If your memory serves you well ...

Schlagwort: Frankfurter Rundschau

Hypa-Hypa-Journalismus

Wir erinnern uns: Als hier ein Orkan mit 160 Kilometern in der Stunde über Schleswig-Holstein hinwegfegte, da blieb kaum ein Dach gedeckt. Die Philippinen trifft derzeit eine weitaus größere Katastrophe. Durchaus zutreffend und auf seriöse Quellen gestützt konstatiert die ‘Frankfurter Rundschau’ dies:

“Die Spitzenwindgeschwindigkeiten von „Haiyan“ liegen nach Angaben des philippinischen Wetterdienstes bei 275 Kilometern in der Stunde, weit über der Schwelle zur gefährlichsten Taifun-Kategorie.”

So weit, so gut, Quelle benannt. Jetzt aber kommt die Stunde des Boulevards. “Taifun “Haiyan” ist der Supersturm der Moderne”, weiß die ‘Welt’ uns zu berichten. Ich sehe die Redaktion förmlich vor mir, wie sie vier Stunden unverdrossen an dieser Zeile bosselte, obwohl wir doch sogar die Postmoderne schon weit hinter uns ließen. Die Fakten wachsen derweil im 100-Kilometer-Takt:

“Mit seinen extremen Windböen von bis zu 379 km/h zählt der auf den Philippinen wütende Taifun “Haiyan” zu den vier stärksten jemals gemessenen Wirbelstürmen der Welt. Es herrscht Chaos.”

Tscha – ‘von bis zu’, jene Formel, an der sich superlativisch gestimmte Journalisten weltweit erkennen. Wer aber eine Quelle für diesen erstaunlichen Zuwachs erwartet, guckt in die Röhre, vermutlich war’s ja auch nur Jeff Masters’ so treffend betitelter Wunder-Blog. Den Vogel aber in der nach oben offenen Boulevard-Skala schießt derzeit Markworts faktentreuer ‘Focus’ ab:

„Haiynan“ wirbelt mit Spitzengeschwindigkeiten von knapp 400 Kilometern in der Stunde – und hat bereits mehrere Todesopfer gefordert.”

Quelle vermutlich wiederum die ‘Welt’. So schlösse sich der Kreis der Selbstreferentialität. Immerhin: 125 Kilometer Zuwachs beim Swatchen durch nur drei Qualitätsmedien – das ist fast schon ein deutscher Rekord. Welche Rolle spielen da schon die Experten vor Ort?

“Lokale Meteorologen gaben allerdings weniger hohe Werte an und nannten als Windgeschwindigkeit beim Auftreffen an Land 235 Kilometer pro Stunde, in Böen 275.”

Das eben ist der Fluch der höheren Zahl … sie fördert den olympischen Gedanken in diesem Überbietungswettbewerb namens Journalismus. Bei solchen Ereignissen muss dann der Reporter ran, der mit ausgestrecktem Mittelfinger die Windgeschwindigkeit ganz intuitiv erfassen kann:

“Bei solchen Geschwindigkeiten sind die meisten Messinstrumente nicht mehr zuverlässig oder fallen aus.”

Keine Antwort ist auch eine

Es ist die Zeit der markigen Worte, seit die ‘Frankfurter Rundschau’ und die ‘Financial Times Deutschland’ vor Kap Hoorn gesunken sind. Alte Fahrensleute stellen sich in den Bug ihrer lecken Schiffe und bellen dem aufziehenden Sturm ins Gesicht. So geschieht’s auch in der NZZ, wo bekanntlich die Jungs mit den Excel-Tabellen jüngst ebenfalls die Brücke übernehmen mussten:

“Die Presse ist weiterhin ein gewichtiger Wirtschaftssektor, der milliardenschwere Einnahmen generiert. Sie steht aber zweifellos vor gewaltigen Herausforderungen. Weittragende Antworten hat sie noch nicht gefunden. Eine Debatte über den Untergang der Presse ist überflüssig; auch das Gedruckte hat eine Zukunft. Diskutieren muss man vielmehr darüber, wie es der Medienbranche langfristig gelingen kann, der Gesellschaft auf freiheitliche Weise Hintergrund-informationen bereitzustellen, die den Kriterien der Vielfalt, Relevanz und der Qualität genügen.”

