If your memory serves you well ...

Schlagwort: Antisemitismus (Seite 1 von 2)

Da irrt Rainer Trampert

Die Trennung des Kapitalismus in den schaffenden und raffenden Sektor war bereits für die NS-Ideologie elementar, um die Massen an den »arischen« Wirtschaftsführer zu binden und Juden als zinstreibende, sich ohne Arbeit bereichernde Schmarotzer zu stigmatisieren.”

Die Trennung der Welt in eine schaffende ‘industrielle Bourgeoisie’ und in eine raffende ‘Finanzbourgeoisie’ war schon bei Karl Marx gang und gäbe:

“Die Julimonarchie war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Bankiers, 240 000 Wähler und ihren Anhang. … Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen Bourgeoisie mußten ständig unter diesem System gefährdet und beeinträchtigt werden. … Die Finanzaristokratie, in ihrer unproduktiven Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.”
(Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, 12 f)

Man könnte also eher davon sprechen, dass die Nazis jeder Couleur hier oft und gern ‘marxistische Versatzstücke’ verwenden – da treffen sich dann eben die Extreme. Wer übrigens bei Karl Marx nach ‘Antisemitismus’ fahndet, wird auch rasch fündig werden – ein Blick in seinen Text ‘Zur Judenfrage’ genügt. Obwohl er das Wort damals natürlich noch nicht kannte …

Jaja, diese Antisemiten …

Die scheinen mir dann doch eher aus Vladimir Tarzanowitsch Putins höchsteigenem ‘Rechtem Sektor’ zu stammen. Wie überhaupt die Zahl der Antisemiten in der Duma diejenige der Antisemiten in der Rada weit übersteigt:

“Das amerikanisch-jüdische Magazin Forward berichtete von einer telefonischen Umfrage des Ukrainisch-Jüdischen Kongresses Anfang März, die ergeben habe, dass von 29 Gemeinden im ganzen Land 27 die Situation als »ruhig und normal« einstuften. Lediglich im westukrainischen Winniza und in Sewastopol auf der Krim sei man wegen antisemitischer Äußerungen besorgt gewesen – die aber aus Russland beziehungsweise von prorussischen Gruppen gekommen seien.”

Apropos – Frage an Radio Eriwan: Trifft es eigentlich zu, dass sich ‘Die Linke’ in Janukowitsch-Partei umtaufen will?

Das ewige Russland

Wozu das Ende Russlands noch bedauern!’ Diese lieben Gedanken unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen Zentimetermaß zu messen. … Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir wollen, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer Armeen. … Sie werden auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft stoßen, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. … Nein, wir brauchen Krieg und Siege! Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen.”
Fjodor M. Dostojewski: Politische Schriften

Vom Tuten und Blasen …

Dass die ‘Welt’ Bord an Bord mit PI und anderen Giddelschiffen der Netzwelt durchs Leben segelt, ist längst bekannt. Ein solch recherchebefreiter Artikel aber, wie ihn der Alan Posener jetzt auf ‘Welt Online’ einstellte, ist mir noch selten begegnet. Deutsche Kinderlein würden irregeleitet, weil in einer Broschüre der Regierung gar nicht vom ‘muslimischen Antisemitismus’ die Rede sei:

“Ein Aufklärungsheft über Rassismus verschweigt den muslimischen Rassismus und Antisemitismus. Böse sind nur die Europäer. Gefördert wurde das Machwerk vom Ministerium für Arbeit und Soziales.”

Im Folgenden versteigt sich Posener tief in die Geschichte, besonders in die mittelalterliche – was er besser gelassen hätte. Zwar ist es richtig, dass es in der muslimischen Welt die ‘Dhimmis’ gab, tributpflichtige Bürger anderen Glaubens also. Das, was die aber zu bezahlen hatten, reichte nicht im entferntesten an das Zehntsystem abendländischer Herzoge, Kirchenfürsten und Ritter heran, mit dem die ihre Bauern auf ihren Lehen versklavten. Die Vertreibung der Juden aus dem zuvor muslimischen Spanien, der Zug der Sephardim also, der setzte nach der Reconquista ein, als nicht länger die toleranten Muslime dort regierten, sondern christliche Herrscher den Juden blutig nachstellten (nach dem sog. Alhambra-Edikt).

