If your memory serves you well ...

Schlagwort: Constantin Seibt (Seite 1 von 2)

Ein kleiner Artikel

Schon schäumen die Rechten und die Linken – und die selbsternannte Mitte sowieso. Auch der Zeitgeist geht baden. Kurzum: ‘Last Man Standing’ als Schreibhaltung. So etwas ist Journalismus. Und aus den Kommentaren wird prompt eine Lawine … weil urplötzlich eine gesellschaftliche Debatte entsteht, die eben nicht nur aus dem üblichen Schmäh unserer Hirnverrannten besteht, die da meinen, sie hätten schon deshalb recht, weil sie ‘gewonnen’ haben. Wobei sie doch in Wahrheit nur auf jemanden ‘reingefallen’ sind.

Es gab mal einen Seitenzweig der historischen Forschung, der hieß ‘Mentalitätsgeschichte’. Von dessen Ansätzen scheinen unsere Eliten keinen Schimmer mehr zu haben. Und so kommt es so, wie Constantin Seibt es beschreibt – und wie es eben denselben Eliten gar nicht in den Kram passt. Sie stehen eher hilflos davor. Wobei dann nicht die Mentalität der Bevölkerung in erster Linie reformbedürftig wäre, sondern vor allem die mentale Arroganz unserer Eliten …

“Das Paradoxe an der globalisierten Wirtschaft ist: Sie hat ihre Elite so reich wie nie gemacht und gleichzeitig so unglaubwürdig wie nie.”

Lustig ist auch zu sehen, zu welchen Worthülsen die Begriffe ‘liberal’ und ‘Liberalismus’ heutzutage degeneriert sind. Da stimmen große Teile des Kommentariats fröhlich für eine planwirtschaftliche ‘Kontingentierung von Arbeitskräften’ – und sie nennen diese Planwirtschaft dann einfach mal ‘liberal’. 😉

Constantin Seibt zur NZZ

Nun ja, dafür versagt die NZZ regelmässig, wenn wirklich etwas passiert: beim Fall der Berliner Mauer brachten sie nur einen Einspalter, die Bedrohung der SVP für den Liberalismus sahen sie nicht, die Finanzkrise begriffen sie nicht, selbst als das Finanzsystem bereits fast zusammenbrach. Unaufgeregtheit ist noch lang nicht Urteilsfähigkeit. Und deshalb ist Journalismus auch ein interessanter Beruf: Weil er wirklich schwierig ist.”

Sobald ein Journalist tatsächlich in den Dialog eintritt und dialogisch seine eigenen Kommentarspalten befüllt, wird’s regelmäßig spannend. Um auf die Äußerung zurückzukommen: Dass die SVP in der Schweiz so stark ist, könnte daher durchaus etwas mit der publizistischen Landschaft dort zu tun haben, wo Verschnarchtes als Qualitätsjournalismus gilt und Hetze als Informationsjournalismus (s.u.). Dort drucken sie den größten Quark, sofern er nur den Stempel von Blochers Mannen trägt – und ‘das bisschen Mauerfall’ kommt dann eben erst auf Seite Zwei. Da dort ferner nie ein angestellter Schreiber ‘ganz rangvergessen’ in die Kommentarspalten einsteigen würde, wird’s auch nie interessant …

Die Rolle der Information

Die Nachricht sei heute nichts mehr wert. „Jede Redaktion bekommt täglich den gleichen Scheißhaufen auf den Tisch“, es komme auf die unterschiedliche Aufbereitung an.

Mit anderen Worten: Die Information ist eine Straßenhure, für jeden zu haben, oder – an die Drastik des Herrn Redakteurs dort angepasst: Der Schreiber benötigt heutzutage schon Stil, will er dieser alltäglichen Scheiße noch entkommen.

Wie aber dieses taz-Experiment aus sagenhaften 90 Minuten Diskussion eine solche Medizin zur Zukunft der Zeitung destillieren will, wonach sie doch alle fahnden, das würde mich schon interessieren. ‘Stil ist böse’, das Prinzip, das dort ein Diskutant (Constantin Seibt) vertrat, das wäre jedenfalls mal ein interessanter Ansatz. Zumindest würde eine solche publizistische Haltung die stillosen Schlipsgeraderücker, die Elitengruschler und sonstigen Langweiler aus den Redaktionen befördern: “Ihre Artikel taten allen wohl und niemand weh, hier haben sie ihre Papiere …

Tscha, man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Aufklärung über Zwerge

Es gibt Sätze, die sollte man einigen Figuren der – gar nicht mehr so – Neuen Rechten mit dem Meißel ins Stammbuch stanzen:

