Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Alphajournalismus (Seite 1 von 3)

Selbstüberschätzung

An dem Punkt habe ich dann aufgehört, Gabor Steingarts Traktat noch weiter zu lesen, weil er gleich mal von falschen Voraussetzungen ausgeht. Und stimmt vorn die Prämisse nicht, dann kann hinten auch nichts Zutreffendes folgen. Tsss … als würden im Netz nur ‘Verlagsprodukte’ herumstehen:

“Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden.”

Donnerwetter, ‘alles’ – was für ein Alleinvertretungsanspruch! Die Sache mit den ‘deutschen Autoren’ mag für den deutschsprachigen Teil des Netzes ja noch halbwegs stimmen. Aber gleich allen Autoren zu unterstellen, sie würden nur für konfektionierte Ware aus deutschen Verlagen sorgen, das erscheint mir als These doch arg abenteuerlich und durch keinerlei Fakten gedeckt. Meine Einschätzung lautet anders: Nur der geringere Teil der Inhalte im Netz stammt heutzutage noch aus dem altehrwürdigen Verlagsbereich.

Zumindest für den ‘Stilstand’ darf ich schon mal feststellen, dass hier nicht ein einziger Text als ‘Paid Content’ auf dem gepflegten Rasen eines gebenedeiten Verlagsgeländes heranwuchs …

Schuld war nur der Bossanova

Die deutsche Atomangst ist Putins Lebenselixier.”

Da muss man erst mal drauf kommen! Unser größter aller unbegreiflichen Geostrategen, der Malte Lehming vom ‘Tagesspiegel’, hat die Ursache für den Schlamassel in der Ukraine endlich dingfest gemacht. Vámonos – fahren wir die Atomkraftwerke wieder hoch, dann wird dort bestimmt alles gut … blöd nur, dass die Schröder’schen Gasverträge lange vor Fukushima vereinbart wurden.

Kleiner Arbeitsauftrag: Nehmt drei beliebige Begriffe – sagen wir mal ‘Spargel’, ‘Taiwan’ und ‘Hiphop’ – und formt uns daraus einen schönen Artikel à la Malte Lehming, vielleicht über das Bienensterben.

Der Faktenverdreher

In den Nachrufen und Betrachtungen zu Nelson Mandela wird weithin ausgeblendet, dass das südafrikanische Apartheid-­Regime vor allem deshalb so lange überlebte, weil Mandelas marxistischer African National Congress (ANC) mit der Sowjetunion im Bunde stand.”

Das mit der Apartheid, das waren nämlich gar nicht die Buren, das waren die pösen Gommunisdn! Ihm bringt’s vermutlich die nächste Einladung zu Sandra Maischberger ein. Und wer wischt hier jetzt die Kotze unter meinem Schreibtisch wieder weg?

via: auch das noch

Aus trüber Quelle

Die Firma ‘Mediatenor’ hat schon zwei Insolvenzen überlebt, darf ‘nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln der „Datenmanipulation“ bezichtigt werden’, und operiert seit solchen Erfahrungen doch lieber vom beschaulichen Schweizer Rapperswil aus. Sogar Matthias Döpfner und der Kriminologie-Papst Christian Pfeiffer traten aus dem Beirat des Unternehmens rasch wieder aus. Obwohl diese Zahlenschmiede doch, wie vielfach erwünscht, aus allen Rohren gegen die Öffentlich-Rechtlichen schoss. Mitarbeiter hatten da nämlich begonnen, das Auswertungsverfahren der Media Tenor öffentlich zu machen. Und das war nicht – sagen wir’s mal vorsichtig so – es war nicht so, wie es ein ausgebildeter Wissenschaftler erwarten würde, sondern es verfuhr eher intuitiv. Ein gewissenhafter Journalist greift da doch eher mit spitzen Fingern zu …

