Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Internet (Seite 1 von 2)

Zum ‘Wohl’-Sein …

Russische Bande erbeutet wohl eine Milliarde Datensätze.”

Man achte auf diese präzisionsabschwächende Partikel ‘wohl’ in der Headline. Was uns der Journalist damit sagen will, ist: Nix Genaues weiß man nicht, aber ich arme Socke soll ja was Dramatisches dazu schreiben.

Faktisch ist es ‘wohl’ eher so, dass hier ein kleines amerikanisches Start-up ein lukratives Geschäftsmodell mit Hilfe solcher Tartarenmeldungen und mit dem Faktor ‘Angst’ aufbauen möchte. Und die ‘New York Times’ druckte das prompt. Aber was kriegt der werte Neukunde, wenn er löhnt: Eine simple Nachricht, ob der eigene Zugang zum Fratzenbuch eventuell möglicherweise unter Umständen gehijakt sein könnte. Das nenn ich doch mal viel Ertrag fürs liebe Geld …

Wirres Zeug bei der Welt

In Springers Flaggschiff haben sie, wo ihnen schon der Kommunismus abhanden kam, immer noch den ersatzweisen Popanz der Alt-68er, also böse Dämonen, welche in Ewigkeit an allen Übeln der ‘Welt’ schuldig zu sein haben:

“Die Technologie der 68er-Generation zerstört die Kultur des bürgerlichen Lebens.”

Öhem – ein Rudi Dutschke mit Handy ist wirklich ein arg seltsames Bild. Das hindert zwei ideologisch gestählte Welt-Kommentatoren, Ulrich Machold und Andreas Rosenfelder, aber nicht daran, diese ‘Welt’ noch weiter zu verzeichnen. Bekiffte Landkommunarden hätten, glaubt man ihnen mal, das Silicon Valley aus dem Boden gestampft. Nun – bei solchen ökonomischen Erfolgen, warum denn dann nicht gleich Haschisch für alle fordern, um unsere Jugend und die deutsche Digitalwirtschaft unternehmerisch mal so richtig in Schwung zu bringen?

“Das Personal der ersten Computerfirmen wie Apple und Microsoft rekrutierte sich zu einem guten Teil aus den Überresten der amerikanischen Hippie- und Kommunardenbewegung: eine brodelnde Ursuppe aus haarigen Individualisten, befeuert von Beat-Gedichten, halluzinogenen Drogen und den Schriften Norbert Wieners, Buckminster Fullers und Marshall McLuhans.”

Soso, Marshall McLuhan als Blumenkind? Mümmelte der nicht schon an seiner Rente, als der ‘Summer of Love’ begann? Es wird noch drolliger – Jerry Rubin oder ersatzweise Fritz Teufel sollen unserem Duo Debitale zufolge seit jeher die Hofsänger eines unbeschränkten Unternehmertums gewesen sein, eine Entourage, die ich Blödmann bisher eher in der Reihen der ‘Welt’ vermutete:

“Sie sahen sich als Teil eines neuen Wilden Westens, in dem ein unbeschränktes Unternehmertum aller Einzelnen die Harmonie des Ganzen zeitigen würde.”

Alles nur FDP- und Hayek-Aktivisten mit Dorothea-Siems-Denke also? Mein Zwerchfell schmerzte an diesem Punkt übermäßig, und ich konnte nicht mehr weiterlesen …

Um mal ein wenig Klarheit in dieser brodelnden Ideologiesuppe zu schaffen: Die Gründergeneration des Internet warf sich keine bunten Pillen aus Timothy Learys Hexenküche ein, die Algorithmen wurden dort auch nicht zu bunten Mandalas verflochten. Diese Gründergeneration kam seit den 60er Jahren aus den Reihen der amerikanischen Halbleiter- und Rüstungsindustrie, wie auch des MIT, wo man gerade den Transistor und seine fortschreitende Miniaturisierung erfunden hatte. Es waren Ingenieure, ‘Nerds’ – und eben bestimmt keine ‘Hippies’. Eher schon bleiche, übernächtigte und bebrillte Bürohengste ohne Bizeps und ohne Schlag bei den Frauen, die damals schon die 24/7-Arbeitszeiten entdeckt hatten, statt auf Open-Air-Festivals zu rennen …

Würde man die Überschrift dort oben einigermaßen angemessen formulieren, käme also vielleicht so etwas dabei heraus: “Die heutige Industrie hat die ‘Kultur des bürgerlichen Lebens’ gar nicht mehr nötig.” Das wäre dann immer noch grassierender Kulturpessismus, aber zumindest diskussionswürdig … allerdings nicht von dieser ‘Welt’.

