If your memory serves you well ...

Schlagwort: Alan Posener

Hallo, Herr Döpfner!

Laut Hausmitteilung ist der Matthias Matussek – selbstverfreilich ‘auf eigenen Wunsch’ – aus der Spiegel-Redaktion ausgeschieden. Wäre das nicht ein echtes Schnäppchen, um den Stall bewährter Kräfte bei der ‘Welt’ zu komplettieren? Ich meine: Matthias Matussek (jüngstkatholisch), Alan Posener (vormals KPD-AO), Thomas Schmid (vormals SDS), Andrea Seibel (vormals taz), Henryk M. Broder (vormals Sankt-Pauli-Nachrichten), wie übrigens auch Ihre jüngste Akquisition, der Stefan Aust – das passt doch. Das gäbe auch eine tolle Mannschaft, die ihre Geschmeidigkeit am eigenen Leibe schon zweifelsfrei bewiesen hat. Die würden in meinen Augen die anspruchsvollsten Wünsche einer exklusiven Kundschaft gedankenschwer bedienen …

Nachtrag: Inzwischen hat mit jemand gesteckt, dass der Matthes doch längst in Springers Hayek-Chor angekomen sei … tscha, man kann ja nicht alles wissen.

Ich bau mir einen Popanz

Was mich regelmäßig ärgert, ist gequirlter Dünnpfiff, den Leute im professoralen Modus produzieren, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Das zum Bleistift schreibt uns der Alan Posener, wobei er mit seinem Elaborat den Schriftstelleraufruf und den ‘Schirrmacherismus’ zugleich zu kritisieren wähnt – whatever that is:

“In allen rechtsstaatlichen Demokratien gibt es einen Widerspruch zwischen dem Utilitarismus und Liberalismus. Zwischen dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl und der größtmöglichen Freiheit des Individuums.”

Falsch! Der praktizierte Utilitarismus hat mit dem ‘Glück der größtmöglichen Zahl’ rein gar nichts zu tun, der Utilitarismus beurteilt Menschen – der Name sagt es ja schon – schlicht nach dem ‘Nutzen’, den sie für die Gesellschaft haben. Der Euthanasiegedanke und alle möglichen anderen liberalen Phantasien leiten sich aus diesem Utilitarismus ab. Sogar noch die Verkürzung der Studienzeiten und der berüchtigte Bachelor, Kern hochweiser liberaler Bildungspolitik, ist utilitaristisch gedacht: Diese jungen Hanseln sollen sich vom Gedanken an die akademische Freiheit subito verabschieden, um möglichst rasch ‘produktiv’ für die Wirtschaft und damit ‘für alle’ zu werden, sonst setzt ihnen bloß noch jemand Rosinen in den Kopf.

In den Worten des ebenso utilitaristischen wie ‘liberalen’ Ahnvaters Jeremy Bentham: Es ginge immer darum, “das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht.” Zwischen einer ‘Gruppe’ – oder Teilmenge – und dem großen Ganzen bestehen bekanntlich gewisse Unterschiede. Wenn also eine Bande von Bankstern die Finanztransaktionssteuer zu verhindern sucht, dann handelt sie im Kern ‘utilitaristisch’, sie ist auf ihre Interessen bedacht, der Rest soll gefälligst sehen, wo er bleibt. Und Gott – unter Liberalen auch ‘Markt’ genannt – wird dann schon irgendwie für den Ausgleich sorgen. Wenn man so will, ist es das FDP-Prinzip in Reingestalt, der Utilitarismus (für andere) zählt zu den zehn Geboten fast aller ‘liberalen Parteien’ im Westen.

Nichts ist es also mit einem angeblichen Gegensatz einer ominösen ‘Froihoit’ und dem ‘Glück für alle’, den uns der Posener hier aufs Papier malt. Auf einer möglichst freien Wildbahn sollen ganz utilitaristisch immer Interessengegensätze ausgetragen werden – das ist zugleich der Kerngedanke des Liberalismus. Wobei dann naturgemäß der Stärkere allemal gewinnt. Warum wird das blöde Schaf nicht auch Löwe?

