Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Autojournalismus

Dank SUV zum Supermann

Im Autojournalismus – abhängig natürlich von der Dicke und PS-Zahl des Gefährts – perlt es sprachlich oft wie im Whirlpool eines Vorstadt-Puffs daher. Keine arglosen Superlative kommen dann noch unverwöhnt davon. Die Schreiber? – Natürlich ausschließlich Männer:

„Hier kommt der Gigant.“ Den er wohl gern hätte …

“ … fühlt man sich ungewohnt erhaben, souverän …“ Weitab vom Redaktionsalltag sozusagen ...

„Sitzt man erst einmal drin, wächst das Ego plötzlich in Richtung King of the Road.“ Da ist dann nix mehr mit ‚Schnuckibärchen‘ …

„Der Wagen wirkt geradezu unverwundbar. Das färbt auf den Fahrer ab.“ In seiner rollenden Wohnzimmerschrankwand lässt er dann endlich mal die Wildsau raus …

„Wahrscheinlich würde der RAM selbst über einen Kleinwagen rumpeln, ohne dass der Kaffee aus dem 2-Liter-Becher schwappt.“ Tscha – ist kein Fun da, war’s wohl ein Fiat Panda …

Wer sich jetzt Gedanken über die Einstellungsvoraussetzung von Motorjournalisten macht – die mache ich mir auch gerade. Allerdings gibt es im Genre Anlass zu Hoffnung: „auto motor und sport ist der prozentual größte Verlierer“

Kausalitätsumkehr

Immer öfter schrappeln unsere Zahnwaltsgattinnen mit ihren ausladenden Nobelkarossen im Parkhaus am Nachbarn und seinem Nissan Micra. Natürlich, dies die Logik dieser seltsamen Species, seien daher nicht ihre Fahrkünste zu gering, nicht ihr SUFF zu groß, sondern bloß die Parklücke zu klein. So ungefähr steht’s derzeit in allen Auto-Motor-Sport-Rubriken zu lesen. Größere Parklücken seien nun mal der notwendige Preis des Fortschritts, keinesfalls aber seien Panzer ungeeignet für den modernen Straßenverkehr. Obwohl ein City-Verbot für Geländewagen genauso wirksam wäre, und auch den Micra des Nachbarn schonte – Outdoor müsste dann eben ‚outdoor‘ bleiben. Ein Schild an jedem Parkhaus würde genügen. Aber ich sehe schon – wenn es mal Mode wird, mit dem Maishäcksler ins Büro zu fahren, weil man damit noch dümmer auffallen kann, dann müssen eben breitere Straßen her …

Nationaljournalismus

Die neue französische Regierung will mit einem Bonus-Malus-System den Schadstoffausstoß bei Autos begrenzen. Die Abgabe zielt vor allem auf PS-starke deutsche Fahrzeuge.“

Mit Verlaub, bester Nikolaus Doll, Ihr Text widerspricht Ihrem Namen. Denn die Verordnung zielt weiterhin ganz generell auf ‚Schadstoffschleudern‘ jeder Nationalität. Alles andere wäre auch nicht erlaubt. Gäbe es einen Mercedes mit grüner Weste – dann wäre das alles also gar kein Problem. Oder sind Oberklasse-Citroens etwa von dieser Verordnung betroffen? Süsswoll – die Ingenieure dort sind einfach weiter fortgeschritten. Last not least wollen wir nicht vergessen, dass es diese Malus-Regelung für ‚Klimakiller im Straßenverkehr‘ schon seit Anno Toback gibt, nur die Grenzwerte sollen ein wenig verschärft werden. Deshalb heulen die deutschen Hersteller jetzt wie die Schlosshunde, weil sie nämlich die Entwicklung verpennt haben, sich lieber breit und bräsig gaben, und ihr Geld vermutlich lieber in klimaskeptische Postillen investierten statt in technische Vernunft …

Und wenn deutsche Hersteller noch nicht so avanciert sind, soll dann neuerdings der Kunde daran schuld sein, dass aus deutschen Werken noch immer die größten Kohlendioxidschleudern weit und breit kommen? Sehen Sie’s doch positiv – als Entwicklungsschritt innerhalb der wachsenden Abstinenzler-Bewegung ‚Weg-vom-SUV‘. Wenn irgendwann der urbane Frankfurter Großstadt-Landwirt mit seinem Stinke-Panzer nicht mehr zum Essen ins Elsass einreisen darf, dann wird’s auch ihm zu dumm …

