If your memory serves you well ...

Schlagwort: Die Welt (Seite 1 von 7)

Ulf und die Sozialreligion

Was ich dreimal sage, ist wahr’, sagt der Snark in Lewis Carroll’s ‘Alice’. Ähnlich verfährt auch Ulf Poschardt in der ‘Welt’, wo er mal wieder die Grundlage dieses Staates frontal attackiert, unsere soziale Marktwirtschaft. Er nennt sie nur nicht so, er spricht lieber von einer ‘Sozialreligion’. Übrigens exakt dreimal in nur einem Artikel:

“… die sozialreligiösen Exerzitien …”
“… die sich an der bundesdeutschen Sozialreligion versündigen …”
” … Umfragen bestätigen die sozialreligiöse Ökumene aus Union und SPD …”

Was aber ist der Sinn solcher klerikalfixierten Umdeutungsversuche? Nun, wenn man die Verfassungsbasis eines Staates als bloße ‘Religion’ diffamiert, als bloßes (Aber-)Glaubenssystem, dann darf man sich auch wie einst Luther als Reformator fühlen, der die ‘große Hure’ zu Berlin herausfordert, indem er all den überbordenden ‘Sozialklimbim’ an den Pranger stellt, so wie einst der Wittenberger den Heiligenkult und den Ablasshandel zu Rom. Der Journalist dünkt sich folglich was: ‘Hier stehe ich, ich kann auch anders!’.

Ach, was vermisst unsere Posh doch ihre gute alte FDP … und die gute alte Zeit, als solche Positionen noch einigen relevant erschienen. Und gleich nebenan zerdrückt derweil die Dorothea ‘Dodo’ Siems wehmütig eine Zähre in ihrem Taschentüchlein …
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“Ihm war klar, alle Müh’ war vergebens gewandt
An die Aufgabe, die viel zu schwer.
Ach, er musste von vorne beginnen und fand,
das zermartre ihm das Gehirn noch viel mehr.”
(Lewis Carroll: Alice 3, Die Jagd nach dem Snark. Eine Agonie in acht Gesängen)

So ein Quatsch!

Manchmal zeigt einem schon die Überschrift, dass hier eine Journalistin keine Ahnung hat. In diesem Fall ist es Claudia Kade von der ‘Welt’:

“Die Grünen verkommen zur Patchwork-Partei.”

Nun gut, könnte ich sagen, dass ist halt die ‘Welt’, wo man sich noch heute revanchistisch an den Schlachten von gestern abarbeitet. Trotzdem – eine Partei kann nicht zu etwas ‘verkommen’, was sie immer schon gewesen ist. Ich kenne die Grünen der Gründungszeit recht gut. Damals war ich selbst in dieser Truppe Mitglied, und ich war als Presse-Fuzzi auch ‘Funktionär’.

Dort in diesem ‘Patchwork’ tummelte sich Mitte der 80er Jahre ein überaus bunter Haufen – Menschen aus KB- und KBW-Tagen (Fücks, Trampert, Ebermann, Trittin) neben Pazifisten wie der Petra Kelly, die frühe Frauenbewegung lief dort auf, evangelische und katholische Christen, enttäuschte Sozialdemokraten, beinharte Bio-Apostel bis hin zu bräunlich duftenden Figuren wie dem Baldur Springmann, aber auch Knall-Liberale wie in Bremen der Joachim ‘Jo’ Müller, streitbare Beschwörerinnen selbsterdachter ‘Urwerte’ wie Jutta Dittfurth, alle möglichen Selbsthilfegruppen von der ‘Offenen Psychiatrie’ über die ‘Krüppelgruppe’ bis hin zur Schwulenbewegung, es gab auch U-Boote der DKP (Gott hab’ sie selig!) – und alles worauf sich dieser disparate Haufen einigen konnte, war ein Minimalkonsens, der damals lautete: “Ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei”. Wobei schon die Reihenfolge höchst umstritten war.

Kurzum – die Grünen waren schon immer das, als was sie Claudia Kade jetzt ausschreit. Das Wunder ist, dass im Laufe der Zeit fast alle aus diesem Patchwork erfolgreich wurden – politisch wie auch biographisch. Bei der ‘zweiten Generation’ darf man da allerdings noch Zweifel hegen … und was neueren Gründungen fehlt – von den ‘Piraten’ bis hin zur ‘AfD’ – ist eben, dass sie kein solches ‘Patchwork’ haben, sondern immer nur eine einzige ‘Szene’ zeitweilig organisieren. Hinter ihnen steht keine ‘gesellschaftliche Bewegung’, wie sie sich damals artikulierte.

