If your memory serves you well ...

Schlagwort: Beppe Grillo

Jennifer, die Retro-Maid

Zu einem Artikel der Holzschnitt-Lady Jennifer Nathalie Pyka haben ich beim ‘European’ einem gewissen ‘Markus’ geantwortet. Da der Text zu schade ist, um in einer Foren-Ecke Patina anzusetzen, weil er auch Grundsätzliches verhandelt, stelle ich ihn auch hier nochmals ein:

“Eine Zeitlang konnte man im Journalismus tatsächlich etwas werden, wenn man aus der rechtspopulistischen Ecke kam. Siehe bspw. Dorothea Siems, Andrea Seibel, Ulf Poschardt, Henryk M. Broder usw. Das war so Anno 1990. Diese Leute sind allesamt längst im publizistischen Museum bei der ‘Welt’ gestrandet.

In den Blogs beim ‘European’ spielt die JNP heute die Rolle der Provokateuse aus diesem leicht modrig duftenden, hayek-infizierten Bereich, mit einem dicken Klacks Netanjahu-Anhimmeln obendrauf – so wie’s in der ‘Achse des Guten’ eben auch geschah. Sie darf – soweit ich das überblicken kann – ja nur ‘Blog-Texte’ schreiben, um so (mittels ihrer angestrengten Effekthascherei) verlegerisch erwünschte Klicks zu generieren. Weil selbst eher schlichte Leute sich über diese schlichte Thesenbastelei schlicht aufregen.

Mir dient JNP eher zur Bestätigung dessen, was ich über solche Egomanen eh schon denke, die da glauben, ihre unermessliche Weisheit wäre mindestens schon seit Anno Aristoteles unerhört (s. auch Schirrmachers Buch). Auf eine wirklich exponierte Ebene aber hat sie’s meines Wissens nie geschafft.

Derartige Texte klingen um so dissonanter, je mehr deren Zeit vorbei scheint … s. z.B. Zustand der FPÖ in Österreich, die Wilders-Bewegung in NL usw. Diese ganze akklamatorische, im Kern aber unpolitische Ebene ist auf breiter Front heute wieder nach links geschwenkt, selbst die Angela Merkel schwenkt zusehends mit – derzeit liegt die Zukunft jedes Populismus eher auf der Beppe-Grillo-Linie – er muss also direktdemokratisch gegen ‘das System’ und damit gegen ‘die Eliten’ gerichtet sein, will er Erfolg haben. Weil unsere Führungsschichten erheblich abgewirtschaftet haben.  Von diesem gesellschaftlichen Grundbeben spürt JNP nicht einen Hauch, sie sitzt auf ihrem Maulwurfshügel und verklugfidelt uns die Schönheit einer alten Welt, die gerade hinter dem Horizont verschwindet.

Der von Ihnen erwähnte ‘Cicero’ trat einst an, um sozusagen die ‘Transatlantic’ des dritten Jahrtausends zu werden. Zusehends aber hat er sich unter Michael Naumann in die Langweiler-Ecke des Mainstreams manövriert und der politische wie der Kulturbegriff richten sich in etwa am Horizont der Zahnwaltsgattin aus (Feministinnen, verzeiht mir!), die sich deshalb schon ‘elitär’ dünkt, weil ihr Mann ihr eine teure Perlenkette schenkte. Dahin passt JNP wiederum ganz gut. Das neoliberale Töchterchen erklärt der Eislaufmutti das Weltgeschehen. Intellektuell gesehen bleibt’s aber ein Ponyhof – oder Kaffeeklatsch …