Fehlende Reputation aber hat bekanntlich deutsche Qualitätsjournalisten noch nie daran gehindert, dolle Geschichten auf höchst wacklige Thesen zu stützen, so wie den Stammtisch auf die Bierdeckel. Auf diese Weise entstehen, allein auf den neuesten Sensationszahlen von ‘Media Tenor’ fußend, längliche Artikel, die uns bspw. dann beweisen, dass eine prinzipienlose Kanzlerin wie Angela die CDU entkernt hätte, während gleich nebenan, in der CSU, doch eine viel unverrückbarere Lichtgestalt wie Seehofers Horst zu finden wäre, der heute ‘Hü!’ sage, und morgen ‘Hü!’, aber niemals nie nüch ‘Hott!’:

“Vom Gipfel führen alle Wege bergab, nach dem Zenit folgt der Abschwung, auf den Triumph der Kater: So wird es nun auch Angela Merkel ergehen. Nicht als ewige Kanzlerin wird sie in die Geschichte eingehen, sondern als die Frau, deren Machtbewusstsein in einer Großen Koalition zerrieben wurde. Darauf deutet der neue „Mediatenor“, demzufolge Merkel in 24 „tonangebenden deutschen Medien“ vom dritten zum viertel Quartal 2013 rapide an Ansehen eingebüßt habe.”

‘Tonangebende Medien’ – wer mag das bloß sein? Und wer erdichtet uns orakelnd solche Votivbildchen und wo werden sie gedruckt? Nun, in diesem Fall äußert sich der Alexander Kissler so gewohnt meinungsfroh im stadtbekannten ‘Cicero’ …

Vorstellungskraft, hilf!

Guten Morgen, Herr Dr. Jarchow”, schrub mir der Gabor Steingart im heutigen Newsletter des ‘Handelsblatt’, “der für morgen geplante Börsengang von Twitter wirft seine Phantasie voraus.” Prompt warf ich eine Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch um …

Schon seltsam

Poschardt, Posener, Steingart, Dönch, Siems, Schmid, Seibel usw. – die letzten FDP-Abgeordneten bundesweit sitzen alle in deutschen Zeitungen herum.

Mein Hase!

Journalisten sind ja doch solidarisch, zumindest dort, wo einem der ihren ein Tort droht. Da findet sich das Rudel dann aufheulend zusammen. Wo jetzt alles auf dem Kurt Krömer herumhackt, vom ‘Stern’ bis zur ‘FAZ’, versuche ich mich mal als Geisterfahrer. Denn gestern Abend geriet ich zufällig beim Gute-Nacht-Swatchen in dieses vorab reichlich skandalisierte ‘Corpus Delicti’ – und blieb prompt bei einem televisionären Sturm im Wasserglas hängen.

Auch der Matthias Matussek ist bekanntlich kein Kind von Traurigkeit – und das Austeilen gehört bei ihm zum Geschäft, neuerdings sogar zum höheren Ruhm GOttes – siehe seine Beiträge im kath.net. Die großen Fehler im Vorfeld der Sendung waren in meinen Augen zwei: Er dachte wohl, er könne, wie vielleicht bei einem besinnlichen Plauderstündchen auf dem Schoß vom Markus Lanz, dort ungestört ein Buch promoten – und dann wurde mit ihm, unserem ewig verkannten Alphajournalisten, verbal einfach nur Schlitten gefahren. Mehr als ein mageres ‘blöde Sau’ fiel dem “Gelegenheitskrawallo” vom ‘Spiegel’ im unaufhörlichen Beschuss als Retourkutsche nicht mehr ein. Matussek in der Rolle des gleichfalls austeilenden Watschenmanns war sichtlich in die falsche Sendung geraten – aber das war nicht Krömers Schuld.

Krömers Kunst oder Fehler, je nachdem, wie man’s nimmt, ist es, dass ihm quasi ‘von Natur’ ständig Sprüche hochgestapelt auf den Lippen liegen. Er ist der perpetuierte Klassenkasper. Seine ‘Gesprächspartner’, die für ihn eher nur Stichwortgeber sind, dürfen keinen Halbsatz beenden, ohne dass ihnen der Moderator schon mit einer abseitigen Bemerkung ins Wort fällt. Bemerkungen, die im weiteren Verlauf dann überallhin führen, nur nicht zum Thema. Der ‘Gesprächsverlauf’ bei einer Krömer-Show ähnelt der Bahn einer Flipperkugel beim Freispiel. Das alles war bekannt. Als Gast kann man da nur mehr oder minder wortgewandt einer unvorhersagbaren Kugel folgen …

