If your memory serves you well ...

Schlagwort: Feuilleton (Seite 1 von 3)

Hättest du geschwiegen …

Mein Lieblings-Intelligenzler im geradezu alpinen Feuilleton-Gebirge deutscher Hochkultur, der Wolfgang Bok also, schrieb uns im ‘Cicero’, diesem ebenso avantgardistischen wie frechen Magazin für gehobene Ansprüche, folgendes aufs Brötchen:

“In seinen „Moralischen Schriften“ listet Umberto Eco insgesamt 14 Merkmale des Faschismus auf, die weitgehend auf Putins Herrschaftsgebaren zutreffen … Der Faschismus lebe, so der italienische Literat („Momo“) und Philosoph, „von der Obsession, die anderen hätten sich gegen ihn verschworen“.

Auch Johann Wolfgang von Goethe schrieb bereits in einem seiner Hauptwerke (“Durchs wilde Kurdistan”): “Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär’, so irrt sich der”.

Selber doof

Die ‘Zeit’, selbsternannter Hort der Bildung in diesem Land, hat ein literaturwissenschaftliches Quiz auf seine Homepage gestellt. Eine der Fragen dort lautet:

“Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?”

Die möglichen Multiple-Choice-Antworten lauten: a) Goethe, b) der Erlkönig c) deine Mudder. Fakt aber ist, dass in Goethes Gedicht allenfalls ‘der Vater mit seinem Kind’ dort durch die Nacht reitet, jede mögliche Antwort ist also falsch. Die angeblich richtige Antwort dort – ‘der Erlkönig’ – die zeigt uns also nur, dass hier ein Schreiber selbst keine Ahnung hat von dem, was er schreibt – es ist blankes Feuilleton, also gar nicht erst ernst zu nehmen. Der Erlkönig greift nach dem kranken Kind, auf einem Pferd hat der nie gesessen.

Für den Zettelkasten (9)

Die Kritiker haben fast keine Geltung mehr, es ist kein Publikum da, das noch etwas auf deren brotlose Herstellung gibt, wenn dafür überhaupt noch Platz in den Zeitungen vorhanden ist, die ihre Aufgabe immer mehr in der Vermittlung von den Verkäufen nicht mehr zu haltenden Familiengutes sehen, in den Anzeigen von Nachtlokalen und in den Konstatierungen, daß die Kultur am Ende sei; wozu Kritik, wenn tüchtige Unternehmer, die ebensogut mit Alt-Eisen, Alt-Papier und Mädchen handeln könnten, als sie mit der Kunst Geschäfte machen – und sie machen damit Geschäfte, weil alle anderen Handelsobjekte immerhin Bezahlung verlangen, Kunst kriegt man aber umsonst – wenn diese Kunsthändler mit marktschreierischen Annoncen, Plakaten und anderen Selbstanpreisungen jede Kritik illusorisch bei einem Publikum zu machen vermögen, das völlig kritiklos ist, außer darinnen, daß die Kunst für sie auf dem Niveau von Animierdamen steht.”
(Walter von Molo, in: Das Tagebuch, 4. Jg., 295)

Bekleckertes Feuilleton

Am 2. März 1952 sandte “auf Anraten von Herrn Dr. Gottfried Benn” ein Friedhelm Leucht aus Aschaffenburg ein Konvolut von 19 Gedichten an den Eugen Diederichs Verlag – von einem gewissen George Forestier, einem Ex-SS-Mann und großem Weltenbummler, der im Alter von 30 Jahren als Fremdenlegionär in Indochina verschütt gegangen sei. Eine der größten Blamagen des deutschen Feuilletons war die Folge dieser Germanisten-Saga.

Der dünne Lyrikband erschien 1952 unter dem Titel ‘Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße‘ – eine Metapher, deren platte Epigonalität bis hin zu Uta Danella und Rosamunde Pilcher reicht. Alle Alphamedien und alle Alphadichter der Republik überschlugen sich, von der FAZ bis zur Süddeutschen, von Stefan Andres bis Karl Krolow. Vor allem die Exkulpierung der Kriegsgeneration wurde im Feuilleton mit Hilfe des dichtenden SS-Mannes eifrig betrieben, seine Lyrik zeige, so die FAZ, “daß dieses im Chaos gezeugte, im Chaos großgewordene Geschlecht wunderbarerweise doch nicht zu den verlorenen Generationen gehört.” Beckmesserisch wäre es jetzt, festzustellen, dass diese Generation ja gar nicht ‘im Chaos’ gezeugt wurde, sondern in der Weimarer Republik – aber gut, solche Zeitschiebungen gehören wohl zur großen Persilschein-Metaphorik dieser Nachkriegszeit, vor allem in konservativen Medien. Sensationelle 21.000 Bände dieses verschollenen Militaria-Poeten setzte der Diederichs-Verlag jedenfalls ab, in einem Genre, wo sonst 200 Exemplare als Erfolg gelten. ‘Gaaanz zufällig’ fand der clevere Verleger dann noch weitere Gedichte, die ein weiteres elegant gebundenes Bändchen füllten. Und dann …?

