If your memory serves you well ...

Schlagwort: Ideologie (Seite 1 von 2)

Für den Zettelkasten (35)

Es ist eine der Wirkungen der Ideologie, dass durch die Ideologie der ideologische Charakter der Ideologie geleugnet wird.“
Louis Althusser

Am Ende dieses Prozesses steht dann eine ‘Partei des gesunden Menschenverstandes’ … früher ‘gesundes Volksempfinden’ genannt.

Wahrheit, die in den Kram passt

Vor die Wahl gestellt, würde ich allemal Iwan Bunins ‘Revolutionstagebuch’ der Heroisierung des Geschehens durch John Reed vorziehen. Trotzdem führt ein Vergleich zu interessanten Feststellungen.

Iwan Bunin nimmt die Position eines Außenseiters und wachen Beobachters ein. Die Revolution erscheint bei ihm als ein blutiger Karneval, der massenweise auch eklige Figuren nach oben spült und die Not im Volk endemisch macht. Ein John Reed, der die weitere Entwicklung glücklicherweise nicht mehr erlebte, weil er schon 1920 starb, zeichnet uns dagegen edle Heldenscharen auf schnell errichteten Barrikaden, die eine morsche Ordnung hinwegfegen, um die Grundlage für eine bessere Zukunft zu schaffen. Allesamt eint diese Revolutionäre – angeblich – der Glaube an einen ‘neuen Menschen’, den diese Revolution unter Schmerzen schon bald gebären wird.

Lenin pries die ‘Zehn Tage, die die Welt erschütterten’ im Vorwort prompt als äußerst “wahrheitsgetreu”, nicht aber deshalb, weil der Reporter alles so geschildert hätte, ‘wie es war’, sondern weil Reed die Ereignisse in ihr “wahres Licht” gerückt habe. Und das war allemal die heroisierte Illumination des Geschehens durch die erwünschte Ideologie, ein literarischer Scheinwerfer- und Theatereffekt also. Und Lenins Frau, Nadeshda Krupskaja, ergänzte, dass John Reed deshalb die Wahrheit hätte schildern können, weil er selbst ein “leidenschaftlicher Revolutionär” gewesen sei. Der Stallgeruch stimmte folglich auch.

Generell ist dies Verfahren kennzeichnend für die Rezension aller ‘ideologischen Literatur’: Immer beginne hinter der banalen Wahrheit der Oberfläche erst das Reich der tiefer liegenden ‘wahren Wahrheit’, eine Wahrheit, die im voraus durch die passende Ideologie schon ‘präformiert’ sei, und auch nur von den Eingeweihten erkannt werden könne. Ein im Kern elitäres Konstrukt. Und das eben gilt auch für unsere heutigen Verschwörungstheoretiker und Ideologen, wo man bspw. bei allen schandbaren Exzessen des globalen Finanzkapitalismus doch immer sehen müsse, wie sehr diese weltweite Raffgier alle Menschen unweigerlich in eine neue glückliche Zukunft führen würde. Auch das ist John-Reedismus …

Armageddon 2013

Wer glaubt, Endzeitkämpfe gehören ins Reich der Sagen, der kennt unsere heutigen Ideologen schlecht. In den USA rüsten die Republikaner zu ihrer letzten Schlacht am Fiscal Cliff, um danach blutbeschmiert und reinen Herzens in Walhalla einzuziehen, wo auf der großen Tea Party grimmige Barden die Saga weißrassiger Heldentaten verkünden werden, während alle ihre Bushmaster ruhmselig beiseite stellen, um in die großen Fox-News-Luren zu tuten, derweil das Füllhorn ewiger Steuerfreiheit kreist, gefüllt von dienstbaren Negern.

Das Gegenteil von ‘links’?