Der Alan Posener baut sich hier also philosophiegeschichtlich einen Popanz aus einem konstruierten Scheingegensatz, woraus sich dann natürlich die dollsten Sachen ableiten lassen. Wer aus dem Liberalismus den Utilitarismus ausbaut, der kann auch gleich aus seinem Auto den Motor amputieren …

Nebenbei bemerkt, lag der Kardinalfehler Benthams vor allem in einer falschen Anthropologie, demokratietheoretisch hat er dagegen große Verdienste (One-Man-One-Vote-Prinzip):  “Durch die Verknüpfung von hedonistischem Prinzip und Universalisierung unterstellt Bentham ein Subjekt, das aus aufgeklärtem Eigeninteresse heraus urteilt und handelt und nicht nur sein individuelles Glück erstrebt. Nicht erst seit Maschmeyer und Middelhoff wissen wir, dass diese Annahme eine idealistische Chimäre ist, dass beim ‘Eigeninteresse’ das ‘aufgeklärt’ immer als erstes gestrichen und durch ‘nackt’ ersetzt wird. Gesellschaftlich musste sein Utilitarismus in Reinform eher katastrophal wirken, weil Menschen cum grano salis anders sind, als Bentham dies annahm …

Vom Tuten und Blasen …

Dass die ‘Welt’ Bord an Bord mit PI und anderen Giddelschiffen der Netzwelt durchs Leben segelt, ist längst bekannt. Ein solch recherchebefreiter Artikel aber, wie ihn der Alan Posener jetzt auf ‘Welt Online’ einstellte, ist mir noch selten begegnet. Deutsche Kinderlein würden irregeleitet, weil in einer Broschüre der Regierung gar nicht vom ‘muslimischen Antisemitismus’ die Rede sei:

“Ein Aufklärungsheft über Rassismus verschweigt den muslimischen Rassismus und Antisemitismus. Böse sind nur die Europäer. Gefördert wurde das Machwerk vom Ministerium für Arbeit und Soziales.”

Im Folgenden versteigt sich Posener tief in die Geschichte, besonders in die mittelalterliche – was er besser gelassen hätte. Zwar ist es richtig, dass es in der muslimischen Welt die ‘Dhimmis’ gab, tributpflichtige Bürger anderen Glaubens also. Das, was die aber zu bezahlen hatten, reichte nicht im entferntesten an das Zehntsystem abendländischer Herzoge, Kirchenfürsten und Ritter heran, mit dem die ihre Bauern auf ihren Lehen versklavten. Die Vertreibung der Juden aus dem zuvor muslimischen Spanien, der Zug der Sephardim also, der setzte nach der Reconquista ein, als nicht länger die toleranten Muslime dort regierten, sondern christliche Herrscher den Juden blutig nachstellten (nach dem sog. Alhambra-Edikt).

Besonders begehrt waren im Morgenland allerdings ‘weiße Sklaven’. Gejagt wurden diese vor allem im slawischen Raum, und zwar von den Sachsen und Franken, die daraus ein lukratives Monopol machten. Prag und Verdun waren die Zentren dieses Handels mit ‘weißer Ware’, wo die gefangenen Männer vor dem Export sogar zu besonders begehrten ‘Eunuchen’ verschnitten wurden, und zwar massenhaft. Historiker sagen, dass die abendländischen Sklavenjagden ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung Europas seit dem elften Jahrhundert beigetragen hätten. Versklavte Bauern also, Sklavenjagden, Zubereitung der gefangenen Sklaven für den Export – das frühe Mittelalter war im Abendland eine Ökonomie, die ganz wesentlich auf dem Sklavenhandel beruhte. Und zwar gleichzeitig mit jener arabischen Ökonomie, über die der Posener dort so herzzerreißend barmt.

