If your memory serves you well ...

Schlagwort: Erinnerung

Erinnerung

Als ich noch jung und naiv war, da glaubte ich, zum Schriftsteller tauge jeder, nur nicht ich. Derart lückenhaft war meine Erinnerung, dass sie dem großen Nachthimmel glich mit seinen spärlichen Sternen und der vielen Dunkelheit dazwischen: Hier ein halbwegs klares Bild, das wabernd aus den Synapsen aufstieg, oft noch an ein Trauma gekoppelt, dort ein heimatlicher Geruch, der unscharf Vergangenes beschwor. Dazwischen war nichts als Leere, die ich mir mit Selbsterfundenem erst zu einer halbwegs folgerichtigen Geschichte ausmalen musste. Und die vergangenen Gespräche! Jeder Wortlaut war dahin, höchstens hier mal eine Redewendung oder dort ein verblühter Witz. Mein Freund Uwe sagte alle Naslang “Alter Schwede!” … jaja. Dabei diskutierten wir damals nächtelang über Gott und die Weiber. Geblieben war aber nur ein Klangkörper aus Dialogfetzen, so wie einst der Plünnenstapel beim Lumpen-Hugo. Mit einem Wort: Biographie ist zu 99 Prozent Phantasie.

Als ich älter wurde, ging mir auf, dass es allen anderen genauso geht. Buchstäblich alles ist erstunken und erlogen, oder mehr oder minder gekonnt zusammengereimt – die ellenlangen Dialoge in den ‘Buddenbrooks’, die vergangene Welt der jüdischen Bourgeoisie beim Marcel Proust, die Frontabenteuer des Ernst Jünger – ja, sogar diese überaus realistischen Disco-Erlebnisse des Frollein Hegemann … Seither führe ich Tagebuch, damit zumindest der Erinnerung ein wenig mehr fester Boden verbleibt.

Hoffnungslos romantisch

Jahrzehntelang fuhr mein Alter zur See. Seit er von zu Hause ausgebüxt war wegen der ‘schweren Hand’ seines Vaters. Auf festem Boden gründete er nach dem Krieg ein Unternehmen, dem Schiffsbau aber blieb er treu. Von nun an sorgte er mit Gips, Styropor und Steinwolle für Brand- und Schallschutz auf den Helgen großer Werften in Norddeutschland.

Wann immer er als Teilnehmer einer Probefahrt Kurs aufs offene Meer nahm, lebte er auf. Der leere Blick schwand, mit dem er ‘an normalen Tagen’ auslaufenden Schiffen auf der weiten Wesermündung nachsah. Und so oft es ging, stieg ich nach der Schule zu ihm in den Wagen. Die riesigen Docks lernte ich kennen, die rostbraunen Rümpfe der Stahlkolosse auf ihrem schmiergeseiftem Balkenwerk, die kathedrale Weite der Maschinenräume, bevor die gigantischen Dieselaggregate jeden Winkel füllten. Ich stand inmitten bunter Fahnen bei Stapelläufen und nahm auch teil an jenen wilden Fahrten rings um Helgoland herum, wo auf der Brücke alle wahre Indianertänze aufführten, wenn das schäumende Schiff inmitten all der Gischt, die bugwärts über das Schanzkleid und durch die Speigatten toste, plötzlich dem Befehl ‘Volle Kraft zurück’ gehorchen musste. Dann, wenn aus den frischen Nähten plötzlich ein grausiges Ächzen und Krachen ertönte, während die mächtigen Schrauben der stählernen Masse ihren Willen aufzwangen.

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