If your memory serves you well ...

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Blasphemie!

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Beim Stöbern in meinen alten Dateien stieß ich auf diesen Text. Mir waren damals all die üblichen Ratgeber zum Schreiben im Netz aufgestoßen, deren Ratschläge dann doch immer auf ‘Wolf Schneider’ mit einer Prise SEO hinausliefen. Ich habe meine konträren Ansichten damals in ‘zehn Gebote’ gefasst:

Die zehn Gebote
Schreiben im Web 2.0

1. Du sollst keine anderen Götter haben.
Ich bin ein neuer Gott, geboren in einer ‚Medienrevolution‘. Die alten Gebote gelten nicht mehr.

2. Du sollst eine Gemeinde formen.
Vernetze dich, beteilige dich an Diskussionen anderswo, setze Links und äußere dezidierte Meinungen, die eine Debatte auslösen. Dann werden meine Engel, die Suchmaschinen, dich weit oben, zu meiner Rechten, platzieren.

3. Du sollst in Bildern sprechen.
Die Menschen sehen nur, was ihnen anschaulich ist. Sprich in Metaphern, entdecke die Macht einer neuen, bildhaften Sprache.

4. Du, nur du, sollst Zeugnis ablegen.
Weil du für meine neue Kirche sprichst, stehst du allein. Die Kirche der Individualität hat selbst keinen Mund. Werde nie zu einem bloßen Sprachrohr, sondern zu einem Autor, der auf jedem Marktplatz wiedererkannt wird. Schaffe dir in meinem Namen einen Namen.

5. Du sollst nicht nur Wörter und Buchstaben nutzen.
Meine Welt ist ‚multimedial‘: Ich spreche aus Filmen, aus Animationen, aus Bildern und Fotos – und nicht nur aus grauem Text zu den Menschen.

6. Du sollst den neuen Gott beschreiben – aber keine Theologie verbreiten.
Meide die Fachsprache der Gelehrten, beschreibe in einfachen Worten komplizierte Dinge, damit die Gemeinde das Sehen lernt.

7. Du sollst deine Überzeugung mitteilen, nicht meine Gebote.
Sprich also in der Ich-Form, zeige dein Gesicht, stehe zu deinen Aussagen, berufe dich nicht auf Autoritäten, die immer so vergänglich sind wie das Laub im Herbst.

8. Du sollst erzählen.
Die Menschen folgen Geschichten, nicht den Beschreibungen. Mache aus jedem Gegenstand einen ‚Helden‘, gib ihm eine Biographie, eine Entwicklung und Erlebnisse.

9. Du sollst von dir selbst überzeugt sein.
Schreibe nie etwas, woran du nicht glaubst. Schon führen alle Wege zu mir.

10. Du sollst mich achten.
Bestelle den neuen Acker in meinem Geist. Reiße das Unkraut und die alten Wurzeln aus.

Bild: Welleschik, wikimedia, CC-License

Der Plauderton

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

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Unschreiben für Anfänger

Ihr schießt da plötzlich was durch den Kopf, was glücklicherweise nicht aus Blei ist, sondern sich bloß in einen Blogbeitrag verwandelte:

.. noch einmal “memory” (siehe unten), jetzt aber von der anderen Seite, mehr so “.. bloß nicht!”:

Ungebeten drängt sich ihr da inmitten der Strandlust von anderer Seite ein unbekannter Gast auf, der die schönste Erinnerung ‘in’n Tüddel’ bringt:

“Plötzlich beim Lesen stand dieser Satz letzten Samstag in der sonnenflirrenden Luft am vollgepackten Strand des Liepnitzsees und verhedderte sich mit seiner tiefen Melancholie so unpassend in den Sommertag, dass er vorgelesen werden musste”.