Zu ergänzen wäre, dass ‘Sklaven’ im muslimischen Raum keinesfalls völlig entrechtet waren, also keineswegs so, wie bspw. im Plantagensystem der amerikanischen Südstaaten später die Neger zu einer ‘Ware’ gemacht wurden. So wurde aus einer Sklavin samt ihren Kindern bspw. dann automatisch eine ‘Freie’, wenn ihr Herr gestorben war. Die Freilassung eines Sklaven galt auch als überaus gottgefälliges Werk, Übeltäter wurden vielfach zur Freilassung von Sklaven verdonnert. Die Mamelucken (mamlük = Sklave) errichteten in Ägypten, mitten in der muslimischen Welt, für viele Jahre sogar einen unabhängigen ‘Sklavenstaat’. Was wiederum nicht heißen soll, dass diese Sklaven nicht ihre Mitsklaven wiederum so versklavten, wie heute ein Hühnerbaron seine Osteuropäer.

Während die christlichen Ritter damals also ungeniert andere Christen versklavten, durfte ein Muslim niemals einen anderen Muslim versklaven. Die Furcht vor der Versklavung war deshalb sicherlich eines der wirksamsten Instrumente bei der Ausbreitung des Islam, das ist zweifellos richtig. Weil nur ein Übertritt vor der Gefahr dieser Sklaverei wirksam schützte. Aber es war eben kein ‘Rassismus’. Denn ein Muslim war immer ein Muslim, egal ob schwarz, weiß oder braun – also unabhängig von seiner ominösen ‘Rasse’.

So merkbefreit rattert Poseners Text munter weiter – wobei ich mich frage, was diese Ausflüge ins tiefste Mittelalter uns eigentlich beweisen sollen. Der verschlagene Muslim wäre schon immer böse gewesen? Der ‘Antisemitismus’ nämlich ist, wie der ‘Rassismus’ auch, eine Ideologie der Moderne – und er wurde in Mitteleuropa erfunden (vgl. Hannah Arendt z.B.). Zuvor wurden Juden, Muslime, Christen oder generell die Heiden der jeweils einen oder anderen Religion ausschließlich deshalb verfolgt, weil sie an etwas anderes glaubten, oder aber, weil in ihren Häusern der Pöbel Beute zu machen hoffte. Später erst wurden sie deshalb massakriert, weil sie anderen ‘Blutes’ waren, was immer das heißen soll.

Kurzum: So ist Posener, so ist auch die PI. Geschichte ist denen nur das, was ihnen in den Kram passt … ihnen sei gesagt, dass muslimische Jugendliche zwar hie und da antisemitische Stereotype übernehmen mögen, vor allem in den beliebten ‘bildungsfernen Schichten’, zunehmend radikalisiert und politisch pseudo-legitimiert auch durch die israelische Landnahme, dass aber der Antisemitismus mitnichten eine unveränderliche muslimische Eigenart ist, deren Ursprung irgendwo im Koran zu suchen sei. Da hat unser Petrus den weitaus stärkeren Stoff zu bieten. Der zunehmende Antisemitismus im arabischen Raum ist ein abendländischer Exportschlager, beginnend im späten 19. Jahrhundert …

Da hat es ‘Pop!’ gemacht!

Wer Henryk Broders ‘Achse des Guten’ im Streit verlässt, muss noch kein schlechter Mensch sein. Alan Posener, der Ex-Kommentarchef der ‘Welt’, scheint die schweren Jungs von der Islamophobie-Front aber wohl der Linksabweichung zu verdächtigen. Dies könnte ein unbedarfter Leser jedenfalls glauben, wenn er sieht, wie ein wahrer Liberalinskij in seinem eigenen Blog, den ‘Starken Meinungen’, im Kampf für den allzeit guten Kapitalismus und gegen den blutrünstigen Islam vom Leder zu ziehen vermag.

