If your memory serves you well ...

Schlagwort: Content (Seite 1 von 2)

Die gute alte Zeit!

Springers jüngster Ausverkauf bei allen Printtiteln aus Döpfners verlegerischem Bauchladen sei – Gott bewahre! – “nicht der Untergang des Qualitätsjournalismus.” Damit hat er schon recht, was nicht existiert, kann begreiflicherweise auch nicht untergehen. Wohl deshalb greift unser Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke zu einer Hilfskonstruktion – dieser ‘Qualitätsjournalismus’ sei nur eine selbstgenerierte Worthülse für das eigene Geschreibsel, ein bloßer PR-Stunt also:

“Auf beiden Transportmitteln, Papier und Bildschirm, wird das gleiche Produkt angeboten, von dem wir selbstbewusst sagen, dass es Qualitätsjournalismus ist.”

Danke jedenfalls für diese notwendige Aufklärung (Hervorhebung von mir).

Qualitätsjournalismus wäre demnach so etwas wie ‘das weißeste Weiß Ihres Lebens’ aus der Waschmittelwerbung, keiner Außenkontrolle und keinen Standards unterworfen, sondern schlicht ein Wort aus der Marketing-Abteilung – und damit auch völlig unabhängig vom Zuspruch aus dem Publikum. Es wäre nur ‘ein Produkt, das wir selbstbewusst Persil nennen’.

Lustig ist die Pawlow’sche Volte, die der Christoph Schwennicke jetzt schlägt, um die nichtsdestotrotz flächendeckende Auflagenerosion trotz seines grassierenden ‘Qualitätsjournalismus’ zu erklären. Der Leser sei falsch ‘konditioniert’ worden, er sei ans Falsche gewöhnt worden – und zwar an jene beliebte ‘Umsonstkultur’, die angeblich überall im Internet herrsche:

“Nein, die Demarkationslinie verläuft in Wahrheit nicht zwischen Print und Digital. Sie verläuft zwischen bezahlt und umsonst. Das Missverständnis, dies mit den Begriffen Print und Digital oder Online gleichzusetzen, hat seinen Ursprung darin, dass die Verlage einst online und umsonst gleichsetzten. Man begab sich ins Netz nach dem Prinzip „Erst mal dabei sein, dann sehen wir weiter“ und machte dabei den verhängnisvollen (vielleicht auch seinerzeit unausweichlichen) Fehler, im Zuge dieses Schrittes ins Netz die Umsonstkultur eingeführt und die Leser daran gewöhnt zu haben.”

Das Problem bestünde folglich gar nicht darin, irgendetwas an der real existierenden Schwundstufe eines boulevardisierten Journalismus zu ändern, nein, man müsse den Leser wieder ‘zurückführen’ in eine gute alte Zeit, wo noch die Abonnements an jedem Straßenrand erblühten. Der Verleger müsse das Publikum am Patschehändchen nehmen, und ihm jenes wundersame Reich weisen, wo der wahre Content wächst und die Irrelevanz betörend duftet. Natürlich nicht umsonst:

“Verlage müssen mit [ihrem Qualitätsjournalismus] Geld verdienen können. Sonst wird es ihn nicht mehr geben können. Nicht, weil das Papier nicht mehr der primäre Botenstoff ist. Sondern, weil er dann nicht mehr zu finanzieren ist.”

Hmmm – die Verlage müssen also müssen können? Bewährt ist da doch Granufink! Ob aber die Journalisten damit noch Geld verdienen, scheint hier weniger die Frage zu sein. ‘Antiquiert’ ist eigentlich gar nicht das rechte Wort, das mir bei solcher problemfernen Medial-Bukolik einfällt. Ich habe nur gerade kein besseres zu Hand …

Mit ein wenig Content im Kopf …

So sehen die gefürchteten Snippets aus. Wir erfahren, dass Obama das letzte TV-Duell schon irgendwie gewonnen hat, dass aber ein aalglatter Romney ihm auch in keinem Punkt widersprach, und ansonsten nur prae-staatsmännisch das Hohelied vom ‘Frieden, Frieden, Frieden’ tirilierte. Aber halt – letztere Details erfahren wir nur, wenn wir schon ein wenig weiter geklickt haben, hin zu den angeschlossenen Deutungshäusern, also in das Reich der Redaktionen. In den Snippets stand dagegen 1161-mal so ziemlich das gleiche – Obama hat irgendwie schon gewonnen. Punkt.

