Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Digression

Misanthropie

Dieses schöne Blog empfehle ich allen, die da leichthin meinen, schon längst zu wissen, was Weltschmerz sei. Wie ferner die Frau an und für sich und überhaupt so tickt:

“Sie glauben doch nicht, dass er die sechs Flaschen in der Woche allein getrunken hätte. Im Steinbruch der Sprache Wortbrocken zu hacken, das ist ein Knochenjob. Mit der Schrift herausarbeiten, was man eigentlich sagen möchte. Ha! was sagen, ich, die ich das Denken nicht gelernt, die ich von der Flasche zum Wort zur Tat und letztendlich wieder zur Flasche.”

Abschweifendes

Von ganzem Herzen liebe ich die großen Digressionisten der Weltliteratur. Laurence Sterne ist einer von ihnen, Jean Paul, David Foster Wallace, auch der Heimito von Doderer, oder fast vergessene Größen wie Theodor Gottlieb von Hippel oder Albert Paris Gütersloh. Auf fortschreitende Handlung gepolte Kritiker zetern dann über den ‘barocken Stil’ oder die ‘überbordende Phantasie’ des Verfassers. Sollen sie weiter Stieg Larsson lesen, aber bspw. nie zu einem Karl Immermann greifen, der eines seiner Bücher gleich mal mit dem elften Kapitel beginnen lässt und dann auch noch dem armen Buchbinder die Schuld dafür zuschreibt …

In der Literatur kommt es für mich eher darauf an, was einer im Kopf hat, ob ich mich durch die Lektüre bereichert fühle oder nicht. Es geht mir nicht darum, möglichst stringent und geradlinig von A nach B geführt zu werden. Wenn ein Dutzendschreiber eine dunkle Gasse beschreibt, wie sie in Spanien den Weg zwischen zwei Hauptstraßen abkürzt, dann klänge das in etwa so: “Wir passierten eine dunkle Stiege, wo hoch oben die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster ausgeblichene Unterwäsche zur Schau stellten, um dann erleichtert wieder ins grelle Mittagslicht der Ramblas zu treten“. So etwas ist eben literarische Dutzendware …

Ganz anders verfährt einer der größten Digressionisten, der je einem Kuhdorf am Rhein entsprang: Albert Vigoleis Thelen. Seine ‘Insel des zweiten Gesichts’ lässt sich noch nicht einmal einem Genre zuordnen: Sind diese 1.000 Seiten nun eine Autobiographie, ein pikaresker Roman, erotische Literatur, ein Reisebericht oder ein weltphilosophisches Lehrbuch? Niemand weiß es – am wenigsten wusste es wohl der Verfasser. Klar ist nur, dass er mit seiner Geliebten in den frühen 30er Jahren nach Mallorca reiste – und dass ein großes Buch das Ergebnis dieses bildgewaltigen ‘Hippie-Trips’ avant la lettre war.

Weiterlesen

Der Plauderton

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

Weiterlesen

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