Besonders begehrt waren im Morgenland allerdings ‘weiße Sklaven’. Gejagt wurden diese vor allem im slawischen Raum, und zwar von den Sachsen und Franken, die daraus ein lukratives Monopol machten. Prag und Verdun waren die Zentren dieses Handels mit ‘weißer Ware’, wo die gefangenen Männer vor dem Export sogar zu besonders begehrten ‘Eunuchen’ verschnitten wurden, und zwar massenhaft. Historiker sagen, dass die abendländischen Sklavenjagden ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung Europas seit dem elften Jahrhundert beigetragen hätten. Versklavte Bauern also, Sklavenjagden, Zubereitung der gefangenen Sklaven für den Export – das frühe Mittelalter war im Abendland eine Ökonomie, die ganz wesentlich auf dem Sklavenhandel beruhte. Und zwar gleichzeitig mit jener arabischen Ökonomie, über die der Posener dort so herzzerreißend barmt.

Zu ergänzen wäre, dass ‘Sklaven’ im muslimischen Raum keinesfalls völlig entrechtet waren, also keineswegs so, wie bspw. im Plantagensystem der amerikanischen Südstaaten später die Neger zu einer ‘Ware’ gemacht wurden. So wurde aus einer Sklavin samt ihren Kindern bspw. dann automatisch eine ‘Freie’, wenn ihr Herr gestorben war. Die Freilassung eines Sklaven galt auch als überaus gottgefälliges Werk, Übeltäter wurden vielfach zur Freilassung von Sklaven verdonnert. Die Mamelucken (mamlük = Sklave) errichteten in Ägypten, mitten in der muslimischen Welt, für viele Jahre sogar einen unabhängigen ‘Sklavenstaat’. Was wiederum nicht heißen soll, dass diese Sklaven nicht ihre Mitsklaven wiederum so versklavten, wie heute ein Hühnerbaron seine Osteuropäer.

Während die christlichen Ritter damals also ungeniert andere Christen versklavten, durfte ein Muslim niemals einen anderen Muslim versklaven. Die Furcht vor der Versklavung war deshalb sicherlich eines der wirksamsten Instrumente bei der Ausbreitung des Islam, das ist zweifellos richtig. Weil nur ein Übertritt vor der Gefahr dieser Sklaverei wirksam schützte. Aber es war eben kein ‘Rassismus’. Denn ein Muslim war immer ein Muslim, egal ob schwarz, weiß oder braun – also unabhängig von seiner ominösen ‘Rasse’.

So merkbefreit rattert Poseners Text munter weiter – wobei ich mich frage, was diese Ausflüge ins tiefste Mittelalter uns eigentlich beweisen sollen. Der verschlagene Muslim wäre schon immer böse gewesen? Der ‘Antisemitismus’ nämlich ist, wie der ‘Rassismus’ auch, eine Ideologie der Moderne – und er wurde in Mitteleuropa erfunden (vgl. Hannah Arendt z.B.). Zuvor wurden Juden, Muslime, Christen oder generell die Heiden der jeweils einen oder anderen Religion ausschließlich deshalb verfolgt, weil sie an etwas anderes glaubten, oder aber, weil in ihren Häusern der Pöbel Beute zu machen hoffte. Später erst wurden sie deshalb massakriert, weil sie anderen ‘Blutes’ waren, was immer das heißen soll.

