If your memory serves you well ...

Schlagwort: Füllwörter

Die Füllwort-Queen

Kaum jemand verstreut so verschwenderisch Füllwörter zwischen den Zeilen, wie die Jennifer Nathalie Pyka. Dadurch gewinnen ihre Texte jenen unwiderstehlich verschwurbelten Charme eines Smalltalks am Pool im Barbie-Haus, den sie zu ihrem Markenzeichen machte. Hier ein Satz als Beispiel für das Verunklaren alles Klaren durch unaufhörliches Pseudo-Präzisieren und Pseudo-Einschränken. Ich entnahm ihn ihrem jüngsten Oeuvre, drüben beim ‘European’:

“Allmählich glaube ich ja, dass der immer komplexer werdende Alltag viele Menschen überfordert.”

Hier dasselbe mit gekennzeichneten Entbehrlichkeiten:

Allmählich glaube ich ja, dass der immer komplexer werdende Alltag viele Menschen überfordert.”

Tscha, mein Meinen ist mein Chateau Platitude – Hauptsache, die Aussage steht erst im Nebensatz. Hier das redigierte Resultat, wo ich mir die Mühe machte, das große Geschwurbel auf den Kern der Aussage einzudampfen:

“Der Alltag überfordert die Menschen.”

Schon wären wir im Reich unhaltbarer Behauptungen angekommen. Alle sind nämlich überfordert, außer Barbie:

“Also, weißt du, Ken, mir ist so langweilig. Selbst das Shoppen bringt mir keinen Spaß mehr. All die Labels und Etiketten – da blick’ ich gar nicht mehr durch. Ist doch eigentlich egal, was da drauf steht, der Fummel muss zu mir passen. Das ist doch schließlich die Hauptsache. Meinst du nicht auch? Der Handel wird doch wohl wissen, was er macht. Alle meine Freundinnen sagen das auch. Im übrigen, da bei Gucci, da habe ich gestern ein Kleid gesehen … och, Ken. Bitte bitte!”

Nebenbei: Füllwörter sind nicht grundsätzlich abzulehnen, ein Schreiber sollte sie kontrolliert einsetzen. ‘Aus den Synapsen frisch auf den Bildschirm’ ist sicherlich nicht der richtige Weg. Näheres hier …

Das entscheidende Wort

G“riechenland hat ein Problem mit seinen Eliten.”

So wird uns die Welt in der ‘Welt’-Headline erläutert, mit Anführungstüddelchen und allen Schikanen. Es handelt sich um eine wörtliche Aussage, meint der gewitzte Leser da doch sofort zu wissen. Das entscheidende Wörtchen aber haben die Schlaumeier aus der Welt-Redaktion eskamotiert. Wörtlich – und ausweislich des Textes weit, weit unten im Artikel – hat der Schäuble nämlich gesagt:

“Auch Griechenland hat ein Problem mit seinen Eliten.”

Dieses kleine Füllwort ‘auch’ verleiht der ganzen Aussage eine völlig neue Note: Griechenland steht auf einmal nicht mehr als Solitär am Pranger, sondern allenfalls als ein ‘primus inter pares’, als ein Land, das “wie andere auch” unter seinen korrupten und unverantwortlichen Eliten leidet. Fast könnten wir meinen, der Schäuble hätte sogar Deutschland ‘auch’ gemeint, so dass wir folglich ein generelles Elitenproblem hätten. Da aber sei die Welt-Headline-Redaktion davor, die das brave deutsche Volk vor solchen Konnotationen konsequent zu schützen weiß!

Kurzum: Wie so oft entscheiden die Füllwörter über den Sinn …

Bekanntlich!

Wer wollte da noch widersprechen? Bekanntlich ist das Wörtchen ‘bekanntlich’ das beliebteste unter allen Insinuitiva. Das sind jene Wörtchen, mit deren Hilfe ein gewiefter Journalist anderen etwas ‘einflüstern’ kann, ohne sich lange um plausible Argumentationsketten, harte  Informationen und anderen Trödel zu bekümmern. Was sie alle auch gern und ausgiebig tun:

“Und das, obwohl in Hollywood bekanntlich die Oberflächlichkeit regiert.” Und ich Dummerchen dachte immer, das sei ein Gouverneur, der in Kalifornien regiert …

“Madonna (53) die ja bekanntlich als „Queen of Pop“ gilt, scheute bei einem ihrer Konzerte in Istanbul nicht davor zurück, ihren blanken Busen zu enthüllen.” Okay, das wäre dann das Coming-out of Cellulitis – aber als ‘Queen of Pop’ gilt sie doch eh nur der Poppdschurnalistenfraktion …

“Highlights für alle Pferdesportfreunde, von denen es in der Region bekanntlich eine Vielzahl gibt.” Tscha, wer zählt die Narren, nennt die Namen …?

“Lehrer haben bekanntlich morgens Recht und mittags frei.” Sagen alle, außer den Lehrern …

“Prognosen sind ja bekanntlich schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.” Und ich prognostiziere jetzt mal ohne Schwierigkeiten, dass morgen die Sonne doch wieder aufgehen wird …

Wie wir sehen, zählt der verbale Stimmungsaufheller ‘bekanntlich’ zu den bewährten Abkürzungen im journalistischen Alltag. Jede weitere Recherche entfällt, sobald sein Martinshorn am Einsatzort ertönt. ‘Bekanntlich’ sind dann weder Zahlen, noch Daten, noch Fakten oder gar weitere Belege erforderlich, dort, wo der Texter dies Zauberwort spricht. Will er sein Nichtwissen betonen und unterstreichen, dann greift er zur Steigerungsform: Statt ‘bekanntlich’ heißt es dann ‘ja bekanntlich’ (s.o.) …

Ausgerechnet!