Tscha, und dann flog die Mystifikation unter Getöse auf, und die Gralshüter der deutschen Literatur standen bekleckert da. Der ‘Entdecker’, Dr. Friedrich Leucht, hatte dem Diederichs-Verlag schon Monate zuvor mitgeteilt, wer der wirkliche Verfassser sei: Kein geheimnisvoller Mister X, modernd in den Dschungeln Kambodschas, sondern ein biederer Dr. Karl Emerich Krämer, der im grauen Anzug im Diederichs-Verlag höchstselbst als Herstellungsleiter saß. Der Duft des nachfolgenden Skandals war bis nach Paris und Moskau zu riechen … und das deutsche Feuilleton durfte mal wieder Kränze auf das Grab seiner Urteilskraft legen.

So weit, so gut: Interessanter ist für mich ein anderes Phänomen. Dieser Friedrich Krämer – Träger übrigens diverser Auszeichnungen der Reichsschrifttumskammer – veröffentlichte weiterhin emsig seine gelenkig-gelehrige Lyrik, weiterhin auch unter dem Namen Forestier. Und obwohl die Gedichte nicht um ein Deut besser oder schlechter wurden (letzteres war auch kaum möglich), verkauften sie sich danach nur noch wie Schnee in der Antarktis. Tscha, so ist das halt: Wenn im düstersten Lorca-Stil ukrainische Partisanen im Taigawind an kahlen Bäumen schaukeln, wenn ein marokkanischer Wüstensturm saint-exupéry-mäßig dem Fremdenlegionär die Bartstoppeln schabt – dann erwartet das Publikum, dass dies auch alles ‘wirklich wahr’ sei. Die bloße Erfindung dagegen sei – verglichen mit ‘dem echten Erlebnis’ – ein schales Muster ohne Wert. Dabei verhält es sich, literartechnisch gesehen, genau anders herum. Aber pssst! Nicht weitersagen!

Vertane Chancen

Oft wünsche ich mir, dass das Feuilleton mir einmal nicht den neuesten Band der (übrigens stinklangweiligen) Brecht’schen Notizbücher ans Herz legen würde oder einen Büchner’schen ‘Sensationsfund’, Ereignisse, die allenfalls in germanistischen Seminaren noch ihr Restinteresse finden mögen. Denn die ‘wirklichen Leute’ rund um uns herum lesen längst anderen Stoff, und da gäbe es ja auch fürs sinnhubernde Feuilleton eine volkspädagogische Aufgabe, die angesichts des Blödsinns auf allen Bestsellerlisten sogar eine gewisse Berechtigung hätte. So führt die Spiegel-Liste auf dem vierten Platz derzeit von einer Cecilia Ahern ein Buch mit dem bescheuerten Titel ‘Die Liebe deines Lebens’, dessen Klappentext gleich schon mal furchtbarste Vermutungen bestätigt:

“Adam will einfach nur, dass alles aufhört. Er ist über das Geländer der Brücke geklettert und schaut hinunter in das kalte, schwarze Wasser. Christine will einfach nur helfen. Mit einem Deal kann sie Adam vom Springen abhalten: Bis zu seinem nächsten Geburtstag wird sie ihn überzeugen, dass das Leben lebenswert ist! Schnell wird klar, dass sie ihn nur retten kann, wenn sie ihn wieder mit seiner großen Liebe zusammenbringt. Doch dann merkt Christine, wie sie sich selbst Hals über Kopf in Adam verliebt …”

Tscha – im Roman ist das Wasser immer viel kalt und schwarz. Ich frage mich auch, weshalb die Protagonistin nicht zumindest Eva heißt, wo er doch schon auf den schönen Namen Adam hört. Jedenfalls ist das der Stoff, an dem schon die Marlitt und die Courths-Mahler mümmelten: Selbstloses Mäuschen rettet Prinzen – und gerät prompt in die Fänge der Lüühübe. Solch ausgeleierte Handlungsstränge pilchern schlicht auf dem Niveau all der Hausfrauen-Filmchen für abgehalfterte Schauspieler bei den Öffentlich-Rechtlichen herum.

