If your memory serves you well ...

Schlagwort: Boulevardisierung

Hilfreiche Geschichte

Geschichte ist wichtig – nicht nur deshalb, weil man sie wiederholen muss, sofern man sie nicht kennt. Kein Berufsstand ist allerdings so blind gegenüber der eigenen Geschichte, wie ausgerechnet der Journalismus. Gut, es gibt ein paar notorische Mavericks, wie zum Beispiel der Otto Köhler, der sich nahezu als einziger mit den deutschen ‘Schreibmaschinentätern’ auseinander gesetzt hat. Wirklich wissenschaftlich aufgearbeitet wurde diese Geschichte aber nie. Da gibt es bis heute nur Einzelstudien zu diesem oder jenem Blatt bzw. Verlag. Und auch dieser Otto Köhler war wiederum ‘parteiisch’, wohl nicht ohne Grund erschienen viele seiner Texte im Umfeld von ‘Konkret’ und ‘Junger Welt’.

Die heutige ‘Zeitungskrise’ wiederum steht mit diesem idealisierten und unerforschten Selbstbild der Journalisten in Verbindung. Demnach – so die publizistische Lieblingsmeinung – wären alle Journalisten immer dem Wahren, Guten und Schönen verpflichtet gewesen, lauter kleine Tucholskys, die einander den Staffelstab übergaben. Sie alle wären dem publizistischen Auftrag der ‘Aufklärung’ mit Hilfe eines objektiven Journalismus verpflichtet gewesen. Ja, Pustekuchen! ‘Oh Gott, bei wem haben wir bloß mal gelernt?’, das sollten sie sich fragen … und sich endlich mal hinterfragen.

Selbst wenn wir die ‘braune Zeit’ hier beiseite lassen, ist es klar, dass die erste Generation von Journalisten in der Bundesrepublik größtenteils die Schule des Promotions- und Durchhalteparolen-Schmieds Emil Dovifat durchlief, der damals ein Ansehen genoss wie heute allenfalls ein Wolf Schneider – und zwar auch als problemfreier Doktorvater, sofern man nur dessen Lehrbuch ausschrieb: Mitbegründer der FU Berlin und Leiter des Instituts für Publizistik dort, Verfasser einer zweibändigen ‘Zeitungslehre’, die zahllose Auflagen erlebte, Gründer der ‘Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft’ und der CDU-nahen ‘Abendländischen Akademie’. Gern gab der Weisheiten wie die folgende von sich:

“Es gibt in Deutschland einen starken, meist intellektuell bestimmten Leserkreis, dem eine kritische, eine hyperkritische Darstellung, aber in brillianter journalistischer Form, aus nihilistischer Grundhaltung zu lesen geradezu ein Bedürfnis ist. Die Sucht danach bleibt auch, wenn die Achtung vor jeder wirklichen Leistung dabei zu Bruche geht.”

Intellektuellenfeindschaft, Nihilismusvorwurf, Stil-Aversion – man fragt sich, welche ‘wirkliche Leistung’ für den Journalismus da denn noch übrig bliebe? Dovifat hatte übrigens zu dem Zeitpunkt mit der beginnenden Studentenbewegung zu kämpfen, für ihn Teil eines Pankow-gelenkten ‘Zersetzungsprozesses’. Denn die Zeitung habe vornehmlich eine ideologische Lenkungsfunktion, so wie er es in der vierten Auflage seiner ‘Zeitungslehre’ (1944) noch unverblümt verkündet hatte:

“Nicht Meinungskampf, sondern Meinungsfestigung zu echtem Glauben und bleibender Überzeugung, um aus ihnen die Tat des Einzelnen für die Gemeinschaft erstehen zu lassen, das ist die Aufgabe der Zeitung.”

Später formulierte er dies verblümter, ohne ‘Glaube’ und ähnlich verräterisches Vokabular, wiewohl immer noch unverhohlen. Schüler Dovifats gibt es viele: Elisabeth Noelle-Neumann stammt aus seinem Stall, auch der erste bundesdeutsche Informationsminister Hans Klein hatte bei ihm gelernt. Der Begriff der “publizistischen Führung” als Aufgabe der Medien geht auf ihn zurück, bei Noelle-Neumann hieß es dann wohl “formierte Öffentlichkeit”. Das Publikum sollte also zu einem ebenso CDU-nahen wie SPD-fernen Leben in Quietismus, Wohlverhalten und Gehorsam erzogen werden. Kurzum: Ein publizistisches Elitenprogramm, das seine faktische Macht notorisch überschätzte.

