Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Kitsch

Meteorit trifft Lyrik-Bonanza

Meteoriten-Gefahr: Warten auf Gottes Hammer” – Wie schön, die gute alte Gottesstrafe …

“Wenn das Weltall Bauschutt schickt”dann sind wir die Deponie …

“Lichtstrahl über Techeljabinsk” [sic] – himmlische Aufklärung in tiefster russischer Nacht …

“Erde übersteht “kosmischen Streifschuss” leicht vernarbt” – ein Schönheitschirurg wird’s wieder richten …

“Ein kosmischer Kollateralschaden – wie wir selbst”Selbstkritisches von den Hobbyphilosophen der ‘Welt’ …

“Der Meteoroid [sic] kam aus dem Nichts – und das froid die Loid …

“Wenn Steine weinen” – ach nee, da geht’s um was anderes …

Religion im Alltag

Symbole des Religiösen, wenn man nicht gerade den Pfarrbrief seiner Gemeinde liest, die kommen uns im Alltag vor allem dann vor Augen, wenn es bspw. gilt, den tiefen Sturz eines einstigen Hoffnungsträgers zu beklagen. In solchen Fällen wählt der Journalist gern das Gleichnis, er greift auf die Legenden und Wundermärlein seines Konfirmationsunterrichts zurück, um eine besonders riskante Argumentation auf spirituelle Fundamente zu gründen. In diesem publizistischem Dokument aus dem Hause ‘Cicero’ schreitet beispielsweise – snief! – der badenwürttembergische Ex-MP tiefgebeugt die Via Dolorosa zum Kalvarienberg hinauf:

“Stefan Mappus: Kreuzigung eines gefallenen Hoffnungsträgers

Wem kämen da nicht gleich eingangs die Tränen? Trotzdem hat Christoph Seils in meinen Augen den Clou der Geschichte nicht verstanden – vielleicht wollte er auch nur besonders apart daherschwadronieren. Weshalb die Religion als alte Hochburg des Unbeweisbaren seinen Text mit ihren Gleichnissen ummauern muss: Schließlich wird dem CDU-Autokraten mit den kräftigen Kiefern doch gar nicht der Vorwurf gemacht, dass er als Industrieprophet ein Unternehmen für sein Land im rasch entschlossenen Alleingang zu retten versuchte, so wie uns der Seils dies Narrativ darstellt: ‘So tief sei noch kein Mensch gefallen’, barmt der Verfasser, nämlich bis auf die Höhe einer Pension für Ministerpräsidenten …

Der Vorwurf, soweit ich die Fakten- und Nachrichtenlage überblicke, besteht doch vielmehr darin, dass hier eine korpulente Ente aus dem Schwabenland sich schon bei der Kaufsumme ohne zu quaken über den Tisch ziehen ließ. In einer Nebenrolle gab sie dann noch den Tanzbären, der am Nasenring anderer Leute höchst erwünschte Kunststücke vorführte. Der Stefan Mappus, dieser letzte Flopp aus der schier unerschöpflichen Talentschmiede der Jungen Union, wäre also keinesfalls mit einem Religionsgründer zu vergleichen, sondern eher schon mit Donald Duck, mit jener komischen und unbedarften Figur, die ständig in ihr Unglück zu rennen pflegt und dabei in Maximaldistanz zum Gottgleichen jeder Couleur agiert …

Hirne, die sich winden

An ihren dämlichen historischen Vergleichen erkenne ich meine Schwätzer. Ich jedenfalls erinnere mich noch gut, welcher Druck einst auf Willy Brandt ausgeübt wurde wegen seiner neuen Ostpolitik, welche unsere publizistischen Sturmtruppen damals gut weimaranisch ‘Verzichtspolitik’ tauften. Das waren wenigstens noch ‘politische Stahlgewitter’, heute sitzt Familie Orakel am journalistischen Stammtisch und rätselt mit. Die Alarmtrompeter der frühen 70er Jahre bewohnten jedenfalls exakt jene Blättchen, die heute den gefühlsseligen und ahistorischen Bullshit eines Professor Unsinn von den schröcklichen Leiden der Angela Merkel drucken:

“Auf Merkel sei mehr Druck ausgeübt worden, als je zuvor ein deutscher Kanzler nach dem Krieg habe aushalten müssen.”

