Als ich noch jung und naiv war, da glaubte ich, zum Schriftsteller tauge jeder, nur nicht ich. Derart lückenhaft war meine Erinnerung, dass sie dem großen Nachthimmel glich mit seinen spärlichen Sternen und der vielen Dunkelheit dazwischen: Hier ein halbwegs klares Bild, das wabernd aus den Synapsen aufstieg, oft noch an ein Trauma gekoppelt, dort ein heimatlicher Geruch, der unscharf Vergangenes beschwor. Dazwischen war nichts als Leere, die ich mir mit Selbsterfundenem erst zu einer halbwegs folgerichtigen Geschichte ausmalen musste. Und die vergangenen Gespräche! Jeder Wortlaut war dahin, höchstens hier mal eine Redewendung oder dort ein verblühter Witz. Mein Freund Uwe sagte alle Naslang “Alter Schwede!” … jaja. Dabei diskutierten wir damals nächtelang über Gott und die Weiber. Geblieben war aber nur ein Klangkörper aus Dialogfetzen, so wie einst der Plünnenstapel beim Lumpen-Hugo. Mit einem Wort: Biographie ist zu 99 Prozent Phantasie.

Als ich älter wurde, ging mir auf, dass es allen anderen genauso geht. Buchstäblich alles ist erstunken und erlogen, oder mehr oder minder gekonnt zusammengereimt – die ellenlangen Dialoge in den ‘Buddenbrooks’, die vergangene Welt der jüdischen Bourgeoisie beim Marcel Proust, die Frontabenteuer des Ernst Jünger – ja, sogar diese überaus realistischen Disco-Erlebnisse des Frollein Hegemann … Seither führe ich Tagebuch, damit zumindest der Erinnerung ein wenig mehr fester Boden verbleibt.