If your memory serves you well ...

Schlagwort: Erzählung

Handlung maßlos überschätzt!

Du weißt gar nicht, wat ich allet erlebt habe“, sagte die Frau meines Cousins oft zu mir, „wenn ich dat allet mal aufschreiben würde, woll, dann wär’ dat’n dicket, spannendes Buch“. Ähnlich wie sie überschätzen viele, die nie geschrieben haben, die Macht der realen Ereignisse und der ablaufenden Handlung. Das äußere Erlebnis oder das Geschehen ist noch längst keine Literatur, eine Erzählung ist keine Nacherzählung.

Im Kern lässt sich erzählende Literatur in zwei Kategorien teilen. 1. In solche, die vor allem oder allein Wert auf die Handlung legt: Von Jerry Cotton über Karl May und Tolkien bis hin zu Rosamunde Pilcher. 2. Und in solche, die vor allem die innere Entwicklung (oder die Nichtentwicklung) einer oder mehrerer Personen ins Zentrum stellt. Darauf aufbauend könnte man auch flapsig eine soziologische Theorie der Literatur formulieren – mit dem Kernsatz: “Handlung ist für Doofe“. Obwohl es natürlich Zwischenformen gibt wie bspw. Henning Mankell, der bei aller Handlung dem Innenleben seines Kommissars Wallander großen Raum gibt, was dann zusammen mit den blutigen Schnetzelarien den besonderen Reiz und Erfolg dieser Krimis ausmacht.

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Welch eine Szene!

Nur selten ist der Erzählstrang ein langer ruhiger Fluss, am ehesten wohl noch bei wandelnden Bildungstempeln, wie zum Beispiel einem Peter Handke. Eine interessante Erzählung dagegen macht Zeitsprünge wie einst die bekannte Maschine bei H.G. Wells: Szene folgt auf Szene. Dazwischen aber geht’s ratzfatz …

Der Grund dafür ist einfach: Wenn schon die strapazierten Augen des Publikums beim Lesen mechanisch durch die Zeilen wandern müssen, dann wäre ein ebenso abwechslungsarm verlaufender Spaghetti-Code beim Handlungsverlauf das beste Medikament für einen erholsamen Tiefschlaf: «Dann verschloss er seine Wohnung, ging die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und trat auf die Straße. Einen Moment überlegte er, bevor er sich nach links wandte … usw.». Kurzum – das wäre ein Barbiturat als Erzählstil.

Alle guten Erzähler verfahren nie, nie, nie so mechanisch, sie verfolgen ihren Helden nicht Schritt für Schritt. Sie reißen vielmehr Löcher in den Erzählteppich, sie springen von Szene zu Szene, sie malen detailverliebt an den dramaturgisch entscheidenden Stellen jede Einzelheit aus, während dazwischen einzig und allein der Schnitt regiert: „Zwei Jahre später war Heinz-Gerd verheiratet. Seine hochfliegenden Pläne vom Abenteurerdasein begrub er am Knick seiner Karriere …“. Zack – und schon wären wieder zwei Jahre in unserem großen Entwicklungsroman vergangen.

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Die Macht der Erzähler

Die großen Erzählungen sind gewaltige Mächte, die ‘buchstäblich’ Tausende von Menschen in den Tod reißen können. Nehmen wir die Erzählung vom Tod des Jesus von Nazareth – eine Überlieferung, an der so gut wie nichts ‘stimmt’, vor allem aber nicht jene Komponente, wonach Juden Jesus verurteilt haben sollen. Der Stand der Geschichtswissenschaft ist faktisch ein anderer …

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