If your memory serves you well ...

Schlagwort: Bauernroman

Klappentext

Den Klappentext, also den ‘Teaser’ fürs eilige Lesepublikum, den schreibt der Autor am besten selbst. So habe auch ich es bei meinem ‘Bauernroman’ gehalten:

„Lass die Leute reden!“

Ein wenig bräsig ist er ja, der Kommissar Karshüsing. Genau wie dieser Roman. Wäre da nicht diese blöde Wasserleiche, und der große Totentanz in ihrem Gefolge.

Sympathieträger sind für dieses Sittengemälde entbehrlich. Der Roman kennt genau einen ‚Helden‘: den großen landwirtschaftlichen Wandel. Auf allen Äckern im Allertal sollen künftig Subventionen, Renditen und sogar Derivate wachsen.

Schon explodieren die Biogasanlagen, chinesische Investoren reisen an – und die Püster-Olsch weiß wieder alles besser. Doch tief im Kali des alten Bergwerks ist auch keine Wahrheit zu finden, ebenso wenig im Puff des Rockerkönigs. So wird hier vieles einfach aus einer Luft gegriffen, die immer stark nach Gülle duftet.

Am Ende klärt sich alles restlos – und die Riethmüllers sind Vergangenheit. Obwohl es sich doch, genau genommen, um einen Zukunftsroman handelt. Kein Happy End – doch immerhin ein Schluss. Am besten, ihr lest das Machwerk selber …

Pressekonferenz in der Pampa

Mal wieder was Neues von meinem ‘modernen Bauernroman’. Es geht voran, aber langsam, weil ich zum Ende hin die vielen lose flatternden Fäden wieder sinnvoll verknüpfen muss, ohne dass daraus Spinnerei oder Konfektionsware wird.

Hier ein Ausschnitt, der ungefähr auf halber Strecke liegt. Die Verträge sind in trockenen Tüchern, die chinesische Delegation ist eingetroffen, der Bürgermeister kämpft mit seinem Schulenglisch und träumt vom immerwährenden Fortschritt, der Kommissar schläft prompt ein:

“… Die Gruppe hatte sich in Bewegung gesetzt. Die Chauffeure parkten derweil die schweren Wagen auf dem Kopfsteinpflaster am Allerufer. Der Bürgermeister lotste die Delegation zu den hochlehnigen Sitzen, auf denen sonst der Rat der Stadt dahindämmerte. Dann bestieg er das Podium und klopfte prüfend an eines der Mikrofone. Eine gellende Rückkopplung war die Antwort. Vermooren wich zurück und glättete noch einmal die Blätter in seiner Hand:

„Dies war ein Weckruf – diese Veranstaltung beginnt gleich mit einem technischen Weckruf! Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, ich darf Sie an diesem großen Tag für unsere Samtgemeinde recht herzlich begrüßen. Ganz besonders aber unsere Gäste aus dem fernen China, Abgesandte der weltweiten SinoTec Korporäschn: Herrn Wu Lei Wang links, den Tschief Echsekjutiff Offisser Juropp des Unternehmens, und Herrn Huang Yeh rechts, den Projektmanager jener energetischen Innovation, die hier in unserem beschaulichen Hinterrode jetzt verwirklicht werden soll. Nicht vergessen darf ich natürlich auch Frau Chan Fong Sung. Als Dolmetscherin, die über exzellente Deutschkenntnisse verfügt, erspart sie es uns und mir, Sie mit meinem arg eingestaubten Englisch zu quälen.“

„Bisher schlägt er sich ja recht wacker“, flüsterte Jenny. Vermooren blickte hilfesuchend auf seinen Zettel:

„An der Seite unserer chinesischen Delegation sehen Sie rechts Herrn Dr. Walther Hartmann, Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, neben ihm sitzt Dr. Knut Faltenhäuser aus der Staatskanzlei. Ebenfalls aus einer Kanzlei, diesmal aus einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei, sehen Sie Herrn Dr. Kurt von Pieper, der die Frankfurter Societät „Petermann, von Pieper & Halbach“ vertritt. Er sorgt dafür, dass rechtlich alles rasch in trockene Tücher gelangen kann. Begrüßen darf ich nicht zuletzt auch die ungewohnt vielen Vertreter der Öffentlichkeit, auch diejenigen vom Landvolk und aus verschiedenen Umweltorganisationen, die hier im Saal Platz genommen haben. Jetzt aber will ich zur Sache kommen.“

