If your memory serves you well ...

Schlagwort: Der Spiegel (Seite 1 von 3)

Arbeiten bis zum Grab?

Er ist schon ein seltsamer Vogel, dieser Henrik Müller, der beim ‘Spiegel’ über Wirtschaftsthemen schreibt, wohl weil er einst beim ‘Manager Magazin’ sich die ersten Sporen als ökonomischer Eingeweidebeschauer verdiente. Hier seine neueste kühne These:

“Die Rente mit 76 wird kommen.”

Mal abgesehen davon, dass ich diese These schon physiologisch für eine Unmöglichkeit halte – wir dürfen angesichts der Publikationen dieses Herrn getrost davon ausgehen, dass das, was er uns so leichthin aufschreibt, den Blick immer starr in eine grauenhafte demographische Zukunft gerichtet, dass so etwas mit Sicherheit niemals eintreten wird. Allein schon wegen des Gewichts der werten Wählerschaft. Ich meine, was nutzen die dollsten Pläne, wenn man nicht die Macht erhält, sie umzusetzen? Nach dem Verschwinden der FDP sind unsere Ökonomen eine ‘Zunft ohne Partei’ geworden, oder eine Dame ohne Unterleib.

Auch stört mich bei Henrik Müller diese ökonomische Inkonsequenz: Würde als Zeitpunkt des Rentenbeginns das Sterbedatum eingesetzt, dann hätten alle Leute kräftig eingezahlt, ihre Rendite aber wäre gleich null, alle volkswirtschaftlichen Probleme wären final gelöst – und der Staat wäre endlich schuldenfrei. Man muss sich doch nur trauen …

Wie ich zu dieser kühnen These von der Vergeblichkeit alles Müllerns in der Ökonomie komme? Nun, ich habe mir einfach mal angeschaut, was der Herr sonst noch so vom Bücherstapel gelassen hat: Da schrieb er inmitten der Globalisierung einst über den “Wirtschaftsfaktor Patriotismus”, wohl angeregt durch das schwarzrotgüldene Meer bei der Europameisterschaft. Und was finden wir heute auf der Resterampe von solchen bibliophilen Remittenden noch vor? Den patriotischen Krähgockel Bernd Lucke und seine AfD. Oder, er schreibt uns was Flockiges über den “Sprengsatz Inflation”, der alles Volksvermögen in Stücke reißen wird. Und wo stehen wir heute? Bekanntlich kurz vor der Deflation. Ferner schrieb er auch über “Wirtschaftsirrtümer”, vergaß aber ganz, sich selbst dabei zu erwähnen.

Deshalb – und insofern – dürfen wir auch das neueste ‘Krokodil’ auf der Bühne seiner Kasperbude getrost ignorieren. Bis zum Alter von 76 Jahren wird – besser: kann – niemand arbeiten, es sei denn, er wäre von Beruf bloß Wirtschaftsredakteur, jemand, der nur leichthin mit Excel-Tabellen hantieren muss. Und ehe dass es soweit kommt, wird wohl – um letztlich hier auch einmal eine Prognose zu wagen – zuvor die paritätische Finanzierung der Rente durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gleichen Teilen wieder eingeführt. Oder aber, die gesetzliche Rentenversicherung wird endlich für alle Berufsgruppen Pflicht. Denn nicht immer lassen sich alle Probleme durch ‘Rationalisierung’ (sprich: Einsparen) lösen, manchmal muss auch mehr Geld in die Hand genommen werden, das dann ins System fließen wird. Ich weiß, für alle Neoliberalen bin ich jetzt der Ketzerei in Tateinheit mit erwiesener Häresie schuldig …

Lassen wir uns also überraschen, aber nicht von Henrik Müller … der ist schließlich Ökonom, also Schamane bzw. Propagandist einer ‘Health & Happiness Show’ – wo uns vom bunten Bandwaggon herab Doktor Hayeks Wunderelixire verkooft werden, gut gegen Haarausfall, Hühneraugen und Demographie.