Inzwischen regiert längst ein anderes Prinzip – auch dies eine Folge des großen Medienwandels. Heute könnten wir von einer “geführten Publizistik” sprechen. Die Publikumserwartungen regieren die Zeitungsinhalte, gemessen in Klickzahlen. Gewöhnlich sprechen wir daher von einer ‘Boulevardisierung’ der Medien. Wobei allemal die Zahl der Zugriffe über die künftigen Inhalte entscheidet – und die Analyse leider notorisch zu kurz kommt. Denn diejenigen, die dort rastlos klicken und sich in vielen Kommentarspalten ausgöbeln, die werden in der Folge zunehmend publizistisch bedient, obwohl doch ihr Beritt – von der NPD über den Rechtspopulismus bis hin zur AfD und der ‘Achse des Guten’ – allenfalls einen fünfprozentigen Anteil der Bevölkerung ausmacht. Es handelt sich ferner auch nicht um eine Leserschaft, die sich jemals – abseits der ‘Bild’ – eine Zeitung kaufen würde. Jenseits der Lokalberichterstattung greift nach wie vor – vage formuliert – ‘die Intelligenz’ zu überregionalen Zeitungen – und diese Zielgruppe geht ihnen angesichts eines marketingorientierten Wandels zunehmend stiften. Diese Simpel-Zeitung ist dann einfach nicht mehr ‘ihre’ Zeitung.

Mit einem Wort: Die Zeitungen verlieren – nicht nur, aber auch – weil sie ihre eigentliche Zielgruppe vernachlässigen, und stattdessen einen Klippschul-Stil, Wurst-Schlittenhund-Inhalte, Simplifizierung und Fressnapf-Texte bevorzugen. Es ist eben kein Qualitäts-, sondern ein Quantitätsjournalismus. Vielleicht sollten sie sich in diesem Punkt am Emil Dovifat ein Beispiel nehmen, der in der braunen Zeit Heine und Börne trotz ihres ‘glänzenden Stils’ als ‘jüdisch-zersetzend’ verteufelte, um dann – frisch gewendet – die gleichen Autoren wegen ihres ‘glänzenden Stils’ über den grünen Klee zu preisen. Mal so, mal so … alles nachzulesen in den verschiedenen Auflagen seiner ‘Zeitungslehre’.

Festzuhalten bleibt: Die Funktion des Journalismus hat sich fundamental gewandelt, dem selbstgewissen Selbstbild aber entsprach diese Funktion noch nie …


Die gute alte Zeit!

Springers jüngster Ausverkauf bei allen Printtiteln aus Döpfners verlegerischem Bauchladen sei – Gott bewahre! – “nicht der Untergang des Qualitätsjournalismus.” Damit hat er schon recht, was nicht existiert, kann begreiflicherweise auch nicht untergehen. Wohl deshalb greift unser Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke zu einer Hilfskonstruktion – dieser ‘Qualitätsjournalismus’ sei nur eine selbstgenerierte Worthülse für das eigene Geschreibsel, ein bloßer PR-Stunt also:

“Auf beiden Transportmitteln, Papier und Bildschirm, wird das gleiche Produkt angeboten, von dem wir selbstbewusst sagen, dass es Qualitätsjournalismus ist.”

Danke jedenfalls für diese notwendige Aufklärung (Hervorhebung von mir).

Qualitätsjournalismus wäre demnach so etwas wie ‘das weißeste Weiß Ihres Lebens’ aus der Waschmittelwerbung, keiner Außenkontrolle und keinen Standards unterworfen, sondern schlicht ein Wort aus der Marketing-Abteilung – und damit auch völlig unabhängig vom Zuspruch aus dem Publikum. Es wäre nur ‘ein Produkt, das wir selbstbewusst Persil nennen’.

Lustig ist die Pawlow’sche Volte, die der Christoph Schwennicke jetzt schlägt, um die nichtsdestotrotz flächendeckende Auflagenerosion trotz seines grassierenden ‘Qualitätsjournalismus’ zu erklären. Der Leser sei falsch ‘konditioniert’ worden, er sei ans Falsche gewöhnt worden – und zwar an jene beliebte ‘Umsonstkultur’, die angeblich überall im Internet herrsche:

“Nein, die Demarkationslinie verläuft in Wahrheit nicht zwischen Print und Digital. Sie verläuft zwischen bezahlt und umsonst. Das Missverständnis, dies mit den Begriffen Print und Digital oder Online gleichzusetzen, hat seinen Ursprung darin, dass die Verlage einst online und umsonst gleichsetzten. Man begab sich ins Netz nach dem Prinzip „Erst mal dabei sein, dann sehen wir weiter“ und machte dabei den verhängnisvollen (vielleicht auch seinerzeit unausweichlichen) Fehler, im Zuge dieses Schrittes ins Netz die Umsonstkultur eingeführt und die Leser daran gewöhnt zu haben.”