Disclaimer: Ich trat im Jahr 1990 bei den Grünen dann wieder aus.

Wirres Zeug bei der Welt

In Springers Flaggschiff haben sie, wo ihnen schon der Kommunismus abhanden kam, immer noch den ersatzweisen Popanz der Alt-68er, also böse Dämonen, welche in Ewigkeit an allen Übeln der ‘Welt’ schuldig zu sein haben:

“Die Technologie der 68er-Generation zerstört die Kultur des bürgerlichen Lebens.”

Öhem – ein Rudi Dutschke mit Handy ist wirklich ein arg seltsames Bild. Das hindert zwei ideologisch gestählte Welt-Kommentatoren, Ulrich Machold und Andreas Rosenfelder, aber nicht daran, diese ‘Welt’ noch weiter zu verzeichnen. Bekiffte Landkommunarden hätten, glaubt man ihnen mal, das Silicon Valley aus dem Boden gestampft. Nun – bei solchen ökonomischen Erfolgen, warum denn dann nicht gleich Haschisch für alle fordern, um unsere Jugend und die deutsche Digitalwirtschaft unternehmerisch mal so richtig in Schwung zu bringen?

“Das Personal der ersten Computerfirmen wie Apple und Microsoft rekrutierte sich zu einem guten Teil aus den Überresten der amerikanischen Hippie- und Kommunardenbewegung: eine brodelnde Ursuppe aus haarigen Individualisten, befeuert von Beat-Gedichten, halluzinogenen Drogen und den Schriften Norbert Wieners, Buckminster Fullers und Marshall McLuhans.”

Soso, Marshall McLuhan als Blumenkind? Mümmelte der nicht schon an seiner Rente, als der ‘Summer of Love’ begann? Es wird noch drolliger – Jerry Rubin oder ersatzweise Fritz Teufel sollen unserem Duo Debitale zufolge seit jeher die Hofsänger eines unbeschränkten Unternehmertums gewesen sein, eine Entourage, die ich Blödmann bisher eher in der Reihen der ‘Welt’ vermutete:

“Sie sahen sich als Teil eines neuen Wilden Westens, in dem ein unbeschränktes Unternehmertum aller Einzelnen die Harmonie des Ganzen zeitigen würde.”

Alles nur FDP- und Hayek-Aktivisten mit Dorothea-Siems-Denke also? Mein Zwerchfell schmerzte an diesem Punkt übermäßig, und ich konnte nicht mehr weiterlesen …

Um mal ein wenig Klarheit in dieser brodelnden Ideologiesuppe zu schaffen: Die Gründergeneration des Internet warf sich keine bunten Pillen aus Timothy Learys Hexenküche ein, die Algorithmen wurden dort auch nicht zu bunten Mandalas verflochten. Diese Gründergeneration kam seit den 60er Jahren aus den Reihen der amerikanischen Halbleiter- und Rüstungsindustrie, wie auch des MIT, wo man gerade den Transistor und seine fortschreitende Miniaturisierung erfunden hatte. Es waren Ingenieure, ‘Nerds’ – und eben bestimmt keine ‘Hippies’. Eher schon bleiche, übernächtigte und bebrillte Bürohengste ohne Bizeps und ohne Schlag bei den Frauen, die damals schon die 24/7-Arbeitszeiten entdeckt hatten, statt auf Open-Air-Festivals zu rennen …

Würde man die Überschrift dort oben einigermaßen angemessen formulieren, käme also vielleicht so etwas dabei heraus: “Die heutige Industrie hat die ‘Kultur des bürgerlichen Lebens’ gar nicht mehr nötig.” Das wäre dann immer noch grassierender Kulturpessismus, aber zumindest diskussionswürdig … allerdings nicht von dieser ‘Welt’.

Gelungene Nachrufe

Den Sound der Zeit traf er wie kein anderer – was allerdings erheblich gegen seine Zeit sprach:

Doch der stumpfgeistige Stammtischton, den [Matussek] nach seiner Amtsübernahme im Jahr 2005 mit seinen Getreuen – darunter der Borderline-Fabulierer Joachim Lottmann und der Popliterat Moritz von Uslar – etablierte, war selbst jenen zu viel, die sich vom Spiegel einen “frischeren Ton” wünschen mochten. Die politische Ausrichtung verschob er noch weiter nach rechts und schoss sich auf die üblichen Feinde ein.

Dem Kult seiner Genialität wurde das Ameisenvolk tief unter ihm leider nie gerecht:

Im Interview mit dem Debattenmagazin The European keilt er nochmal kräftig gegen den Spiegel und einzelne Ex-Kollegen aus, die er wahlweise als “Niete”, “Großmaul”, “Verräter” und “Schienbeintreter” beschimpft.”

