Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Headline (Seite 1 von 4)

Selbstmörderische Headlines

Suizid ist bekanntlich gleichbedeutend mit Selbstmord. Es geht also nicht darum, anderen an den Kragen zu gehen. Wenn daher alle Atheisten sich jetzt selbst umbringen wollten, dann könnte dies unserem pius-gebenedeiten Sprachrohr der Ultraorthodoxie aus dem eher randständigen Katholikenmilieu doch nur recht sein. Oder kann dieser Alexander Kissler einfach nur keine Headlines verfassen?

“Atheisten rüsten zum Suizid.”

Zitat und Headline

In Odessa konnten wir durchhalten und uns verteidigen, weil Stadtbewohner uns halfen, als eine friedliche proukrainische Demonstration überfallen worden war. Wir konnten auch administrative Gebäude schützen“, sagte Timoschenko am Samstag nach Angaben ihrer Vaterlandspartei.’

So weit, so gut, so unbestritten: Die Fans zweier Fußballvereine aus Odessa unterstützten die proukrainischen Demonstranten während des plötzlichen Angriffs angereister und rotbebänderter Camouflage-Figuren. Ich bin bestimmt kein Freund dieser rachsüchtigen Ikone mit der Brezelfrisur. Das wörtliche Zitat im O-Ton habe ich deshalb sogar einem russischen Propagandamedium entnommen, damit niemand gleich wieder vom ‘westlichen Mainstream’ rumkrakeelt. Was aber macht die ‘Stimme Russlands’ daraus:

“Timoschenko: Verbrennung in Odessa war Schutz von Verwaltungsgebäuden.”

Verdrehter geht’s eben immer. Im Kern war diese ‘Verbrennung’ – eher vor allem eine Kohlenmonoxid-Vergiftung durch Schwelbrände – die Folge eines kompletten Odessaer Polizeiversagens, ein Desaster mit Ansage. Nachdem die eingesickerten ‘grünen Männchen’ (laut ersten Vernehmungen kamen sie vor allem aus Russland und Transnistrien) einige proukrainische Demonstranten feige erschossen (die Quellen sprechen derzeit von vier), mussten die debilen örtlichen Wachtmeister einfach mit Vergeltungsmaßnahmen aus dieser Menge heraus rechnen, spätestens, nachdem sie einen der Todesschützen mit Mühe und Not vor der aufgebrachten Menge retten konnten (s. die Belege im Beitrag ‘Nun ist wohl Bürgerkrieg’ weiter unten). Eine Untätigkeit, die dann folgerichtig in einer Katastrophe endete, weil die ‘Ordnungskräfte’ weiterhin das Zuschauen als ihre Pflicht betrachteten, während beide Seiten sich vor dem Gewerkschaftshaus ungestört mit Molotov-Cocktails und Steinen bewarfen – die Polizei aber handelte nach dem Motto: ‘Dass wir Polizeiaufgaben wahrnehmen müssen, hat uns bei der Einstellung niemand gesagt’. Und nun stehen sie schon wieder daneben, während Putins ‘Colorados’ versuchen, ihre Inhaftierten freizupressen, wohl, damit diese nicht am Ende gar ‘auspacken’ …

Die russischen Medien aber schrecken vor keinem Bullshit mehr zurück:

“As southeast Ukraine descends further into violence and anarchy, Donetsk Oblast is swirling with frightening rumours apparently intended to keep the population in a state of panic and rage. Among them: the water supply has been poisoned; the Kyiv government and the European Union are building concentration camps for their opponents; the woods are full of far-right killers and provocateurs, and the May 9 Victory Day holiday has been cancelled.”

Klar – und unsere Madame Mim soll dann vermutlich KZ-Aufseherin werden … wer will, darf übrigens den folgenden Artkel lesen und sich über den Unterschied zwischen einer halbwegs freien ukrainischen Presse, welche die Schuldfrage fair beleuchtet, und einer unfreien russischen Presse, die immer schon das ideologische Ergebnis kennt, bevor sie Ereignisse zur Kenntnis nimmt, ruhig mal ein paar Gedanken machen:

“What really happened in Odessa.”

Wenn man diesen verwirrten Separatisten glauben darf, dann regieren in Kiew die ‘Faschisten’, und diese Faschisten wiederum, das sind, wie doch jedes Kind weiß, “Juden und Handlanger der Amerikaner” … Antisemitischer Antifaschismus, blöder geht’s eigentlich kaum. Und auch die artifizielle und wortklauberische Aufregung um die Bezeichnung ‘OSZE-Beobachter’ in den Foren erschließt sich mir nicht, wo doch sogar die russische Nachrichtenagentur ITAR-TASS diesen Sprachgebrauch verwendet – aber vermutlich bin ich ja bloß doof: “OSCE observers released by Sloviansk policemen testament to their courage.”

Ein weiteres Eigentor hat die russische Mannschaft jetzt in der Nachspielzeit gelandet:

“Putins Menschenrechtsberater bestätigen die Zweifel [an der Wahl auf der Krim] nun: Für die Stadt Sewastopol führen sie in ihrem Report aus: “Nach unterschiedlichen Angaben haben 50 bis 60 Prozent der Abstimmenden für den Anschluss gestimmt, bei einer Wahlbeteiligung von 30 bis 50 Prozent.”

Ja, hat denn der russische Präsident die eigenen Leute nicht besser im Griff? Was soll das Ausland denken? So etwas demotiviert doch auch das unermüdliche Kommentariat …

Shreddline des Tages

Freie Menschen müssen freie Märkte nicht fürchten.”