„Na, endlich!“ Karshüsing lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

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Polizeigespräche

Mein dialogbetriebener Bauernroman marschiert auf die zweihundert Seiten zu: Inzwischen sind Bergwerkstaucher hinzugekommen, alternde Dorfgermanen tummeln sich trotz dubioser Herkunft in arischen Orden der strikten Observanz, Chinamänner wundern sich über gar nichts mehr, eine zweite Leiche ward auf der Kalihalde gefunden, die Püsterolsch erzählt uns was vom dicken Kind, und der Kommissar verzweifelt an wuchernden Männertitten. Die Polizei kommentiert brav das Geschehen:

“… Während Jenny noch am Feldrand schmökte, war Karshüsing zu den Kollegen von der Ortswache in Hinterrode gefahren. Ein Polizeiwagen älteren Semesters stand vor dem kleinen Klinkerbau.

„Moin, Feldmann!“

Der grauhaarige Mann an dem altersschwachen Schreibtisch schaute auf: „Mönsch, Karshüsing – was verschlägt dich zu uns Provinzeiern?“

„Ich unterhielt mich gerade mit eurem Rockerhäuptling. Unsere Wasserleiche stammt nämlich aus Völlersode, und als sie noch kregel war, gehörte sie zur Stammkundschaft im Bambi-Club.“

„Würde jeder, der zu diesen Puffgängern gehört, eine Lampe auf dem Kopf tragen, dann wäre Hinterrode hell erleuchtet. Und wir könnten uns das Geld für die Straßenbeleuchtung sparen. Was hat er denn gesagt? Willst ’nen Kaffee, Karl?“

„Von eurem Mokka-Asphalt? Nee, danke. Gesagt hat er, dass er nichts zu sagen hat. Und seine Jungs waren auch nü nüch irgendwo mittenmang oder auch nur am Rande dabei gewesen.“

„Tschaja – unser Wohltäter, das große Unschuldslamm. Du weißt, dass er die gesamten Finanzen der Road Raider verwaltet. Bundesweit.“

„Woher soll ich das wissen? In eurem ‚Heide-Boten‘ steht davon ja nichts. Gut, manchmal lese ich natürlich auch eine der größeren Zeitungen.“

„Tscha – verstehen kann man das zwar nicht. Wohl aber erklären. Für den Heinrich Aaltorf, den Verleger von unserem Käsblatt also, sind die goldenen Zeiten auch vorbei, wie eigentlich für die gesamte Geschäftswelt hier. Internethandel und so. Der Bär ist eigentlich der letzte interessante Anzeigenkunde, mit seinem ‚Samurai‘, diesem Taek-Won-Do-Club für die türkischen Jungmänner, mit seiner Bowling-Bahn, mit seiner Muckibude da unten im Gewerbegebiet und natürlich auch mit seinen Betrieben für erotische Dienstleistungen, vom Porno-Shop bis hin zur Telefonsex-Bude. Das ganze Blatt wirkt dadurch zwar etwas schmuddeliger – aber das sind immerhin auch ein paar tausend Euro für Inserate, die noch in die Kasse fließen. Also darf der Krischan Hörmann nur Gutes über den Bär schreiben. Im Zweifel schreibt er gar nichts. Aus unserer polizeilichen Sicht sieht das natürlich anders aus. Du siehst also: Wichtig ist bei uns nur das, was nicht in der Zeitung steht.“

„Nun ja, Journalismus ist eine Kastratenveranstaltung, das wissen wir am besten. Was steht denn nicht drin über den Bär?“

„Beispielsweise, dass seine Jungs kürzlich eine Abschlussfeier von Abiturienten aufgemischt haben, nur weil die nicht den Bär‘schen Ordnungsdienst eingesetzt hatten. Das kostete den Aaltorf zwar einige Abos von empörten Eltern, die auf den Ausgaben für ihr Hansaplast sitzen blieben, aber die Kosten-Nutzen Abwägung ließ Aaltorf wohl den bewährten Weg der Omerta verfolgen. Auch einige von uns bekamen übrigens im Getümmel was auf die Fresse. Auf Druck des Bürgermeisters wurde die Anzeige dann niedergeschlagen – ein Herumstochern im Dreck würde doch nur dem touristischen Ruf unserer idyllischen Gemeinde schaden.“

„Oha – Rechtsbeugung im Amt?“

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Steh auf und wandle!