Anno Detroit

Die Sprache kommt immer zuletzt, sie ist kein Schrittmacher, sie gehört zu den Fußkranken jeder Kulturentwicklung. Da gibt es beispielsweise die Autoindustrie, die sich mit ihren Spritfressern und PS-Boliden selbst den Untergang bereitet hat, weil sie den Markt zugunsten einiger weniger Vertretertypen ignorierte, die weiterhin skandierten: „Ich geb Gas, ich will Spaß!„. Schauen wir uns das wichtigste Absatzinstrument auf dem PS-Markt, die vereinigte Motorpresse, an, dann ist die heute sogar noch hinter der Autoindustrie zurück, wo immerhin notgedrungen ein gewisses Umdenken eingesetzt hat. Bei den Journalisten aber ist noch so rein gar nichts vom ‚New Car‘ angekommen, die Möchtegern-Ferrariristas hämmern auf ihre Tastatur ein wie einst im Mai. Sportlichkeit, Straßenlage, breite Schlappen – das ist noch immer das, was bei den ewigen Jungspunten in Deutschlands Brrmmmbrrmmm-Redaktionen zählt:

Auch die Straßenlage wurde der sportlichen Optik angepasst: Dynamische Fahreindrücke verspricht das um 20 bis 25 Millimeter tiefergelegte Fahrwerk in Kombination mit 20 Zöllern. Dabei sind die Leichtmetallfelgen in der Dimension 9.0 J x 20 wahlweise in schwarz oder weiß lackiert.“

Doch auch wirtschaftlich treibt der journalistische Sachverstand skurrile Blüten. Mit typischen ‚Haldenfahrzeugen‘, mit den SUVs also, könne man noch immer Geld verdienen, heißt es bspw. wider allen Augenschein dort – angesichts überbordender Abstellflächen vor allen Fabriken:

Doch während BMW schon seit Jahren mit dem X3 erfolgreich Geld verdient und Mercedes mit dem GLK erst kürzlich nachgelegt hat, ist es nun an Audi, den Beweis anzutreten, ob man mit den Allradlern im Kompaktformat mithalten kann. Wir testen die Dreiliter-Sechszylinder-Turbodiesel von Audi, BMW und Mercedes in den Automatikversionen.“

Und die Auto-BILD kriegt sich vor verbalem PS-Geprotze gar nicht mehr ein. Jungens wollen eben spielen – oder wie?

„Im Gegenteil. Im Serientrimm kommt der RS gar auf 305 PS. Sie stammen aus dem 2,5 Liter großen Turbo-Fünfzylinder, der auch im zivileren Focus ST installiert ist – dort aber nur 225 PS aus den Brennräumen spuckt. Mit dem Sprung über die 300-PS-Hürde hat Ford ab März 2009 den bislang stärksten Kompakt-Renner im Angebot. Audi schickt den S3 mit vergleichsweise bescheidenen 265 PS auf die Piste, Opel den Astra OPC gar „nur“ mit 240 PS. Und die Golf-GTI-Fangemeinde kann beim Duell der PS-Giganten vielleicht noch eine Statisten-Rolle abstauben. Ihr Spielmobil wird in der nächsten Ausbaustufe nominal mit lediglich 210 PS antreten.“

Kurzum – diese Journalisten stehen bestimmt nicht nur wegen der bösen Verleger demnächst auf der Straße, sondern auch wegen des eigenen Geschreibsels. Sie haben schlicht die Glocke nicht gehört. Hier noch ein Zitat zur Illustration – es stammt allerdings nicht aus der Autopresse:

Besonders schlimm erwischte es BMW mit einem Minus von 30,9 Prozent auf 50 801 Stück, wie der europäische Branchenverband ACEA in Brüssel mitteilte. Der Marktanteil der Münchener sank von 5,9 auf 5,4 Prozent. Daimler verzeichnete ein Zulassungsminus von 24,5 Prozent auf 53 826 Stück….“

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