautet im Kern eine Anweisung, welche die Blogosphäre allen Newbies im Umgang mit den Mühseligen und Beladenen des Intellektualgeschäfts erteilt – in der Kurzform: “Don’t feed the trolls!”

Ich frage mich, ob die Ignoranz-Regel in jedem Fall zutrifft. Wenn der Return im gegnerischen Strafraum so schmerzhaft einschlägt, wenn ihm die eigene Medizin gleich literweise eingetrichtert wird, wie in diesem Beispiel aus dem Dummy-Blog, dann hat doch auch der Umgang mit dem Geschmadder defizitärer Trolle immer einen gewissen Unterhaltungswert. Mit anderen Worten: Ich plädiere für einen flexiblen Umgang mit diesen Hasskappen der Blogosphäre … nach der Regel: Wenn du zum Troll gehst, dann vergiss die Peitsche nicht.

[EDIT: An den Troll, der sich hier unerkannt vorkommt: Für Ihre abstrusen und wirren Hass-Postings ist hier kein Platz, mit so etwas befasse ich mich nicht. Und verschonen Sie uns mit diesen dämlichen Nachträgen, das hatten wir ja schon im März. Ihre Fähigkeiten scheinen ja zurecht nirgends gefragt zu sein – aber weshalb sitzen Sie dann bei dem schönen Wetter vor der Kiste und schieben Frust?

Diese Ansage im Kommentarfeld ist nur nötig, weil Sie natürlich zu feige sind, eine korrekte Mail-Adresse anzugeben. Aber Sie werden’s lesen, so gründlich, wie Sie sich mit uns gerade befassen, da bin ich mir sicher. Schönes Wochenende noch, und passen Sie mit dem Alkohol auf.]

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