Was wäre dies aber für eine Gelegenheit fürs Feuilleton, mal einen gekonnten Verriss zu schreiben, um einen solch abgenudelten Plot in Sarkasmus zu ersäufen und das Märlein von der ewigwährenden Buntheit des Lebens durch den Kakao zu ziehen? Aber nein! Wieder mal wird eine Gelegenheit versäumt, dem Publikum jenen Mist unter die Nase zu reiben, den es sich wie ein Junkie täglich reinzieht. Ich gebe ja zu: Wir müssten diese Bücher dann sogar lesen. Und vermutlich brächte ein derartiger Spaß uns auch Ärger mit der Anzeigenabteilung ein …

Das Grauchen

Deutschland versinkt in kollektiver Bequemlichkeit. Im Namen individueller Freiheit tritt jetzt die moderne Emanzipation auf den Plan, die den Neo-Kollektivismus zementiert. Denn selbstbestimmt soll nur leben, wer gleich ist.”

Tscha, der Kollektivismus wird eben immer raffinierter. Jetzt schleicht er schon, obwohl doch ‘zementiert’ und ‘versinkend’ wie einst das Mafia-Opfer im Hafenbecken, pseudo-neoliberal gewandet durch die Zeilen. Nur der Alexander Grau von der Firma Sherlock & Söhne weiß da noch, welche Camouflage hinter den Kulissen gespielt wird. Der Anblick manch feuilletonistischer Denkbemühungen wirft derweil bei mir die Frage auf, ob dieser Text seinen Verfassser wohl noch versteht. Wo’s der gemeine Leser schon nicht tut. ‘Voll Banane’, sagten wir früher zu derartigen Verbalunfällen …

Man kann’s – oder Mokanz

Jochen Buchsteiner ist London-Korrespondent der FAZ – und absolvierte ein Rhetorikstudium. Insofern glaube ich schon, dass er weiß, was er sprachlich treibt. Gestern hatte er in der FAZ aus aktuellem Anlass den Guardian zu fassen – und zwischen den Zeilen stänkert es in seinem Text immer ein wenig gegen jenen kleinen labour-liberalen Freibeuter, der sich in der englischen Hauptstadt noch immer gegen ‘Times’ und ‘Daily Telegraph’ mehr oder minder erfolgreich zu behaupten weiß. Der ‘Guardian’ wisse seine Geschichten ‘fein zu portionieren’ (die FAZ offenbar nicht), der Guardian achte bei den Geschichten ‘auf den passenden Anlass’ (die FAZ offenbar nicht), Informationen würden manchmal ‘aus kommerziellen Gründen zurückgehalten’ (bei der FAZ offenbar nie). Wenn das Verstöße gegen die guten Sitten des Journalismus sind, dann bin ich katholisch. Vollends euphemistisch wird’s bei Ausflügen aufs historische Parkett:

“Die erste Ausgabe erschien in Manchester, im Mai 1821, keine zwei Jahre nach dem „Peterloo-Massaker“, bei dem die Staatsgewalt hart gegen regierungskritische Demonstranten vorgegangen war.”

‘Hart’ sei diese Regierung also vorgegangen, nur ein klein wenig ‘hart’? Das große Blutbad bei Peterloo heißt doch nicht aus schierem Schandudel ein ‘Massaker’. Es gibt überhaupt keinen Grund für diese Anführungsstriche, die Jochen Buchsteiner setzt. Die Gründung des ‘Guardian’ steht am Anfang der englischen Demokratiebewegung für ein freies und gleiches Wahlrecht, die Zeitung begleitete und inspirierte wiederum diese Demokraten. Alles aber begann mit diesem niederkartätschten Aufstand gegen die Korngesetze und die Tory-Gentry. Punkt. ***

Die Geschichte des ‘(Manchester) Guardian’ ist seither immer eng mit dieser englischen Wahlrechtsbewegung verbunden geblieben, auch mit William Gladstone, mit der Opposition gegen die Burenkriege, mit antikolonialistischen Bestrebungen, oder mit der Agitation für das Frauenwahlrecht. Der ‘Guardian’, sozusagen der weiße Ritter unter Englands Tageszeitungen, behauptete sich – trotz seiner notorischen Tippfehler – als besonnenes Intellektuellenblatt der Engländer, ein Ruf, den der ‘Spiegel’ hierzulande unter Stefan Aust längst leichtfertig verspielte. Dass die FAZ, die nur im Feuilleton ein solches (noch) ist, dass die sich hier in billige Mokanz flüchtet, wo sie genau das ironisiert, was sie selbst auch praktiziert, das mag aus konservativer Distanzierungssucht ja erklärlich sein. Intelligent wird sie, im Gegensatz zum ‘Guardian’, weiterhin erst ab Seite 25 ff. Davor liegt die große Steppe von Altenbockum …