Ein solches Infofitti, eine solche Allerweltsfloskelei, die 1161-mal bei anderen ebenso steht, die sehen Deutschlands Verleger also als ‘the Great Bankrobbery‘, weshalb zur Prophylaxe jetzt ein Leistungsschutzgesetz her muss, eine Google-Steuer, und noch so allerlei. Denn der Leser würde doch schon gar nicht mehr weiterlesen, wenn ihn ein solches Snippet bereits gesättigt hat. Geht’s noch?

Ursächlich für den kritischen Mentalzustand in unseren Verlagshäusern ist in meinen Augen die Content-Krankheit: Sie denken dort traditionell, dass also die Information vor allem aus dem Wer und Was bestünde, weshalb es ja auch weitgehend egal sei, wer dort bei ihnen daheim am Newsdesk vor sich hin klimpere. Das ‘Wie’ einer Information hingegen sei absolut zu vernachlässigen. Sie sehen einfach nicht, dass sie sich alle doch allenfalls noch durch dieses ominöse ‘Wie’ unterscheiden.

Ein deutscher Verleger, contentgläubig wie er ist, könnte also bspw. meinen, dass sich der Inhalt des ‘Huckleberry Finn’ erschöpfen ließe durch die google-gemäße Content-Sentenz: “Ein Junge und ein Neger fahren auf einem Floß den Mississippi hinab“. Schon müsste er – puuh! – den Mark Twain doch gar nicht mehr selber lesen.

Der wahre Kern der Information hingegen besteht immer aus dem, was auch jetzt im Falle Obamas über den Content hinausreicht. Das steht eben nicht mehr in irgendwelchen Snippets von Google. Dass also die Schlangenmenschen bei der ‘Welt’ unter den üblichen neoliberal-klippschuldialektischen Verrenkungen jetzt schreiben, dass Romney irgendwie trotzdem schon eigentlich gegen Obama gewonnen hätte, weil er ja noch nicht verloren hat. Während der Spiegel hanussenmäßig und von einer Position weit in der Zukunft her höhnt, dass Obama dieser Sieg doch gar nichts mehr nützen wird, wie es alle wahrhaft weisen Experten längst wissen. Und darauf einen Mascolo! Wohingegen der ‘Stern’ Siegesfanfaren für Obama bläst, ohne Wenn und Aber, absolut Partei und sans phrase.

Das also ist es, was die Information vom Content unterscheidet – und den einen Verlag vom anderen. Und diese Information ist von Google keineswegs bedroht, allenfalls der tausendfach abgeleierte Dutzend-Content – Google zeigt uns bloß die Bananenschale, aber nicht die nahrhafte Banane …

Krise? – Welche Krise?

Im Jahr 2003 wurden demnach [in Deutschland] noch 3,441 Mrd. Zeitungen und Zeitschriften verkauft, 2011 nur noch 2,441 Mrd., also eine ganze Milliarde weniger.”

Das könnte jetzt einerseits natürlich am blöden, kulturfernen Publikum liegen, das wahre Werte und funkelnden Geist gar nicht mehr zu schätzen weiß. Andererseits kämen vielleicht auch die Themen, der Stil und die Inhalte in Frage, also all die Schmid-Fleischhauer-Lehming-Matussek-Marguier-Seibel-Köppel-Broder-Schuster-und-so-weiter-und-so-fort-Artikel – womit die Genannten nach dem ‘Raumschiff Bonn’ sich ein ‘Raumschiff Redaktion’ ausgestalten durften, und jetzt zwischen ‘Einstein’ und ‘Borchardt’ in ihrem eigenen Orbit um das Schwarze Loch des Neoliberalismus kreisen. Nicht vergessen wollen wir aber auch unseren famosen rundgelutschten Syndication-Qualitätsjournalismus, der uns Tag für Tag so Content macht, wie es die Geschäftsleitung befiehlt, welche – statt auf Lot und Kompass – bei ihrer Fahrt ins Unbekannte lieber auf einen ehernen Renditeplan vertraut …

Die große Missachtung

Über Fernsehausstrahlungen zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom reinen journalistischen Handwerkszeug absieht.

Na, wenn das der Niggemeier hört! Da häkeln wir uns doch gleich einmal ein paar Merksätze ähnlichen Kalibers:

Romane zu schreiben, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein imaginativen Handwerkszeug absieht.

Patienten zu operieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein chirurgischen Handwerkszeug absieht.

Gottes Wort zu verbreiten, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein theologischen Handwerkszeug absieht.

Ein Volk zu regieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein politischen Handwerkszeug absieht.

Ein Hochhaus zu bauen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein architektonischen Handwerkszeug absieht.

Ein Bild zu malen, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man einmal vom rein künstlerischen Handwerkszeug absieht.