Ein weiterer Auszug aus meinem heranwachsenden ‘Bauernroman’. Beim Schreiben erstaunt mich am meisten, dass die Figuren sich mehr und mehr selbstständig machen. Sie entwickeln ihren eigenen Kopf, sie tun dies und reden das, und ich als ‘erfindender Chronist’ muss mich ihren Erlebnissen nur noch an die Hacken heften. Wollte mich jemand nach einem Exposé zu diesem Text fragen – ich hätte keins, weil ich selbst noch nicht weiß, wie und wo das alles mal endet.

“… Dann, auf der Rückfahrt, erreichte Karshüsing die Radionachricht von der explodierten Biogasanlage in Völlersode.

Jenny stand mit Kienacker und Schmoll schon fassungslos vor der Szenerie, als Karshüsing dort eintraf. Der große Fermenter war geborsten, schwere Normteile aus Fertigbeton lagen wie ein Kranz um jene gurgelnde Grube, die einmal das Rührwerk enthielt. Weißer Rauch trieb über die Felder. Überall taumelten, vom Wind getrieben, zerfetzte Stücke aus grüner Zeltplane übers Gelände. Ein meterbreiter Strom aus duftender Gülle und Fermenterbrühe floss schäumend in Richtung Hülpe, deren Bachbett einige Kilometer weiter schon in die Aller mündete. Das Massenaufgebot freiwilliger Feuerwehren aus dem Landkreis spannte geschäftig rotweiße Bänder, um das Chaos zu sichern.

„Was für eine Scheiße!“, stöhnte Karshüsing. „Das kannst du aber wörtlich nehmen“, antwortete Jenny.

„Ah, ihr habt ihn also schon! Diese Terroristen von der ‚Bäuerlichen‘ haben uns das doch eingebrockt – mit ihrer ständigen Hetze.“ Puterrot im Gesicht war der alte Riethmüller auf die Gruppe zugestürmt und zerrte Kienacker wild am Ärmel.

„Nu mal halblang. Bisher weiß keiner, was los ist. Erst einmal geht es darum, die Schweinerei hier einzudämmen. Und lassen Sie den Mann los!“ Jenny löste den Griff des alten Mannes.

Karshüsing stoppte derweil Benno Köhlmann, den Leiter des Feuerwehreinsatzes: „Könnt ihr diese Riesensauerei denn nicht aufhalten?“

„Wie denn das?“, brüllte der zurück: „Oder seht ihr hier irgendwo Auffangbehälter, wie sie eigentlich vorgesehen sind? Nu is zu spät: Wat löppt, dat löppt!“

„Was denn für Auffangbehälter?“ Riethmüller redete sich mehr und mehr in Rage: „Die ganze Anlage ist TÜV-zertifiziert. Von Auffangbehältern stand da nichts.“

„Seit acht Jahren war ja auch kein TÜV mehr da, insofern wurden neuere Auflagen schlicht nicht erfüllt, du Hütchenspieler“, Kienacker geriet allmählich selbst in Wallung: „Da unten nämlich, du Umweltsau, da bachabwärts, da liegen meine Felder. Tränke ich meine Viecher jetzt mit deiner Suppe, dann sterben die mir alle ratzfatz an Nitratvergiftung. Du bist man bloß ein Giftmischer, dass du’s weißt!“

„Woart, ik wull di glieks,“ Riethmüller stürmte erneut auf Kienacker zu. Schmoll stellte sich dazwischen: „Nu kriegt euch beide mal wieder ein. Wir warten erst mal die Untersuchung ab, und dann wird alles irgendwie schon reguliert.“

„Dat seggst du!“ – mit der Wut verschwand auch Riethmüllers mühsam antrainierte Kenntnis des Hochdeutschen: „Wat de Schlaumeiers doar seggen deit, dat weet ik jümmers. De olle Swienegel, de Riethmüller, de hett sutjemäng use schöne Gegend mit sienen Schiet vergiftet – un schall nu ok betohlen. Aber doar töw man op!“

„Hast du denn keine Versicherung?“ Kienacker goss weiteres Öl ins Feuer. Karshüsing legte ihm sachte einen Finger auf die Lippen, um für Ruhe zu sorgen. Kienacker trollte sich und stiefelte zum Rand des Geschehens, wo die blauen LKW des Technischen Hilfswerks anrollten.