Generell haben manche Schreiber noch immer nicht kapiert, dass ‘liberal’ und ‘neoliberal’ heute eher Gegensätze sind. Freiheit im liberalen Sinn heißt ja eben nicht ‘Egoismus’ und ‘pfeif auf die Gesetze’ und auf jedwede ‘Regulierung’ und hinterziehe weiter brav deine Steuern – der Liberalismus sprach vom ‘größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl’. Lesen Sie mal Friedrich Naumann! Davon weiß der Neoliberalismus nichts – er setzt seine Ideologie mit dem Egoismus – oder ‘dem Markt’ – schlicht gleich. Sollte allerdings jemand das Konto solch egomaner Leute plündern, wären die allemal die ersten, die nach mehr ‘Regulierung’ schreien. Auf ein solches retardiertes Publikum sind diese Holzschnitt-Texte berechnet. Der Rest zielt mit einem abgelatschten Stiefel auf die Hühneraugen anderer Leute …

Wenn Sie JNP gern lesen – ja, Herrgott, was sollte ich denn da machen? Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Helau!

Geschichte kehrt allenfalls als Farce wieder, das sollte auch Rechtsaußens Bester wissen, der Dschang vom Schwarzen Kanal. In seinem jüngsten Erguss muss trotzdem der Beppe Grillo als wiederauferstandener Mussolini dran glauben. Warum? Weil auch er über die Marktplätze kommt, weil auch er ein durch und durch verrottetes System in den Orkus jagen will, vor allem aber, weil er – tätä tätä! – eine ‘Bewegung’ anführt:

“Auch Mussolini bestand darauf, dass seine “Fasci di Combattimento” keine Partei, sondern eine Bewegung sei, weil Parteien nicht die Lösung, sondern das Problem wären.”

Jaja – ein ‘Movimento’ fand sich dort trotzdem nicht im Namen. Apropos – ProNRW bezeichnet sich auch als ‘Bürgerbewegung’, dann hätten wir da noch die ‘Bewegung 2. Juni’, sowie die ‘Bewegung für das Leben’, ferner LobbyControl, die ‘Bewegung für mehr Transparenz in der Politik’, und sogar die ‘Bewegung für Jennifer’, wo’s um Spenden für ein Wachkoma-Kind geht. Es gibt buchstäblich Tausende von ‘Bewegungen’ – und das seien dann wohl alles Faschisten, meint jedenfalls unser Sherlock Holmes der deutschen Publizistik, der Geistesriese Jan Fleischhauer – nach seinem solitären Selbstverständnis der einzige Hirnträger in einer enthirnten Welt. Mir fehlt da bloß noch die ‘Enthüllung’, dass der Beppe Grillo einst bei den Kommunisten gewesen wäre, so wie der Duce auch, so dass man mal wieder sehen könne, dass doch alle Kommunisten im Grunde Faschisten seien. Diesbezüglich aber fand Dschangs Rüssel wohl nichts aufwühlend Paralleles, sonst hätte er’s uns ja aufgemalt …

Ansonsten passt alles perfekt in die schwarzweiße Lego-Welt der ideologischen Linolschnittler: ‘Beppe Grillo = Italien’ und ‘Benito Mussolini = Italien’. Dazu noch ein wenig Verdi-Opernmusik und diesen Fünf-Sternlern aus dem Fundus ein paar Schwarzhemden überwerfen, fertig ist die Laube. Schon macht es bei jedem eindimensionalen Leser ‘Klick’! Solche Parallelführungen sind ungefähr so sinnvoll wie ‘Jan Fleischhauer = Publizist’ und ‘Benito Mussolini = Publizist’ – es ist höherer Blödsinn und bloß ein Vexierspiel mit Worten. Und die verführten Italiener werden sich jetzt ratzfatz von diesem ‘Mussolini 2.0’ abwenden, weil ihnen der Jan Fleischhauer endlich die Augen geöffnet hat – oder wie jetzt? Wohl eher: Entlohnte Schreibtherapie bei praktischer Irrelevanz …

Dass der Beppe Grillo im Gegensatz zum Duce die Gewaltfreiheit propagiert, dass er auf Marktplätzen steht, weil die italienischen Medien ihm gegenüber die Omertá praktizieren, dass er sich diesem System einfach nur bei festen Bündnissen verweigert,  dass er aber einer Minderheitsregierung in Sachfragen durchaus zustimmen will, dass er als guter Arzt der direkten Demokratie ein vollgesogenes System auf finanzielle Diät setzen will, indem er den Parteien die Zitze entzieht – das übersteigt den Horizont eines Jan Fleischhauer, den ich persönlich mir übrigens an der Spitze eines ‘Marsches auf Berlin’ eher vorstellen könnte, als einen Beppe Grillo bei einem ‘Marsch auf Rom’. Denn der ist schon dort, während der Jan Fleischhauer mir nicht so recht von dieser Welt scheint – und daher noch viele, viele Kilometer vor sich hat.