Und wie Dieter Petereit daher zu logikolieren, erfordert keinerlei fachliche Qualifikation, wenn man mal von einer intellektuellen Basisausstattung absieht. Per Exklusion (‘wenn man mal *vom Entscheidenden* absieht‘) beseitige ich zappzerapp das einzig valide Argument, indem ich es satzlogisch entwerte und randständig mache – und darf dann ungeprügelt die wildesten Sachen behaupten … zum Beispiel so etwas: “Smashing Apps hat 50 Photoshop-Webdesigns samt detaillierter Anleitungen aufgestöbert. Inspiration und Know-How-Gewinn sind garantiert.” Klar, solche garantierten Wortschätze rieseln natürlich nicht jedermann aus der löchrigen Content-Tasche, wie einst dem Missionar die billigen Perlen am Negerstrand. Und der Schreiberling in der Texterhölle dort bei AOL, der hat doch selbst schuld, wenn ihm so etwas Gediegenes nicht gelingt. Mich jedenfalls döcht bis auf weiteres, Marketing und Public Relations seien ein höchst infantiles Tick-Trick-und-Track-Spiel – mit einem hohen zynischen Anteil.

Jeremias Jörges

Seit einiger Zeit läuft in der ‘Süddeutschen Zeitung’ eine Serie zur Zukunft des Journalismus. Zuletzt stellte in diesem Rahmen der starke Mann des ‘Stern’, Hans-Ulrich Jörges, seine Sicht der Dinge klar. Nur leider nicht mir. Vieles finde ich sogar überaus fragwürdig. Mit dem üblichen großen Glaubensbekenntnis der medialen Orthodoxie beginnt erwartungsgemäß dieser Text:

“Journalismus bleibt unersetzlich – gerade in Zeiten der Leserreporter.”

Ein durch nichts begründetes Apriori steht also am Anfang des Textes – denn an die ‘Unersetzlichkeit’ des Journalismus glauben selbst die Verleger, betrachten wir bloß ihr faktisches Handeln, nur noch an hohen Festtagen. Auf den Redaktionsetagen regiert längst ein anderer Geist, der alles durch ‘billig und viel’ ersetzbar glaubt. Jörges’ Mantra ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, vielleicht auch eine These, wobei zu hoffen ist, dass er uns im folgenden Text einige Argumente für seine Zuversicht liefern wird. Auch die “Zeiten des Leserreporters”, in die Jörges uns hier zurückversetzt, diese ‘Golden Days of Dreams and Roses’, die waren doch eher eine Schnapsidee der Vereinigten Verlegerschaft, als diese von immer noch billigerem Content träumte, wozu ein printmedial aufgeguseltes Bild-Zeitungs-Publikum mit seinen Handy-Kameras druckbare Resultate für ‘fast umsonst’ in die Redaktionsstuben liefern sollte. Von Leserreportern als publizistischer Idee ist heute nirgends mehr die Rede, der Praktikant – vormals ‘Volontär’ – hat ihre Aufgaben längst mit übernommen.

Die folgende (durchaus zutreffende) Lagebeschreibung verpackt Jörges unerfindlicherweise in rhetorische Fragen, dort, wo er die Gründe für die schwindende Macht des Journalismus aufzählt. Wovor sollte der Journalist also Angst haben:

“Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders – auch anderswo – nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen – und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht – und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf – hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?”

Fasste ein Feld-Wald-und Wiesen-Journalist die Gründe für seine Angst vor der Zukunft mal zusammen, so würde er all diese Fragen mit ‘Ja!’ beantworten. Wie eine gelenkige Katze beißt sich Jörges Text im Folgenden selbst in den Schwanz: Durch eine vorangestellte Captatio benevolentiae – ja, alles ist ja wirklich so schlimm wie beschrieben, “aber trotzdem” – tröstet er uns dann erneut mit dem großen Glaubenssatz vom Anfang des Textes:

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich – auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss.

So gewunden und redundant möchte ich auch mal argumentieren – nur erheben meine Logik und meine Vernunft zumeist Einwände und hauen mir die Tippfinger blau. Jörges kommt in der Folge auf die vorgeblichen Aufgaben des Journalismus zu sprechen, eine Liste, wie aus dem Lehrbuch:

“Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.”

