Erstaunlich ist es oft, wie sehr bestimmte Themen über Hunderte von Jahren virulent bleiben können. In seinem Roman ‘Rauch’ versteckt sich Iwan Turgenjew höchstselbst hinter der Figur des Herrn Potugin. Das ist ein älterer Herr und Pflastertreter, der das Treiben einer reaktionären russischen Machtelite kommentiert. Eine Gruppe, die sich damals so müßiggängerisch in Baden-Baden herumtrieb, wie heute die russische Oligarchie in St. Moritz:

“Kommen jedoch zehn Russen zusammen, so erhebt sich augenblicklich die Frage nach der Bedeutung und Zukunft Rußlands, und zwar in ganz allgemeinen Zügen, ab ovo, ohne alle Beweise und ohne Ende. Sie kauen und kauen an dieser unglückseligen Frage wie Kinder auf einem Stück Gummi – ohne Saft und Kraft. Na, und bei dieser Gelegenheit ziehen sie dann natürlich auch über den verfaulten Westen her. Welch ein Rätsel, man bedenke nur: Da schlägt er uns in allen Punkten, dieser Westen – aber er ist verfault! Wenn wir ihn wenigstens noch verachteten”, fuhr Potugin fort, “aber das ist alles bloß Phrase und Verstellung. Einerseits schimpfen wir auf ihn, doch andererseits legen wir auf seine Meinung großen Wert. … Es kommt alles noch, so sagen sie, jawohl. Doch vorhanden ist nichts, und Rußland hat auch im Laufe von zehn Jahrhunderten nichts Eigenes hervorgebracht, weder in der Verwaltung noch in der Justiz, weder in der Wissenschaft noch in der Kunst, ja nicht einmal im Handwerk. Aber so wartet doch, habt Geduld: Alles wird werden. Und wieso wird es werden, wenn man fragen darf? Weil wir Gebildeten, so sagen sie, Dreck sind, das Volk hingegen …”
(Iwan Turgenjew: Rauch, Ges. Werke in Einzelausgaben, 36 f)

Das alte Lied kommt mir doch bekannt vor …