Kurzum: So ist Posener, so ist auch die PI. Geschichte ist denen nur das, was ihnen in den Kram passt … ihnen sei gesagt, dass muslimische Jugendliche zwar hie und da antisemitische Stereotype übernehmen mögen, vor allem in den beliebten ‘bildungsfernen Schichten’, zunehmend radikalisiert und politisch pseudo-legitimiert auch durch die israelische Landnahme, dass aber der Antisemitismus mitnichten eine unveränderliche muslimische Eigenart ist, deren Ursprung irgendwo im Koran zu suchen sei. Da hat unser Petrus den weitaus stärkeren Stoff zu bieten. Der zunehmende Antisemitismus im arabischen Raum ist ein abendländischer Exportschlager, beginnend im späten 19. Jahrhundert …

Broder, der Vergessliche

Wer glaubt, der Henryk M. Broder betreibe unermüdlich einen ehrenwerten Kampf gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus, der irrt. Ihm geht es vor allem darum, politisch nicht genehmen Figuren einen höchst eigenwilligen Antisemitismus ans Bein zu tüddeln, so wie jetzt dem Volker Beck. Wo also hierzulande der David Irving ins Land zu reisen trachtet, da interessiert folglich nicht dessen völlig irrelevante Person, auch nicht seine Holocaust-Leugnung, das meint jedenfalls unser Broder, sondern es ginge allemal um den “deutschen antifaschistischen Widerstand, die so genannte Antifa.”

Einige Menschen, die sich übrigens selbst wohl kaum unter dem Begriff ‘Antifa’ sammeln dürften, hätten zwar erfolgreich einen Auftritt dieses Kronzeugen der Rechten verhindert, eines Mannes also, dessen Zusammenhang mit dem Wort ‘Historiker’ am besten durch Tüddelchen zu kennzeichnen ist. Das eigentliche Problem aber sei es, sagt Broder, dass ‘sie’ (wer bitte ist denn ‘sie’?) nicht stattdessen den Auftritt eines iranischen Mullah-Dienstleisters an der evangelischen Akademie Loccum kritisiert hätten. So geht’s bei Broder zu – man glaubt in Berlin zu sein, schon steht man in der niedersächsischen Pampa. Dort täuscht der Text dann vor, noch immerfort am Antisemitismus das Bein zu heben, pinkelt aber längst anderen Leuten ans Hosenbein, und wirft ihnen doppelte Standards vor, sobald sie sich über den Uringeruch beklagen …

Prompt aber fällt unser selbst ernannter Hendrix der schrillen Polemik über die eigenen Füße. Denn als gefährlichen Antisemiten und als Leuchtfeuer der Naziszene hat dieser schließlich den David Irving selbst noch jüngst bezeichnet:

“Die Ikone aller Holocaustleugner ist wieder da.”

Aber von solchen ‘Ikonen’ will er heute natürlich nichts mehr wissen. Da käme nur – Broder zufolge – ein ebenso harmloses wie ausgebranntes ideologisches Wrack, für das dieser gewissenlose Volker Beck sich auch noch als PR-Mann hergibt. Was nämlich der eigentliche Skandal sei. Viel gefährlicher als die Nazis wäre folglich diese ominöse ‘Antifa’, die doch mit ihrem Gekreisch nur den Boden bereitet, auf dem alles Braune erst wächst. Über die eigentlichen ideologischen Hoflieferanten dieser Szene aber müsse man am besten dezent schweigen:

“Beck profiliert sich mal wieder als der kleine grüne Stauffenberg und Irving bekommt die PR für seinen Auftritt als Phantom der Geschichte frei Haus geliefert. Zu sagen, beide würden am selben Seil ziehen, wäre ein wenig gemein, dennoch: sie helfen und ergänzen sich gegenseitig.”