Nur deswegen nämlich habe seine Prinzessin der Herzen diesen großen ökonomischen ‘Fail’ angerichtet. Sie hätte die Europäische Kommission sonst wohl nicht lebend verlassen. Bitte ein Taschentuch, mir kommen die Tränen …

Apropos – anderswo greifen die Wirtschaftsredaktionen zum Paradox, diesem ‘Fisherman’s Friend’ argumentverlegener Autoren, um ihren kleinen Merkel-Devotionalienhandel über die nächste Wahl zu retten: “Merkel ist klug eingeknickt.” – – – Genau – und der Selbstmörder neulich hat ‘erfolgreich’ Russisch Roulette gespielt …

Naive Seelen

Ob sie bei ‘Welt Online’ wohl wirklich glauben, dass all das weniger wahr wäre, was der Wallraff über ihr Leitmedium, die Bild-Zeitung, Anno Dunnemals herausgefunden und niedergeschrieben hat, sobald sie diesem Mann im schönsten Jerry-Cotton-Stil aus gleichfalls dubiös geheimdienstlichen Quellen IM-Tätigkeiten bei der Stasi anbammeln könnten?

Langley, Virginia: Es regnet, der Wind weht steif an diesem Frühlingsmorgen, der Himmel ist verhangen. Ein grauhaariger Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd geht durch den Empfangssaal, seine Schritte hallen, als er über das große Siegel mit dem Weißkopfseeadler schreitet.

Oha – in Virginia regnet es also manchmal, wer hätte das gedacht? Und erst ‘geht’ er, auf dem weißköpfigem Adler dann ‘schreitet’ er? – Naja, das ist ja wohl das Mindeste, was so’n Vogel erwarten darf! – Schnulz!!!

Retro-Schmonzes

Ohne den geringsten Hauch von Ironie, ohne einen Hinweis auf Satire, allerdings auch ohne jeden empirischen Beleg fördert Nina Pauer in der ‘Zeit’ aus dem zutiefst zwischenmenschlichen Bereich Dinge zutage, die den arglosen Leser glatt glauben machen könnten, die selige Hippiezeit wäre kiffend und klampfend zurückgekehrt:

“Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt.”

Folgen wir der Autorin, dann zählen Lindner, Guttenberg und andere hohlmantelige Erfolgsgeschosse auch schon wieder zum alten Eisen. Unsere ultrakompatibel gegelten Flutschstengel der jüngsten Vergangenheit, deren idealer Typus noch heute alle Modemagazine ziert, die wären längst zu Veteranentreffen aufgebrochen, um dort alte Kameraden aus dem Neoliberalismus zu treffen.

Im vordersten Schützengraben des Geschlechterkriegs wachen hingegen heute zarte Sensibelchen mit Blumen im Gewehr, die ständig jack-wolfskin-mäßig in die heile Welt der Natur zu flüchten trachten und abends beim Sonnenuntergang unentwegt ihrem Karma die großen Sinnfragen stellen – um so natürlich zur leichten Beute harter Flintenweiber zu werden. Eine andere Möglichkeit bestünde allerdings darin, dass hier eine Autorin individuelle Erfahrungen zum Allgemeingültigen aufgebrezelt hat. Man(n) weiß es einfach nicht …

Headline-Klempner unter sich

Norwegen versinkt in haltloser Trauer”

“Die Tränen trocknen nicht”

“Ein Land weint”

“So bewegt von der Tragödie”

“Ein verwundetes Land”

Usw., usf. Mit einem Wort: mediales Sprachversagen auf Grüne-Blätter-Niveau … Kitsch as Kitsch can.

Die Presse in eigener Sache

Von Hofberichterstattung hätte ich natürlich auch schreiben können: Es geht um den Freiburger Presseball, veranstaltet von der ‘Badischen Zeitung’, wo das redaktionell zuständige Baby Schimmerlos dann – noch leicht verkatert – die verbale Aufbereitung unternimmt. Natürlich waren wieder mal alle Gäste ‘erwartungsfroh’, auch ‘festlich gestimmt’ und natürlich immer ‘gut gelaunt’, das versteht sich in diesem Genre bekanntlich von selbst.

Weshalb aber diese Selbstbeweihräucherung – in textlicher Hinsicht – irgendwann regelhaft komisch zu duften beginnt, das soll mir mal jemand erklären. Es muss wohl an der Textsorte liegen, die hier Verwendung findet: De alcoholicis nihil nisi bene. Los geht’s mit einer kleinen Perlenlese:

Nach dem anstrengenden Wahljahr … nutzten zahlreiche Abgeordnete … zusammen mit Stadträten die Gelegenheit, interfraktionell zum Foxtrott zu schreiten.

