Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Hunter S. Thompson

Für den Zettelkasten (39)

Ich habe mein halbes Leben lang versucht, mich vom Journalismus zu lösen, aber ich stecke noch immer bis zum Hals darin – in einem niederen Gewerbe und in einer Abhängigkeit, schlimmer als der von Heroin, angesiedelt in einer befremdlichen Welt voller Außenseiter und Trunkenbolde und Versager. Ein Gruppenfoto der jeweils zehn besten Journalisten Amerikas wäre ein Monument menschlicher Häßlichkeit, wann immer man es machte. Es handelt sich nicht um ein Gewerbe, das viele flotte Typen anlockt, und es interessiert weder jemanden aus der Calvin-Klein-Schickeria noch aus dem internationalen Jetset. Eher würde die Sonne am flammenden Himmel östlich von Casablanca untergehen, als dass ein Journalist die Titelseite des People-Magazins zierte.”
(Hunter S. Thompson: Gonzo Generation, S. 298 f)

Medialer Mainstream 1.0

Auf den Begriff des ‘medialen Mainstreams’ bin ich gestern ganz zufällig bei Hunter S. Thompson gestoßen (‘Die Rolling Stone Jahre’). Damals meinte sein Widerstand gegen das Objektivitätsideal der bürgerlichen Zeitungen noch etwas anderes, als ebenso erwünschte wie blanke Lügen von glattgeschleckten Betthasen mittels ‘Russia Today’ in pseudo-journalistischer Sprache verbreiten zu lassen – so wie heute. Hunter S. Thompson’s Kampf richtete sich gegen jenen “Haufen hirnverkrusteter Arschgeigen”, der bräsig und dienstleistungsbereit in den Redaktionen etablierter Zeitungen saß. Einige Beispiele:

Hauptstadt-Journalismus (HJ): “Dem Kandidaten Nixon werden gute Chancen eingeräumt, die kommenden Präsidentschaftwahlen zu gewinnen.”
Gonzo-Journalismus (GJ): “Und so blieb nur noch Nixon übrig; dieser aufgeblasene, künstliche kleine Furz, der demnächst unser Präsident sein würde”.

HJ: “Die Gegner des Sheriffs luden die Journalisten zu einer Pressekonferenz ein.”
GJ: “Zum Teufel, die einzige Weise, wie wir diese Hundesöhne dazu bekommen konnten, uns zuzuhören, ist, drüben in West Hollywood oder sonst an einem anderen scheiß Ort irgend ‘ne schnieke Hotellobby zu mieten – wo die sich dann wohlfühlen können – und dort unsere Pressekonferenz abzuhalten. Mit gratis Kaffee und Häppchen für die Presse. Aber auch dann noch kommt die Hälfte der Arschgesichter nicht, weil wir ihnen keinen Schnaps umsonst kredenzen.”

HJ: “Der anerkannte Drogen-Experte Professor Bloomquist wies auf die Flashback-Problematik bei Konsumenten hin.”
GJ: “Dr. Bloomquists Buch ist ein Kompendium staatlich geprüfter Affenscheiße. Bloomquist schreibt wie jemand, der mal Tim Leary in der Uni-Mensa getroffen hat und für alle Drinks bezahlen durfte.”

Tscha, die beiden verfeindeten Gruppen verwendeten damals auch zwei unterschiedliche Sprachen. Das klang dann doch irgendwie anders als bspw. heutzutage Ken ‘As Catch Can’ Jebsen, als der Alfkotte oder jemand von den anderen Media-Mainstream-Gegnern dieser vom ersten Tag an abgetakelten Generation, die, statt des Wortes als Waffe, die Lüge und das Verschweigen als Waffen zu nutzen gelernt haben – und das in exakt der gleichen Sprache wie ihr angeblicher Gegner. Was damals ein Klarstellen war, ist heute ein Übertölpeln: Man hüllt die dollsten Behauptungen in die Sprache eines vorgeblich ‘objektiven Journalismus’.

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