Neues aus Waldhagen

Opa Wolf Schneider, der unvermeidlichste aller Print-Dinos, hat sich mit seinen tiefschürfenden Erkenntnissen wieder mal zu Wort gemeldet. Diesmal in einem Handbuch, das sich an angehende Journalisten richten wird. Die erfahren dort u.a. folgendes:

“Die Fülle von Informationen [im Internet] verführt dazu, sich nur nützliche Nachrichten zeigen zu lassen.”

Aha! – Ich will verrecken, wenn ich verstehe, was daran ‘erschröcklich’ sein sollte, ‘Nützlichkeit’ ist schließlich ein dehnbarer Begriff. Aber egal, das Internet bleibt für unsere Cro-Magnon-Menschen im Journalismus nun mal der immerwährende Hort des Bösen:

“Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.”

Diese Erkenntnisse ebenso erkenntnisfördernd wie mephistotelisch mal ‘im Umkehrschluss’ formuliert:

“Der Holzjournalismus vermittelt den Menschen hingegen das Faktum, dass sie eben nicht alles erfahren können. Darüber hinaus wird’s allemal teuer und hässlich. Nur mit Hilfe eines ausgebildeten Steinzeitjournalisten lernen sie zu scheiden, was wahr ist und was falsch, nur mit ihm sehen sie die Interessen hinter der Auswahl, auch müssen sie angesichts der beschränkten Spaltenzahl in einem solchen Altmedium nicht länger vor der Überfülle kapitulieren, und sie können dort angeblich – öhem! – unentwegt und angeregt attraktive Präsentationen mit ganz tollen Bildern und ohne jede Werbung betrachten. Denn die meisten Bürger, unselbständig wie sie sind, haben weder Zeit noch Lust, stundenlang selbst nach der Wahrheit zu suchen, weshalb unser altjournalistisches Angebot ihnen das mühsame Selbstdenken abnimmt.” Oder so ähnlich …

Mein Gott, was für eine Horde zukunftsunfähiger und vernagelter Studienabgänger würde dort denn heranwachsen, hielten die sich an dieses Schneider’sche Lehrbuch? Da bleibt mir nur – in Abwandlung von Richard Dehmel – dieser Merkvers als Empfehlung für angehende Journalisten: “Wenn dein alter Opa spricht – glaub’ ihm nicht, glaub’ ihm nicht!

Nachtrag: Der Große Gute Wolf hat jetzt auf die Anwürfe der drei kleinen Schweinchen geantwortet – das sind natürlich alles Kommunisten, außer Pappi: “Es gibt eine Clique von Altlinken, die mich [= Wolf Schneider, den Großen] seit Jahrzehnten nicht leiden können, dann gibt es die Durchgefallenen bei der Henri-Nannen-Journalistenschule.”


Vorwärts geht’s abwärts

Auch wenn das eine oder andere gedruckte Medium gern “Fakten, Fakten, Fakten!” propagiert, bin ich mir trotzdem sicher, dass es immer einige Fakten geben wird, die dort nicht zu finden sind. Zum Beispiel die Ergebnisse der neuesten Allensbach-Studie zum Medienwandel: Unter Akademikern, so steht es da, nutzen inzwischen schon zwei Drittel das Internet als wichtigste Nachrichtenquelle, für viele ist es längst zur einzigen Quelle geworden. In der Gesamtbevölkerung hält sich das Fernsehen noch mit Ach und Krach, während gedruckte Medien chartmäßig in den Sturzflug übergegangen sind. Insgesamt hätte sich der große Medienwandel nochmals erheblich beschleunigt. Sü – und jetzt kommst du, beste Frau Unverzichtbarer-Qualitätsjournalismus!