Im Kern ist das Problem ein anderes: Ein Beppe Grillo stört erheblich die Kreise der Euro-Kreuzritter, also der Banken, der Investoren, der Angela Merkel und der sonstwie am Euro interessierten Kreise zwischen Madrid und Riga. Die Fünf-Sterne-Bewegung – bliebe sie program-matisch konsequent – lässt die Gefahr wachsen, dass Italien tatsächlich den Euro-Raum verlassen könnte. Womit sich die Drohungen der Kreuzritter als das erweisen würden, was sie sind – nämlich hohl. Das nämlich wäre für sie der ‘worst case’, alle ihre Assets schwimmen dann den Bach der Entwertung hinab. Wer also tagtäglich à la Olaf Henkel damit droht, dass Griechenland, Portugal, Zypern usw. ‘doch gehen’ sollten, der würde verdammt dumm aus der Wäsche gucken, wenn diese Länder tatsächlich Arrivederci sagen. In Griechenland herrscht schon ‘Dritte Welt’, da kann’s nicht mehr schlimmer kommen. Hierzulande dagegen … naja. Und deswegen zetermordiot und buhuht der Jan wohl so entsetzlich über diese Grillini – und steckt sie in schwarze Hemden, weil wegen ihnen nicht mehr Goldman-Sachs aka Monti in Italien regieren kann.

Dass diese Fünf-Sterne-Bewegung unter dem Druck der Pragmatiker demnächst ihren Anführer und Maultrommler verlieren dürfte, das steht übrigens auf einem ganz anderen Blatt. Die akademische Jugend der italienischen Fünf-Sternler emanzipiert sich erstaunlich rasch von ihrer Wahlkampftrompete. Da ist bei einer politischen Diva, die sich für unersetzlich hält, ein beleidigter Rückzug absehbar – so wie einst beim Lafontaine …

Nachtrag: Der Pantoufle hat den Jan Fleischhauer jetzt noch viel fachgerechter filetiert …

Die Theorie lebt!

Zumindestens die kritische – sonst gibt’s ja auch keine, die Ansprüchen von Gourmets genügt. Und zunehmend rückt in den Analysen dabei die Rolle der Medien – Wer, wir? – Ja, ihr! – in den Fokus:

“Wir leben in einer Gesellschaft reißender Wölfe, im Geiste kontrolliert von den Medien und unterdrückt durch die Repräsentanten der Reichen.”

Einen Widerspruch zu diesem Panoramabild habe ich allerdings: Keinerlei Wahrheit hätte mehr Chance auf Durchsetzung, sagen die beiden Großtheoretiker, weil dieses arme, veritable Hobbitwesen sich ja an den großen medialen Lügentürmen von Mordor vorbeischleichen müsste. Irgendwie haben die beiden – weil ‘klassisch’ geschult – die Möglichkeiten des Netzes noch nicht so recht begriffen.

Ich prophezeie mal: Der neue Kommunitarismus wird sich über den digitalen Raum an den Medien vorbei organisieren … Wer nicht weiß, worum es sich dabei möglicherweise handeln könnte, möge sich dieses Interview mal reinpfeifen: “Der wahre Beppe Grillo – nicht der aus den Medien.”

