If your memory serves you well ...

Schlagwort: H. L. Mencken

Nostalgie

Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich.” H. L. Mencken, Werke II, 215

Wo bleibt das Positive?

Diese Frage stellte mir ganz ernsthaft ein Leser in seiner E-Mail. Beschäftigen wir uns also mit der Frage, wie erfolgreicher Journalismus heutzutage aussehen könnte, wenn das Mittelmaß ihm nicht allüberall im Wege stünde. Da Beispiele deutlicher zeichnen als lange abstrakte Texte, greifen ich schlicht einen der erfolgreichsten Zeitungsschreiber der Neuzeit heraus: H. L. Mencken galt zu seiner Zeit als Leuchte Amerikas. Neben Charlie Chaplin und Rudolph Valentino zählten ihn Umfragen zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den USA. Der erste “Starjournalist” konnte mit jeder Kolumne eine beliebige Zeitung auf ungeahnte Auflagenhöhen treiben. Sein Nachlass im Mencken-Archiv von Baltimore zählt zu den Kronjuwelen der amerikanischen Geistesgeschichte. Wie aber klang das, was in seinen Kolumnen stand:

“[Die Amerikaner]”, schrieb er, “[seien die] ängstlichste, bornierteste, schäbigste Meute von Domestiken und Muschkoten, die sich je unter einer Fahne in der Christenheit seit dem Mittelalter zusammengerottet hat.” Auch der glorifizierte amerikanische Pioniergeist sei ein blanker Mythos: “In Wirklichkeit sind die meisten Immigranten vor und nach der Revolution Gedümpelte und Behinderte gewesen, halb verhungerte Iren, Deutsche, die mit der Restauration nicht fertig wurden, Italiener, die wie Unkraut auf verdorrtem Boden wuchsen, knochige, hirnlose Skandinavier, inkompetente Juden, die nicht einmal die Bauern in Rußland, Polen oder Rumänien übers Ohr hauen konnten”.

Ganz klar, hier schmeichelt niemand seiner Leserschaft und deren Überzeugungen. Im Gegenteil – Mencken tritt systematisch alles in den Dreck, was seinem Publikum heilig ist – er trampelt auf den Stars and Stripes herum. Aber er hat zugleich auch gute Argumente für seine Publikumsbeschimpfung – und er verfügt als Sprachgewaltiger zugleich über so viel ehrverletzende Adjektive, dass unserem Wolf Schneider wohl umgehend übel würde. Ein weiteres Beispiel blühender Meinungsfreude:

“[Politiker] verfolgen im Leben nur ein einziges Ziel: so wenig ehrliche Arbeit zu leisten wie möglich, und dafür möglichst viel Gewinn zu machen, sei es in Form von Geld, Macht oder bloßem Ruhm. Da der typische Politiker nicht nur ein Schurke, sondern auch ein Esel ist, legt er sehr großen Wert auf jene kindische Form von Bekanntheit und Speichelleckerei, der vernünftige Menschen aus dem Weg zu gehen trachten”.

Wobei anzumerken ist, dass Mencken diesen Typus aus nächster Nähe kannte. Sein Bekanntenkreis umfasste alle führenden Figuren aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die Granden beugten sich demütig vor seiner Sprache. Über seine Kollegen machte sich Mencken allerdings wenig Illusionen, und wenn er gerade in Schwung war, haute er auch mal beide zusammen in die Pfanne:

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Berufsbild Opposition

Was für uns während der Weimarer Republik Tucholsky oder Kisch waren, dass war zu jener Zeit für die Amerikaner H. L. Mencken, der Publizist des Jazz-Zeitalters. Ein Mann, dem nicht nur die erste linguistische Bestandsaufnahme der ‘amerikanischen Sprache’ gelang, sondern der auch als Texter wie als Herausgeber die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten tiefgreifend prägte. In seinen Tagebüchern gibt er – angewidert von der ‘Kapitulation’ der amerikanischen Presse vor Roosevelt’s New Deal und der Kriegszensur – eine Definition der journalistischen Aufgabe, die bis heute Gültigkeit haben könnte, nur leider nicht hat. Eine Zeitung habe den Regierenden, egal von welcher Partei, vor allem Paroli zu bieten und dem ‘common sense’ Gehör zu verschaffen:

“Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich. … In Raucherabteilen und Friseurläden hört man vernünftigere Ansichten als in den Leitartikeln einer angeblich abgeklärten, intelligenten und integren Zeitung. Das dürfte sich als schlechte Taktik erweisen.” (H. L. Mencken, Werke 2, S. 215)

Womit wir umstandslos beim heutigen journalistischen Jubelpersertum und bei einer historischen Ursache der derzeitigen ‘Medienkrise’ angelangt wären …

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