Kapitalismus auf Hausmacherart

Bei manchen Leuten kann ich gegen den Bullshit gar nicht so schnell anschreiben, wie der denen aus den Tippfingerchen rinnt. Zu jenen inkontinenten Figuren zählt eindeutig auch Jan Fleischhauer. Siegesgewiss wirft er uns heute eine frischgebackene Do-it-yourself-These in den Fressnapf, wonach ‘der Kapitalismus’ das Internet erfunden habe, weshalb – “Stillgestanden!” – auch alle Versuche zur endgültigen Kapitalisierung des Netzes widerstandslos hinzunehmen seien:

“Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung – und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Das Netz hat sagenhafte Vermögen hervorgebracht und wieder vernichtet.”

Rechercheenthoben behauptet unser Kanalarbeiter etwas, das allen Fakten ins Gesicht schlägt: Das ‘Internet’ war eine Entwicklung staatlicher Stellen, es entstand als ARPANET in der Advanced Research Project Agency des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Gleich anfangs war das Netz also kein Produkt der Privatwirtschaft, es entstand in einer staatlich organisierten Forschungseinrichtung, ausschließlich vom Steuerzahler finanziert. Als World Wide Web wiederum wurde das Netz im CERN von Tim Berners-Lee weiterentwickelt. Auch dies Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire ist eine transnationale staatliche Forschungsorganisation, die zur Zeit 20 europäische Staaten komplett durchfinanzieren.

Mit einem Wort – mich hat das alles nur zehn Mausklicks gekostet, um mein ABC-Wissen sicherheitshalber nochmals zu überprüfen. Aber unser Jan Fleischhauer, nehme ich mal an, der wollte sich seine schöne Klippschulthese nicht selbst kaputtrecherchieren, also hat er uns einfach mal was auf den Bildschirm gebrabbelt, nach dem Motto: “Merkt ja keiner!”

Korrekt hingegen, wenn auch etwas polemisch, wäre doch einzig und allein diese Gegenthese: Faktisch scheint nur eine staatliche Wirtschaft und Forschung in der Lage gewesen zu sein, das revolutionäre Internet zu schaffen. Der ganze Kapitalismus hingegen hat seit 30 Jahren nichts vergleichbar Weltbewegendes auf die Reihe bekommen.

Fern sei es einem Jan Fleischhauer, sich zu fragen, woran das wohl liegen möge. Sonst könnte er ja nicht länger vom Sprungbrett unhaltbarer Behauptungen aus direktemang bei Forderungen wie App-Gebühren oder Pay-per-View landen. Bei der Kapitalisierung einer Technik also, die zwar gar nicht auf dem Mist des Kapitalismus und der Privatwirtschaft gewachsen ist, die diese aber gern zum Ausschlachten übereignet bekommen möchten:

“Jeder Versuch, der bürgerlichen Eigentumsordnung auch im Internet Gültigkeit zu verschaffen, wird von den Netzenthusiasten als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte verstanden. … Das Internet mag alles Mögliche revolutioniert haben, aber die Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion, wo jeder Leistung eine Entlohnung gegenübersteht, hat das Netz nicht geändert.

Tscha, und diese Leistung hat nun mal der Steuerzahler bezahlt, zum Lohn hat er heute ein Internet. Diesen Lohn anderer Leute wiederum, der ‘eigentümlicherweise’ gar nicht auf einer kapitalistischen Privatleistung beruht, auf freiem Unternehmertum und der gesunden Konkurrenz der Märkte, den möchten die Vereinigten Aktionäre jetzt lieber in ihre Scheuern fahren. Herr, wirf endlich Hirn vom Himmel! Und gib den Kolumnisten gleich Nachschlag!

Von Zeit zu Zeit

Die Zeit ist die größte Entfernung zwischen zwei Orten”, sagt Tennessee Williams. Ein wenig erinnert mich diese Aussage an Heraklits Diktum, wonach kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Kehren wir an den Ort einer Kindheitserinnerung zurück, dann ist der Ort zwar noch da, doch die Kindheit ist verschwunden. Dazwischen liegt die Zeit.