Schon recht, mein Pumuckl … mal abgesehen davon, dass die Freiheit der Menschen in dieser Welt erst bei einem Vermögen von einigen Milliönchen beginnt, und die freien Märkte wiederum nur ein Spleen im Hirn wohlbezahlter Wirtschaftsprofessoren sind …

Aufscheuchen

Neue Stromtrassen sollen zu Massenenteignungen führen.”

Ha – der Sozialismus marschiert! Davon jedenfalls schreibt uns der ‘Focus’ in seinem jüngsten Oeuvre. Wer in dem Text dann nach einem Beleg für diese wahrhaft kühne Headline sucht, der findet darin einzig und allein diesen Satz:

“Enteignungen sind damit gegen eine Entschädigung in Geld möglich.”

Und zwar seit eh und je … eine wahrhaft umfassende Recherche! Sie erinnert mich an die Damenmode auf den Derby-Wochenenden in Baden-Baden, wo auch ein ganz kleiner Kopf einen riesigen Hut balancieren muss. Nun ja, es ist halt Wahlkampf dort in Bayern, wo sich der Sankt-Horschtl ganz allein gegen die vermaledeiten Netzausbaupläne stemmt …

Schöne Headlines

Justizminister Maas will Mord und Totschlag reformieren.”

Ab sofort nur noch anästhesiert und mit sterilen Handschuhen …

That’s Journalism!

Spiegel Online präsentiert diesen Sachverhalt mit der Schlagzeile ‘Erwärmung der Luft pausiert seit 16 Jahren’. Die Überschrift der NASA-Pressemitteilung ‘NASA Finds 2013 Sustained Long-Term Climate Warming Trend’ wird damit komplett auf den Kopf gestellt.”

Nun ja, für eine gute Headline verlassen sie gern mal den Pfad der Vernunft. Und dann wundern sie sich über das Kommentariat, das bei ihnen aufläuft …

Headlines basteln

Schumi

Mit satten zehn Artikeln beutet Focus-Online derzeit den Unfall des steuerflüchtigen Ski-Rasers auf der Frontseite aus. Was mich bei diesem redaktionellen Overkill am meisten stört, ist allerdings der passivische Gebrauch des Partizip Perfekt in der zentralen Headline: Irgendeine unbekannte Macht soll also den Mann ‘geschleudert’ und ‘gestürzt’ haben – und wäre es nur das Schicksal gewesen. Um das hier mal klarzustellen – die Ikone aller Ferraristas ‘schleuderte’ sich selbst in die Luft – unter Anwendung der Gesetze von Flieh- und Schwerkraft. Und er ‘stürzte’ dann blöderweise auf einen Felsen. Ich vermute Selbstüberschätzung als Ursache. Vielleicht wollte er auch gerade eine SMS verschicken. Eine ‘dritte Gewalt’ aber war nirgends im Spiel. Wenn schon, dann also: “Schumacher flog durch die Luft und stürzte kopfüber auf einen Felsen“.

Headline-Design

AfD steht in Hessen ohne Verstand da
Goggos im Rampenlicht
Kapitalismus kriegt uns alle dran
Nun müssen die Bluffs ran
AfD-Parteitag endet im Salat
“Enteichelung der Sparer” – Die Panik der Vermögenden
Wie Schwarz-Rot die Zukunft umspielt

Vielleicht ist doch Zeit für eine neue Lesebrille …

Unvorstellbarkeit

Ein Flügel, der sich gegen etwas stemmt – na, ich weiß ja nicht. Da bricht doch im Nu die stolzeste Schwungfeder:

“Wirtschaftsflügel der Union stemmt sich gegen Mindestlohn.”

Metaphorisch schon eher möglich wären die folgenden Varianten:

“Wirtschaftsflügel flattern wie wild beim Thema Mindestlohn.”
“Auch der Mindestlohn soll gefälligst fliegen, sagt der Wirtschaftsflügel.”
“Mindestlohn gibt Wirtschaftsflügeln Auftrieb.”

Irreführende Headline

Der Privatpatient verkäme zur ‘Melkkuh des Systems’, schreibt Frank Stocker in einem Beitrag für die ‘Welt’. Jeder Arglose glaubt daraufhin, dass da wohl unser Gesundheitssystem gemeint sei, und er spitzt sich auf einen der üblichen Springer’schen Lobby-Artikel für die renditefrohe Versicherungswirtschaft. Doch weit gefehlt.

Bei der weiteren Lektüre wird schnell klar, dass keineswegs das allgemeine ‘System’ unserer Krankheitsvorsorge gemeint ist. Der Verfasser möchte sogar nichts lieber, als in dieses ‘System’ für Krethi und Plethi zurück. Er meint einzig und allein die Sonderwirtschaftszone unserer Privatwirtschaft, die im Gesundheitssystem schlicht wie ein Fremdkörper wirkt – nämlich dysfunktional. So, wie der Krebs ja auch nicht zum funktionierenden ‘System’ unserer Körperfunktionen gehört. Wer also glaubt, dass irgendetwas billiger würde, wenn auf die Krankheits- und Verwaltungskosten auch noch satte Renditeerwartungen, überhöhte Arztrechnungen und feiste Vorstandsgehälter draufgeschlagen würden, der glaubt auch, dass der Mond aus Holländer Käse besteht, und er muss sich eben Milchmädchen schimpfen lassen. Bleibt nach der Lektüre der alte Schluss: Privat kann alles besser – aber am allerbesten ohne uns:

“Der privat Krankenversicherte ist hilflos den Beitragsexplosionen ausgesetzt, kämpft gegen dubiose Therapieangebote und horrende Rechnungen.”

Ja, man muss ja auch nicht alles glauben, was in den bunten Prospekten steht. Warum ist der Verfasser zu den Abzockern gewechselt? Wenn ich eine Diebstahlsversicherung will, wende ich mich ja auch nicht an die Mafia …

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