If your memory serves you well ...

Schlagwort: Ideologisierung

Journalismus gescheitert

Unisono schallt es uns jetzt aus den großen wie aus den kleinen Medien entgegen: Beim “Scheitern der rot-grünen Minderheitsregierung” sei “Rot-Grün gescheitert” – aber so was von! Ein schlichtes  “Aus für Rot-Grün in NRW” klingt da schon angenehm objektiv …

Seltsam nur, dass die beiden Verlierer-Parteien einer ‘gescheiterten’ Minderheitsregierung vor Kraft – wie auch ohne Kraft – kaum laufen können. Die Rede ist natürlich von der SPD und den Grünen. Jene beiden Parteien dagegen, die Rot-Grün ‘scheitern’ ließen, die haben mit ihrem Niederstimmen des Haushalts ein politisches Selbstmordprogramm gestartet.

Die FDP ist seit Monaten auf Buchheim-Kurs, alle Nieten fliegen aus dem sinkenden Boot, so dass ich glatt vermuten würde, unsere Tigerenten könnten nur aus zufälliger Blödheit gegen den Haushalt gestimmt haben, weil sie nämlich noch einen Wahlgang erwarteten. Die Linke, die in NRW alle Mühseligen, Durchgedrehten und Prinzipienreiter dieser Welt umfasst, von den Trotzkisten über die Stalinisten und Querulanten bis hin zu den Syndikalisten und sonstwie Verrannten, die hat sich so gründlich als apolitisch entpuppt, dass auch sie den Landtag künftig wieder von außen betrachten dürfte.

Nach Lage der Dinge hat also Röttgen, selbst wenn er wider Erwarten ein wenig stärker als die Kraft-SPD werden könnte, nirgendwo eine realistische Machtoption. Aus der bisherigen Minderheitsregierung wird also im Mai eine Mehrheitsregierung werden. Punkt.

Die gesamte Presse aber sabbelt von einem ‘Scheitern’ absehbarer Gewinner …

Gerade sehe ich, dass unter all den Blinden auch ein Sehender wandelt – der Roland Nelles bei ‘Spiegel Online’ stößt in die gleiche Vuvuzela: “Die miesesten Zocker Deutschlands.”

Mit einer Unze Denunze …

Man könnte jetzt meinen”, “Es scheint so”, “Das wirkt wie”, “Auf den ersten Blick” … im journalistischen Sprachgebrauch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, Sachverhalte, die einem nicht in den Kram passen, durch einen kleinen ‘Vorreiter’ unterschwellig zu bestreiten, ohne sie ausdrücklich und argumentativ demontieren zu müssen. Der Schreiber stellt den Leser gleich anfangs in die erwünschte Positur zum Sachverhalt.

Dass bspw. die USA ein Gerechtigkeitsproblem haben, wäre faktisch kaum zu bestreiten, ziehen wir uns die harten volkswirtschaftlichen Daten über Einkommensentwicklung, Steuerlast etc. aus der Schublade. Allerdings passt solche Faktizität manchmal nicht zum politischen Programm, wie in diesem Fall beim ‘Cicero’. “Was tun?”, sprach schon Lenin, ein Autor, der in diesem Fall Christoph von Marschall heißt. Unser Schreiber greift zum kurrenten Kleingeld jedes Stilisten, und zieht sich eine altbewährte Denunze aus der Tasche:

“Mitt Romneys Steuererklärung wirkt wie der Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.”

Was hat er gesagt? Es ‘wirke’ nur so, hat er gesagt. In Wahrheit zwinkert er dem ideologisch gleich gepolten Leser aus besseren Kreisen Anderes, ja Gegenteiliges behauptend zu. Dabei lautet doch der Satz, formuliere ich ihn objektiv auch nur halbwegs tragfähig: “Mitt Romneys Steuererklärung liefert den Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.

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