Natürlich hat Frank Schirrmacher recht, wenn er das Internet als irreversibel bezeichnet, als ein Faktum, gegen das zu kämpfen einer Don-Quichotterie gleichkäme. An der Uhr hat aber trotzdem niemand gedreht, obwohl alle retardierten und überholten Strukturen durch das Netz zunehmend größere Probleme bekommen werden. Gegen das Netz kann man sich längst nicht mehr wehren, man kann es nur mehr oder minder sinnvoll in sein Leben integrieren. Das Netz ist der Hase im Märchen, es ist immer schon da, auch auf dem Zeitstrahl kann es niemand ausbremsen oder überholen.

Die neue, netzgenerierte Zeitebene bildet folgerichtig den Kern des Schirrmacher’schen Philosophierens – es ginge doch gar nicht um Print vs. Online, auch nicht um private vs. öffentlich-rechtliche Medien, es sei die Zeit selbst, die sich verändert habe, die durch das Internet revolutioniert würde, und zwar keineswegs nur durch die immer schnelleren Quantensprünge bei der technologischen Entwicklung:

“Jeder Mensch wird künftig in seinem persönlichen Leben mindestens so viele verschiedene Zeitzonen haben, wie es sie heute auf dem Erdball gibt. Irgendwo in seinem Leben wird es sechs Stunden früher sein – nämlich dort, wo er die Facebook News der letzten Stunden liest; irgendwo sechs Stunden später, dort, wo er sich mit Googles „predictive search“ die Gegenwart berechnen lässt (wie wird das Konzert, wann muss ich losfahren, was will ich suchen?), die zum Zeitpunkt der Suche noch Zukunft ist. … Die Überforderung durch digitale Technologien ist im Wesentlichen der Konflikt zwischen verschiedenen, in Konflikt stehenden Zeitebenen.”

Da ist etwas dran – zugleich ist so auch nichts daran. Einerseits fühle ich mich – wie ich im Vorläufertext ausführte – vom Internet keineswegs überfordert, auch nicht durch den Temporärspagat, der mich an verschiedene Zeitzonen anpasst. Jeder Frankfurter Bankmanager musste dies früher auch schon tun, dann, wenn er den Kollegen in New York anrufen wollte, und zwar lange vor Beginn jeder Digitalisierung. Natürlich kann ich heute Fernsehsendungen zeitversetzt sehen, was aber dann doch eher einer ‘Entformatierung der Zeit’ gleichkäme. Die Zeitpunkte gewünschter Information sind liquide geworden, es gibt keine Ankerpunkte im Tagesablauf mehr, so wie dies einstmals der Tagesschau-Termin um 20:15 Uhr war. Man könnte aber auch von einer Befreiung von Zeitzwängen sprechen, statt zur Alarmtrompete zu greifen.

Etwas anderes ist sehr viel wesentlicher: Derzeit dynamisiert, multipliziert und beschleunigt sich das Informationsgeschehen ins Ungeheure, in den alten wie in den neuen Medien. Die müde Sau, die einst durchs mediale Dorf getrieben wurde, ist zu einer Schweineherde auf Speed geworden – und trotzdem (oder deshalb) geht nichts mehr wirklich voran. Paul Virilio hat einmal vom “rasenden Stillstand” gesprochen. Die Welt gleicht einem verrückt gewordenen Flipper-Tisch: Bunte Ereignisse und Events wohin man blickt – bis uns nichts mehr wirklich wichtig ist, weil wir zu recht oder unrecht in dem unaufhörlichen Geflacker keinen Sinn mehr erblicken. Medien verschlingen unsere Zeit, sie gelten als blankes Amüsemäng, sie wirken als Mittel gegen die Langeweile, sie sind aber keine Konsensmaschinen mehr. Sie formieren uns nicht, auch tangiert uns nichts mehr – dank eines unaufhörlichen medialen Dopings, das in immer kürzeren Zeitabständen nach einem neuen Schuss verlangt – von Gott-weiß-was angetrieben.

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Das große Vergessen?

