Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Astroturfing

Immer neue Fans …

Der berüchtigte norwegische Massenmörder und Terrorist Anders Breivik nannte Putin einen “fairen und entschlossenen Führer, der Respekt verdient.”

Nur ein weiteres Beispiel für die ‘humanistische Front’, die sich wie ein Schutzschild um Putin schart: “Österreichs Freiheitliche Partei (FPÖ) und Bündnis Zukunft, die belgische Vlaams Belang und Parti Communautaire National Européen, die bulgarische Ataka, die französische Front National, die ungarische Jobbik, die italienische Lega Nord und Fiamma Tricolore, die polnische Samoobrona, die serbische “Dveri“-Bewegung, die spanische Plataforma per Catalunya.”

Ich frage mich derweil, wann die russischen Astroturfer endlich dieses absolut authentische Bild von den Metzeleien der ukrainischen Soldateska in Slowiansk entdecken werden:

Alexanderschlacht

Bild: Albrecht Altdorfer: Alexanderschlacht / wikimedia / gemeinfrei

So richtig schön ‘gefilmt’ hat übrigens der ‘Criticus’ unsere ‘verbalen Lenkwaffen’ dort im Zeit-Forum – und die Moderation des Zeit-Forums gleich dazu …

Aber Putin stoppt den Nachschub ja jetzt – hat er jedenfalls gesagt:

“During the night of June 7, a convoy of six armored personnel carriers, six KAMAZ trucks, and an artillery tank crossed the Russian-Ukrainian border, reports ZN.UA, June 8, citing the commander of the Azov special battalion Yaroslav Honchar. The KAMAZ went to the city of Torez and the armored vehicles are in the city of Snizhne, where a new center of resistance to Ukrainian troops is being formed. … Honchar added that “during the night 2 to 3 convoys with 4 KAMAZ of those that arrived yesterday went to the village of Novaya Nadezhda in the Russian Federation where they took some 100 people on board.”

Verglichen mit Putin sind Anlageberater und Gebrauchtwagenhändler Muster an Ehrlichkeit …

Pay to troll?

In England verdächtigen sie ganz grundlos viele überaus ‘ehrliche Kommentatoren’, die doch nur mal ihre Meinung sagen wollen – eine Meinung, die dann allerdings immer haargenau so klingt, wie diejenige vieler anderer Kommentatoren ähnlichen Kalibers auch. Der ‘Guardian’ zeigt mit dem nackten Redaktionsfinger jetzt auf das, was in seinen und anderen Kommentarspalten derzeit orchestriert abzulaufen pflegt. Hierzulande wird noch nicht einmal ein solcher Verdacht redaktionell benannt, hier gilt weiterhin der größte Bullshit als glasklare ‘Volksmeinung’:

“One complaint came to the readers’ editor’s office on 6 March. “In the past weeks I have become incredibly frustrated and disillusioned by your inability to effectively police the waves of Nashibot trolls who’ve been relentlessly posting pro-Putin propaganda in the comments on Ukraine v Russia coverage.”

Der ‘Guardian’ stimmt dem Leser zu. Das Phänomen folgt offensichtlich einem Modell, das in Moskau bereits über Jahre ausgiebig erprobt wurde:

“Luke Harding, the Guardian’s highly experienced former Moscow correspondent, who was expelled in 2011, is in no doubt about the nature of the campaign and how damaging it is to debate in the threads. From Ukraine, he said: “It’s a well-attested phenomenon in Russia.”

Klar ist jedenfalls, dass diese konzertierte Aktion dann immer nur in einer Richtung verläuft:

“Trolling covers a multitude of sins but a particularly nasty strain has emerged in the midst of the armed conflict in Ukraine, which infests comment threads on the Guardian and elsewhere, despite the best efforts of moderators. Readers and reporters alike are concerned that these are from those paid to troll, and to denigrate in abusive terms anyone criticising Russia or President Vladimir Putin.”

Nicht vergessen dürfen wir allerdings diejenigen, die hochgestimmt und irregeleitet in dieses Propagandageblöke auch noch freiwillig und unbezahlt einstimmen … der ‘Guardian’ gibt allerdings im Text auch einige Hinweise darauf, wie solchen Blockflöten das Mundloch zu stopfen wäre. Man könnte bspw. damit beginnen, alles Unbewiesene und Aus-der-Luft-Gegriffene einer intensiven Wischmopp-Behandlung zu unterziehen, und zwar bevor es gepostet wird. Das ist viel Arbeit und verursacht Kosten, ich weiß, aber es gibt ja auch genügend Journalisten auf dem freien Arbeitsmarkt, die händeringend einen Job in Zeiten des Web 2.0 suchen. Und ein zivilisiertes ‘Qualitätskommentariat’ wäre ja auch eine USP bei der fortdauernden Suche nach diesem ominösen ‘Qualitätsjournalismus’ …

Hier kommt Alex …

Der Alexander Kissler, ein Mann, der uns Akif Pirinccis unfreiwillige Satire allen Ernstes schon mal als “Sachbuch” vorstellte, der holt jetzt im ‘Cicero’ zum großen Rundumschlag aus: Die deutschen Medien hätten ihr Publikum aus den Augen verloren, das könne man vor allem an den Kommentaren zur Russland-Berichterstattung und zu den Pirincci-Verrissen sehen, und daher, vom mangelnden Kontakt einer ‘Medienelite’ mit der Volksmeinung, kämen allemal und ganz allein die ständig sinkenden Auflagen:

“Immer mehr Menschen haben den Eindruck, da werde an ihrem Leben, ihren Eindrücken, ihren Haltungen vorbei geschrieben. Da bastle sich eine abgehobene Medienelite die Welt, wie sie ihr und nur ihr gefalle. Da herrsche der teils übellaunige, teils zwangsironische Nörgelton der Hyperkorrekten und Dauerbesorgten, der Schönredner und Weggucker und Besserwisser.”

