Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kommentar

Leitartikler lieben Eintopf

Verlass hingegen ist auf deutsche Kommentatoren. Beseelt von der Überzeugung, dass alle Macht vom Leitartikel ausgehe, reagieren sie persönlich beleidigt, weil mehr als die Hälfte der Italiener die Empfehlungen aus Deutschland ignorierend nicht für Programme zur Selbstverarmung (Monti) oder zur Selbstverarmung (Bersani) gestimmt hat, sondern für Grillo und Berlusconi, also für zwei „Klamauk-Künstler“ (FAZ) bzw. „Komiker“ (SZ) bzw. „Clowns“ (Steinbrück). Pressevielfalt ist, wenn alle, inklusive der eigenen politischen Klasse, dasselbe meinen, es aber anders sagen.”

Schöner Text. In den deutschen Medien merken die Verlagsgranden noch nicht einmal mehr, dass sie alle wie Nudelmaschinen das gleiche Programm abspulen, nur, weil sie an unterschiedlichen Stellen in den Wortschatz gegriffen haben. Ob aber ‘Komiker’, ‘Klamauk-Künstler’ oder ‘Clown’ – darauf kommt es gar nicht an. Kurzum: Diese Presse hat zwar viele Falten, aber keine Vielfalt …

Nachtrag: Am nächsten Tag verurteilte die FAZ Steinbrücks Äußerung, der von “Clowns” gesprochen hatte, als gaaanz furchtbar undiplomatische und unentschuldbare “Schmähung”; die “Klamauk-Künstler” hingegen, von denen die Frankfurter selbst 24 Stunden zuvor gesprochen hatten, fielen da vermutlich schon unter die Rubrik hochdiplomatischer “Finesse” im Ausdruck …

Flatulenzen

Sein Gedankengang war so schwer zu verfolgen wie ein Kommentarthread bei ‘Telepolis’ …

Oberschicht ist Mittelmaß. Darüber wird’s erst interessant …

Wo nichts wirkt, war die Troika am Werk …

Bei Steuern wird sogar der Konservative innovativ …

‘Life’s a cabaret’ soll Verfassungsschutzhymne werden …

Piraten wollen Markus Lanz statt Ponader …

Die ‘Herdprämie’ geht bloß für Gucci drauf …

Heiteitei – Guttenberg ziert sich noch ein wenig …

Republikaner suchen Mitglieder mit Spanischkenntnissen …

Schröder nennt China eine ‘lupenreine Demokratie’ …

Die ‘XXXIV. Guidelines of Conduct’ machen Schweizer Banken jetzt noch ehrlicher …

Quietschende Halsgelenke?

Ich kenne Sascha Lobo nicht persönlich, weiß nicht, ob er wirkliche wichtige Gedanken geschrieben oder gesagt hat. … Musste ihm aber schon mehr als einmal laut nickend recht geben.”

Da steigt mir doch der duftende Klang kunterbunter Beweglichkeit in die lauschende Nase …

Übers Schreiben im Web 2.0

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten – und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

“Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.”

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

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Name oder Pseudonym?

Manchmal entladen sich die Animositäten jener Journalisten, die ihren Schreibzoo durch das Netz bedroht sehen, in haltlosen Anwürfen gegen die Blogger, die ihnen bei ein wenig Recherche nicht unterlaufen wären. “Ich denke, Blogs können jemandem wirklich Schaden zufügen, … wenn sie gemein, brutal und vor allem anonym über Andere berichten“, mit diesen Worten zitiert die ‘Süddeutsche’ eine Frau, die von der Schmähkritik aus den Tiefen des Internet fast in den Selbstmord getrieben worden sei. Sagt jedenfalls die ‘Süddeutsche’. Ein wackerer Journalist dagegen, der kämpfe stets mit offenem Visier und mit seinem guten Namen für eine selbstverständlich gute Sache, und zwar ohne jeden Hauch von Ironie oder Polemik in seinem Text. Ein solcher Journalist würde sich daher auch nie ‘D’Artagnan’ oder so nennen, sondern immer nur Fritze Müller, so wie ihn der Geistliche einst ins Taufbecken tunkte. Das in etwa ist das frisch gefönte Selbstbild der Publizistik älteren Semesters in Deutschland. – – – Aber – mein Gott, was ist das bloß für ein Schmarren!

Um zunächst an diesem Selbstbild ein wenig herumzuschnetzeln: Der Publizist ‘Linke Poot’ hieß mit Klarnamen ‘Alfred Döblin’, ‘Hans Habe’ hieß nicht ‘Hans Habe’, ‘Hans Fallada’ hieß ‘Rudolf Dietzen’, ‘Theobald Tiger’ war weder ‘Kaspar Hauser’ noch ‘Peter Panter’, schon gar nicht ‘Ignaz Wrobel’, er hieß ‘Kurt Tucholsky’. Und die Schreiber in Deutschlands Sexpostillen, von ‘Heiß und Feucht’ bis hin zu ‘Haarige Lustgrotten’, die sind dort bestimmt nicht unter ihrem bürgerlichen Namen zu finden. Die Journalisten nennen das dann nur nicht ‘anonyme Hasskappen’ – wie im Falle der Blogger – , sie sprechen lieber von ‘Künstlernamen’, dort, wo es um den eigenen werten Berufsstand geht. Trotzdem sind auch diese biographischen Chamäleons aus Holzhausen allesamt zugleich waschechte Journalisten, und keine anonymen Schmadderer. Tausende Beispiele lassen sich anführen, wo der Journalist eben nicht der war, der seinen guten Namen auf dem Printmarkt spazieren trug. Trotzdem entstanden gute Artikel, denn die Qualität eines Textes ist nicht vom Namen des Verfassers abhängig, sondern nur vom Kopf. der ihn verfasste.

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