Na, das ist doch eine ganz einfache Frage! Das Gegenteil von ‘links’ ist bekanntlich ‘freiheitlich’ – zumindest beim ‘Spiegel’:

“Zuletzt konnten sich zunehmend Vertreter der Parteilinken durchsetzen … Nach wie vor gibt es bei den Piraten jedoch auch viele freiheitlich eingestellte Mitglieder…”

Ja, genau: ‘Froihoit!’ – und das Gegenteil von ‘menschenfreundlich’ wäre für mich künftig eben ‘marktliberal’. Schließlich darf hierzulande ja jeder so daherreden, wie’s ihm in den ideologischen Kram passt …

Was wählt wohl dieser Verfasser?

Gabriel zetert, Merkel handelt!”

Richtig – Sie haben soeben eine Stilstand-Rabattmarke im Wert von 0,01 Cent gewonnen! Welchen Sinn es aber macht, den panischen Aktionismus des Röttgen-Rausschmisses derart zu verklären und sich so exponiert und mit bluttem Mors auf den publizistischen Marktplatz zu stellen, das muss mir erst einmal jemand erklären. Apropos – Zetern bringt sogar was, da mag der ‘Cicero’ noch so laut gegen Catilina stänkern: “SPD und Union fast gleichauf in der Wählergunst.”

Hier noch einige frisch geklöppelte Klopper aus meiner oppositionsrhetorischen Fibel für Anfänger:

“Enzensberger schweigt, Pofalla redet!”
“Diebe stehlen, Katzenberger möpst.”
“Cicero klärt auf, BILD berichtet.”
“Chamberlain zaudert, Hitler tut was.”
“Journalisten dichten, Blogger krakeelen.”
“Urheber heben, Freibeuter erbeuten.”

Usw. – immer brav nach dem funktionslogischen Schema: Wo ein A ein A tut, kann jedes B nur ein Nicht-A machen: Quod fecit Iovi non fecit bovi … dabei haben selbst Götter sich schon wie Ochsen verhalten.

Recht hast du, Jan Fleischhauer!

Das sind ja wirklich schreckliche Zustände – da unten in Nordrhein Westfalen, dem ‘Griechenland’ Deutschlands, Und gewählt wie die Griechen haben diese blöden Rheinländer und Westfalen auch noch, obwohl du sie doch ausgiebig vor dem nachfolgenden rotgrünen Chaos gewarnt hast: “Es wäre also an der Zeit gewesen, dass sich die Bürger besinnen und einer Politik den Vorrang geben, die Ausgaben und Einnahmen wieder in die Balance bringt.” Tscha, jetzt haben wir natürlich den Salat – und selbst dein Herzens-Buddy, der Christian Lindner, der robbt nach Leibeskräften in Richtung SPD – und bauchpinselt seiner Partei die rotgelben Kulissen. Schlimm ist das!

Ich gebe dir hier sogar noch ein Zitat obendrauf: “Kein anderes Bundesland hat mehr Miese als das einwohnerstärkste Flächenland. Inklusive der Schulden der Gemeinden und Gemeindeverbände belaufen sich die Verbindlichkeiten auf knapp 172 Milliarden Euro.” Während gleichzeitig die Neuschulden durch die Decke gehen …

Ach so, das Zitat stammt übrigens vom Bund der Steuerzahler – und es ist aus dem Jahr 2010. Damals regierte noch Jürgen Rüttgers und mit ihm die so ungemein solide CDU, Arm in Arm mit deiner hochverehrten FDP. Die hatten damals gerade wieder frisch die “Ausnahmen und Einnahmen in Balance gebracht”. Manchmal denke ich ja, du schließt unwillkürlich vom eigenen Intellekt permanent auf den Geisteshorizont anderer Menschen – dass beispielsweise Lieschen Müller auch nur so weit zurückdenken könne wie du. So blöd ist die aber gar nicht …

Untauglicher Versuch

Springers ‘Welt’ erfreut uns heute auf ihrem Online-Titel mit der folgenden Headline:

“Politiker bangen um das Ende des Sparkurses.”