Unsere Erinnerung wird doch nur von jenem Teil unaufhörlich eintreffender Daten und Ereignisse geformt, die für uns zum Erlebnis und damit ‘subjektiv’ werden konnten. Das Resultat, jedenfalls dort, wo es zu Praxis und aktivem Handeln wird, nennen wir dann gern Erfahrung oder Wissen. Es sind überaus zwiespältige Gefühle, die mich bei der Lektüre von Frank Schirrmachers neuem Artikel bewegten, womit er die Thesen seines Payback-Buches fortsetzt. Gleich anfangs schreibt er, auf einen Science-Bericht Bezug nehmend:

“Das Papier, das in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, bestätigt andere Forschungen, die belegen, dass die Menschheit damit begonnen hat, ihr Gedächtnis nach außen zu verlagern, und dafür den Preis der Vergesslichkeit zahlt.”

Gleich mit mehreren Kategorien habe ich dort logische Schwierigkeiten: Wann hätte der Mensch oder gar ‘die Menschheit’ ihr Gedächtnis je im Inneren getragen? Spätestens seit der Aufklärung haben die Menschen ihr Gedächtnis nach außen verlagert, oder, um mit Einstein zu reden: “Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.” Die Wissensforschung, nicht erst seit Peter Burke und seiner ‘History of Knowledge’, hat beschrieben, wie grundlegend das menschliche Gedächtnis durch die Institutionalisierung der Bibliotheken und der akademischen Forschungsstellen von der Steißpaukerei eines wortwörtlich memorierten und kanonisierten Wissens entlastet wurde.

Seit jener Zeit wissen wir alle nur noch ‘wie von ungefähr’, und wenn wir’s mal genauer wissen wollen, schreiten wir zum Regal, um oberschlau das ungefähr Erinnerte im Wortlaut zitieren zu können, dort, wo wir uns damals den Bleistiftstrich an den Rand gemalt haben. Kaum jemand von uns könnte aus dem Stand einen luziden Vortrag über die Relativitätstheorie oder Marshall McLuhans Kommunikationstheorie halten – und bis auf weiteres glaube ich auch nicht, dass Frank Schirrmachers Artikel ohne Zuhilfenahme ‘externalisierter Information’ verfasst worden ist.

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It’s the economist, stupid!

Die tiefe Krise [der alten Medien] … hat dabei … gar nicht so viel mit dem Internet zu tun – der Niedergang begann viel früher. “Viele Zeitungen in den USA kränkelten schon seit den 1980er Jahren, aber schafften es immer noch, nach außen ziemlich gesund auszusehen. Sie kauften sich gegenseitig auf, die landesweiten Zeitungsketten entstanden, und vor allem die Aktienkurse stiegen und stiegen.” Doch die Investoren hinter den Konzernen wollten ernten, “Gewinn- und Renditemaximierung war alles – und genau ab diesem Punkt ging es schief.”

Was ich immer sage – Management by Madagascar: Hole dir einen BWL’ler an Bord, und schaue dann zu, wie dein Geschäftsmodell erodiert und die Pest immer neue Decks infiziert. Die Kernaufgabe eines Mediums besteht darin, Informationen sach- und lesergerecht aufzuarbeiten und zu verbreiten, die Ökonomie gehört eher in den Maschinenraum. Wer aber meint, an diesen Basisfunktionen, also am Sachgerechten und an den Leserinteressen, ökonomistisch herumschnippeln zu müssen, der ist schlicht nur verblendet – vermutlich durch Öchsperten.

Vergleichsweise haben die Inhaber von dort unten aus dem Stockdunklen einen Bilanzexperten statt eines Navigators nach oben auf die Brücke des Schiffes gestellt, der jedoch weiterhin nur ans Kohleschippen denkt, der den ‘renditeträchtigsten Kurs’ anhand des Treibstoffverbrauchs bestimmt, und den Dampfer mangels nautischer Erfahrung prompt auf die Klippen setzt. Mit Internet und ‘Social Media’ aber hat das alles nur wenig zu tun, es ist eine selbstverschuldete Krise …