Rainer Stadler ist es, Medienjournalist bei der NZZ, der hier in solchen Somnambulismus verfiel, und traumwandlerisch aus blanken Paradoxien Wolkenkuckucksheime baut: Antworten seien bisher zwar nicht gefunden, gerade deswegen aber sei jede Debatte überflüssig wie ein Kropf. Das Gedruckte habe nun mal eine Zukunft. Basta! Solange das Produkt nur ‘freiheitlich’ sei, also nicht etwa dem bösen Staat in die Hände falle – und die Papierfabriken sagen das auch. Ja, denn … gute Fahrt! Und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

Der Eiertanz

In meiner Sturm-und-Drang-Zeit war die ‘Frankfurter Rundschau’ die Stimme der Bedächtigen im linksliberalen Lager. Gegen Brokdorf zu demonstrieren, das sei im Prinzip schon in Ordnung, aber müssten einige Hitzköpfe sich immer gleich verweigern, wenn die Polizei befiehlt, die Versammlung termingemäß aufzulösen? So etwas würfe doch ein schädliches Licht auf die Anliegen der Bewegung. Besser wäre es allemal, in einen ‘Diskurs’ einzutreten, außerdem sei Tränengas nicht gut für die Augen. Die ‘Frankfurter Rundschau’ sah sich als Stimme der allgemeinen Vernunft, die allemal diejenige der Sozialdemokratie war, sie steckte morgens im Briefkasten jedes besseren Lehrerhaushaltes, und predigte unentwegt vom weichen Wasser, das den härtesten Stein zu schleifen vermöge. Wir anderen dagegen lasen Graswurzelmedien aus der Anti-AKW-Bewegung, schrieben für die taz, die damals gerade entstand, und gaben jedem Widerstand gegen die Atomlobby in Politik und Wirtschaft solange keine Chance, wie der den Gegner nichts kostete.

Heute ist die ‘Frankfurter Rundschau’ – und damit auch der unverbindlich-linksliberale Kukident-Kritizismus – wirtschaftlich schwer derangiert, ein Prozess, der sich quälend über Jahre hinzog. Es ist nicht nur der Verlust von Stellenanzeigen, von Wohnungs- und Gebrauchtwagenmarkt, auch ideologisch dupliziert sich gewissermaßen das Elend der allgemeinen sozialdemokratischen Desorientierung hier auf publizistischem Gebiet.

Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenden sich die Herausgeber in einem großen Artikel an das werte Publikum. Stilistisch lässt sich hieran das Dilemma der ‘Frankfurter Rundschau’ festmachen. Wieder wird in bester linksliberaler Manier besänftigt, beschönigt und gerade gestrickt, bis von einem Scheitern nichts mehr zu lesen ist. Selbstkritik sieht anders aus. Ich versuche deshalb, das große Eiapopeia durch eine Binnenkommentierung dieses Textes deutlich zu machen:

