Natürlich ist es Blablaismus oder blanker Boulevard, wenn wir derartige ‘Nachrichten’ erdulden müssen, die intellektuell so nahrhaft sind wie ein Glas Wasser:

“Was soll man aber anfangen mit folgenden, laufend online zu lesenden Informationen: „Obama ist erstaunt über Berlins Hitze“, „Gauck weinte bei der amerikanischen Hymne“, „Obamas Dienstwagen ist ein mächtiges Gefährt“? Das Problem sind nicht die Informationen als solche, sondern, dass sie zu den politischen Nachrichten, die es ja auch gibt, in kein Verhältnis mehr gesetzt und nicht mehr hierarchisiert werden.”

Trotzdem: Es sind doch immer noch Journalisten, die diesen Schwachfug schreiben – und nicht ‘das Netz’ oder die Netizens. Denn das Problem ist ja nicht die mangelnde Hierarchisierung der Details, das Problem besteht vor allem darin, dass Altjournalisten ins Netz geschickt werden, die ihre Ergüsse ohne Zeitverzug und ohne Reflexion ‘online’ stellen müssen. Weshalb der Journalismus bisheriger Prägung, so wie er gepolt ist, genau diesen ‘Konfetti-Sound’ erzeugen muss. Denn sie alle haben immer noch ihr altes Ideal im Kopf, die hechelnde Extrablatt-Mentalität, wonach sie mit irgendetwas, und sei es der Farbe der Cocktailsoße auf den Shrimps, als erste ‘draußen’ sein müssen, um sich ‘gut’, ‘wertvoll’ und auch ‘kompetent’ zu fühlen. Prompt kommen sie atemlos mit ihren News-Peanuts, mit ihren Meldungen und Artikelchen angestratzt, als müsste gleich die gute, alte Rotation angehalten werden. Dabei ist nichts so uninteressant, wie all dieses Sprühwerk aus pseudo-exklusiven Fakten, Fakten, Fakten, von denen am besten noch der Dampf aufsteigen muss. Dies sei hier vermerkt in Gedenken an Markwort, den Dinosaurier.

Die Kunst bestünde heutzutage eher darin, aus all den zahllosen Details noch eine ‘Geschichte’ zu stricken, die diskursfähig ist, die also Dialog erzeugt. Mit anderen Worten – im Schneegestöber der Informationen überhaupt erst einen Ariadnefaden zu finden. Eben das können sie zunehmend weniger, Dramaturgie haben sie nie gelernt. Verständlicherweise geht der Leser laufen, ob nun inner- oder außerhalb des Netzes. Denn eine solch akribische Aufarbeitung des Mollath-Falles, eine solche Diskussion des SPD-Dilemmas, meinethalben auch eine solch historisch tiefgestaffelte Perspektive auf die europäische Aporie, die suchen wir im printgeprägten Journalismus vergeblich. Heute tröten sie dies, morgen wird schon wieder das Gegenteil verkündet. Rein in den Euro, raus aus dem Euro – wie’s gerade kommt. Sie leben vielfach noch in der Adenauerzeit: “Was schert mich mein Geschwätz von gestern”

Es gibt aber längst keinen ‘Jour’nalismus mehr, der nur für einen Tag aktuell ist, das allerdings wäre eine echte Folge ‘des Netzes’ und des Medienwandels. Also sind auch tägliche Meinungswechsel nicht länger egal. Eine etwas weiterer Atem, eine gewisse Konstanz der Ideen, die eine größere Lebensdauer haben sollten als eine Eintagsfliege, dies ist nun gefragt. Bloße ‘Berichterstatter’ hingegen nicht …

Natürlich sind solche Texte auch oft umfangreicher als eine Zeitungsseite – wen interessiert denn noch das Platzproblem im Print? Das Netz ist immer groß genug … und notfalls strickt man am folgenden Tag noch ein paar Ellen neuer Einsichten dran. Weil die Artikel im Netz ja nicht mehr im Papierkorb verschwinden werden. Alles klebt allen ewig an den Hacken. Natürlich darf man dann nicht mehr wie ein gewiefter Tagesjournalist seine Meinung mit der Richtung des mäandernden Mainstreams ständig ändern. Denn das kurze Gedächtnis des Journalismus ist das tieferliegende Problem – heute hier, morgen dort, geänderte Ansicht immerfort. Kaum einer weiß noch, wofür er schreibt. Jetzt gilt: ‘Ein Kerl muss eine Meinung haben’ (Döblin). Mit der Betonung auf ‘eine’ …

Das Wort ‘Tagesjournalist’ dort oben ist tautologisch – ich weiß. Vielleicht sollten wir den Begriff ‘Journalismus im Netz’ durch den Begriff ‘Annalismus’ ersetzen, was auf die neuerdings erforderliche Konstanz hinweist …