Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Anekdote

Frauenlogik

Ich sehe heute etwas zerkratzt aus – und das kam so: Wir saßen gestern abend mit Nachbarn zusammen und das Gespräch kam auf einen der Jungen hier im Dorf. Der ist einerseits blitzintelligent, andererseits ziemlich demotiviert, bzw. zukunftstechnisch desorientiert. Er weiß also nicht, was er werden soll, und die schulischen Leistungen jetzt zum Abschluss hin sind dementsprechend ‘nur so lala’. Die Gespräch wogte hin und her, Thema: ‘Die heutige Jugend an und für sich und überhaupt’. Mitten hinein ins Getümmel empörte sich eine Nachbarin: “In dessen Alter war ich schon Mutter!” Losprustend fiel ich mit dem Stuhl hintenüber und landete rücklings im stacheligen Grün am Rand unserer Terrasse …

Anekdoten finden

Königsberg, im April 1945: Die letzten Nazibonzen haben sich vor Wochen schon verpisst, die ruinierte Stadt ist in die Hände der Roten Armee gefallen. Wie ein hohler Zahn ragt die Ordensburg in den Nachthimmel, im Hafen glühen die riesigen Speicher der Kaufmannschaft, die Wellen pochen mit den Köpfen treibender Leichen an die Spundmauern – überall liegt ein Teppich aus toten Soldaten, Frauen und Kindern. Nur das Grab des Philosophen am Königsberger Dom bleibt wie durch ein Wunder unzerstört. Ein sowjetischer Soldat aus Swerdlowsk schreibt in kyrillischen Buchstaben eine Zeile auf die Grabplatte des Philosophen:

“Na, Kant, siehst du jetzt, dass die Welt materiell ist?”

Anekdoten erfinden

Eines Tages flog der betrügerische Vermögensberater und Partylöwe Nick Smoralish dann doch noch auf. Ob er sich nicht manchmal geschämt habe, ehrlich und hart arbeitende Reiche um ihr Vermögen zu bringen, fragte ihn der Untersuchungsrichter. “Ich werde”, antwortete Smoralish, “Eurer Lordschaft sofort Bescheid geben, sollten mir solche Wesen irgendwann mal über den Weg laufen.”

Anekdotisches

Als der Mario Sixtus am 1. September 2011 die Schwundstufe jenes heutigen Journalismus beklagte, der in Zeiten eines leistungslos geforderten Leistungsschutzrechtes zumeist “lieblos unredigierte Agenturmeldungen einfach rauspumpen” würde, da antwortete ihm leicht pikiert Christoph Keese, seines Zeichens Chef-Ideologe des Springer-Verlages, indem er stolz auf all die unvermeidbaren ‘Edelfedern’ wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Henryk M. Broder, Andrea Seibel oder Alan Posener verwies. Sehen Sie, Herr Keese, und genau auf diese verlegerische Verblendung, die Mittelmäßiges als Elite preist, nur weil es emsig und brav in die erwünschte ideologische Kerbe haut, auf die zielen der Mario Sixtus und viele andere mit ihrer Verfallsdiagnose ja ab …

Erfundene Situationen

Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:

“Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: “An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.” In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: “Wieso die Fußgänger?”

Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: “Was redest du denn für’n Scheiß daher?”, “Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?”, “Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!”, “Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?” – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.

Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.

Der Plauderton

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

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Meinen Sie etwa, Schriftsteller bewirkten nichts?

Was für ein Quatsch! Als Oscar Wilde wegen Sodomie – heute sagt man wegen ‘homosexueller Handlungen’ – ins Gefängnis einfuhr, da fuhren noch in der gleichen Nacht 600 britische Gentlemen der besseren Kreise Hals über Kopf per Schiff nach Frankreich – statt der 60, die sonst üblich waren.

(n. U. Schultz: Große Prozesse. München 2001)

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