Vor allem wäre es ganz falsch, ausgerechnet Unternehmen und ihre Leistungsträger zur Kasse zu bitten, so [BDI-Präsident Hans-Peter] Keitel”. Wortwörtlich, einschließlich dieses sinnverwirrenden Füllworts, findet sich der Satz im heutigen Newsletter des Handelsblatts (leider nicht online).

Viel besser hingegen, folgere wiederum ich messerscharf aus den Windungen eines BDI-präsidial gewickelten Hirns, wäre es deshalb, lieber alle anderen Gruppen der Gesellschaft zu schröpfen, als ausgerechnet diejenigen, bei denen etwas zu holen wäre.

Diskurse beschneiden

Arnulf Baring, der in deutschen Talkshows längst Statler und Waldorf in Personalunion verkörpert, beherrscht jenes unauffällige Verfahren besonders gut, von dem hier die Rede sein soll. Ich meine damit nicht seine Unart, alle, die nicht seiner Meinung sind, als ‘Simpel’ auszuschreien, auch nicht seinen altersstarrsinnigen Hang zur überschnappenden Suada, die sich durch moderierende Intervention dann kaum mehr bremsen lässt – ich meine den diskreten Einsatz kleiner verbaler Stoßtrupps, die ebenso unauffällig wie wirksam sind.

Deutschland sei nun mal eine Exportnation“, verkündete Arnulf Baring jüngst bei Anne Will, als es um den Export von 200 Kampfpanzern nach Saudi-Arabien ging. Dieses Hilfswortgeschwader “nun mal” zeigte dem kommenden Diskurs gleich mal seine Grenzen auf, indem es eine argumentative Fragwürdigkeit als Banalität drapierte, als etwas, was doch jedes Kind weiß.

Gerade, weil diese beiden Wörtchen so unscheinbar sind, setzte sich in der Folge auch niemand mehr über die gezogene Linie hinweg. In der Realität aber ist dieses Pseudo-Argument einer behaupteten Faktizität völlig sinnfrei, denn mit dem Hinweis darauf, dass Deutschland “nun mal” Exportnation sei, ließen sich ebenso Menschenhandel, Opiumexport oder Giftgasschiebereien rechtfertigen. Arnulf Baring aber hatte sein Beinchen gehoben, niemand mochte an dem Pfosten mehr riechen – und so überschritt auch kein Diskursteilnehmer mehr die Grenzen des markierten Reviers: Das Betreten der Rasenfläche war verboten.

In die gleiche Kategorie fällt bei Baring der Einsatz des Beiworts “eben”. Das Marktgeschehen sei “eben keine moralische Verstaltung” durften wir von ihm lernen. Prompt waren wiederum erfolgreich alle ethischen Kategorien aus der Diskussion eliminiert, selbst wenn der Todenhöfer noch ein wenig wider den Stachel löckte.

Auch diese sinnfreie Äußerung eines rabiat-konservativen Geschichtsprofessors fällt – schauen wir bloß mal genauer hin – in das Genre interessierten Geschwurbels zu Zwecken der Diskursabwehr. Schon der Blick auf die übliche Praxis großer Unternehmen zeigt, dass die Moral sehr wohl mitten in der Wirtschaft angekommen ist. Millionenausgaben für Programme der ‘Corporate Identity’, des ‘Corporate Behavior’ oder der ‘Corporate Governance’ wären ohne die grundlegende Gewissheit, dass auch die Ethik ein Produktionsfaktor sei, schlicht nur hinausgeschmissenes Geld. Barings selbstgewisses “eben” platzt wiederum wie eine Seifenblase, wenn man es auf Logik und Realitätstauglichkeit prüft.

Erstaunlich finde ich aber diese diskursive Wirksamkeit kleiner Füllwörter, die ein Wolf Schneider aus irgendwelchen Gründen für völlig entbehrlich hält. Vermutlich, weil rhetorische Verfahren “nun mal” nicht zur Methodik des Journalismus zu zählen seien, sie wären “eben” kein Bestandteil rationaler Informationsvermittlung …

Nutzen der Füllwörter

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ‘schwammigste’ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009“. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie” …

Wehleidigkeit …

… Weinerlichkeit und Wagalaweia. Diesen jungen Mann hat’s jedenfalls lebensperspektivisch schwer erwischt, und dann versucht er auch noch, seine innere Landschaft mit Worten zu beschreiben, die gar nicht ‘wirklich’ als die seinen erscheinen. Jedenfalls scheppert es mir höchst klöterig in den Ohren. Als hätte er – – – *Achtung, Vorurteilsalarm!* – – –  (mindestens) eine (ältere) Psychologin zur Freundin, die ihn mit ihrem Soziolekt bis zum Eichstrich abgefüllt hat, ohne dass der dermaßen Hirnverstopfte diesen Gallimatthias an Vokabular bisher so recht verdauen durfte. Um einen solchen gefühlsbürokratisch vorgetragenen Psycho-Sound depressiver Verstimmung für eine spätere Verwurstung in irgendeiner ‘hard luck story’ reproduzierbar zu machen, habe ich die Schlüsselwörter einfach mal farbig gekennzeichnet:

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