Es gibt im Journalismus nichts peinlicheres als Papiertigerjäger. Die Leute, die dieses Spiel systematisch betreiben, sind etwa die Kämpfer gegen die politische Korrektheit. Sie veröffentlichen meist gezielt Verletzendes, und beim ersten Ärger schreien sie: Zensur. Und gibt es keinen Ärger, machen sie weiter, bis es welchen gibt. Dann klagen sie über Moralkeulen, Denkverbote oder Zeitgeist. Und preisen den Ärger als Beweis des eigenen Muts. Als hätten nicht seit jeher dumme Grobheiten dumme Grobheiten hervorgebracht.

Man könnte allerdings auch von Schattenspielern sprechen: Intellektuell zumeist ziemlich zwergwüchsig stellen die sich vors helle Licht der Wirklichkeit, so dass ihr Schatten furchterregend an die Wand ihres Mediums fallen kann, dann formen sie die Händchen zu Monstern und Teufelsgestalten, anschließend rufen sie in ihren Artikelchen lauthals ‘Buh!’ und ‘Na warte!’, bevor sie dann die eigenen Schattenwürfe mit der Tastatur erschlagen. Meist sieben auf einen Streich. Anschließend gratulieren sie sich wechselseitig. … Hmmm, warum bloß fallen mir jetzt gerade der Roger Köppel und der Jan Fleischhauer ein?

Bild: Per Johansson, wikimedia, Public Domain

Ou sont les neiges d’antan?

Bis anhin bedeutete Qualität im Journalismus vor allem einen Industriestandard an Nicht-Enttäuschung. Das primäre Ziel war, die Leser nicht zu vertreiben. Dazu musste eine Zeitung vor allem Fehler vermeiden.”

Und die Verleger nannten das Resultat höchst vollmundig den ‘modernen Qualitätsjournalismus’. Dieses Zitat steht hier nur als Hinweis auf einen runderleuchtenden Text von Constantin Seibt zur Zukunft der Zeitung …

Journalisten-Soziologie

Zeitungen sind in ihren Kernressorts erschreckend homogen: 40-50jährige Familienväter. (So wie ich auch). Wenig Frauen, kaum Ausländer, die Jugend hat noch keine Chance (und arbeitet oft billig in Sweat-Shops), die älteren werden frühpensioniert. Kurz: Es ist ein Mittelstandsmilieu, arbeitsam, aber ein wenig provinziell.”

Das schreibt uns der Constantin Seibt über dies ewig junge und freche Medium. Und der sollte es ja eigentlich wissen …

Journalistenkarrieren

Allen, die sich über das vorherrschende Dutzendformat des ‘Alphajournalismus’ in Deutschland jemals gewundert haben, sei dieser Text ans Herz gelegt. Einen Tucholsky gibt es in jeder Generation gerade mal einen – und dieser Text ist immerhin von Constantin Seibt, der sich nie so bezeichnen würde, obwohl er einer ist:

“Eine ganze Generation steigt [im Journalismus] hoch, wie der Schimmel im Abwasch eines Junggesellen. Der beste Satz, den man Jugendlichen zu Theorie und Praxis der Karriere sagen kann, ist: Wart mal.”

Schon der grüngraue Glanz dieser stimmigen Metapher zeigt mir den Solitär mit den Adleraugen …

Neues Wort, gutes Wort

Dieser ‘Rechtsanarchismus’ wäre demnach die Ideologie, die den Neoliberalismus heutzutage durch die Spalten der Gazetten trägt. Manche meinen irrtümlich ja noch, es handele sich bei dieser Vernunftverwirrung um eine degenerative Schwundform des Liberalismus:

“Rechtsanarchismus gilt in der ­Finanzwelt als anerkanntes Hobby von Selfmade-Reichen: in den USA von Soft­ware­milliardären, in der Schweiz von Financiers wie Hummler oder Tettamanti.”

Schon recht, Constantin Seibt:

Was Zeitungen mit Kolumnen zu kaufen hoffen, sind Köpfe. Und damit hofft man, auch Profil und Glanz für das eigene Blatt zu kaufen: mal Witz, mal Kühnheit, mal Haltung, mal menschliche Nähe, mal Provokation oder Stil.”

Mal angenommen, die Hintergedanken in den Chefetagen glichen tatsächlich diesem Schema – weshalb würden denn dann bloß diese ‘Spalten’ in deutschen Redaktionen ständig konträr zur großen Regel besetzt? Jetzt mal abgesehen von Misik und dem ‘Standard’ …

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