Langsam geht’s voran

Auch, wenn viele von einem ‘Wegwerfmedium’ faseln, das Internet ist ein überaus zähes Medium, gerade deshalb, weil in diesem Dschungel keine Hinweisschilder den Weg bahnen zum ‘Gasthof des raschen Erfolgs’. Das Internet ist eine Welt ganz ohne ‘Leitmedien’, daher braucht es vor allem Geduld und Ausdauer – es ist das Gegenteil eines Marketing-Instruments für flotte, börsenfixierte Jungs mit Gelfrisuren, unter denen doch nur fette Quartalszahlen noch Platz nehmen mögen. Hier zum Exempel die langsam aber sicher ansteigende Rezeption meiner Sargnagelschmiede, dargestellt über den Verlauf von einigen Jahren:

Statistik Sargnagelschmiede

Kampagnen-Journalismus

Je älter man wird, desto mehr überzeugt man sich, dass Ihre Heilige Majestät, der Zufall, dreiviertel aller Geschäfte in diesem elenden Universum erledigt“, schrieb Friedrich der Große am 26. Dezember 1773 an Voltaire. In diesem Satz lagen noch der ganze Fatalismus und die Schicksalsergebenheit der Menschen des Barock, die sich ihren Gott bestenfalls als ‘blinden Uhrmacher’ vorzustellen vermochten. Mir jedenfalls – knapp 250 Jahre später – fällt es immer schwerer, noch an Zufälle zu glauben. Zum Beispiel angesichts eines Gewitterhagels von Zitaten gegen das Internet innerhalb nur zweier Tage:

1. Das ‘scheußliche’ Internet: Kann das Internet völlig frei sein? Müssen wir nicht die Menschen vor Denunziation, Entwürdigung oder unseriösen Geschäften schützen wie im Zivilrecht? Ähnlich wie auf den Finanzmärkten brauchen wir mittelfristig Verkehrsregeln im Internet. Sonst werden wir dort Scheußlichkeiten erleben, die jede Vorstellungskraft sprengen. [Meine ‘Vorstellungskraft’ wird eher heute schon überstrapaziert, wenn ich mir die realen ‘Scheußlichkeiten’ anschaue, die sich im Kongo oder im Iran ereignen]

2. Das wohlstandszerstörende Internet: Das Internet hat die Welt auf das Format eines Laptop-Bildschirms reduziert. Das Globalisierungsmedium par excellence hat aber auch neue Räume eröffnet – rechtsfreie Räume. … Die schöne neue Laptop-Welt befreite die Finanz­wirtschaft von Recht und Gesetz. Doch auch die Internet-Industrie selbst kennt kaum rechtliche Skrupel. Was online machbar ist, wird in den allermeisten Fällen auch gemacht. … Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. Schriftsteller und Musiker verlieren im Netz das Recht auf ihre Werke: Alles kann, alles darf heruntergeladen werden. Gratis. Die Enteignung der Kulturschaffenden durch Google und Konsorten ist schon fast vollendete Tatsache. [Ach – und ich Dussel dachte immer die Finanzkrise hätte etwas mit realen Personen zu tun, wie bspw. einem Herrn Madoff, oder mit dem unseligen Wirken einer ‘realen’ Allianz aus Journalismus und Lobby-Organisationen wie der INSM, die doch bisher niemand als ‘Internetgestützt’ bezeichnen würde …]

3. Das verbrecherische Internet: Das Internet ist ein “Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror … Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen.” [Na, das klingt für mich doch eher wie die Beschreibung des Alltags in einem redaktionellen Großraumbüro bei einem holzmedialen Premiumangebot.]

4. Das entliberalisierte Internet: Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an. … Die Aussage dürfte einen in der letzten Woche an die Öffentlichkeit gelangten Wahlkampfleitfaden der FDP einiges an Nutzwert nehmen. Darin werden Jungliberale dazu angewiesen, dass sie auf den Vorwurf, dass der Grundrechtsschutz besser bei der Piratenpartei aufgehoben wäre, unter anderem entgegnen sollten, alte Koalitionszugeständnisse seien Vergangenheit und die Liberalen hätten aus Fehlern wie der Zustimmung zum Großen Lauschangriff gelernt. [Joho – wir Liberalen verteidigen unsere Positionen immer solange unerbittlich, wie der Koalitionspartner nichts anderes von uns verlangt.]

… und, und, und.

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