Hans Wohlers von der Polizeiwache ging an der Gruppe vorbei. Karshüsing winkte ihm zu: „Bring doch mal den Herrn Riethmüller zu den Sanitätern dort. Der Mann braucht jetzt ein wenig Ruhe.“

„Ik bruuk keene Ruhe, du Torfkopp. Ik bruuk Ergebnisse!“ Fritz Riethmüller zeterte lauthals weiter, ging aber mit dem Beamten mit.

„Puh, nur fürs Protokoll: Streithähne erfolgreich getrennt. Ein großer Erfolg professioneller Polizeiarbeit. Was nun?“ Jenny zeigte den gewohnten Galgenhumor.

„Naja, erst einmal gilt es wohl, die große Schweinerei hier in Grenzen zu halten, was aber kaum unsere Aufgabe ist. Als nächstes kommt dann die Spurensicherung. Und, je nachdem, haben wir die Versicherungen oder das LKA hier vor Ort.“

„Das LKA?“

„Klar, es könnte ja auch ein Anschlag sein …“

„Hältst du das für möglich?“

„Ich halte allmählich alles für möglich. Heute aber habe ich genug gesehen, für heute habe ich einfach nur die Schnauze voll. Das ist jetzt auch nicht mehr unser Beritt. Da müssen erst einmal die anderen ran. Komm, lass uns fahren …“

Unterwegs, nicht weit von der Allerbrücke bei Hinterrode, legten sie eine Pause ein und setzten sich auf den Deich. Der Fluss strömte schnell und silbern glänzend, einige der alten Weiden steckten ihre Füße ins wirblige Wasser, an den hängenden Zweigen zeigte sich erstes Grün. …”

Ganz nebenbei wurde ich inzwischen zum Experten für Ammoniumnitrat, resp. Blaukorn. Aus dem Nichts meines Hirns tauchte ein Bürgermeister auf, der Wirtschaftsenglisch schlimmer parliert wie einst Baden-Württembergs Oettinger usw. Eine LKA-Beamtin versucht’s derweil mit ‘weiblichem Charme’. Alles dies aber entsteht nicht, weil ich es so will, sondern weil es mein Zoo von mir fordert. Ganz schön pfanni … und auch unheimlich.

Dialogführung

In meinem allmählich heranwachsenden Bauernroman aus der Jetztzeit habe ich das Problem der Dialogführung für mich inzwischen gelöst. Keine indirekte Rede, kein ‘sagte, sagte, sagte’, nur ein paar dazwischen gestreute Handlungen, sonst nur das, was auch tatsächlich geredet wird, wobei sich (hoffentlich) die Frage, wer dort gerade spricht, aus dem Kontext ergibt. Hier ein Beispiel – der ‘Maisbaron’ ist gerade aufs Revier gestürmt:

„Ist das mein Sohn, den sie dort aus der Aller gezogen haben?“. Fritz Riethmüller kannte weder ‚Guten Tag‘ noch ‚Guten Morgen‘, er beherrschte einzig den Befehlston.

„Wir wissen es nicht.“ Karshüsing war um den Erhalt seiner morgendlichen Ruhe bemüht: „Sie sind Friedrich Riethmüller der ältere, nehme ich an?“

„Jawoll. Und während Sie sich hier tatenlos im Büro die Nüsse schaukeln, bin ich frühmorgens schon quer durch den Landkreis geheizt.“ Das grüngraue Jackett mit den Hornknöpfen bebte: „Ich will ihn sehen. Dann sage ich Ihnen, ob das mein Sohn ist.“

Karshüsing musterte den hageren Achtziger: „Besser nicht. Viel zu sehen gibt‘s da nämlich nicht. Wir wissen bisher nur, dass dieser Leichnam drei Messerstiche im Rücken aufweist. Es geht folglich um Mord – und ihr Sohn ist seit einigen Wochen vermisst gemeldet. Hatte er denn Feinde?“

Riethmüller rückte sich zurecht: „Wer hat die nicht? Es gab immer schon die Erfolgreicheren – und diejenigen, die mit der Zeit nicht Schritt halten können und sich dann das Maul zerreißen.“

„Aber dass sich deswegen gleich ein ganzes Dorf in zwei Hälften zerlegt …“

„Hören Sie doch auf: Dass der Kienacker und seine Mischpoke von den ‚Bäuerlichen‘ uns den Erfolg neiden, ist klar. Das sind Habenichtse und Öko-Terroristen, die lassen sich vor jeden Karren spannen, auf dem die Grünen und anderes ideologisiertes Pack hocken. Wenn’s nach denen geht, sind wir Bauern alle bloß noch Bambi-Mörder und Maisbarone. Mit jedem Jahr wird das schlimmer. Als jetzt, übrigens gesetzlich und streng legal, die Ergebnisse der Flurbereinigung bekannt gegeben worden sind, rasteten einige im Dorf vollends aus, bloß weil sie ein paar Äcker tauschen sollen.“

„Wer hat da denn was gemacht?“, Jenny hatte den Raum betreten.

