If your memory serves you well ...

Schlagwort: Handlung

Handlung maßlos überschätzt!

Du weißt gar nicht, wat ich allet erlebt habe“, sagte die Frau meines Cousins oft zu mir, „wenn ich dat allet mal aufschreiben würde, woll, dann wär’ dat’n dicket, spannendes Buch“. Ähnlich wie sie überschätzen viele, die nie geschrieben haben, die Macht der realen Ereignisse und der ablaufenden Handlung. Das äußere Erlebnis oder das Geschehen ist noch längst keine Literatur, eine Erzählung ist keine Nacherzählung.

Im Kern lässt sich erzählende Literatur in zwei Kategorien teilen. 1. In solche, die vor allem oder allein Wert auf die Handlung legt: Von Jerry Cotton über Karl May und Tolkien bis hin zu Rosamunde Pilcher. 2. Und in solche, die vor allem die innere Entwicklung (oder die Nichtentwicklung) einer oder mehrerer Personen ins Zentrum stellt. Darauf aufbauend könnte man auch flapsig eine soziologische Theorie der Literatur formulieren – mit dem Kernsatz: “Handlung ist für Doofe“. Obwohl es natürlich Zwischenformen gibt wie bspw. Henning Mankell, der bei aller Handlung dem Innenleben seines Kommissars Wallander großen Raum gibt, was dann zusammen mit den blutigen Schnetzelarien den besonderen Reiz und Erfolg dieser Krimis ausmacht.

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Der Küchenchef empfiehlt:

"Was der Pfarrer tief unten balberte, das meinte ich auch, nur hoch oben."

Der empörte Leser klappt das Buch zu, und das dicht vor der Stelle, die den Doktor Torggler wieder auf den Plan führt, den endgültig verlassen zu haben man uns im Verdacht gehabt hat” – dieses Buch steckt ebenso absichts- wie randvoll mit Digressionen oder Abschweifungen, die den Leser immer mehr verwirren, bis er seine gewohnten Leseerwartungen endlich aufgibt. Seine Empörung über das ‘Nicht-zu-Potte-kommen’ des Textes wird vom Autor immer mitgedacht, am Ende ist der Leser noch so schlau wie zu Beginn, dafür aber wortreicher. Für ihn war auf dieser Langstrecke eine Handlung noch nicht einmal in Ansätzen zu erkennen; auf den 820 Seiten geht’s auch kein Stück mit der Entwicklung einer Romanfigur voran – und trotzdem ist es ein großartiges Buch, voller Sprachwitz und voller opulenter Satzgirlanden, so wie es der Maler und Erfinder des ‘Phantastischen Realismus’ Albert Paris Gütersloh im Jahr 1962 beabsichtigt hat.

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