Jetzt aber hat den Gral der Invektiv-Kultur bei der ‘Welt’ gefunden, dem publizistischen Weimar unserer Zeit. Dort darf er in drei, vier Jahren dann wohl die Elbphilharmonie zur kulturellen Großtat emporjazzen. Vermutlich vermisst er dort bloß das Kreuz auf dem Dach:

Aber Matussek war eben nur Trash-Rock, eine Spielart, die letztlich keinen nachhaltigen Wert besitzt: Unter ihm wetterte der Kulturteil des Spiegels gegen das Regietheater, feierte den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als visionäre Tat und jauchzte den Stauffenberg-Film mit Tom Cruise zum Erweckungserlebnis hoch.

Auf diesen, seinen luftigen Höhen wandelt Hand in Hand mit ihm einzig der Jan Fleischhauer, sagt er. Ja, denn! Hoffentlich gibt’s bei diesem Tete à Tete keinen unverhofften Nachwuchs …

Im Kern passiert doch bloß folgendes: Eine ganze publizistische Alterskohorte, oft fälschlicherweise ‘Pop-Journalismus’ genannt, wird derzeit aussortiert. Und sie strandet, der Schwerkraft folgend, mitsamt ihren Zipperlein als ‘Rantner’ bei der Welt: Poschardt, Broder, Siems, Seibel, Posener, Aust, Matussek, Stuckrad-Barre, Lottermann usw.

Für den Zettelkasten (1)

Talkrunde mit u.a. Loewenstern von der Welt, absolut deutschnationale Zwangsjacke, Klopsbaron, baltisch verschwollen, die jeraubten Jieter im Osten wiederhaben wollen, aber es janz so direkt doch nicht sagen mögen. … Schon bemerkenswert menschenverachtende Herrenrasse oben im Springerhochhaus, aber wie bei anderweitiger Tuchfühlung bereits öfter bemerkt: nicht nur allgemein machtkrank, sondern bis in die Bügelfalte verspannt. K.E. von Schnitzler im Vergleich, der sich anbietet, nachgerade leger.”
(Peter Rühmkorf. Tabu I, S. 146 f)

In Toto gaga …

Der Mindestlohn steht Pars pro Toto für jene Opfer, welche die drei etatistischen Regierungsparteien auf dem Altar der Sozialreligion platzieren wollen.”

Oha, oha – was uns der Ulf Poschardt da wieder an Schweinereien aufdeckt: Unsere Parteien seien also ‘etatistisch’? Was auch sonst, sie wollen ja schließlich alle an die Macht und an die Staatskrippe? Da gäbe es ferner eine skandalöse ‘Sozialreligion’, so als ob nicht alle Religionen auf sozialen Gedanken fußen? Selbst noch jene ‘Antisozialreligion’, die der Ulf dann wohl vertritt, denn die hätte gleichfalls soziale Folgen, wäre also bloß eine ‘Sozialreligion der anderen Art’. Und ‘platzieren’ wollen diese unverantwortlichen Parteien diese ‘Opfer’ dann auf einem Altar? Wo denn bloß? Und was ist daran nun wieder schlimm, solange sie diese Opfer nicht opfern, schlachten oder kreuzigen, wie’s einst die Soldatenkaiser ‘in spätrömischer Dekadenz’ gern taten? Und ob wohl alle Leser in diesem weltfernen Welt-Milieu sein römelndes ‘pars pro toto’ verstehen?

Ein Satz von Ulf – und ich muss mir die Gehirnwindungen neu legen lassen.

Mit dem Essen spielt man nicht!

Ich hatte sie doch nur gefragt, in welcher alarmistischen Tonlage ‘Die Welt’ wohl erst jodeln würde, wenn tatsächlich mal Rotgrün oder Rotrotgrün regieren sollten – da prustete meine Frau auch schon ihr Mittagessen über den Tisch, und ich durfte die Schweinerei wieder wegwischen, während sie nach Atem rang. Kurz darauf erwähnte dann sie, dass der Sänger der unerwähnenswerten Drei-Akkord-Combo ‘Deep Purple’, ein gewisser Ian Gillan, mal gesagt hätte, enge Hosen hülfen ihm bei seinen Erstbesteigungen des hohen C. Schon musste ich an Dorothea Siems denken, dogmatisch geschnürt in strammes Latex. Jetzt durfte meine Frau den Tisch abwischen, während ich sehen durfte, wie ich die Königin der Nacht wieder aus dem Kopf bekam …

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