Das folgende Binnenzitat schenken wir uns einfach mal, alldieweil die Autorin ihre Philippika lauthals den erstaunten Badegästen dort entgegendonnert. Sie wird diese schon ‘voll gepackt’ haben! Wir aber widmen uns – dieser Text kennt kein Verweilen – stattdessen dem Genre der Buchreisen, dieser preiswerten Tourismus-Alternative für den kleinen Geldbeutel:

Sebald, der in diesem Buch durch Großbritannien reist, referiert hier den englischen Autor Thomas Browne, der dadurch genau das ja gerade nicht wird, was er herbei ruft: vergessen.

Ja, auch für mich sind’s unvergessliche Sätze, vor allem das ‘referiert’, auch wenn’s mich danach eher zum Underberg als zum Biere drängte:

Ziemlich dark und seltsam, aber irgendwie dann doch auch schön – und das Wetter spinnt vielleicht, aber Schnee, nein. Soweit geht das Elend dann doch nicht. Also raus. Let’s have a beer.

Was hat sie gesagt? Wo gibt es Schnee?

Fünfmal um den Blog

Gut – legen wir also erneut ab vom sicheren Google-Kai, um einige weiße Flecken der Blogosphäre zu erkunden. Immer den Möwen nach …

1. Im Falle von Gsallbahdr interessiert mich das meiste ausdrücklich nicht. Da ist mir zu viel Technik, zu viel Fachbegrifflichkeit, vieles wirkt zu zu nerdig, zu fieselig auf einen bekennenden Dumm-User wie mich. Zwischendrin aber finde ich immer wieder autobiographische Perlen wie diese hier, die dazu noch gut geschrieben sind, was man ja nicht von allen Freaks behaupten kann, die stilistisch oft im Blaumann daherkommen, als schrieben sie noch immer Programmierzeilen. Der hier nicht:

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Tschäneräjschen Applohd

Thomas Knüwer verdanke ich den Hinweis auf dieses schöne Stück Mozzarella-Prosa aus dem Hause Vodafone, verfasst für ein Corporate-Blog von einem veritablen Blogger namens ggründgens, der als Marken-Chef auch tatsächlich so klingt wie aus des seligen Gustav Gründgens’ Zeiten überkommen. Dieses Blog ‘bloggish’ zu nennen, wäre sicherlich eine maßlose Übertreibung, trotzdem, auch solches Kleinvieh macht Mist – schmücken wir uns also diesen Text ein wenig mit der Zierpetersilie des fortlaufenden inneren Leserkommentars aus:

Endlich ist es soweit [Ich konnte es auch kaum noch erwarten!]. Die neue Vodafone-Markenkampagne [wie war denn die alte?] startet diese Woche [doch schon?], mit der wir national [international würde man sich auch eher schlapplachen] die „Generation Upload“ ansprechen [It’s a new generation, with a new explanation, it’s – huh! – people in motion]. Doch wer ist das eigentlich, die „Generation Upload“? Die Antwort ist denkbar einfach: Du bist die „Generation Upload“ [Opa, Enkel, Müllers Kuh, mittendrin natürlich du – ]. Warum? Weil alles, was Du startest, heute die Welt bewegen kann! [Kausalität ist nämlich Glückssache, oder das Eintippen einer Rufnummer in Wanne-Eickel kann einen Vulkanausbruch in Honolulu auslösen]

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Zweisprachlichkeit?

Seit längerem pätschwürge ich, immer wenn ich dazu mal Zeit finde, an einem Typoskript mit dem Titel ‘Schreiben im Web 2.0’ herum. Es beruht auf meinen Beobachtungen über erfolgreiche Textformen im Netz, teilweise auch auf Texten, die ich für diese Klorolle hier verfasse – und es soll idealerweise auf solcher Basis als Antidot zu Journalistenschulen, aber auch zu den Rigorismen eines Wolf Schneider oder Bastian Sick dienen. Ganz und gar zum Gebrauch für Blogschreiber.

Beim Blogger daheim ...

Beim Blogger daheim ...

