Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Cicero (Seite 2 von 6)

Linkereien

Alexander Grau schreibt uns, ‘die Deutschen’ – also ich und du und Müllers Kuh – wir alle würden die Demokratie doch aus den ganz falschen Gründen lieben. Dabei sei lange Zeit die Demokratie in Deutschland keine heilige Kuh, sondern ‘eher unpopulär‘ gewesen – mit dieser Behauptung fährt er dann ziemlich unvermittelt und bruchlogisch fort:

“Insbesondere in Deutschland waren Demokratie und alles Demokratische lange Zeit eher unpopulär. Dabei war das antidemokratische Ressentiment in Deutschland stets eng in ein weltanschauliches Netz aus Antikapitalismus und Zivilisationskritik eingewoben.”

Immerhin – dieses ‘eher unpopulär’ hinterlegt er freundlicherweise – weil unter Journalistens noch unüblich – mit einem veritablen Link. Folglich dachte ich, dort etwas Bedenkenswertes zum Thema ‘Führerstaat’, zum ‘autoritären Charakter’ oder auch zu den bösen ’68ern’ zu finden.

Weit gefehlt! Der angeführte Link führt uns zu einem Besinnungsartikel, der da titelt: ‘Brauchen wir die FDP noch?‘. Als ich sah, wie der Alexander Grau die demokratische Abwahl unserer Lobbyisten von der Zahnwaltothekerpartei so einfach mit einem Indiz für die Unpopularität der Demokratie in Deutschland gleichsetzt, fiel ich vor Lachen fast vom Hocker … und zeitlich gesehen müsste seit dem November 2013 in Deutschland eine geistige Wende von der ‘Unpopularität’ hin zur ‘Vergötterung’ der Demokratie stattgefunden haben. Das ging dann wohl an mir vorbei.

Bildung hilft – manchmal

Die Weihnacht steht der herrschenden Doktrin im Weg, jede Religion sei gleich und auf jeden Fall Privatsache.”

Tscha, bester Alexander Kissler, mal abgesehen vom seltsamen Sprachbau – diese weltanschauliche Neutralität wurde sogar im Grundgesetz festgeschrieben. Und das entstand bekanntlich erst als Antwort auf Hitler. Aber man kann ja nicht alles wissen. Apropos, die derzeit ‘herrschende Doktrin’ sieht den Umfragen zufolge doch eher so aus, dass all die Muslime sich am besten aus Deutschland wieder verziehen sollten. Bis auf den Frank Ribéry natürlich …

Eins noch, bester Alexander Kissler: Dass die Bevölkerung eine gewisse Distanz wahrt zu Figuren im Nachthemd mit Mullah-Bärten, zu erwachsenen Männern in lila Frauen-Fummeln, zu Gurus in orangefarbener Toga, zu gelfrisierten Scientology-Figuren, zu Steinzeit-Evangelikalen im Hanfgewand oder zu Menschen mit lustigen Charlie-Chaplin-Hütchen und Schläfenlöckchen, das kann man ihnen doch nicht wirklich übel nehmen – oder?

Aus trüber Quelle

Die Firma ‘Mediatenor’ hat schon zwei Insolvenzen überlebt, darf ‘nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln der „Datenmanipulation“ bezichtigt werden’, und operiert seit solchen Erfahrungen doch lieber vom beschaulichen Schweizer Rapperswil aus. Sogar Matthias Döpfner und der Kriminologie-Papst Christian Pfeiffer traten aus dem Beirat des Unternehmens rasch wieder aus. Obwohl diese Zahlenschmiede doch, wie vielfach erwünscht, aus allen Rohren gegen die Öffentlich-Rechtlichen schoss. Mitarbeiter hatten da nämlich begonnen, das Auswertungsverfahren der Media Tenor öffentlich zu machen. Und das war nicht – sagen wir’s mal vorsichtig so – es war nicht so, wie es ein ausgebildeter Wissenschaftler erwarten würde, sondern es verfuhr eher intuitiv. Ein gewissenhafter Journalist greift da doch eher mit spitzen Fingern zu …