Drastische Verluste des Verlags der Frankfurter Rundschau bei Anzeigengeschäft und Erlösen im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise [ah, ja, der beliebte Popanz der Finanzkrise – ist’s nicht vielmehr eine Medienkrise?] zwingen Gesellschafter, Verlagsgeschäftsführung und Chefredaktion zu Veränderungen in der Produktion der Zeitung. Unser oberstes Ziel [es gibt also noch weitere] ist es, die Rundschau als wichtige publizistische Stimme zu erhalten und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, trotz wirtschaftlicher Zwänge auch weiterhin [wenn ich “trotz” in Verbindung mit “auch weiterhin” höre, schließe ich messerscharf auf ein waschechtes Paradox] täglich ein hochwertiges redaktionelles Angebot machen zu können. Dazu haben wir intensiv [Synonym für ‘vergeblich’] nach Wegen gesucht und glauben [wissen es aber nicht], dass wir die Frankfurter Rundschau im Verbund mit den anderen Zeitungstiteln der Mediengruppe M. DuMont Schauberg in eine Zukunft [‘Zukunft’ kommt immer gut] führen können, die neben dem hohen publizistischen Anspruch auch wirtschaftliche Stabilität garantiert [eine eierlegende Wollmilchsau zeugt]. … Der Anspruch wird sein, aus einer gemeinsamen Redaktion zwei Zeitungen mit je eigener Gestalt zu produzieren: die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung [nur wo BZ draufsteht ist auch FR drin!]. Es geht um größtmögliche [faktisch geringe] Eigenständigkeit der Titel bei gleichzeitiger Bündelung der Kräfte [publizistischer Volkssturm]. … Korrespondenten der Ressorts Wirtschaft, Sport und Feuilleton werden weiterhin in Frankfurt arbeiten [jene Ressorts also, für die ‘Regionalität’ eher verzichtbar ist]. Überdies werden ausgewiesene Autoren [also Journalisten in Altersteilzeit], die für thematische Schwerpunkte der Frankfurter Rundschau stehen [wer steht, bewegt sich nicht] und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser [liebe Gemeinde!], vertraut sind, an die Zeitung gebunden und für Sie tätig bleiben. Die Bereiche Digital sowie die Berichterstattung aus der Stadt Frankfurt und der Region sind entscheidend für die Zukunft der Zeitung. Das iPad-Angebot mit der App der Frankfurter Rundschau ist ein voller Erfolg [nanu?]. Der Markt dafür steckt aber in den Kinderschuhen [ach so!], so dass sich hier derzeit noch nicht [‘hier derzeit noch nicht’, Prinzip Hoffnung in Füllwortgestalt – frei nach Ernst Bloch] die Erlöse erzielen lassen, die der Verlag auf den klassischen Printmärkten eingebüßt hat. … Wir sind aber auch zu der schmerzlichen Erkenntnis [aua!] gelangt, dass die Zukunft der Frankfurter Rundschau nicht ohne den Verlust von Arbeitsplätzen zu sichern ist. In der alten Struktur müssen 88 Arbeitsplätze abgebaut werden. Da mit der Umstrukturierung des Druck- und Verlagshauses aber auch neue Arbeitsplätze entstehen, müssen wir von einem bereinigten Verlust [eine saubere Lösung also] von etwa 44 Stellen ausgehen. Wir wissen um die Härten für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Wir werden alles daransetzen, diese Härten zu mildern und sozial abzufedern [‘wissen um’, ‘alles daransetzen’ – konkrete, geldwerte Zusagen klingen irgendwie anders]. … Die Entscheidung für diesen Weg, so unumgänglich er ist, ist uns sehr schwergefallen [ein wenig tun wir uns dabei auch selber leid]. Gerade weil wir erleben, mit welchem Einsatz, welcher Professionalität und Leidenschaft [besser: Leidensbereitschaft] die Redaktion für Sie [und nur für Sie!] jeden Tag eine profilierte und vielfältige Zeitung erstellt. An diesem Anspruch halten wir gemeinsam mit der Redaktion fest [auch wenn die Fakten dem zu widersprechen scheinen]. Joachim Frank und Rouven Schellenberger, Chefredakteure, Karlheinz Kroke, Geschäftsführer

Klaus Kocks – der Mythenmetz

Klaus Kocks ist Meinungsforscher, er tritt also mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf. Die Fakten, die er anführt, sollten daher also u.a. ‘verifizierbar’ und auch ‘relevant’ für ein Thema sein. In der Frankfurter Rundschau beschäftigt er sich mit dem ‘Aufstieg’ der Piratenpartei, indem er diese kleine Zwei-Prozentler-Partei zur fundamentalen Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft emporjazzt. Sprachlich ist es recht interessant, was er (sich) dort leistet, wobei ich natürlich verstehen kann, dass auch der eigene Beruf des Meinungsforschers im Kern bedroht ist, wenn die assistierende Industrie der Meinungsmacher zunehmend an Relevanz verliert. Mit anderen Worten: Kocks argumentiert pro domo, was ja völlig legitim ist, sofern er dabei nicht auf höheren Blödsinn verfällt.

Weiterlesen

© 2021 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