Ja, wenn’s doch so wäre! Ich erinnere nur an den Fall der überaus harmlosen Schweinegrippe, wo uns nahezu alle Medien unter Einschluss des ‘Stern’ und vor den darob erstaunten Augen der Bevölkerung eine mediale Riesensau durchs Dorf trieben, als stünde Gevatter Tod mit seiner Hippe schon vor der Tür. Mit Fug darf ich vermuten, dass hier – statt zu ‘erschließen’, zu ‘filtern’, zu ‘ordnen’ und zu ‘interpretieren’ – schlicht die PR-Texte interessierter Pharma-Unternehmen von atemlosen und informationsgehetzten Redakteuren als lautere Wahrheit verkündet wurden. Auf solche ‘Informationen’ können Bevölkerung wie Staat allerdings verzichten – uns ginge es besser! Zumindest wäre mehr Geld in der Kasse. Auf weitere Beispiele eines geradezu desinformierenden ‘Qualitätsjournalismus’ hat Albrecht Müller hier jüngst hingewiesen.

Jörges beschreibt also einen Zustand, der gar nicht existiert. Der real existierende Journalismus widerspricht seiner Zustandsbeschreibung nahezu Tag für Tag. Er steht in der Regel konträr zu verkündeten Idealen – einige wenige ehrenhafte Gegenbeispiele bestätigen dies nur. Kurzum: Es sind eben nicht nur die Verleger mit ihren Herzen aus Excel-Tabellen, es sind auch die Journalisten selbst, die sich in ihre Lage hineingeschrieben haben. Einen publizistischen Bedarf muss man wecken, nicht vergraulen, sonst fliehen die verbliebenen Leser in Scharen.

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Texten um jeden Preis?

Ich bin gern Texter – dies vorab. Auch gern mal umsonst, wie in diesem Blog, wo ich für einen Gotteslohn schreibe – oder allenfalls mal 50 Euro über Google Adsense abstaube. Aber ich bin kein Texter um jeden Preis.

Zur Vorgeschichte: Gestern rief mich der neue Geschäftsführer eines Kunden an, für den ich ab und zu Schreibseminare abhalte. Der hatte nach der Übergabe des Amtes meine Daten verbaselt und suchte mich im Internet, zunächst vergeblich über das Portal texter.de, eine Website, die mir bisher unbekannt war. Natürlich schaute ich mir dieses Portal auch mal an, nachdem er mir davon erzählt hatte – und ich stieß sogar auf eine Latte von Textaufträgen, die dort gegen Gebot versteigert werden. Für die es anfänglich teilweise sagenhafte 0,01 Euro je Wort geben soll – die allerdings noch unterboten werden können.

Sagenhafte Honorarvorstellungen

Ja, dieser Lohn für eine kreative Leistung motiviert natürlich ungeheuer – bei den maximal 15 Wörtern, die in eine Zeile passen, wenn man sich nur die kürzeren Exemplare greift, und bei den etwa 30 Zeilen je Seite. Unversehens käme man da doch glatt auf satte 4,50 Euro je Seite, wenn man sich nicht zu unverschämt aufführt und diesen reellen Marktpreis akzeptiert. Ich Hallodri mit meinem übertriebenen Eigenwertgefühl setzte probehalber 50 Cent/Wort ein – habe aber bisher noch nichts vom Auftraggeber gehört.

Donnerwetter, dachte ich mir – warum schreiben die sich ihre Texte bei ihren opulenten Verdienstmöglichkeiten eigentlich nicht selbst? Bzw.: Warum schmieren die sich solche Aufträge nicht in die gegelten Haare? Denn mit seinem Tippseln verdient da ein Lore-Roman-Lohnschreiber sicherlich mehr. Und er pflegt dann mit dem Hochadel Umgang, statt mit solchen ‘Entrepreneuren’ …

“Journalists deserve low pay!”

Oh, oh, das ist bärenstarke Medizin, nur für robuste Naturen geeignet – und ich begehre, nicht schuld an den finanziellen Folgen für die schreibende Zunft zu sein! Ein waschechter Herr Professor ist das, der dort im medialen Raum seine bitteren Wahrheiten ausschenkt:

“Journalists like to think of their work in moral or even sacred terms. With each new layoff or paper closing, they tell themselves that no business model could adequately compensate the holy work of enriching democratic society, speaking truth to power, and comforting the afflicted. Actually, journalists deserve low pay. Wages are compensation for value creation. And journalists simply aren’t creating much value these days.”

Und selbst schuld am Niedergang sollen die Holzmedien auch noch sein – da hört sich dann doch wohl alles auf! Qualitätsjournalismus besteht doch schließlich geradezu darin, dass alle das Gleiche schreiben. Wie anders sollte der Journalismus auftreten, als in Gestalt einer Tütensuppe:

“Across the news industry, processes and procedures for news gathering are guided by standardized news values, producing standardized stories in standardized formats that are presented in standardized styles. The result is extraordinary sameness and minimal differentiation.

