Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Imagination

Figuren erfinden

Du brauchst keine Handlung, du brauchst Personal”, könnte ich in Anlehnung an einen Song von Stoppok sagen. Gemeint ist, dass ein Text ohne Figuren notwendigerweise lahmt. Ein Text muss ‚menscheln’, soll er nicht als Journalismus, Wissenschaft oder Einschlaflektüre langweilen …

Nehmen wir an, ich wollte im Andenken an einen jüngst verstorbenen Jugendfreund endlich jenen großen Bremerhaven-Roman schreiben, auf den die Welt schon so lange wartet. Würde ich jetzt autobiographisch vorgehen, dann wäre mit unserer Clique herzlich wenig anzufangen gewesen: Zu widersprüchlich, zu verklemmt und – auch das, ja! – zu langweilig waren wir alle im Grunde damals. Ungeformte Wesen mit Dutzendcharakteren aber wecken nur wenig Interesse. Für das Genre des exakt Autobiographischen muss man erst einmal schon berühmt gewesen sein, bevor man sich in Buchstaben für die Ewigkeit bestatten lässt. Umgekehrt wird nur selten ein Schuh daraus.

Also backe ich mir stattdessen Charaktere aus dem vorhandenen Lehm der Erinnerung: Ich forme ‚Mischcharaktere’, nehme diese Eigenschaft von jenem und klaue jene Macke von diesem, so lange bis der Jung-Werther der Hippiezeit wie aus einem Guss erstrahlt. Sogar etwas hinzu erfinden darf ich dabei, schließlich bin ich ja Demi-Gott, die große Literatte, die keinerlei Bedenken kennt …

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Kind, vergiss doch die Literatur!

Vor zwei Tagen swatchte ich, nichts Böses ahnend, an der letzten Folge von ‘Hart aber fair’ vorbei – und blieb unerwarterweise bis zum Schluss beim Thema. Denn das, was dort abging, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Spielfilm.

Es ging um die vorschulische Erziehung und um die Situation in den Kindergärten – und neben so gestandenen Figuren wie Petra Roth und Bärbel Schäfer inszenierte sich dort auch eine ‘Eislaufmutti’ namens Jelena Wahler, eine Unternehmensberaterin mit leuchtendem Blick, die für ihre Kinder immer ‘nur das Beste’ will. Weshalb sie eine eigene Kindertagesstätte gegründet hat, wo ihre Kinderchen und diejenigen Gleichgesinnter von Anfang an auf Leistungselite gepolt werden sollen. Wovon wiederum sie derart ungebremst schwärmte, dass selbst ein zunehmend genervter Frank Plasberg ihr nicht mehr dazwischen funken konnte. Das Bild zur Sendung gibt es hier …

Zum Thema: Ich wette darauf, dass auf diese Weise aus den dort verwahrten Kindern NIEMALS Genies oder auch nur überdurchschnittlich erfolgreiche und glückliche Menschen erwachsen werden, NIEMAND von ihnen wird je einen Roman verfassen oder einen guten Song schreiben. Systematisch werden sie von allen unproduktiven Dingen – wie Schmökern, Dösen oder dem Lügenerfinden – fern gehalten. Das, was diese Mutti dort betreibt, das ist die Abschaffung der Kindheit. Alles muss einen Nutzen haben, wobei Maman über diesen Nutzen entscheidet, die einfach alles besser weiß. Sogar die Pausen für freies Spielen sind rein utilitaristisch, sie haben den Nutzen, die verbrauchte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Denn immer steht die spätere berufliche Karriere im Fokus. Anders ausgedrückt: Wo bleibt eigentlich das Jugendamt?

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Denkfutter

Die Zivilisation besteht darin, Dinge falsch zu benennen und anschließend über das Ergebnis nachzusinnen. Und tatsächlich schaffen der falsche Name und der wahre Traum eine neue Wirklichkeit. Der Gegenstand wird ein anderer, weil wir ihn zu einem anderen gemacht haben. Wir stellen Wirklichkeiten her. Das Material bleibt dasselbe, doch die Form, die ihm die Kunstfertigkeit verlieh, sorgt dafür, dass er nicht derselbe bleibt.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, 77

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