Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Anonymität

Friedrich holpert durchs Internet

Die Ahnungslosigkeit unserer Politiker ist oft erschreckend, wenn das Reizwort ‘Internet’ fällt, geraten sie außer Rand und Band. Jetzt fordert unser oberster Sheriff, die erschröckliche ‘Annonümmidät’ im Internet zu beenden, denn sie – und nicht das gesprochene Wort – sei der Quell alles Bösen:

“Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce”, sagte Friedrich dem SPIEGEL. “Warum müssen ,Fjordman’ und andere anonyme Blogger ihre wahre Identität nicht offenbaren?”

An dieser Einlassung ist so ziemlich alles falsch. Zunächst einmal war dieser Breivik so ziemlich das Gegenteil eines Anonymen Ideologikers. Er führte einen Klarnamen, und war vom ‘Willen zum Ruhm’ geradezu berauscht, er wollte sich also keinesfalls hinter einem Pseudonym verstecken. Bis in absehbare Ewigkeit bleibt hier das Lätzchen eines Klarnamens mit dem Blut vieler eher anonymer Opfer bekleckert.

Auch die Garde der Islamophoben aus der zweiten Reihe, ein Herre, ein Wilders, ein Broder, auch ein Sarrazin – die zeichnen sich doch nicht durch ihren Hang zur Anonymität aus. Eher im Gegenteil … flackert irgendwo ein Rotlicht auf, droht ein Talkshow-Stuhl unbesetzt zu bleiben, ist die Bühne für verquere Ansichten frei, dann trabt auch schon die rechte Rampensau ins Scheinwerferlicht.

Ganz abgesehen davon, dass ich in jeder besseren Provinzzeitung auf Artikel stoßen kann, die ebenfalls von anonymen Autoren verfasst wurden: ‘dpa’, ‘eb’ usw. steht dann als Verfasserangabe unter dem Text. Und wer nur die ‘Welt’ oder die ‘Junge Freiheit’ abonniert hat, der bewegt sich eben auch ewig in der gleichen “geistigen Sauce”. Wem’s vor intellektuellen Freiräumen schaudert, der kauft nur den ‘Gefängnisboten’. Den Anschein einer übersichtlichen heilen Welt bietet nur der kleine Maßstab.

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Vorurteil und Netzferne

Wer mit netzfernen Leuten spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Vorbehalte, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Hier eine kleine Zusammenfassung, obwohl den meisten Netzbewohnern diese Einwendungen gut bekannt sein dürften.

Typisch ist zunächst der Verweis auf die gefürchtete „Anonymität des Internets“, wovon auch die Politiker ständig barmen. Ein ziemlich heuchlerischer Aufschrei, wenn wir bedenken, dass die gleichen Personen nahezu im gleichen Atemzug dann wieder den „Verlust der Privatsphäre“ im Netz beklagen. Ja – was denn nun? Mal dies, mal das, irgendetwas geht dort wohl logisch nicht zusammen.

Hinter dieser ‚Anonymität‘ verbirgt sich vor allem die Furcht vor den „Pseudos“, vor den angenommenen Namen. Eine Furcht, die vor allem viel Ignoranz zeigt, aber wenig Fachwissen. Erstens bleibt jeder Kommentator trotz eines Pseudos seinem Klarnamen wie mit Sekundenkleber verhaftet. Über die IP-Adresse, über die er sich einloggte, weiß ich notfalls immer, wer er ist – wenn’s mich denn interessiert. Wer wiederum seine virtuelle Kometenspur zu verschleiern sucht, indem er ‘von anderswo’ einschwebt, der gilt hingegen als ‚Troll‘ und er wird umgehend per ‚SpamKarma‘ oder durch ein anderes Tool vor die Tür gesetzt. Selbst die rechten Eiferer, die bspw. bei ‚Welt Online‘ im Forum – also dort bei den ‚Qualitätsmedien‘ in den Kloaken des Internet – unter Namen wie ‚Thilo sein Freund‘, ‚Armes Deutschland‘ oder ‚Oberschollo‘ extremistischen Müll absondern, die vergessen in ihrer Dummheit schlicht, dass sie sich zu diesem Forum über eine E-Mail-Adresse anmelden mussten, die wiederum auf staatsanwaltliches Verlangen vom Verlag ‚klargestellt‘ werden muss.

Andererseits benutze auch ich ein Pseudo – in der ‚Sargnagelschmiede‘ nenne ich mich ‚Chat Atkins‘. Aber nicht, um „anonym“ zu bleiben, sondern aus dem einfachen Grund, damit nicht jeder Kunde beim Googeln schon gleich über den weltanschaulich-politischen Kram fällt, den der Klaus Jarchow mit seinem Hang zum Sarkasmus dort zum Besten gibt. Schaut jemand aber ins Impressum meiner ‚Schmiede‘, dann findet er dort brav alle erforderlichen Angaben, auch den Klarnamen und die Postadresse, sonst wäre ich ein allzu leichtes Opfer für jeden wildgewordenen Abmahnanwalt.

Andere wiederum basteln sich mit ihrem Pseudo eine ‚Kunstfigur‘ oder ‚Sockenpuppe‘, ein Kasperle, das einen ganz anderen Charakter besitzen könnte als der Verfasser im Alltag. Zwischen der realen Person und der virtuellen Persönlichkeit findet dann gewissermaßen eine spielerische Aufgabenverteilung statt, ein Rollenspiel.

