If your memory serves you well ...

Schlagwort: Argument

Spiegelfechter-Erfahrungsbericht

Zwei Tage lang habe ich mich zum Thema ‘Ukraine’ ins Spiegelfechter-Forum gewagt, aus purer Abenteuerlust. In gleich zwei Threads versuchte ich, dort etwas Vernunft in die – öhem! – ‘Argumentationen’ einzuspielen.

Immerhin weiß ich jetzt Dinge über mich, die mir vorher noch nicht einmal schwanten: dass ich ein ‘Nazi’ sei, ein ‘Bandera-Knecht’, ein ‘Troll’ sowieso und generell nicht ganz richtig im Kopf. Hier einige Erfahrungssätze, die ich dort aus meiner Fetzerei mit Autonomen, Aparten und russischen Astroturfern gewann:

– Tritt niemals auf den stolzen Maulwurfshaufen, den sich jemand dort errichtet hat.

– Bezweifle auch die dollsten Behauptungen unter keinen Umständen.

– Äußere keinesfalls, dass du auf dem Maidan auch andere Leute als nur ‘Nazihorden’ gesehen hättest.

– Frage nie nach Links oder Belegen. Meist sind sie sowieso in Kyrillisch verfasst.

– Gib nie technische Hinweise, dass ein Scharfschützengewehr bspw. doch gar nicht für Gummigeschosse geeignet sei.

– Betrachte die Fakten lieber als eine Art Sand, den du dort nach Belieben in dein Backförmchen pressen darfst.

– Nimm genügend Verkleidungen mit, denn man wird dich im Minutentakt ‘enttarnen’.

– Erkenne in jedem Abzeichen auf dem Platz gleich die SS-Rune oder ähnlich Schlimmes – auch wenn dort nur ‘WC’ steht.

– Sage nie, dass all das Getöse dort, bis in die Wortwahl und Argumentation hinein, doch haargenau einem rechten Forum gliche.

– Halte jede URL, die auf .ru endet, für den Hort ewiger Wahrheiten.

– Merke dir, das hinter allem der CIA steht, mindestens aber die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Euer Masochist, Safarileiter und Nazi,
Klaus

Nachtrag: Sü – und nun habe ich beim ‘Spiegelfechter’ Schreibverbot. Auch gut – das ist eben eine geschlossene Gesellschaft, die kriegen mit ihren langen Ohren bei Luftzug und anderen Tönen Ohrensausen.

Manche Suppe ess ich nicht!

Im Herbst werden deshalb nicht unbedingt mehr Menschen für die Liberalen abstimmen. Doch der Beschluss macht deutlich: Die Partei lebt.”

Rekapitulieren wir mal: Eine kleine Ego-Partei krebst seit Jahren an der Nachweisgrenze zwischen vier und bestenfalls fünf Prozent herum. Jetzt vergrätzt sie durch Mindestlohnbeschlüsse ihre allerletzten verbliebenen Stammwähler, was der Autor dort oben ja richtigerweise andeutet. Diese Beschlüsse wiederum sollen ihm zufolge der Beweis dafür sein, dass ‘die Partei lebt’? – Naja, ich denke dabei eher an ‘Kamikaze’ oder ‘Suizid’ … und ich hätte dabei auch noch die Logik auf meiner Seite. Gut, man wird sehen …

Argumentatives

Die Wahrheit ist eine Erfindung des Lügners” – der bekannte Satz des Kybernetikers Heinz von Foerster ist überall im Kommunikationsbereich eine ‘olle Kamelle’: Wahrheit in relativen Zeiten ist nur noch das, was von anderen als wahr anerkannt wird. Absolute Wahrheitsansprüche führen nur in die Ideologie – und in der Folge auf den Scheiterhaufen.

Trotzdem versuchen wir natürlich weiterhin, ‘wahrheitsfähige Sätze’ zu bilden, die in der Diskussion von anderen akzeptiert werden. Dieses ‘Überzeugen’ geschieht mit Hilfe der Argumentation, indem wir nämlich die Prinzipien unseres Denkens, die uns zu bestimmten Schlussfolgerungen geführt haben, sprachlich offen legen.