Das Problem bestünde folglich gar nicht darin, irgendetwas an der real existierenden Schwundstufe eines boulevardisierten Journalismus zu ändern, nein, man müsse den Leser wieder ‘zurückführen’ in eine gute alte Zeit, wo noch die Abonnements an jedem Straßenrand erblühten. Der Verleger müsse das Publikum am Patschehändchen nehmen, und ihm jenes wundersame Reich weisen, wo der wahre Content wächst und die Irrelevanz betörend duftet. Natürlich nicht umsonst:

“Verlage müssen mit [ihrem Qualitätsjournalismus] Geld verdienen können. Sonst wird es ihn nicht mehr geben können. Nicht, weil das Papier nicht mehr der primäre Botenstoff ist. Sondern, weil er dann nicht mehr zu finanzieren ist.”

Hmmm – die Verlage müssen also müssen können? Bewährt ist da doch Granufink! Ob aber die Journalisten damit noch Geld verdienen, scheint hier weniger die Frage zu sein. ‘Antiquiert’ ist eigentlich gar nicht das rechte Wort, das mir bei solcher problemfernen Medial-Bukolik einfällt. Ich habe nur gerade kein besseres zu Hand …

Aktien haben kein Gewissen

Über die ‘Zeitungskrise’ ist viel und oft geschrieben worden. Ein erneutes Auswalzen des Themas kann ich mir hier schenken. Dass aber die publizistische (Rest-)Qualität vieler Zeitungen in auffälliger Weise von ihrer Struktur abhängt, das wird erheblich weniger diskutiert. Dort, wo die Herausgeberposition stark geblieben ist, genügt die publizistische Qualität auch heute noch halbwegs den Ansprüchen eines Publikums, das sich nicht für dumm verkaufen lassen will. Als Beispiele nenne ich hier ‘Zeit’, ‘FAZ’ oder auch ‘Spiegel’. Dort aber, wo die Verlage sich in Form einer AG der Logik der Börse unterworfen haben, dort kann man den allseits beliebten ‘Qualitätsjournalismus’ rapide dahinsiechen sehen, so wie einst die TBC-Kranken auf dem Balkon des Grand Hotels zu Sankt Moritz.

Dieser Effekt liegt in der Logik der Strukturen. Natürlich sinken derzeit die gewohnten Werbeeinahmen auf breiter Front: Immobilien-, Auto-, Partner-, Stellenmarkt und viele Märkte mehr gingen unwiderruflich ans Internet verloren. In einer Aktiengesellschaft aber liegt die Entscheidungsmacht über Konsequenzen dann allemal bei einer Gruppe anonymer Investoren, die ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert sind, denen mediale und publizistische Gesichtspunkte Hekuba sind.

Sinkt deren Rendite, dann muss auch in ihren Augen natürlich etwas geschehen. In der Logik solcher Geldnasen darf es sich aber niemals um eine Kürzung ihrer Gewinnerwartungen handeln; ein geschäftsführender Vorstand, der dies verträte, wäre seinen Posten innerhalb von Tagen los. Es gilt, einer gewinnfixierten BWL-Logik zufolge, allemal die ‘Ertragsstruktur’ zu verbessern, zum Beispiel durch Entlassungen, durch ‘Syndication’, durch PR-Dienstleistungen, durch ein allgemeines Schneller, Mehr und Flüchtiger im publizistischen Bereich. In der Folge kommt es zur bekannten ‘Boulevardisierung’, zum rudelhaften Hinterherhecheln, zu Zeitungen ohne Gedächtnis, die heute dies und morgen das verkünden, zu einer redaktionellen Linie, die sich strikt am Auf und Ab der Excel-Charts bemisst.

Kurzum: Ich frage mich, ob Aktienrecht und Qualitätsjournalismus überhaupt vereinbar sind? Ob BWL und Öffentlichkeit Arm in Arm gehen können? Die viel bekakelten ‘Gefahren aus dem Internet’ aber sind – strukturell und mit den Augen des lesenden Publikums betrachtet – für den Journalismus doch eher ‘Gefahren aus dem Aktienrecht’ …

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