Ernster liegt der Fall beim „Verlust der Privatsphäre“. Hier bewirkt das Internet tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Wer sich vor seiner Vergangenheit schützen will, der darf sich nicht ins Netz begeben. Niemand zwingt ihn. Punkt. Geht er aber dorthin, dann muss er wissen, dass das Netz nichts vergisst, dass auch niemals ein ‚Radiergummi‘ möglich sein wird, von dem so viele unbedarfte Politiker daher schwadronieren. Fehler lassen sich nicht mehr eliminieren, sie lassen sich nur noch integrieren. In die Biographie, in die Unternehmensgeschichte etc. Das Netz hat ein uferloses Gedächtnis. An anderer Stelle formulierte ich das Problem mal so:

„Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …“

Um auch mit dem letzten Vorurteil aufzuräumen: Das Internet ist gar kein „flüchtiges Medium“. Anders als im Falle der flüchtigen Zeitung landen Online-Texte nicht am nächsten Tag im Altpapier, sie werden auch nicht nur ein- oder zweimal gesendet, sie sind tage- und monatelang, oft ohne jede zeitliche Begrenzung abrufbar. Umso wichtiger ist eine korrekte, faire und sorgfältige Formulierung und Schreibweise. Das Internet erfordert mehr Sorgfalt bei der Arbeit als die „volatilen Altmedien“. Heute diese und morgen jene Meinung – das erlaubt das Internet also nicht so leicht …

Tucholskys Lektüre

Jaja – bei dem Kurt Tucholsky, da kennt sich jeder bessere Zeitungsschreiber auch ganz ohne Lexikon wie in seiner Hosentasche aus. Zumindest sonntags beim Frühschoppen: ‘Wissense, das war ein ganz Großer, mein Vorbild übrigens, nicht so’n anonymer Krakeeler, wie wir sie heute im Internet finden’. – ‘Wie jetzt – Tucholsky hätte doch auch nur höchst selten seine Artikel als Tucholsky gezeichnet?’ – ‘Hörensema, das war ja damals auch noch ganz was anderes! Überall Freikorps und Fememörder und so. Und total modern und fortschrittlich war der Mann ja auch.’

Wen also wird dieser Tucholsky schon auf seinem literarischen Olymp um sich versammelt haben? Die Avantgarde seiner Zeit vermutlich, so wie unser feuilletonistischen Pflastertreter sie vom Heute aus sähe: Den Brecht also, den Karl Kraus, den Benn (weil der Tucholsky ‘das mit dem’ ja damals noch nicht wissen konnte), Döblin, vielleicht auch Hermann Hesse oder Johannes R. Becher.

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Name oder Pseudonym?

Manchmal entladen sich die Animositäten jener Journalisten, die ihren Schreibzoo durch das Netz bedroht sehen, in haltlosen Anwürfen gegen die Blogger, die ihnen bei ein wenig Recherche nicht unterlaufen wären. “Ich denke, Blogs können jemandem wirklich Schaden zufügen, … wenn sie gemein, brutal und vor allem anonym über Andere berichten“, mit diesen Worten zitiert die ‘Süddeutsche’ eine Frau, die von der Schmähkritik aus den Tiefen des Internet fast in den Selbstmord getrieben worden sei. Sagt jedenfalls die ‘Süddeutsche’. Ein wackerer Journalist dagegen, der kämpfe stets mit offenem Visier und mit seinem guten Namen für eine selbstverständlich gute Sache, und zwar ohne jeden Hauch von Ironie oder Polemik in seinem Text. Ein solcher Journalist würde sich daher auch nie ‘D’Artagnan’ oder so nennen, sondern immer nur Fritze Müller, so wie ihn der Geistliche einst ins Taufbecken tunkte. Das in etwa ist das frisch gefönte Selbstbild der Publizistik älteren Semesters in Deutschland. – – – Aber – mein Gott, was ist das bloß für ein Schmarren!

Um zunächst an diesem Selbstbild ein wenig herumzuschnetzeln: Der Publizist ‘Linke Poot’ hieß mit Klarnamen ‘Alfred Döblin’, ‘Hans Habe’ hieß nicht ‘Hans Habe’, ‘Hans Fallada’ hieß ‘Rudolf Dietzen’, ‘Theobald Tiger’ war weder ‘Kaspar Hauser’ noch ‘Peter Panter’, schon gar nicht ‘Ignaz Wrobel’, er hieß ‘Kurt Tucholsky’. Und die Schreiber in Deutschlands Sexpostillen, von ‘Heiß und Feucht’ bis hin zu ‘Haarige Lustgrotten’, die sind dort bestimmt nicht unter ihrem bürgerlichen Namen zu finden. Die Journalisten nennen das dann nur nicht ‘anonyme Hasskappen’ – wie im Falle der Blogger – , sie sprechen lieber von ‘Künstlernamen’, dort, wo es um den eigenen werten Berufsstand geht. Trotzdem sind auch diese biographischen Chamäleons aus Holzhausen allesamt zugleich waschechte Journalisten, und keine anonymen Schmadderer. Tausende Beispiele lassen sich anführen, wo der Journalist eben nicht der war, der seinen guten Namen auf dem Printmarkt spazieren trug. Trotzdem entstanden gute Artikel, denn die Qualität eines Textes ist nicht vom Namen des Verfassers abhängig, sondern nur vom Kopf. der ihn verfasste.

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