„Na, protestiert haben die, Petitionen geschrieben, Widersprüche eingelegt – und mir dann Steine ins Gülleschott geworfen. Die Polizei aber ist etepetete – die mochte da nicht lange dran riechen. Drei Tage stand meine Anlage still. Und in der Einfahrt zu meinem Hof lag vor vier Wochen morgens ein Schweinskopf.“

„Was wollten die ihnen denn damit bloß sagen? – Woher wollen sie eigentlich wissen, dass ‚die‘ das waren? Wer sind überhaupt ‚die‘? Haben Sie jemand gesehen?“

„Wer sonst soll das denn gewesen sein? In Völlersode wohnen doch nur ich, der Klaasmann – und dann eben all die anderen. Sonst weit und breit niemand.“ Riethmüller hatte sich Schweiß geredet und fuhr mit dem Ärmel über die Stirn.

„Ganz schön einsam, so’n Bauernleben!“ Der Sarkasmus in Karshüsings Stimme troff: „Was kam bei den Ermittlungen denn heraus?“

„Gar nix kam dabei heraus: Ermittlungen gegen Unbekannt mangels Erfolgsaussicht eingestellt. Punkt. Die ganze Bande hält ja zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn‘s eng wird, bauen sie sich eine Wagenburg aus Alibis. Am schlimmsten aber ist dieses dämliche Grinsen, wenn sie mich sehen.“

„Das ist ja nicht verboten.“

„Aber das macht ein Dorf kaputt. Früher wurden wir großen Bauern geachtet – und die anderen zogen die Mütze.“

„Nun ja, das alte System kenne ich auch, schließlich bin ich auch auf einem Dorf aufgewachsen. Das geschah, weil man die Großen brauchte. Wozu braucht man Sie heute noch, lautet da doch die Frage.“

„Kommen Sie mir nicht komisch.“ Riethmüller war ehrlich empört: „Ich verschaffe den bäuerlichen Anliegen eine Stimme im Landtag, ich sitze in den Aufsichtsräten von Saatgutfirmen und Fleischverwertern, ich kenne die entscheidender Männer in den Verbänden.“

„Komisch, dass ihre Dorfgenossen Ihr segensreiches Wirken wohl anders erleben. Vielleicht sind ihre Anliegen ja nicht mehr deren Anliegen. Ging ihr Sohn eigentlich oft in den Puff?“ Jenny wechselte das Thema.

„Wer tut das denn nicht?“

„Naja – mein Mann zum Beispiel.“

Riethmüller musterte Jenny von oben bis unten – und zurück: „Warten Sie mal, bis Sie Falten kriegen. Karl war schließlich Witwer – und durch die Rippen schwitzen kann er sich das ja nicht.“

Inzwischen gibt’s noch diverse andere Vernehmungen zur Erläuterung der neuen dörflichen Sozioökonomie, ein Mechaniker verklogfidelt uns auf Platt die Funktionsweise und die Gewinnchancen einer Biogasanlage, eine deftige Keilerei mit Auftrags-Rockern im Gasthof kommt hinzu (1:0 für die Arbeitsgemeinschaft übrigens), der Vertreter der Regionalpresse heult sich über ideologische Zwänge bei der Berichterstattung aus, ein versprengter Dorfphilosoph wandert auf den Spuren von Arno Schmidt, eine schwangere Bäuerin muss am Saustein lecken, ein Vertreter der Flurbereinigung wird aus dem Saal gebrüllt, der Gastwirt hat auch was zu melden, als nächstes reisen chinesische Investoren mit ordentlich Ballyhoo in der Kleinstadt an, und der Kommissar muss morgen ins Bordell. Derweil wird die Lage auf den Dörfern explosiv: In allen Schuppen lagert säckeweise das hochgefährliche Ammoniumnitrat …

Bauernroman?

