If your memory serves you well ...

Schlagwort: Autoren

Realismus heute

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern.”

Der ‘Standard’ hat ja völlig recht. Der Realismus ist heute in den Computerspielen zu finden. Dort haben Autoren inzwischen die Nachfolge der Balzac, der Zola oder Döblin angetreten. Die ‘schöne Literatur’ dagegen – – – nun, die ist richtig schön. Vor allem schön eingebunden, mit Lesebändchen und so …

Literatur und Dummheit

Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit” – so schreiben die Jungs und Deerns von der Barmer Literaturkasse uns ihre Weisheit um die Ohren. Mal abgesehen vom fragwürdigen Stil dieses Statements – es wäre für sie besser gewesen, sie wären sitzengeblieben, um basale Lehrstoffe solange zu wiederholen, bis sie ihnen zu Wegweisern durchs Leben hätten werden können.

Im Einzelnen: Im ‘Feudalismus’ lasen die herrschenden Schichten zumeist gar nicht, wenn, dann höchstens Akten oder aber französische Pikanteriewaren: “Göde? Ha’m mer nich needich!” Feldmarschall Hindenburg, der sich rühmte, außer der preußischen Heeeresordnung nur Bibel und Gesangsbuch jemals gelesen zu haben, mag als Beispiel für die Intellektualzustände im Oberstübchen unseres Feudaladels dienen.

Ein zählbares und zahlbereites Publikum fanden bürgerliche Schriftsteller daher von Anfang nur im Bürgertum. Die Literatur war eine zutiefst innerbürgerliche Angelegenheit, sie schmachtete historisch nie in den Fesseln irgendeines ‘Feudalismus’ – außer vielleicht im Ideologieunterricht der DDR, weil sonst der marxologische ‘Histomat’ nicht so überzeugend durch die Geschichte geklappert wäre. Deshalb – und seid doch mal ehrlich, beste Buchstabendompteure – die meisten von euch wüssten doch gar nicht, wie Feudalismus eigentlich zu definieren wäre, oder?

Aus den genannten Gründen ist das Urheberrecht schlicht eine regulatorische Einrichtung, um einen Schutz vor allzu selbstgewissen Kapitalisten durchzusetzen, zu einem Zeitpunkt als Druckwaren industriell automatisier- und reproduzierbar wurden. Schon bei seiner Einführung ging es weniger um den Schutz der Schriftsteller – das war unternehmerisch eher der ‘Beifang’ – es ging um den Schutz von Verlagen und Verlagsprodukten. Zudem wurde es ‘amtlicherseits’ in Deutschland erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts peu à peu eingeführt, zu einer Zeit, als politisch gesehen weiterhin blanker ‘Feudalismus’ herrschte – nur ökonomisch ging es schon absolut ‘bürgerlich’ zu (vgl. “deutscher Sonderweg”). Die Schriftsteller wären demnach ‘durch die feudalen Kräfte’ urheberrechtlich befreit worden – – – riecht irgendwie komisch, oder?

Euer Satz macht daher nur in dieser selbstreferentiellen Form Sinn: “Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft deutscher Verlage gegen verlegerische Übergriffe aus dem eigenen Lager heraus“.* Mit den politischen Fragen von Monarchie oder Republik aber hat das gar nichts zu tun. Deshalb auch kam es schon im 18. Jahrhundert zu einer Vorform, zur Gründung der ‘Leipziger Societät’, wo sich die Buchhändler als Selbstbeschränkung höchstselbst ein Urheberrecht auferlegten. Mit den Autoren hatte wiederum auch das nur wenig zu tun, mehr mit dem eigenen Geschäftsergebnis. Ihr seid nie Arm in Arm mit den Verlegern für die gleichen Rechte durch die Gassen gezogen …

Die gleichen Verlage, die nach vorn, zur Straße hin, über Verletzungen des Urheberrechts zeterten, sollte es der Kollege jemals wagen, ihre Produkte nachzudrucken, die betrieben bis dahin oft genug in irgendwelchen dunkleren Winkeln der Stadt und unter anderem Namen auch eine drucktechnische Kopieranstalt, die den beklagten Raubdruck mit den begehrteren Werken der darob wiederum empörten Kollegen höchst munter betrieb. Jede ‘Geschichte des Buchhandels’ klärt euch über solche Vorfälle auf. Das aber ist dann kein Feudalismus – that’s Capitalism!

Nebenbei, vielen Dank für die Aufklärung – so schwarz hätte ich mir die historische Finsternis in den Köpfen des großen literarischen Lampenladens nun doch nicht vorgestellt. Wahrlich, das hat schon Korf’sche Züge

Ich kloppe hier übrigens keineswegs ‘alle’ Schriftsteller in die Tonne. Nur jene. Denn es gibt ja auch solche … Zum Thema auch das: “Die Veröffentlichung dieser Aufrufe und Appelle in kurzer zeitlicher Abfolge dürfte kaum Zufall sein. …

* Dieser Satz macht übrigens auch in der heutigen Gemengelage noch Sinn: Neuartige ‘Verlage’ wie Google, Facebook oder Youtube gehen den alten Verlagen wie Springer, Hanser oder Burda zunehmend auf die Nerven. Also müssen die Angelegenheiten zwischen den Verlagen wieder einmal selbstreferentiell geordnet werden. Und die Autoren sind wieder einmal nur der ‘Beifang’, der aber nach Kräften instrumentiert wird. Passt scho …

Wer war das denn noch?

Zeitlebens galt der Engländer aus Surrey als Inbegriff eines ‘Country Gentleman’. Obwohl selbst Mitglied der Oberschicht, ironisierte er seine Klasse in zumeist dickleibigen Werken, worin oft genug das Künstlertum und die wahre Liebe über die schnöde viktorianische Bürgermoral siegten – und über die Gier, die diesen Stand regierte: “Sie glauben an Gott und an die Zinsen“. Unser Jurist engagierte sich in vielen Vereinen, unter anderem präsidierte er jenem, der den “den Einsatz von Flugzeugen als Waffe verbieten” wollte. Im ersten Weltkrieg riskierte er als Sanitäter an der Front Kopf und Kragen.

Sein Freund Joseph Conrad, mit dem er ausgedehnte Südseereisen unternahm, nannte ihn einen “humanitären Moralisten“.  Schauspiele, Essays, Romane, Novellen und Gedichte säumten seinen Weg – er war auch Präsident des PEN-Club, erhielt den Ritterschlag und den ‘Order of Merit’ – ach ja, und den Nobelpreis für Literatur gab es auch. Heute sind seine Bücher zumeist in Antiquariaten oder in Kartons auf dem Dachboden zu finden, häufig in Bertelsmann-Ausgaben … was eigentlich schade ist, denn für kommenden grauen Novemberabende gibt es kaum eine besinnlichere Lektüre.

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