Auf der einen Seite stünden also ‘die’ Politiker, auf der anderen Seite stünde … ja, wer eigentlich? Die Frage nach den Kursverantwortlichen lässt prompt die heiße Luft aus diesem frisch gebackenen Hefekuchen: “Warum beenden sie ihn denn dann?“. Das Problem ist doch, dass die Mutti und der Schäuble – politisch gesehen – seit Monaten ziemlich ‘allein zu Haus’ sind. Noch nicht einmal die Ökonomen kommen mehr zu Besuch. Diese Wirtschaftswissenschaftler und die anderen Politiker bangen keineswegs, die hoffen – auf einen europäischen Roosevelt.

Korrekt müsste die Headline also lauten: “Bankennahe Politiker bangen um das Ende des Sparkurses.” Statt ‘bankennah’ hätte ich natürlich auch ‘altkatholisch’, ‘liberalfundamentalistisch’, ‘ökonomiefern’, ‘verantwortungslos’, ‘finanzmarkthörig’ oder ein anderes Adjektiv aus der Grabbelkiste flöhen können …

Die Welt im Kopf

Metaphern haben die Eigenschaft, Vorstellungen evozieren zu können. Ein bildhaftes Wort – und schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in unserem Kopf unwillkürlich heran.

Niemand wird beispielsweise die Journalisten vom Politikteil der FAZ jemals mit Gewerkschaftsfreunden verwechseln. Trotzdem steht in deren Texten diesbezüglich nichts Explizites: “Wir sind Gewerkschaftsfeinde” bspw. oder “Die spinnen wohl!”. Metaphorische Texte arbeiten viel subtiler als ein gewöhnlicher Krakeel-Heinz aus dem Welt-Online-Forum dies je vermöchte.

Beispielsweise schrieb Jasper von Altenbockum in diesem Jahr den FAZ-Kommentar zu den Mai-Kundgebungen deutscher Gewerkschaften, gipfelnd in dem folgenden Satz – und mit der üblichen Gleichsetzung von SPD und DGB:

“Wenn [die SPD] und ihre europäischen Partner deshalb von einem „Wachstumspakt“ in Europa sprechen, meinen sie das steuer- und abgabenfinanzierte Wachstum, nicht das Wachstum, das ermöglicht wird, wenn zum Beispiel das Arbeitsrecht entrümpelt und deshalb die Macht der Gewerkschaften herausgefordert wird.”

Tscha, es ist morgens halb acht FAZ-Zeit, stürmisches Wetter, aber das Feindbild sitzt. Die für das Ideologische zuständige Metapher verbirgt sich hier in dem harmlosen Verb ‘entrümpeln’. Jeder Leser hat sofort einen Dachboden vor Augen, vollgestellt mit abgelegtem Kram aus Vorväterzeiten, er sieht lauter Stolperfallen und fühlt Spinnweben, die ihm übers Gesicht streichen. Wer wollte diesem staubigen Sperrmüll wohl hinterhertrauern?

Mit einem Verb wurde der Leser hier sprachlich gepolt, ein Wörtchen beschwört in seinem Kopf eine Vorstellungswelt. Dies ist die Macht der Metaphern – und die ist sehr viel stärker als die imaginäre ‘Macht der Gewerkschaften’, von der dort wider alle Empirie und Vernunft schwadroniert wird.

Natürlich liegt eine gewisse Komik darin, wenn chronisch Retardierte anderen Leuten vorwerfen, sie seien retardiert. Viel wichtiger aber ist es, zu lernen, hinter die Metaphern zu schauen. Denn Metaphern manipulieren uns intellektuell völlig schmerzlos. Schließlich ist das ‘Gerümpel’, das der Jasper von Altenbockum uns dort nonchalant zwischen die Zeilen kippt, höchst konkret, sobald wir darüber nachzudenken beginnen. Dieses ‘Gerümpel’ meint den Mindestlohn beispielsweise, die Sonn- und Feiertagszuschläge, die Elternzeit, den Kündigungsschutz, die Abfindungen usw., alles das, was Gewerkschaften im Kern ihrer Agenda zu verteidigen pflegen. Mit einer kleinen Metapher wird dies alles umstandslos zu Schrott geschreddert, obwohl solcher Sozialbestand den Arbeitsmarkt überhaupt funktionsfähig hält, wollen wir nicht auf direktem Weg zurück nach Manchester. Die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft werden in Jasper von Altenbockums verkehrter Welt auf den Dachboden verlegt und zu Sperrmüll deklariert. Alles geschieht durch ein einziges Wort, das unwillkürlich eine Bildwelt evoziert …