Und so geht das munter weiter – ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Mama, ein Löffelchen für den Verleger, und ein Löffelchen für den Schreiber. Die Standardisierung hat sich selbst versenkt, das ist in etwa die gut begründete These. – – – When will they ever learn?

via: Medienspiegel

Der McWriter macht ein Häufchen

Da hängt also die arme Socke vor dem neuen Cell Phone herum – und ihr fällt partout nichts ein, was sie aufs Papier bringen könnte. Beruf verfehlt könnte man denken – doch weit gefehlt:

„Ich muss fertig werden. Julian, der Marketingleiter stellt sich neben mich: Wo bleibt der Nokia Text. …Ich deaktiviere Skype. Montiere aus dem Nokia Pressetext und ein paar Redaktionsphrasen 700 Wörter. Apfel C, Apfel V. Neue Mail; an: Copyeditor, Layouter in cc. Senden, Rauschen, los. Runter auf die enge Straße, die letzte Marlboro, Feuer, Einatmen. Autos, Abgase, Schilder, Zeichen, Matsch, Hupen, Ausweichen! Rechts ab zu APC, am Rosenthaler vorbei, über zwei Häuserfronten hängt das Nokia N76, links daneben fährt das verblasste rot des hingeschmierten Wortes Revolution an mir vorbei. Wo war jetzt noch mal das Problem?“

So also geht’s: Klau hier, schau da. Schreib’s ab, frisier’s, spuck mit ein paar  ‚Redaktionsphrasen’ um dich. Fertig ist der Marken-Joghurt. Merkt doch keiner – klingt eh alles gleich. Genau, eben – und weshalb klingt’s wohl gleich? Noch doller sind die Leserkommentare zu diesem Schreib-Nix-Verfahren:

„So etwas habe ich noch nie gelesen derjenige der so schreiben kann müsste den LiteraturNobelpreis bekommen! eigentlich ist es nichts weiter als ein normaler alltag im leben von I.C.H aber ist es nicht genau das was uns bewegt ist es nicht das worauf es ankommt? ich für meinen Teil finde diesen Text atemberauben wer so ein literarisches Talent besitzt ist ein meinen Augen ein Vorbild und ich glaube ich habe ein neues Vorbild Gefunden“.

Mal abgesehen von der nichtexistenten Orthographie – manchmal denke ich, unsere Popp-Literaten glauben alle, dass ihnen durchs Schreiben zwischen Brummschädel und Hangover das ‚Easy Money’ lachen könnte. Hej, am besten ihr macht alle ‚irgendwas mit Kommunikation’. In unseren PR-Agenturen stehen euch dann die Türen weit offen – und für die Orthographie sucht ihr euch ‘nen Texter …

Flüchtig und irrelevant?

Ha – diese Blogtexte, die seien doch schnell hingehuscht und bloß für den Moment geschrieben! So lautet ein gängiges Vorurteil, vor allem derjenigen, die sich diesem fuuuchbaa’n Netz nur von Journalisten am Patschehändchen geführt nähern mögen. Die Zeitung dagegen, öhem! die sei dagegen – – – hmmm! die sei dagegen? – – – nun eigentlich sei die ja auch bloß für den Papierkorb geschrieben. Jedenfalls dann, wenn einer dieser hochverehrten Vorurteilsträger mal kurz seine holzfarbene Brille abnehmen möchte, um auf die Realien zu blicken: Die Zeitung wandert am nächsten Tag schon ins Altpapier und ab ins Nirwana, Blog- und Online-Texte erscheinen dagegen nach Jahren noch auf dem Bildschirm, weil die große Gurgelmaschine einfach nichts vergisst. Google hat nämlich den Papierkorb zu seinem Archiv ernannt – und leert ihn niemals aus …

Das Dahinsterben der Holzmedien führt daher keineswegs zu mehr Huschhusch- oder Wie-gerülpst-so-geschrieben-Texten. Genau andersherum wird ein Schuh daraus. Nur hat sich das noch nicht recht herumgesprochen: Während ein Holzjournalist sich um sein Elaborat keinen großen Kopp machen muss, weil für ihn am nächsten Tag immer Aschermittwoch ist, da sind online alle Texte ein Produkt wie Rotwein – sie reifen im Netz. Ein Roman Libbertz kriegt dann nach Jahren plötzlich erneut eine höchst fragwürdige Publicity, weil ein anderes Blog neu auf einen älteren Beitrag anderswo verlinkte. Kurzum: Blog-Content never dies …

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