*** Hier noch kurz etwas zur Vorgeschichte: Nach dem Fall der Napoleonischen Kontinentalsperre gelangte russisches Getreide wieder ungehindert auf den englischen Markt. Die Kornpreise fielen deshalb zurück auf Normalnull, was wiederum der preisverwöhnten englischen Gentry, also den adligen Junkern Englands, ganz und gar nicht passte. Sie beschlossen – in einer Zeit, wo das Wahlrecht noch an Titel, Vermögen und an den großen Grundbesitz gekoppelt war – nahezu widerstandslos die sogenannten ‘Corn Laws’: Fiel der Getreidepreis unter ein hoch angesetztes Limit, dann sollte gar kein Korn mehr eingeführt werden dürfen.

In der Nähe von Manchester kam es daraufhin zu einer Großkundgebung gegen diese Tory-Regierung. Die Oppositionsbewegung setzte sich für eine Aufhebung dieser Korngesetze und für eine Reform des Wahlrechts ein. Eine unbewaffnete Menge von 80.000 Menschen versammelte sich dort bei Peterloo, gegen welche die englische Regierung unter Lord Liverpool mehrere hundert Polizisten, Husaren und sogar Kanonen auffahren ließ. Beim anschließenden Gemetzel kamen dann waffenlose Männer, Frauen und Kinder ums Leben, viele hundert weitere wurden verletzt.

Vor Sonnenuntergang

Einen starkdeutschen Mann wie Henryk M. Broder muss eine kontinuierlich abnehmende Relevanz weit mehr als andere schmerzen. Vor allem, wenn einem Intimfeind wie Peter Sloterdijk dann auch noch ‘sein’ Börne-Preis verliehen wird. Schon hebt er im Abendglanz mahnend sein Märtyrerhaupt und äußert Missmut über diese Welt, die sich ständig so ganz anders entwickelt, als er es ihr predigt. Die Folge ist ein ungewollter Slapstick mit gleich zwei Pokalen:

“Zum running gag der Veranstaltung wurde Henryk M. Broder. Dieser Publizist hatte erklärt, seinen Börne-Preis (2007) aus Protest gegen die Verleihung an Sloterdijk zurückzugeben. Michael A. Gotthelf, Vorsitzender der Ludwig-Börne-Stiftung, teilte dem überraschten Publikum mit, Broder habe seinen Preis schon einmal zurückgegeben, nämlich im Herbst 2010, aus Protest gegen die Rede Alfred Grossers bei der Paulskirchen-Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht. Man erwäge, so Gotthelf, eine Satzungsänderung dergestalt, dass der Börne-Preis nicht mehr als zweimal zurückgegeben werden kann.”

Dass sein Buddy bei der ‘Welt’, dortzulande Feuilleton-Chef, dass also der Richard Kämmerlings dem Henryk M. Broder gleich zur Seite sprang, zeigt nur, welche schreibenden Kronjuwelen es im Hause Springer zu verteidigen gilt. Alles, was Sloterdijk bei der Verleihung des Preises sagte, muss prompt schlecht gewesen sein. Obwohl dieser Begriffsrastelli den geschändeten Namen nicht einmal erwähnte. Auch ohne das hat unser Riesenslalom-Fahrer durch die europäische Philosophiegeschichte dort in der Paulskirche tatsächlich recht Bedenkenswertes gesagt:

“Denn ich sah sie ja kommen, die Vergeltungstruppen und ihre eingebetteten Journalisten, mit ihrer großspurigen Imperium-Versteherei, ihrem Applaus für den Krieg unter gefälschten Vorwänden und ihrer antiislamischen Verbissenheit. Und wir haben Grund festzustellen: Diese September-Krieger, diese besinnungsfeindlichen Maulhelden von damals, diese Drohnen, die als unbemannte Hohlschädel ihre Überwachungsflüge über dem freien Denkraum ausführen, sie sind noch immer im Einsatz und lassen von ihrer wutgetriebenen Vergiftungsarbeit nicht ab.”

