Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Ego

Die wollen doch nur spielen …

Angesichts der neuesten Datenskandale hat der Hans Hütt einen analytisch großartigen Artikel geschrieben, wo er Frank Schirrmachers spieltheoretischen Ansatz auf das derzeitige Geschehen anwendet. Was mir – bei aller zutreffenden Zustandsbeschreibung – dort allerdings aufstieß, war erneut diese große Lähmung und der Defaitismus, welche Schirrmachers wie auch Hütts Ansätze wie Anästhesiegas verströmen. Alles klingt in meinen Ohren so, als sei jeder Widerstand inzwischen zwecklos, die große Maschine habe uns alle längst fest im Griff. Konservatismus aus Resignation. Dagegen habe ich in einem Kommentar leise Widerrede angemeldet, den ich hier noch einmal einstelle:

“Die Dissoziation der Menschen in ‘Nummer Eins’ und ‘Nummer Zwei’ ist bisher in meinen Augen eher ein Elitenphänomen: Daheim spielt der liebe Pappi mit den Kinderchen, in der Bank treibt dieser eiskalte Maximierer dann ein ganz anderes Spiel voran. Nur Mitglieder unserer Eliten also verhalten sich bisher konsequent ‘spieltheoretisch’, so also, als sei die Nutzenmaximierung die anthropologische Konstante schlechthin, obwohl sie daheim täglich auch anderes praktizieren. Und dann gibt es natürlich noch die Propheten dieser Ideologie, also die Wirtschaftsjournalisten und all die andere Entourage, die sich unter Höflingen immer dort bildet, wo sie auf herabfallende Brotkrumen hoffen.

Die anderen aber, also die dahinkrabbelnden Ameisen, die blöden ‘Bytes’, angeblich so tief unter ihnen, die haben dieses spieltheoretische Prinzip noch gar nicht für sich entdeckt. Sonst würden sie bspw., schon aus blankem spielerischem Eigennutz, nicht jene Leute wählen, die sie faktisch doch regieren dürfen. Und die Eliten könnten all diese anderen nicht mehr ständig ausbeuten und ‘alternativlos’ plündern, weil das ja schließlich die Spielregeln seien. Dort unten herrscht weithin noch der gute alte Kommunitarismus als Lebensmaxime.

Was Schirrmacher beschreibt, und das mag ja seiner soziologischen Position geschuldet sein, das ist nur ein neues inhumanes Elitendenken und -handeln. Einige wenige also. Selbst die Mathematiker, deren Algorithmen das neue Spiel befeuern, sind nicht übermächtig, sondern nur bezahlte ‘Clerks’. Sie sind zwar die Baumeister einer neuen Ökonomie, wohnen aber nicht selbst in ihren Gebäuden. Es käme also darauf an, die geltenden ‘Spielregeln’ zu verändern, gern auch aus demokratischem und überlebenstechnischem Eigennutz. Also am großen ökonomischen Algorithmus zu schrauben. Manche dürften dann nicht mehr mit drei Würfeln rollen, wo die anderen nur einen haben. Nicht der Algorithmus ist das Problem, sondern dessen mentale Vorannahmen, die uns immer tiefer in die Grütze reiten …”

Ego sumus?

Der Mensch löse sich zusehends von seinen sozialen Bindungen und vereinsame (‘Minimum’, 2006), der informationelle Overkill vernichte unsere kognitiven Fähigkeiten (‘Payback’, 2009), die Spieltheorie aus dem kalten Krieg erzeuge den marktkonformen Kapitalismus, wo wir nolens volens alle zu egoistischen ‘Role Models’ werden müssen (‘Ego’, 2013) – der durchgängige Kassandraton ist die große Konstante in Frank Schirrmachers Büchern. Dieser leitmotivische Wagner-Sound eines drohenden Untergangs jener Welt, wie wir sie kannten, macht ihn zum konservativen Vordenker der Republik. Anlässe und Ursachen aber wechseln wie das Pret-à-Porter auf einer Modenschau, wobei allenfalls das Internet die immergleiche Bühnendekoration bietet.

Jetzt also hat er die Mathematiker zu fassen, die seltsamerweise bei ihm als ‘Atomphysiker’ oder ‘Quants’ figurieren. Mein Bruder, der Mathematikprofessor, würde ihm für diese Eskamotage was husten: Physiker und Informatiker – meint der nämlich – seien bloß jene niederen Klempnergesellen, bei denen es zur höheren Mathematik nicht gelangt habe.

Hier als Referenz die etwas vereinfachte Grundthese Schirrmachers: Die sozialtheoretischen Gewinnberechnungen ‘machtpolitischer Spiele’ aus der Zeit der Chrujstschow- und Breschnjew-Ära konnten deshalb ganz stiekum in die Ökonomie einsickern, weil die RAND Corporation und andere Denkfabriken ihren mathematischen Spezialisten dort nach der Implosion des Sowjet-Imperiums nicht mehr genügend Arbeitsmöglichkeiten boten. So migrierten diese Algorithmen-Bändiger in die Bankentürme, um dort ihr Spiel der Spieltheorie fortzusetzen, als einen ‘kalten Krieg’ auf ökonomischer Grundlage.

Geboren wurden dort jene Algorithmen, auf denen der Sekundenhandel, die Rohstoffwetten und anderes Allotria heute beruhen. Hierbei legen diese Masterminds ein ‘EGO’ als durchgängiges Menschenbild zugrunde, sie gehen also von einem eher unangenehmen Typen aus, der als Massenmensch immerfort nur seinen eigenen ökonomischen Vorteil verfolge – für ihn würden alle Mitmenschen zu ‘Sowjets’ des Marktes, die es zu besiegen gelte. Dieses ökonomische Monadentum, so Schirrmacher, sei schrecklich. Also nicht die Akkumulation von Kapital sei zu verurteilen, sondern die massenhafte Existenz solcher Figuren fern aller Humanität, wie auch das frankenstein’sche Fortleben des ‘Kalten Krieges’ auf den Teppichetagen der Banken:

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