Tscha – was interessiert schon mein Geschwätz von gestern, obwohl ich den Irving einst selbst noch zum XXL-Format aufplusterte: Das Leben ist lang, und kurz das Gedächtnis …

Ach, es fällt schon schwer, ein wenig Ordnung in die wimmeligen Hirnhaufen dieser logisch vernagelten Anti-Antifa zu bringen! Zur ergänzenden Lektüre empfehle ich diesen Text, der das Broder’sche Prinzip der ungebremsten Invektive als Stilform illustriert:

“Blöder Schwätzer, Psychopath, Flachmann, Kretin, Spatzenhirn, Parasit, Astloch des Monats, Jung-Stürmer, Schweinsfuß, Kinder-Stürmer, Anal-Phabet, Irrer, Heuchler, Antisemit, autistischer Schmierant, Lump, Depp vom Dienst, Lump vom Dienst, parasitäres Pack, Gutmenschenpack, präpotenter Schmock… – wer den Sinn der Deutschen für gusseisernen Humor und für Fäkalsprache kennt, den überrascht nicht, dass der Urheber dieser im Blog „Die Achse des Guten“ veröffentlichten Beleidigungen vor ein paar Jahren mit dem Ludwig-Börne-Preis für seine Verdienste um Polemik ausgezeichnet worden ist (in anderen Ländern würde ihm jeder Arzt ein schweres Tourette-Syndrom attestieren).”

Seither hält sich jeder, der ein wenig pöbeln kann, gleich für einen Broder …

Mal ‘ne Frage, Herr Broder

Sie behaupten ja unentwegt, der größte Antisemitenriecher aller Zeiten zu sein. Daher wende ich mich an Sie mit einem intellektuellen Problem, auf das ich bei meinen Lektürebemühungen stieß. Der Carl von Ossietzky schrieb in einem Artikel über die erste ‘Säuberung’ in der NSDAP (Weltbühne, I, 1931, 520):

“Gemeinsam ist diesen exemplarischen Germanen nur die punische Tücke. Die Nazis haben keine Ideen, keine politischen Vorstellungen, aber wo es um Krippe und nationales Renomée geht, entfalten sie die phantasievolle Gerissenheit levantinischer Teppichjuden.”

So weit also der Ossietzky, der hier eindeutig das Nazitum mit diversen antisemitischen Stereotypen ausstattet, die Antisemiten werden von ihm gewissermaßen ‘semitisch’ gefärbt. Damit leugnet Ossietzky also keineswegs die Existenz einer negativen jüdischen Charakteristik, er wendet diese nur auf die völkischen Dumpfhirne der anderen Seite an – es ist rhetorisch eine Ihr-Doch-Auch-Figur. Die NSDAP selbst wird ‘verjüdelt’, um auch mal den Jargon jener Zeit zu gebrauchen.

Schlimmer noch, da jede ‘Israelkritik’ – wie Sie wiederholt und zuletzt dann hier ausführten – ja nur eine besonders moderne Form des Antisemitismus ist, verortet Ossietzky seine Vorurteile auch noch ziemlich exakt dort, wo in Ihren Augen die uralte Judenfeindschaft ins Moderne umzuschlagen pflegt: Es ist nämlich die Levante, jener topographische Ort, wo heute ihr Heros, der Bibi Netanjahu regiert. Ossietzky nennt diese Gegend auch noch eine Heimstatt ‘punischer Tücke’ – wobei er sich in Bezug auf die geographische Lage Karthagos aber etwas desorientiert zeigt. Das Klischee des Weltbühnen-Chefs vom ‘Teppichjuden’ wiederum, das zielt in meinen Augen dann erneut eindeutig auf jene wehrunwilligen Gebetsmantelträger mit den Schläfenfransen, wie sie heute die Schas-Partei und den Raum rings um die Klagemauer bevölkern.

Nun meine Frage: Wäre dieser Ossietzky wegen dieser und ähnlicher Formulierungen, die ja alles bei weitem übertreffen, was der Jakob Augstein je von sich gab, wäre dieser Ossietzky deshalb nicht auch als Antisemit zu betrachten? Und falls ja – weshalb haben diese tumben Nazis dann ausgerechnet einen Wesensverwandten wie den Carl von Ossietzky in ein KZ gesteckt?