Fakt daran ist bisher nur, dass die Auflagen tatsächlich sinken. Daraus aber den Schluss zu ziehen, die ganze junge Leserschaft hierzulande würde im Grunde wie ‘Russia Today’ denken und bei den Abonnements mördermäßig zuschlagen, wenn ein gedrucktes Medium nur deren Weisheiten endlich mal verkündete, das ist eine reichlich kühne These, die keineswegs durch Umfragen gedeckt ist. Zwischen dem, was unter rapide wechselnden Pseudos derzeit durch die Kanäle der Kommentarspalten stürmert, und der demoskopisch ermittelten ‘Volksmeinung’ herrscht nämlich eine geradezu erstaunliche Diskrepanz. Da spielen also höchstens einige Leute ‘das Volk’, indem sie sich zur beleidigten Katzenmusik einer konzertierten Aktion zusammenfinden. Was Alexander Kissler uns im Grunde hier als Vademecum für die Publizistik empfiehlt, das ist ihr Wandel vom Journalismus hin zu vermehrtem ‘Astroturfing’. Leitmedien wie der FAZ oder der Zeit sage ich schon mal einen noch größeren Auflagenschwund voraus, sollten sie sich jemals publizistisch auf die Ebene ihres Kommentariats zu diesen Themen begeben. Die Zeitungen haben kein ideologisches Problem, sondern ein mediales. Ideologisch sind – vom Freitag bis zur Welt – alle Bedürfnisse längst abgedeckt.

Weiterhin stünde es doch jedem renditebewussten Verleger in einer freien Marktwirtschaft absolut frei, auch hierzulande eine ‘Prawda’ auf den Markt zu bringen, wenn damit – laut Kissler – solch exorbitante Auflage zu erzielen wäre. Was sie davon bloß abhält? Vermutlich sind es die Beispiele, die schrecken. Wir haben doch hierzulande reichlich Medien, welche Kisslers empfohlene Linie eines ‘Bilderberger-Journalismus’ verfolgen – ich denke bspw. an das ‘Neue Deutschland’, an die ‘Junge Freiheit’ oder auch an die ‘Linkszeitung’. Steigen deren Auflagen etwa, weil sie die ‘einzig wahre Volksmeinung’ vertreten? Laut unserem Cicero-Orakel müssten sie ‘s doch eigentlich – und wie geht’s denn eigentlich dem ‘Cicero’?

“Die in Berlin vom Schweizer Ringier-Verlag herausgegebene Monatszeitschrift “Cicero” zählt zu den Titeln, die viele schätzen, aber nur wenige lesen.”

Viel geschätzt und wenig gelesen – wie geht das? Egal, das war vermutlich nur des Sängers Höflichkeit. Kurzum: Mal wieder völlig neben der Spur, der Alexander Kissler, diese These ist schlicht ein antielitärer Hoax, voll und ganz auf rechtspopulistischer Linie: ‘Wir sind eigentlich ganz viele und werden nur deshalb nicht erhört, weil ja die bösen Eliten’ usw. usf. – Lilliput im Größenwahn …

Die Russovielen

Gute Zusammenfassung dessen, was passieren würde, wenn man all deren Kommentare in einen Mixer schmeißt und aus dem Verbalbrei die Quintessenz zieht:

“Die als Russen verkleideten russischen Kämpfer sind von der CIA, der NSA, der EU und Majestix geschickt, um Verwirrung zu stiften! Das habe ich auf www. ru.ru.ru.ru gelesen. Echt!”

Immerhin scheint diese Iaah!-Iaah!-blökende Debilenfront mehr und mehr Lesern auf den Keks zu gehen … beim ‘Standard’ bildet sich sogar eine Gegenfront, die sie permanent ins offene Messer der Ironie laufen lässt.

Schwarze PR

Russische Medien berichten, Tausende ukrainische Soldaten und Polizisten seien übergelaufen. Zudem gebe es einen Exodus nach Russland. Als Beleg soll ein Foto gelten. Es zeigt allerdings eine Autoschlange an einem Grenzübergang nach Polen.”

Und alle Astroturfer johlen im Chor, bis die Forenwände beben … ich hingegen meine: Wer würde schon von einem Arbeitslager ins andere fliehen? Das ‘eurasische System’ sieht übrigens so aus:

“Die Partei der Regionen sprach jedem [Pro-Janukowitsch-]Demonstranten [im Donbass] 400 Grivnas zu. Die einzelnen Teilnehmer haben aber schlussendlich nur 200 Grivnas oder manchmal auch gar nichts erhalten. … Die Differenz landet in den Taschen von Parteifunktionären.”

Tscha, selbst wer sich wunschgemäß auf die Schwarze PR einlässt, wird auch dort noch über den Tisch gezogen …

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