Fehlende Reputation aber hat bekanntlich deutsche Qualitätsjournalisten noch nie daran gehindert, dolle Geschichten auf höchst wacklige Thesen zu stützen, so wie den Stammtisch auf die Bierdeckel. Auf diese Weise entstehen, allein auf den neuesten Sensationszahlen von ‘Media Tenor’ fußend, längliche Artikel, die uns bspw. dann beweisen, dass eine prinzipienlose Kanzlerin wie Angela die CDU entkernt hätte, während gleich nebenan, in der CSU, doch eine viel unverrückbarere Lichtgestalt wie Seehofers Horst zu finden wäre, der heute ‘Hü!’ sage, und morgen ‘Hü!’, aber niemals nie nüch ‘Hott!’:

“Vom Gipfel führen alle Wege bergab, nach dem Zenit folgt der Abschwung, auf den Triumph der Kater: So wird es nun auch Angela Merkel ergehen. Nicht als ewige Kanzlerin wird sie in die Geschichte eingehen, sondern als die Frau, deren Machtbewusstsein in einer Großen Koalition zerrieben wurde. Darauf deutet der neue „Mediatenor“, demzufolge Merkel in 24 „tonangebenden deutschen Medien“ vom dritten zum viertel Quartal 2013 rapide an Ansehen eingebüßt habe.”

‘Tonangebende Medien’ – wer mag das bloß sein? Und wer erdichtet uns orakelnd solche Votivbildchen und wo werden sie gedruckt? Nun, in diesem Fall äußert sich der Alexander Kissler so gewohnt meinungsfroh im stadtbekannten ‘Cicero’ …

Unsaubere Argumentation

Alexander Kissler sticht mir immer mehr ins Auge – nicht als begnadeter Schreiber, sondern mehr als Meister der Inkohärenz. Bekanntlich gibt es drei Grundprinzipien wahrheitsfähiger Kommunikation: Kongruenz, Kohärenz und Konsens. Man sollte also – erstens – nicht behaupten, dass der Himmel blau sei, wenn es gerade wie aus Kübeln schüttet (Kongruenz), man sollte – zweitens – nicht im Nachsatz das behaupten, was der Vorsatz gerade bestritt (Kohärenz), und – drittens – sollte man sich halbwegs auf der Ebene sozial akzeptierter Fakten der Weltdeutung bewegen (Konsens). Gegen mindestens zwei dieser Gebote verstößt der Alexander Kissler gern, wo nicht ständig. Ein Beispiel:

Die drohende Große Koalition will den Weg einer selbst sich fesselnden Leisetreterei weiter beschreiten.”

Dieser Satz findet sich in dem neuesten Oeuvre des Mannes vom ‘Vatican-Magazin’. Eine ‘sich selbst fesselnde Leisetreterei’ ist allein schon ein höchst gewagtes Bild, wo mir bei der inneren Visualisierung nur Komisches vor Augen treten will – aber sei’s drum. Was unser Schreiber hier offensichtlich beklagt, ist die fehlende Trötpotenz der Deutschen im europäischen Konzert. Wo der Berlusconi einst die Basstuba blies, wo der Cameron heute auf die Pauke haut, da sei von den Deutschen bestenfalls die Triangel zu hören. All unsere Polit-Michels – das wären sozusagen nur ‘die Trottel der Nationen’ zwischen Mittelmeer und Bottnischem Meerbusen, deshalb, weil unsere Politikkaste niemals Nationalinteressen zu vertreten wagt, sondern einen europäischen Holzweg immer ‘weiter beschreite’. So weit meine Übersetzung des vermutlich Gemeinten.