Ein paar Tage lang schon scribble ich an einem Text herum, der sich mit dem Leben in der Provinz befassen soll. Was mir im Kopf herumspukt, ist die Reaktivierung eines alten literarischen Musters, des guten alten ‘Bauernromans’ nämlich. Aber fernab von Blasmusik, Ganghofer und Rosegger, in Maximaldistanz auch zu Auerbach und Gotthelf.

Es gibt hier nämlich keinerlei ländliche Idylle mehr, hier geht’s längst überaus modern zu. Es gibt eben auch einen ‘Fortschritt’ abseits der Großstädte. Ich will jene dörfliche Welt beschreiben, die zur Zeit nahezu unbemerkt ihren raschen Wandel erlebt, weitab von den Nostalgie-Reportagen der ‘Landlust’. Mir geht es bspw. um den zunehmenden Zerfall in ‘Energiebauern’ und in den doofen Rest, mit allen daraus resultierenden Feindschaften, mit den raffinierten Tricks bei den Pachtverträgen und bei der Flurbereinigung, mit der ewigen Lohndrückerei, mit dem gekonnten Umschleichen von Gesetzen, mit mächtigen informellen Schaltzentralen aus Landvolk, Deichverbänden, Jagdgenossenschaften, mit Abwanderung und Überalterung, mit ignoranten Dorfpolitikern usw., und natürlich mit zunehmenden Selbstmorden. Keine Wörthersee-Postkarten-Idylle also, sondern ‘Rural Gothic’.

Jedenfalls fängt mein Text bisher so an, gleich mal mit einer Leiche. Ihr könnt mir jetzt ja den Kopf waschen und mir sagen, ob ihr so etwas überhaupt lesen würdet. Sonst spare ich mir das mühsame Verknoten der vielen Handlungsstränge und lasse die Kirche im Dorf:

“Seit Tagen hatte sich das Frühjahrshochwasser sachte zurückgezogen. Die abfallende Flut suchte ihr gewohntes Bett, ihr Sog bugsierte den lädierten, aufgequollenen Körper in den Stacheldraht einer Sommerwiese, wo sich die blauschwarze Masse rettungslos verfing. Die letzte Reise endete in einem rostigen Zaun – inmitten von faulig-gelbem Schilf und alten Plastiktüten.

Wasserleichen sind kein Anblick für schwache Mägen. Zum Glück treiben ihre Kadaver meist bäuchlings über die Sandbänke, über Wurzeln, Pfähle, Spundwände und Gräben. Erst die abgebrühten Ermittler erblicken das zerschundene Gesicht – in einem Zustand, das diesen Namen kaum verdient. Danach beginnen die Pathologen ihr duftendes Werk. Auch diesmal verlief zunächst alles in den gewohnten Bahnen.

„Verdammte Scheiße!“ – angeekelt schaute Jan Cordes, der als Tischler in Personalunion den Beruf des örtlichen Bestatters ausübte, auf seine Handschuhe. Jenen Arm, an dem er zog, um die Leiche zu wenden, nachdem er sie aus dem Draht geschnitten hatte, den hatte er ihr nahezu widerstandslos ausgerissen. „Fortgeschrittener Zerfall“, murmelte Kommissar Karshüsing und wandte sich ab.

Ringsum roch die Luft jetzt süßlich und faulig. Über die feuchten Knicks und Wiesen zog ein Schwarm von Reihern hinweg, auf der Suche nach Nistplätzen. Misstönendes Schreien erfüllte die Luft.

„Kein Kaffee – und dann gleich so was“. Kollegin Jenny von der Bereitschaft hasste eklige ‚Fälle‘ und nasse Füße. Der Anruf hatte sie morgens um sieben aus dem Schlummer gerissen: „Von hier stammt der jedenfalls nicht. Der trieb sich schon einige Kilometer im Wasser herum. Komm, die zerrissenen Kleider können wir auch in der Gerichtsmedizin untersuchen.“

„Woher willst du überhaupt wissen, dass es ein Mann ist?“ Karshüsing floh den Gestank und stapfte zu dem unglücklichen Finder, der auf erhöhtem Wirtschaftsweg, hundert Meter entfernt, am Schlepper lehnte. …

Weiter unten auf der Wiese wuchtete die Spurensicherung zusammen mit dem Tischler die Leiche in einen glänzenden Zinksarg. Den Arm warfen sie achtlos hinterher. …”

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