Die mediale Grillophobie

In Portugal gingen am letzten Wochenende mehr als zehn Prozent der lusitanischen Bevölkerung auf die Straße, um gegen Angela Merkel und deren Austeritätspolitik zu protestieren – gegen eine Kriegspolitik mitten im Frieden also. Zum Vergleich: Bei der größten Demonstration, die je auf deutschem Boden stattfand, entdeckten in den 80er Jahren nur knapp zwei Prozent unserer Bevölkerung den Weg auf die Rheinwiesen. Zeitgleich mit dem portugiesischen Uproar stimmten in der Schweiz mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten für eine ‘Abzockerinitiative’, um das Gehalt jener Figuren zu begrenzen, deren Portfolios gerade in Spanien, Irland, Griechenland und anderswo mit dem Vermögen der dortigen Bürger gerettet werden sollen.

In Italien wiederum gewann ein gewisser Beppe Grillo die Wahlen, seine Fünf-Sterne-Bewegung wird italienweit zur stärksten Partei – und die ganze deutsche Presse kann es jetzt nicht fassen und verfällt in blanke Italienerbeschimpfung: Wie konnte der zutiefst irrationale Welschmann, dieser Pulcinell, nur einen solchen “Komiker” (SZ) und “Klamauk-Künstler” (FAZ) wählen? Was die gleichen Kommentatoren übrigens nicht daran hinderte, dem Peer Steinbrück jene Ausdrucksweise vorzuwerfen, die sie selbst soeben noch pflegten.

Verwunderlich an dem Fall Beppe Grillo ist allenfalls, dass dieser Fall nicht schon sehr viel früher eintrat: Italien schützt traditionell einen überdurchschnittlichen Anteil von Vorbestraften und Kriminellen durch ein undurchdringliches Parlamentsmandat. Die Mandate dieser Unberührbaren werden nicht etwa vom Volk vergeben, sondern allein von den Parteien. Das italienische System kennt gar kein Direktmandat, sondern nur ausgekungelte Listenplätze, die von Wahlperiode zu Wahlperiode vererbt werden können, sofern man die Geschäfte nicht stört. Auf einem Stimmzettel – sagen böse Stimmen – vermag der italienische Wahlbürger nur ‘Mafia-Süd’ oder ‘Mafia-Nord’ anzukreuzen, gut – die Camorra spielt dann auch noch eine Rolle. Das in etwa ist der Zustand der Demokratie in Italien – eine fest zementierte Mischung aus Parteien, mafiösen Organisationen und Bauindustriellen. Dann gab es bei der letzten Wahl auch noch den Mann von Goldman-Sachs, der die Rückführung der bourgeoisen Assets organisieren sollte, einen gewissen Herrn Mario Monti.

Aus all diesen und noch vielen weiteren Gründen spricht das italienische Volk, ist von Politikern die Rede, nur noch von ‘La Casta’. Was wir nur in milderer Form kennen – eine abgehobene ‘politische Klasse’ – das besitzt Italien im Übermaß.

In einem solchen Land wuchs ein hochbegabter, mehrmals preisgekrönter Schauspieler heran, der zunehmend auch sein kabarettistisches Talent entdeckte. Beppe Grillo, ein ehemaliger Buchhalter, wurde zu Italiens großem Fernsehstar, er erzielte jene Quoten, von denen alle Fernsehsender träumen. Und natürlich ist der Mann eitel, wer wäre schließlich je zu Ruhm gelangt, ohne eitel zu sein? Weil dieser Grillo sich zunehmend politisch zeigt, weil er mit seinen Hanswurstfingern in den Wunden des Systems herumprökelt, schlägt ‘La Casta’ dann endlich zurück: Im Jahr 1993 hat Grillo bei der RAI seinen letzten Auftritt – vor immerhin 16 Mio. Zuschauern, also weit mehr als einem Viertel aller Italiener. Alle Altmedien und Sender bleiben ihm seither verschlossen. Das Phänomen Beppe Grillo lässt sich übrigens den Deutschen ganz gut erklären, wenn man ihnen sagt, dass dort ein Til Schweiger mit einem Volker Pispers und einem Oliver Welke gekreuzt wurde.

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