Erwartungsfroh auf eine klärende Antwort ohne ‘Arschlochgeschrei’ hoffend,

Ihr Klaus Jarchow

Die Insinuation

Zu den moralischen Übungen eines angehenden Journalisten sollte es gehören, gleich anfangs auf Maximaldistanz zu Henryk M. Broder zu gehen. Ein besonders rachelüsternes Stück hat er sich diesmal in der ‘Welt’ geleistet, wo er sich an Jakob Augstein und Günter Grass ganz Robert-Gernhardt-mäßig einen Text abrubbelte. Beide Genannten sind bekanntlich eher Linke – und da wäre es doch gelacht, wenn es einem Broder nicht gelänge. denen per Wortgewalt massiven Antisemitismus ans Bein zu tüddeln. Sein Text eröffnet so:

“Ein Antisemit ist jemand, der die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich natürlich ist”: Diese Definition soll eigentlich ironisch sein. Aber genau so denkt es in Jakob Augstein.

Nun – ich käme aus ermüdender Erfahrung mit unserem Ein-Themen-Polemiker natürlich gleich auf die Idee, dass jenes ‘Es’ dort eher so in Henryk M. Broders Hirnkasten rumoren dürfte. Der unbedarfte Leser aber vermutet, dass jenes angeführte Pseudo-Zitat wohl entweder vom Jakob Augstein stammen könnte (in dem ‘es’ – laut Broder – ja exakt so denken soll) oder aber von einer mehr oder minder bekannten anderen Autorität. Deshalb, weil unser McCarthy des Antisemitismus es inmitten weiterer Zitate über den Antisemitismus platziert, von Adorno bis hin zu Bebel. In der FAZ hat er übrigens mal vage behauptet, sein Selbstgestricktes käme irgendwie ‘aus dem Amerikanischen’ … so wie ein beliebiges Nazi-Zitat dann ja auch ‘aus dem Deutschen’ käme. Wie das fragliche Bonmot von dort aber in den Kopf Jakob Augsteins gelangt sein soll, das würden wir jetzt doch gern mal erfahren. War etwa der Jakob Augstein kühn genug, den Henryk M. Broder zu rezipieren?

Kurzum – für mich dient der fragliche Satz vor allem der ‘Einflüsterung’, der Insinuation. Dieses vorgeblich amerikanische On-Dit stammt in meinen Augen von Henryk M. Broder himself, der sein eigenes Denken mit Hilfe von Anführungsstrichen hier überhöht und als Autorität inszeniert. Broder, dies also mein Schluss, phantasiert sich etwas darüber zusammen, wie es in Jakob Augsteins Gehirn wohl zugehen dürfte – und kommt damit im real existierenden Qualitätsjournalismus ungeschoren durch den Faktencheck. Obwohl es jedem Redaktionseleven eigentlich auffallen müsste, dass jenes fragliche Zitat an die Qualität der historisch überlieferten anderen gar nicht heranreicht. Der Witz und der gekonnte Aphorismus, man erlebt es wöchentlich, ist nun mal nicht das Metier des Henryk M. Broder.

Autoritativ – so sehe ich das – setzt sich Broder also selbst als vertüddelte Autorität für Antisemitismus ein. Immer mal wieder. Tscha, ihr werdet sein wie Gott … und dann sogar in die Gehirne anderer Leute schauen können.

Woran aber macht er jetzt – außer an mutmaßlich fliegenfängerischen Zitaten – den angeblich hochgestylten Antisemitismus eines Jakob Augstein fest. Nun – zum Beispiel daran, dass der Sohn des Spiegel-Gründers wohlgeformte Sätze zu sprechen weiß und gut gekleidet daher kommt. ‘Indiz!’, schreit ‘Es’ da aus unserem Henryk M. Broder heraus: Treitschke, Marr und andere Antisemiten konnten auch gerade Sätze formulieren und liefen gut gekleidet herum! Und deshalb wären alle wohlgekleideten Menschen in Deutschland auch latente Antisemiten, die sich nur graduell von den Radauantisemiten unterscheiden — Ja, geht’s noch? Gemäß dieser Logik müsste ich denken wie ein gewisser amerikanischer Präsident, nur, weil ich auch schon mal auf dem Deck eines Flugzeugträgers stand …

So rappelt das wortgewaltig und intelligenzbefreit weiter vor sich hin, bis die Zeilen sich biegen. Und bis uns Netanjahus bester Mann in Deutschland mal wieder erklärt hat, weshalb wir aufstehen müssten, weshalb wir ‘aus Staatsraison’ brav in die Händchen zu patschen und ‘Shalom’ zu rufen hätten, dann, wenn eine nationalistisch vergurkte israelische Likud-Regierung demnächst tatsächlich iranische Atomanlagen angreifen sollte.