Zwei Schlagfertigkeitsrastellis treten also gegeneinander an, so jedenfalls war die Sendung ursprünglich wohl gedacht – das Konzept ging jedoch nicht auf. Und das lag vor allem an Matthias Matussek. Wie ein geschlagener Boxer lag unser großer Alphajournalist am Ende mit herausgerutschtem Hemd auf dem Sofa – während sein Kontrahent unverhohlen triumphierte und ihn sogar ‘Mein Hase!’ titulieren durfte. Gleich nebenan strullte sich die Mary Roos derweil vor Lachen fast ein. Wenigstens eine, die das Konzept der Sendung begriffen hatte …

Für mich liegt das Problem darin, dass der Matthias Matussek, wie so viele aus der schreibenden Zunft, wohl nur auf dem Papier – resp. Monitor – schlagfertig zu wirken vermag. Alle diese fein und auch bösartig ziselierten Formulierungen wirken auf mich immer ein wenig ergrübelt. So, also genügend Zeit vorausgesetzt, kann dann auch ein Matussek beißen. Für jede Instant-Comedy aber – wie hier – ist er eine glatte Fehlbesetzung. Der leere Blick ins Weite am Schluss war der beste Beleg. Dass er, der sonst nur in sanftem Feuilleton-Lenor zu baden gewohnt ist – “[Matthias Matussek ist] ein Stück äußerst lebendiger Prosa gelungen, voll Witz, aber auch Zärtlichkeit” – dass ein solch zartbesaitetes Wesen diese Sendung als Majestätsbeleidigung auffassen musste, ist mir schon klar. Es war aber nun mal keine, es war nur ein alphajournalistischer Striptease mit finalem Tuntentanz …

Ich gebe aber zu, dass mein Beitrag ein wenig schräg in der publizistischen Landschaft herumsteht. Andere haben sogar eine waschechte Christenverfolgung anzubieten – mit Kurt Krömer in der Rolle des Antichrist: “Werden hierzulande schon wieder Christen öffentlich(-rechtlich) an den Pranger gestellt?” Schlimm ist das …

Über dem Thema stehen …

Oder – wie der Jan Fleischhauer mal lauter beherzigenswerte Dinge schrieb, aber sich selbst dabei ganz zu erwähnen vergaß:

“Journalisten haben es auch nicht leicht. … Auch in Print-Redaktionen findet man in ausreichender Anzahl Leute, die so von der eigenen Bedeutung durchdrungen sind, dass sie auf Konferenzen mit ganz leiser Stimme sprechen.”

Journalistenkarrieren

Allen, die sich über das vorherrschende Dutzendformat des ‘Alphajournalismus’ in Deutschland jemals gewundert haben, sei dieser Text ans Herz gelegt. Einen Tucholsky gibt es in jeder Generation gerade mal einen – und dieser Text ist immerhin von Constantin Seibt, der sich nie so bezeichnen würde, obwohl er einer ist:

“Eine ganze Generation steigt [im Journalismus] hoch, wie der Schimmel im Abwasch eines Junggesellen. Der beste Satz, den man Jugendlichen zu Theorie und Praxis der Karriere sagen kann, ist: Wart mal.”

Schon der grüngraue Glanz dieser stimmigen Metapher zeigt mir den Solitär mit den Adleraugen …

Ein-Kolumnen-Leistungsträger:

Gerne halten wir Deutschen den anderen Europäern vor, wie fleißig wir doch sind – aber kaum arbeiten die Leute bei uns tatsächlich länger als von Gesetzes wegen gefordert, gilt dies als Alarmsignal. Was ist denn da schon wieder los?”

Es verfügt eben nicht jeder über ein solch ungeheures Arbeitsethos, um wie Sie, Herr Fleischhauer, mit dessen Hilfe tagelang an einem Satz zu feilen. Oder, um mit meinem verstorbenen Opa zu reden: Selbst den A…h nicht von der Heizung kriegen, aber anderen gute Ratschläge geben. Tartufferie wäre meines Wissens der wissenschaftliche Ausdruck dafür …

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