Gerade das aber gerät einem Literaturagenten – der Name tut hier rein gar nichts zur Sache – in einer E-Mail an mich zum Totschlagsargument. Weil ich so für Blogger schreiben dürfe, dürfe ich doch noch lange nicht so für ein Buch daherschreiben, das für den Buchmarkt bestimmt sei. Denn das richte sich immerhin an ein wirkliches Qualitätslesepublikum, das wahre Seriosität gewohnt sei, das also solche Persönlichkeiten des literarischen Lebens goutiere und mit hohen Auflagen belohne wie Rosamunde Pilcher, Egon Krenz oder gar Großschriftsteller wie Dieter Bohlen.

Aha, dachte ich mir da, der Teufel ist doch ein Logiker – und Blogger lesen und kaufen demnach gar keine Bücher. Ja – auf diese Weise wird eine Aufspaltung des Publikums in Blog-Leser und Bücherleser doch wirklich zu einem Argument, dass die eigenen Vorurteile in eine Redundanz verwandelt, die durch keine Realität mehr gedeckt ist:

“… Das ist … aus meiner Sicht ein zusätzliches Negativkriterium. Der von Ihnen gewählte Insiderjargon (Holzmedium, Alphajournalisten, Communities, werbedurchblökt …) passt nicht für ein Buch. Sowas liest man gerne mal in einem Blog, aber nicht 200 Seiten lang. … “

Ja, denn eben nicht …

Blogschreiber: Don Alphonso

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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Blogger schreiben besser

Natürlich ist diese Headline eine glasklare Provokation. Sie soll es ja auch sein. Sie dient als ein Vademecum für jene Alphajournalisten, die da meinen, aus der Blogosphäre käme bestenfalls nur uninteressantes Zeug, zumeist aber anonymes Geschmadder samt dem ganzen emporgespülten Dreck aus einer subkulturell daherduftenden Kanalisation. Während die wahren Jedi-Ritter des Qualitätsjournalismus Tag und Nacht darüber wachen, dass die arglose Bevölkerung vor dieser dunklen Seite der Macht geschützt bleibt. Wäre ich ein Polemiker, würde ich sagen, dass solche Journalisten übers Netz ähnlich qualifiziert daherreden wie Frau von der Leyen …

Als geborener Naivling aber gehe ich zunächst mal davon aus, dass mir jeder zustimmen wird,  wenn ich den Erfolg jedes Textes primär am Gelesenwerden messe. Ohne Leser ist ein Text nichts, ein Text muss ‘rezipiert’ werden, um überhaupt Wirkung zu zeigen. Antwortet der Leser gar dem Autor, dann würde sogar eine noch stärkere Form der Rezeption Realität: Der Leser beteiligt sich selbst an der Kommunikation – die Stufe des Dialogs wäre erreicht. Dies vorausgeschickt, lässt sich das Können von Journalisten und Bloggern heutzutage ganz direkt und objektiv vergleichen – zum Beispiel dort drüben im Blog-Park der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die FAZ befüllt ihre Internet-Abteilung seit einiger Zeit nicht länger nur hausintern mit Texten von Journalisten aus dem eigenen Stall. Obwohl es sich bei denen bekanntlich um einige der besten Schreiber dieser Republik handelt. Die FAZ bezahlt zusätzlich auch freischaffende Blogger, die ein eigenes Blog in der Community für einen anständigen Lohn regelmäßig zu befüllen haben. Zugleich stellt die FAZ dankenswerterweise auch eine Blog-Statistik ins Netz, die einen Vergleich des ‘Impacts’ der neuen Textformen erlaubt, getrennt nach ‘Berufsgruppen’. Mit interessanten Ergebnissen. So lässt sich auf direktem Weg ein Mittelwert bilden aus Blog-Einträgen und Responses aus dem Publikum, was wiederum einen direkten Rückschluss auf die Rezeption erlaubt. Wir erfahren auf diesem Weg, welcher Text nennenswerte Diskussionen auslöst, welcher Text ‘etwas bewirkt’:

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