In diesem Punkt halte ich es doch weiterhin lieber mit vernünftigen Juden …

Brodern (ctd.)

Weltdeutungstag bei der ‘Welt’ – und wieder mal steht diese Deutung auf tönernen Füßen. Ein israelischer Historiker habe in einem Buch von der ‘Erfindung der jüdischen Nation‘ gesprochen und würde deshalb demnächst wohl bei der ‘Erfindung des Holocaust‘ landen. So der notorisch verhaltensauffällige Henryk M. Broder. Klingt zunächst doll, klingt für Unbedarfte schlüssig – ist aber Bullshit.

Zunächst einmal ist es unter Historikern Konsens, dass alle ‘Nationen’ nur Erfindungen oder Konstruktionen des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts waren. In Deutschland waren Sturm-und-Drang-Männer wie Johann Gottfried Herder daran beteiligt, vor allem aber die politische Romantik von Joseph Görres bis hin zu Ernst Moritz Arndt. Der amerikanische Historiker Benedict Anderson von der Cornell-University hat dieses ebenso universelle wie geistesgeschichtliche Faktum am wirkungsmächtigsten aufgedröselt, vor allem in seinem Buch ‘Die Erfindung der Nation‘. Broder aber wischt historisches Klippschulwissen beiseite und schreibt in Bezug auf das Buch von Shlomo Sand:

“Nun spricht prinzipiell nichts dagegen, ein Buch auf den Markt zu bringen, in dem die “zionistische Idee” als ein national-kolonialistisches Hirngespinst dargestellt wird – ohne jeden Bezug zum europäischen Antisemitismus und seiner Vollendung in der Endlösung der Judenfrage. Wenn man will, kann man es so sehen. Auch die Werke von Douglas Adams (“Per Anhalter durch die Galaxis”) und Erich von Däniken (“Besucher aus dem Kosmos”) leisten im weitesten Sinne einen Beitrag zur Volksbildung.”

Trivialer Sensations-Kitsch würde dem Leser hier also aufgetischt, wissenschaftlich ebenso unhaltbar wie Dänikens Raumfahrer-Götter-Epen. Was demnach – laut historischer Wissenschaft – für alle Völker gilt, soll für das jüdische Volk deshalb nicht gegolten haben, weil es ja irgendwie auch noch den Antisemitismus gab. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Wenn es an Shlomo Sands These etwas zu kritisieren gibt, dann ist es die Banalität seiner Behauptung, das marktschreierische Verkünden einer blanken Selbstverständlichkeit.

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Unsere Föjetonnisten!

Jeden Tag ‘ne neue Meinung. Erst verurteilen sie den Grass nahezu einstimmig als ‘Antisemiten’, mal als ‘offenen’, mal als ‘kryptischen’. Und jetzt, wo die Israelis ihn tatsächlich nicht mehr einreisen lassen, beschreiben sie diese Maßnahme als völlig überzogen, ja als “mittelalterlich” einem schrulligen Greis gegenüber. Am Drehbuch derartiger Stunts beteiligt aber waren sie nie nich im Leben …

Alle Achtung, alter Mann!

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: “Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.” Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‘weil SPD’ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‘weil SPD’ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‘Ritualmordvorwurf’ noch immer aus den ‘Protokollen’ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‘Graut-vor-nix’ Netanjahu wie bei Mahmud ‘Ich bölke, also bin ich’ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‘Gottesstaat’. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: “Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‘Die Welt’ halten: “In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.”

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