Mal ehrlich, Herr Kämmerlings – damit kann der Peter Sloterdijk Ihren Henryk M. Broder doch wohl kaum gemeint haben, oder?

Ach so, weil ich darauf angesprochen wurde – die Headline weist auf ein naturalistisches Stück von Gerhard Hauptmann hin: ““Der Philosophieprofessor Wolfgang sieht seine Rechtfertigung in der Vernunft, doch wie die anderen kann er die scheinbar sich verselbstständigende Entwicklung nicht mehr verstehen.”

Wo ist die Avantgarde?

Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir keine Buchbesprechungen im Feuilleton mehr antue. Den Schreibern dort – dies mein erster Ansatzpunkt – fehlt jedes Gespür dafür, dass sie es mit ‘Geistesgeschichte’ zu tun haben, dass es also um Fortschritt und Rückschritt geht auf jenem Gebiet, wo die Erschließung neuer sprachlicher Möglichkeiten und unerhörter Motive ihr Thema wäre. ‘Avantgarde’ hieß das früher mal.

Wie fern sind jene Zeiten, wo Schriftsteller noch den Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus oder Futurismus als gemeinsames Projekt begriffen, wo Bücher wie der ‘Ulysses’, die ‘Recherche’, die ‘Pompes funèbres’, das ‘Buch der Unruhe’ oder auch Heimito von Doderers mäandernde Riesenwerke erschienen. An derartigen ‘Wagnissen’ und ‘fruchtlosen Experimenten’ müht sich heute kaum jemand mehr ab, ein David Foster Wallace oder ein Jirgl, das sind Oasen in einer endlosen Plapperwüste voller Handlungsskelette von der Stange, wo die Lektoren alles erschlagen, was noch Leben zeigt. Der Autor sitzt derweil – tausendfach geklont und mit geklauten Motiven – im Kämmerlein und versucht, einen ‘Bestseller’ im Sinne der Verlagserwartungen zu schreiben. Neben der Mausmatte liegen der Sol Stein und der Bescheid vom Finanzamt – die sind Motoren seiner Produktivität: Kreativäffchen im Käfig der Ökonomie …

Unsere Feuilletonisten vollziehen diese Nichtentwicklung brav nach. Wird bspw. irgendwo ein Buch aus dem Hanser-Verlag über den grünen Klee gelobt, dann müssen wir nicht lange blättern, um die korrespondierende Verlagsanzeige zu finden. Feuilleton heute ist eine Abteilung des Marketing, geschätzte zwei Drittel der Artikel sind Public Relations oder Müll. Von einer Richtung, einer Bewegung, einem kulturellen Ziel keine Spur – immerfort “führt der Autor die Heldin in die abgründigen Tiefen der menschlichen Seele“. Da schaudert es Lieschen Müller, da kauft sie diesen vielfach bewährten Kitzel … und die Gebüldeteren suchen nach einem wohligen Dunkelmunkel und einem ebenso ungefähren wie ungefährlichen Pessimismus, sie greifen zum Peter Handke, zum Botho Strauß – oder zu irgendeiner Aphorismenschleuder für Arme. Und im lebenskritischen Falle eines Falles gäbe es dann ja noch die dienst(k)leisternde ‘Lebenshilfe’ à la Richard David Precht …

Kurzum: Geistesgeschichtlich schreiben auch wir Texte zur Zeit, wir produzieren eine ‘Literatur im Neoliberalismus’, oder Verwertbares ohne Wert – eine iPod-Literatur für die iPod-Generation: Nachdenken überflüssig, wird’s zu fordernd, wird einfach zum nächsten Titel geswitcht. Das Urteil über die Literatur unserer Zeit wird später einmal wohl so ausfallen, wie dasjenige über die Salonliteratur während der preußischen Restauration.Wer da dann die Spreu vom Weizen trennen wollte, behielte kaum etwas in der Hand. Dass parallel unsere ‘brotlosen Künste’, also Germanistik, Romanistik, Slawistik usw., gesellschaftlich nur noch belächelt werden, ja, für Beleidigungen taugen, auch das spricht für diesen Befund.

Bei mir liegen deshalb nur noch die ‘alten Tröster’ auf dem Nachttisch, zur Zeit Stendhal oder auch immer mal wieder Jean Paul oder Wieland. Ich mache den Zirkus nicht mehr mit. Neuerer Zuwachs kommt mir nur noch aus dem Genre der Historiker ins Regal. Die erzählen nun mal die besseren Geschichten …

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