Immerhin – für jahrelanges Irregeleitetsein stünden wir in Europa doch eigentlich ganz gut da! Aber mal abgesehen vom jedem inhaltlichen ‘Richtig’ oder ‘Falsch’ solch grundlegend dubioser Sätze – der Alexander Kissler müsste jetzt, um ‘kohärent’ zu sein, auf seiner selbstgemalten Linie weiterschwabulieren, um einer individuellen ‘Wahrheit’ ohne Kurven und Brüche verpflichtet zu bleiben. Aber nichts da:

“Das jahrelange Zuviel an Säbelklirren und Auftrumpfen und Besserwissen kehrte sich in sein ebenso falsches Gegenteil, in ein Zuwenig an Selbstbehauptung und Streitkompetenz.”

Wo eben noch Leisetreter sich die Schnürsenkel zur Selbstfesselung im Laufen zusammenknüpften, da soll jetzt jahrelanges Säbelrasseln ertönt sein? Wo denn nu und wat denn nu?, fragt sich da doch der unbedarfte Leser – und legt diesen inkohärenten Text spätestens jetzt entnervt und aufstöhnend beiseite. Weil seine Vernunft in Richtung Migräne robbt.

Dass Kisslers Textbaukasten sich darüber hinaus auch nur höchst selten im Konsens mit seiner Zeit befindet, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Allenfalls die Kongruenz scheint gelegentlich gegeben, er schreibt immerhin kein Klingonisch, um verständlicher zu wirken …

Nennt sich Qualitätsmedium …

Unser Autor Alberich lehrt Wagner und der deutschen Seele das Fürchten. Immer montags und immer [noch falsch] …”

Nachtrag: Nun sind sie endlich vom Dativ in den Akkusativ gerobbt. Man hat ja doch Einfluss …

Journalisten-IQ

Die SPD will ihre Mitglieder über eine Große Koalition abstimmen lassen. Nicht einmal eine halbe Millionen Menschen stimmen damit über die politische Zukunft des Landes ab. Ist das noch Demokratie?”

Wäre es denn (noch) Demokratie, wenn CDU-Mitglieder darüber bestimmen dürfen, was die SPD machen soll? Oder – anders gewendet – wenn nur zehn Männeken in irgendeinem Verhandlungsausschuss diese Koalition durchwinken würden? Und wie viele brave Bauern und Fleischermeister dürfen denn im Merkel-Wahlverein abschließend abstimmen, wenn dort die Steuererhöhungen auf dem Tisch liegen? Ich fasse es nicht – ein solcher Journalismus bewirkt bei mir Fremdschämen, und das nicht nur wegen der Orthographie …

Unabhängig? – Überparteilich?

Nun ja, so sehen sie sich halt gern. Was hingegen das Publikum sieht, das sind bspw. die Headlines auf der heutigen Startseite beim ‘Cicero Online’. Diese repräsentative Seite des deutschen Qualitätsjournalismus sieht derzeit nun mal so aus:

“Der FDP steht ein triumphaler Wiederaufstieg bevor.”
“Die grüne Journaille hat versagt.”
“Generation Grün: Das Ende der Moralapostel.”
“Die Niederlage der FDP ist ein Sieg des Liberalismus!”

In geballter Form wirkt es schon ein wenig kampagnenmäßig, und bei Neuwahlen – sagen die Umfragen – stürze die FDP ja nur noch weiter ab. Aber sei’s drum. Irgendwer aber hat diese Texte ja wohl bestellt … auch wenn sie inhaltlich allen unverbildeten Gemütern allzufern der Realität daherzudichteln scheinen. Und wenn’s uns so knüppeldick aufs Brot gestrichen wird, klingt selbst der neoliberale Tabubrecher-Gestus hohl, er wirkt nur noch wie Mainstream-Ballett im Affenkäfig. Das aber ist ja eben die kindliche Natur dieses unipolaren Widdewiddewitt-Journalismus: ‘Komm mit uns nach Leckerland … statt harter Fakten gibt’s dort Schmand’. Aber immer erst nach der Rente mit 67 …

Aufklärung sah irgendwie mal anders aus.