Gelungene Nachrufe

Den Sound der Zeit traf er wie kein anderer – was allerdings erheblich gegen seine Zeit sprach:

Doch der stumpfgeistige Stammtischton, den [Matussek] nach seiner Amtsübernahme im Jahr 2005 mit seinen Getreuen – darunter der Borderline-Fabulierer Joachim Lottmann und der Popliterat Moritz von Uslar – etablierte, war selbst jenen zu viel, die sich vom Spiegel einen “frischeren Ton” wünschen mochten. Die politische Ausrichtung verschob er noch weiter nach rechts und schoss sich auf die üblichen Feinde ein.

Dem Kult seiner Genialität wurde das Ameisenvolk tief unter ihm leider nie gerecht:

Im Interview mit dem Debattenmagazin The European keilt er nochmal kräftig gegen den Spiegel und einzelne Ex-Kollegen aus, die er wahlweise als “Niete”, “Großmaul”, “Verräter” und “Schienbeintreter” beschimpft.”

Jetzt aber hat den Gral der Invektiv-Kultur bei der ‘Welt’ gefunden, dem publizistischen Weimar unserer Zeit. Dort darf er in drei, vier Jahren dann wohl die Elbphilharmonie zur kulturellen Großtat emporjazzen. Vermutlich vermisst er dort bloß das Kreuz auf dem Dach:

Aber Matussek war eben nur Trash-Rock, eine Spielart, die letztlich keinen nachhaltigen Wert besitzt: Unter ihm wetterte der Kulturteil des Spiegels gegen das Regietheater, feierte den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als visionäre Tat und jauchzte den Stauffenberg-Film mit Tom Cruise zum Erweckungserlebnis hoch.

Auf diesen, seinen luftigen Höhen wandelt Hand in Hand mit ihm einzig der Jan Fleischhauer, sagt er. Ja, denn! Hoffentlich gibt’s bei diesem Tete à Tete keinen unverhofften Nachwuchs …

Im Kern passiert doch bloß folgendes: Eine ganze publizistische Alterskohorte, oft fälschlicherweise ‘Pop-Journalismus’ genannt, wird derzeit aussortiert. Und sie strandet, der Schwerkraft folgend, mitsamt ihren Zipperlein als ‘Rantner’ bei der Welt: Poschardt, Broder, Siems, Seibel, Posener, Aust, Matussek, Stuckrad-Barre, Lottermann usw.

Werber sagen leise Servus

Ein Freund ließ mir die jüngste Ausgabe des ‘Spiegel’ da (Nr. 1 / 30.12.2013). Von der Seite 70 bis zur Seite 135 finden sich darin ganze neun Seiten an gedruckter Werbung. Bei diesen Anzeigen handelt es sich ausschließlich um Werbung für Produkte aus dem Hause ‘Spiegel’, um Eigenanzeigen also. Anders ausgedrückt: Auf diesen 65 Seiten gibt es nicht eine einzige Seite ‘Paid Content’.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da wurde nahezu jede dritte Seite im ‘Spiegel’ von zahlenden Werbekunden gebucht.

Ganz focussiert

Jetzt trägt der ‘Spiegel’ schon die ausgelatschten Pantoffeln des ‘Focus’ auf: “Neuro-Ingenieure wollen das Denken optimieren.” Tscha, warum fangen sie nicht gleich mal im ‘Spiegel’ an? Früher lagen solche Texte gebunden und unter dem Titel ‘Das Neue Universum’ auf dem Gabentisch des hoffnungsvollen Nachwuchses. Was mag als nächstes kommen? “Wie Karotten unsere Sehkraft stärken”? “Weshalb Großeltern doch die besseren Eltern sind?” “Die hundert dollsten Spiegel-Cover”?

Wat denn nu?