Ach ja, dieser ‘rassige’ Foxtrot oder Foxtrott, der schüttelt das Wahljahr aus jedem Frack. ‘Geschritten’ aber wird auf jedem Ball, ‘trotten’ oder gar ‘tanzen’ ist nicht erlaubt … weshalb auch diese Damen der Regel folgen:

“Entschlossen zur Damenwahl schritten die “Boa-Ladies” … Wo sie gingen und standen, ließen sie kleine Federn von ihren Boas zurück – als ob ein kunterbunter Vogel im Schweinsgalopp durchs Konzerthaus gestürmt wäre”.

Ein ‘Vogel’ oder gar veritable ‘Damen’ im ‘Schweinsgalopp’ – also hören Sie mal, wollen Sie mir etwa meine sprachliche Galanterie ruinieren! Doch damit nicht genug – die Verbindungen zwischen Presse und regionaler Wirtschaft gilt es natürlich auch in extenso zu würdigen:

“Da konnten [die Schüler des Jazzorchesters] mal sehen, was so ein Ball alles zu bieten hat: einen Beautysalon der Parfümerie Kern, Hairstyling mit Stilissimo und jede Menge flanierender Menschen”.

Tscha – wenn das schon alles ist! So sprachperlt unser real existierender Journalismus vor sich hin, wie der Champagner in den Gläsern der ‘festlich gestimmten Gäste’. Ich erteile hiermit ausdrücklich eine Leseempfehlung, aus Gründen unfreiwilliger Hochkomik …

Was meinst du bloß mit ‘Stil’?

Soll jemand stilbewusst schreiben, dann ist das Ergebnis bei Wenigschreibern vorhersehbar: Die Texte wandeln sich – die Wörter werden gewählter, der Duktus gestelzter, der Tonfall gravitätischer, die Wortstellung verschrobener – und der Sinn drapiert sich in ein verbales Theaterkostüm. Der Text wird pathetisch und wirkt plötzlich ebenso ulkig, wie er zuvor langweilig war. Manierismus heißt dieses Stilmerkmal, das unter bestimmten Bedingungen einem Rilke erlaubt sein mag, nicht aber uns:

„Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt?“

Was aber noch nicht einmal einen großen Dichter unsterblich macht, das macht uns mit Sicherheit unsterblich lächerlich.

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Börsenkitsch

Unser tägliches Magazin für Hardcore-Spielsüchtige, die ‘Financial Times Deutschland’, greift in diesen Zeiten zu Verbalgemüse von Hedwig Courths-Mahler’scher Sprachgewalt:

So gefühlt sich derzeit der Parkettlyriker als ‘Chronist mit Herz’ angesichts des ewigen Auf und Ab: “FTD.de protokolliert die bewegenden Ereignisse der Finanzkrise.

Und als Heldentenor des Geldadels knödelt er sich manch ein existenzielles Libretto zusammen: “Der Dax kämpft um die Nullmarke und zuckt zeitweise im Plus.

Kurzum: In dieser Panik wird’s sogar dem Ökonomie-Heini romantisch dort, wo bei anderen der Tanga kneift – und die bewegenden Adjektive und windschiefen Metaphern schießen nur so aus ihm heraus …

Wenn der Dichter dichtet …

dann möchte ich hier an dieser Stelle in den Kommentaren keine dummen Bemerkungen über mental entgleiste Großschriftsteller lesen. Ist das klar?

“Die bestauntesten Tiere sind die, die von besonders weit her in dieses Gefängnis gebracht wurden. Ihr natürlicher Lebensraum ist ganz woanders.”

“Volkstrauertagsstimmung liegt in der kühlen, heute unfreundlichen Luft, dazu permanenter Nieselregen – auch die äußeren Bedingungen passen also.”

“Orte, Gegenstände und Gerüche sind Steigbügel der Erinnerung.”

“Die Reaktionen der Berliner auf Dörfleins Tod sind zugleich die Vorwegnahme dereinstiger Trauer um den Tod Knuts. Ein Teil Knut ist mit Dörflein gestorben”.

Und wer wäscht und bügelt mir jetzt meine vollgeheulten Taschentüchlein?

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