Polit-Sprech

Es gelte auch weiterhin “uneingeschränkt”, dass die CDU Steuererhöhungen ablehne, sagte Gröhe. Will sagen: Davon gegebenenfalls abzurücken, sei erst Sache konkreter Koalitionsverhandlungen …

Das Rennen um die dollste Headline gewinnt derweil irgendsoein Rolf Lapuster oder so ganz meinungsfroh beim ‘Cicero’: “Die Niederlage der FDP ist ein Sieg des Liberalismus.” So kann man das sehen: Diese gegelten Jungunternehmer gerieten in den kalten Wind des Wettbewerbs – und soffen prompt ab, weil sie ihren Äppelkahn zu stark auf steuerbord geleichtert hatten. Das kann auf dem politischen Pferdemarkt schon mal passieren, das unternehmerische Risiko gehört nun mal zum Business …

Nachtrag: Auch das Grauchen mag nicht von alten Überzeugungen lassen und wälzt sich wohlig im Kaffeesatz: “Der FDP steht ein triumphaler Wiederaufstieg bevor.”

Der Wolf jagt die Meute

Da kam unserem Wolfgang Bok ganz unversehens die FDP abhanden – und was schreibt er in den ‘Cicero’? Die Versager – tätä! – seien doch ganz andere gewesen:

“Die grüne Journaille hat versagt.”

Man fragt sich ja, wer das bitteschön sein soll? Eine ‘grüne Journaille’ mitten im schwarzen Deutschland, vermutlich ja aus dieser Bok-Marguier-Poschardt-Seibel-Siems-Steingart-Dönch-Fleischhauer-und-so-weiter-Medien-Mafia, die diesmal bis zur Schließung der Wahllokale faktisch die Grünen jagte. Die Wacheren unter uns erinnern sich noch … wenn das Wort ‘Niederschreiben’ je einen Sinn machte, dann im Vorfeld der Bundestagswahl. Und das – soso! – wäre also die ‘grüne Journaille’ gewesen, die sich dort selbst versenkte?

Dass der Wolf dann noch die FDP und die AfD, die bekanntlich beide nicht im Bundestag vertreten sind, zu einer ebenso virtuellen wie ideellen Mehrheit auf seinem Taschenrechner zusammendaddelt, was vermutlich dann irgendein Gebilde ‘rechts vom Konservatismus’ und von Merkel wäre, wenn’s so etwas Krankes denn gäbe, das verwundert in seiner zuordnungstüddeligen Wirrsal mich doch bis zum Hirnschmerz. Vor allem, weil die untergegangene FDP selbst als ‘Partei der Mitte’ keinesfalls mit den Giddels von der AfD in einen Topf geworfen werden möchte. Aber das macht ja nichts, beim Wolf, unserer meinungsfrohen Laokoonfigur im Kuddelmuddel neuerer Wahlergebnisse, bei dem kommt heuer alles in die Wurst …

Was faktisch hingegen feststeht, ist folgendes: Im Bundestag gibt es nach der Wahl eine ‘linke Mehrheit’ von vier Stimmen, der es aber so ergeht, wie den zwei Königskindern – aus nicht vom Wähler zu vertretenden Gründen. Wer das bestreitet, kann nicht zählen und leidet unter Hirnflöten – um mich mal höflich auszudrücken.

Das Grauchen

Deutschland versinkt in kollektiver Bequemlichkeit. Im Namen individueller Freiheit tritt jetzt die moderne Emanzipation auf den Plan, die den Neo-Kollektivismus zementiert. Denn selbstbestimmt soll nur leben, wer gleich ist.”

Tscha, der Kollektivismus wird eben immer raffinierter. Jetzt schleicht er schon, obwohl doch ‘zementiert’ und ‘versinkend’ wie einst das Mafia-Opfer im Hafenbecken, pseudo-neoliberal gewandet durch die Zeilen. Nur der Alexander Grau von der Firma Sherlock & Söhne weiß da noch, welche Camouflage hinter den Kulissen gespielt wird. Der Anblick manch feuilletonistischer Denkbemühungen wirft derweil bei mir die Frage auf, ob dieser Text seinen Verfassser wohl noch versteht. Wo’s der gemeine Leser schon nicht tut. ‘Voll Banane’, sagten wir früher zu derartigen Verbalunfällen …

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