Die Frage bleibt, ob der Jasper von Altenbockum all das bewusst intendierte, als er das kleine Wort ‘entrümpeln’ in die Tastatur klimperte? Das glaube ich wiederum nicht … solche Stanzen haben sich in ihren Wirtshirnen längst eingelebt, sie sind eine Symbiose eingegangen; sie sind zum Hartkäse einer festen ‘Weltanschauung’ fermentiert.

Platz da, Zola! Hier ist Schmid!

Wenn Grass schon kein Gespür für Sprache mehr zu haben hat, wie sollen wir erst diesen Thomas Schmid titulieren, der uns beim Schänden der Grammatik ganz nebenbei den Revisionismus-Vorwurf aus dem Altpapier kramt? Ein Begriff, den ich längst in Grufthausen wähnte – dritte Grabreihe altlinks:

“Wie einst bei den Poeten, die Stalin und den Schauprozessen lyrisch umrankten, hat auch bei Grass die vorgefasste Meinung die Sprache schwer beschädigt: Es holpert, es wabert, es kommt in jenem hohen Ton des j’accuse daher, der lange schon hohl, angemaßt und peinlich ist.”

Jaja, diese Dichter, die dort ‘den Schauprozessen umrankten’! Wen mag er da nur wie vor Augen gehabt haben? Und nicht Günter Grass hätte die Sprache geschädigt, sondern die Meinung, die sich dort “bei Grass” mietnomadisch einquartiert hätte. Verdächtiges Volk mit seltsamen Gästen jedenfalls, dieses Poetengesocks! Überhaupt der Zola, der konnte ja gar nicht schreiben – so entpiepst es hier einer Maus beim Anblick des Tigers – – – äh, so verkündet es uns dieser Thomas Schmid in seliger Ahnungslosigkeit, um derart eingestimmt dann über einen “Frevel an der Poesie” zu zetern, die er wiederum gar nicht kennt. Sonst wüsste er, dass der Zola mit ‘Poesie’ wenig am Hut hatte. Aber egal, ob Prosa oder Epopoe – hier schreibt ein deutscher Feuilletonist, dem jeder ‘hohe Ton’ gewaltig an den Nerven zerrt!

Allein schon Zolas Sätze in ihrer moralischen Anmaßung – viel zu lang für den heutigen Ratzfatz-Flitzkack-Journalismus. Und diese Stalin-Apologeten, die konnten natürlich auch nicht schreiben. Einmal richtig Gas geben, wie beim täglichen Merkel-Lob in der ‘Welt’ – und schon läge deren Sprache gleich hinter der ersten Kurve zerbeult im Graben. All diese Heinrich Mann, Jewgeni Jewtuschenko, Maxim Gorki, Johannes R. Becher, Ilja Ehrenburg, Bertolt Brecht, usw. – ha, die dürften bei der ‘Welt’ heutzutage nicht einmal mehr ein Praktikum machen! Im modernen deutschen Qualitätsjournalismus wären die sachlich geforderten Standards der Jetztzeit für solche Figuren längst unerreichbar. So tief könnten die sich gar nicht bücken:

“Monsieur le Président, me permettez-vous, dans ma gratitude pour le bienveillant accueil que vous m’avez fait un jour, d’avoir le souci de votre juste gloire et de vous dire que votre étoile, si heureuse jusqu’ici, est menacée de la plus honteuse, de la plus ineffaçable des taches? …”

Oh, Manno, nee … Sterne mit Flecken! Wo gibt’s denn sowas?

Den anderen allen frohe Ostern!

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