Die formale Satzlogik listet einige solcher Denkprinzipien auf, die sich wechselseitig aber widersprechen können, weshalb der erste Fehler schon darin bestünde, wenn ich zwei dieser Prinzipien in einem Textabsatz vermische. Hinzu kommt, dass die Sprache ein denkbar unlogisches Instrument ist.

Eines dieser Prinzipien wäre zum Beispiel die so genannte ‘Gleichheitsregel’. Formallogisch ausgedrückt: “A = A“, jedes A ist mit sich selbst identisch, oder: alle A’s sind als A zu betrachten. Im Alltag begegnet uns diese Regel in Sätzen wie “Alle Menschen sind gleich” oder dem juristischen Hauptsatz “Wesentlich Gleiches muss auch gleich beurteilt werden”. Auch “Persil bleibt Persil” fällt unter diese Gleichheitsregel oder der konservative Hauptsatz “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Genauso wie das Kinderquengeln: “Robin hat aber auch ein Nutella-Brot gekriegt!”. Es sind nicht nur einzelne Sätze, die eine solche Argumentation transportieren, ganze Reden oder Artikel können unter dieser Flagge segeln. Zu finden ist diese Argumentation vor allem im familiären und sozialen Bereich, in der Politik oder auch in der christlichen Kirche: “Vor Gott sind alle gleich”.

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Zweisprachlichkeit?

Seit längerem pätschwürge ich, immer wenn ich dazu mal Zeit finde, an einem Typoskript mit dem Titel ‘Schreiben im Web 2.0’ herum. Es beruht auf meinen Beobachtungen über erfolgreiche Textformen im Netz, teilweise auch auf Texten, die ich für diese Klorolle hier verfasse – und es soll idealerweise auf solcher Basis als Antidot zu Journalistenschulen, aber auch zu den Rigorismen eines Wolf Schneider oder Bastian Sick dienen. Ganz und gar zum Gebrauch für Blogschreiber.

Beim Blogger daheim ...

Beim Blogger daheim ...

Gerade das aber gerät einem Literaturagenten – der Name tut hier rein gar nichts zur Sache – in einer E-Mail an mich zum Totschlagsargument. Weil ich so für Blogger schreiben dürfe, dürfe ich doch noch lange nicht so für ein Buch daherschreiben, das für den Buchmarkt bestimmt sei. Denn das richte sich immerhin an ein wirkliches Qualitätslesepublikum, das wahre Seriosität gewohnt sei, das also solche Persönlichkeiten des literarischen Lebens goutiere und mit hohen Auflagen belohne wie Rosamunde Pilcher, Egon Krenz oder gar Großschriftsteller wie Dieter Bohlen.

Aha, dachte ich mir da, der Teufel ist doch ein Logiker – und Blogger lesen und kaufen demnach gar keine Bücher. Ja – auf diese Weise wird eine Aufspaltung des Publikums in Blog-Leser und Bücherleser doch wirklich zu einem Argument, dass die eigenen Vorurteile in eine Redundanz verwandelt, die durch keine Realität mehr gedeckt ist:

“… Das ist … aus meiner Sicht ein zusätzliches Negativkriterium. Der von Ihnen gewählte Insiderjargon (Holzmedium, Alphajournalisten, Communities, werbedurchblökt …) passt nicht für ein Buch. Sowas liest man gerne mal in einem Blog, aber nicht 200 Seiten lang. … “

Ja, denn eben nicht …

Das mediale Killerspiel

Ist das Killerspiel nun eines, das der Killer gern gespielt hat – und wenn es bloß ‘Mensch ärgere dich nicht’ wäre? Oder ist es eins, was aus den Spielern erst blindwütige Killer macht? Letzterer Ansicht scheinen derzeit die meisten Journalisten zuzuneigen, die damit mal wieder zeigen, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, sich aber trotzdem gern an die Tastatur setzen. Denn zum ‘Amokläufer’ könnte man nach dieser Logik ebenso gut werden, wenn man Antidepressiva frisst, mit Pappi in den Schützenverein geht oder Pingpongbälle verhaut.