Ich konstatiere, ich habe wohl gute Gründe, den Scheiß nicht zu gucken. Aber etwas mehr ‘Linie’ dürfte es schon sein, Qualität und Quotenramsch sollten für ein geschultes journalistisches Auge ja nicht so schwer zu unterscheiden sein. Der ‘Focus’ schreibt:

“Euphorische Gäste, tolle Wetten und jede Menge Nostalgie: „Wetten, dass..?“ war so gut wie schon lange nicht mehr.”

Trotz mieser Quoten – wir halten als Kriterium fest: Viel Nostalgie auch viel gutt. Im ‘Spiegel’ heißt es dagegen:

“Hinterm Trabi wird gejodelt: Markus Lanz grinst sich in Halle an der Saale durch die volkstümlichste “Wetten, dass..?”-Ausgabe aller Zeiten. Die vermeintliche Neuausrichtung der Show beschränkt sich auf brave Selbstzitate – bis zum bitteren, geschmacklosen Ende.”

Gut – wir stellen also fest, da schipperten wohl zwei auf verschiedenen Kanälen. Der ‘Focus’ aber steht wie ein Mann hinter seinem Florian ‘Hasi’ Silbereisen … und da gehört das Burdada-Medium auch hin!

Unvorstellbarkeit

Ein Flügel, der sich gegen etwas stemmt – na, ich weiß ja nicht. Da bricht doch im Nu die stolzeste Schwungfeder:

“Wirtschaftsflügel der Union stemmt sich gegen Mindestlohn.”

Metaphorisch schon eher möglich wären die folgenden Varianten:

“Wirtschaftsflügel flattern wie wild beim Thema Mindestlohn.”
“Auch der Mindestlohn soll gefälligst fliegen, sagt der Wirtschaftsflügel.”
“Mindestlohn gibt Wirtschaftsflügeln Auftrieb.”

Fakten verrücken

Es ist ja richtig, dass es zu viele Leute gibt, die Klamotten- und Herkunftsfragen als Charakterfragen erörtern, die damit dann nur ihr eigenes, extra tief verlegtes Geistesniveau offenbaren. Bei diesem Sachverhalt hat der Jan Fleischhauer ausnahmsweise mal recht, nicht aber bei der Zuordnung des Problems.

Dies soll – ihm zufolge – partout ein Problem der Kleine-Leute-Partei SPD sein. Zur Plausibilisierung ist dann wieder jede Menge Verbalgemöhre à la Canaletto erforderlich. Das Phänomen bleibt sich bei ihm doch immer gleich: Man wirft dem Redaktionshund vom ‘Spiegel’ eine braune Wurst ins Wasser – und das uneigennützige Tier apportiert dann treudoof wedelnd ein rotes Radieschen.

Als erstes muss heuer die FAS dran glauben, deren Feuilleton – hört, hört! – doch längst ‘auf treulinks’ gewandet sei:

“Die Haarschnitte wirken seltsam schief”, hieß es vor vier Wochen im treulinken Feuilleton der “FAS” in einer Rezension der SPD-Wahlplakate über die darauf Abgebildeten: “Die Hosen zwicken”, “die Schuhe drücken”, nicht einmal die Hemden würden “richtig sitzen”.

Links kritisiere hier also links, meint wohl Jan Fleischhauer. Dabei sind es doch nur die üblichen Schnösels aus Schnöseldorf, die uns hier die Ohren verkleistern. Es ist nicht die Linke, die Jan Fleischhauer hier kritisiert, auch nicht der beliebte ‘linksmediale Mainstream’, bestimmt nicht bei der FAS, sondern nur jene abgehobenen Medienvertreter, die unser Kanalarbeiter tagtäglich selbst im Einstein oder bei Borchardts begrüßt. Leute also, die eher bei der FDP und bei der INSM zu verorten wären. Er redet also über seine eigene Klasse.

Noch nicht einmal der Steinbrück hat dermaßen den Kontakt zum ‘kleinen Mann’ verloren wie jene Medien-Schickeria, die sich gern als Hauptstadtjournalismus verklärt.

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