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Denkfutter

Es gibt kleine und feine Gedanken, da folgt ein Satz wie nichts einem anderen, der eine ist sicher, der andere scheint ihn nur zu entwickeln, und schon ist die Schlinge da, und man stürzt und ist betäubt. Die Lüge, der Irrtum schmuggelt sich mit kleinen und feinen Gedanken ein und huscht wie eine Eidechse. Vorsichtig muß man sein auf solchem Boden, nur Schrittchen gehn und Peitschen zur Abwehr bei sich tragen. Wer denken will, muß wissen, daß er zwischen tausend Feinden geht”.

Alfred Döblin: Unser Dasein, 53 f

Das Pfeifen im Wald

Wie klingt es eigentlich sprachlich, das sprichwörtliche Pfeifen im Wald? Was ja konkret nichts anderes meint, als dass bei einem Sprecher sich oben verbal und unten natural der Dünnpfiff seinen Weg bahnt. Ein solcher Fall von Sich-Selber-Mut-Ansabbeln lässt sich derzeit beim Spreeblick beobachten, wo der Malte Welding eine wahre Philippika gegen private Verleger und ihre fehlenden ‘cojones‘ vom Stapel gelassen hat. Ein Text, mit dem ich – um das gleich klar zu stellen – durchaus sympathisiere. Denn die Privaten, der Schluss drängt sich mir je länger je mehr auf, die können so gut wie gar nichts besser. Eigentlich fehlt nur noch der kleine Junge, der den Kaiser endlich mal nackt nennt …

Nach einem solchen Artikel taucht in den Kommentaren dann auch immer die Das-Glas-ist-halbvoll-Fraktion mit ihren bemühten und zusammengeklempnerten Widersprüchen auf, die im Kern allerdings nur durch nichts begründete Hoffnungen sind. Diese Kommentatoren – ob sie ‘interessiert’ sind, möge jeder selbst entscheiden – die werfen sich mehr oder minder voluntaristisch für die bedrohte offizielle Lesart der jeweiligen Presseerklärungspartei in die Bresche. Sie betreiben das ‘Pfeifen im Wald’. Das klingt dann bspw. so:

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Das Instrumentieren

Beim Instrumentieren werden neue Nachrichten oder ‘veränderte Sachlagen’ dazu benutzt, um eigensüchtige Ziele mit Hilfe hastig zusammengeleimter Argumentationen zu befördern. Man greift sich zum Beispiel die Finanzkrise und behauptet, dass deswegen andere Gesetze – zum Beispiel im Klimaschutz – gar nicht mehr umsetzbar wären, eben deshalb, weil an der Börse in Tokyo ein Sack Reis umgefallen sei: EnBW-Vorstand Dr. Hans-Josef Zimmer wies darauf hin, dass die aktuelle Finanzkrise die Klimaziele der Bundesregierung gefährden könnte. Wolfgang Clement forderte auf, darüber nachzudenken, ob angesichts der Krise die eingeschlagenen Wege, u. a. im Klimaschutz praktikabel seien”. Und ich finde sowieso seit längerem, dass wegen des immer schlechteren Wetters meine Einkommenssituation grundlegend verbessert werden sollte.

Das Instrumentieren schafft also einen Zusammenhang zwischen Zusammenhanglosem. Ein naiveres Gemüt als diese beiden Herren dort könnte mit dem gleichen Recht argumentieren, dass gerade angesichts der Finanzkrise die vorgesehenen Maßnahmen im Klimaschutz umso dringlicher seien, weil sie Investitionen und Beschäftigung schaffen. Aber damit klänge ich dann wiederum fast schon so wie der Siggi Pop

Die Kausalkette

Die Kausalkette – in der Rhetorik auch ‘Argument der Transitivität’ genannt – ist weniger logisch, als sie uns erscheint. Deshalb ist sie ja auch so beliebt. Formal geht es hierbei um die folgende Satzfigur:

Wenn A zu B wird, dann wird B zu C, woraufhin C zu D wird usw.

Da das aber arg mathematisch aussieht, was bekanntlich viele Leute abschreckt, stellen wir den Sachverhalt einfach mal lebensweltlich dar, an einem alten chinesischen Beispiel, wo man die logischen Dominosteine recht schön kippen sieht:

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