Doch um diesen Streit unter Nachbarn geht es hier nur am Rande. Jemand, der – wie Posener – Diskussionen um Wörter sowieso für Mumpitz hält, kann vermutlich auch nur Mumpitz produzieren, wenn er sich mit solchem Mumpitz wie Wörtern beschäftigt. Dieser Beweis ist hier zu führen.

So schrieb Posener jüngst einen Artikel für ‘Welt Online’, wo er dem Bob Dylan – und posthum auch dem Jimi Hendrix – die mittelalterliche Ideologie der Taliban ins poetologische Sturmgepäck zu zaubern trachtete. Eine solche Menge Bullshit habe ich noch selten auf einem Haufen gesehen.

Dylan und Hendrix singen den Taliban aus der Seele, so macht der Pop-Literat seinem Herzen schon gleich in der Headline Luft. Eine Headline, die ungefähr so sinnvoll ist, wie “Plato ebnete dem Stalinismus den Weg“. Aha, denkt der darob erstaunte Leser: Dolle These! Weiterlesend erfährt er, dass dieser Jimi ja in seinem ‘Hey, Joe’ immerhin eine Frau erschieße – und da könne man doch mal sehen!

Schaut man sich den Text – der übrigens gar nicht aus Hendrix’ Feder stammt – dann genauer an, treffen wir im Song gleich auf zwei Personen, auf den Mörder und auf den Erzähler, der diesem gehörnten Liebhaber begegnet (“Hey, Joe, I heard you shot your woman down …“). Hendrix’ Position ist also gar nicht eindeutig bestimmt. Mal ganz abgesehen davon, dass solche Themen überdies in einer langen düsteren Folk-Tradition stehen, in derjenigen von Pete Seeger und Woody Guthrie. Wollte man also jedes Eifersuchtsdrama dieser Welt gleich als Ausbruch des inneren Talibans interpretieren … aber lassen wir das.

Schließlich beherrschten die amerikanischen Frauen das Killen untreuer Gespielen mindestens genauso gut wie die talibanösen Machos: “I wandered home / ‘tween twelve and one / I cried, “My God, what have I done?” / I’ve killed the only man I love / He would not take me for his bride” (‘Banks of the Ohio’). Poseners geistige Taliban ließen sich folglich ebenso gut als radikale Feministinnen inszenieren, wenn’s denn irgendwo ein Blättchen gäbe, das solchen Murks druckte.

Unser Pop-Ikone halluziniert sich immer tiefer in sein Thema hinein. Wie einst der Mozart muss sich auch Bob Dylan anhören, dass sein ‘Like a Rolling Stone’ “zu viele Akkorde” hätte – fünf sind’s, um genau zu sein – und dass der Text sowieso zu lang sei. Jeder Musikhistoriker könnte ihm nun sagen, dass die Bedeutung dieses Songs gerade darin lag, dass er mit dem Drei-Minuten-Format des damaligen Hit-Radios radikal brach – das aber spielt für Posener alles keine Rolle, denn vor allem, sagt dieser Rabulist, sei es “ein misogynes Hasslied.” Was für mich nur zwei Möglichkeiten offen lässt: Entweder hat der Kerl das Lied nie gelesen, oder aber er kann nicht lesen.

Im Kern, wenn man den Dylan’schen Halbschatten des Mehrdeutigen mal beiseite lässt, geht es in etwa um ein Mädchen aus gutem Hause, die ‘in her prime’ das Leben in vollen Zügen genoss, und die nun einsam und verloren plötzlich vor dem Nichts steht und in eine ‘neue Klasse’ eintauchen muss, diejenige der Bums und Hobos, deren Leben sich auf der Straße abspielt. Da hätte sie jetzt zu lernen, wie das Leben wirklich ist: “When you got nothing, you got nothing to lose / You’re invisible now, you got no secrets to conceal. / How does it feel / How does it feel / To be on your own / With no direction home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?“. In dem ganzen Lied kommt buchstäblich nicht eine Zeile vor, die irgendeine sexuelle Konnotation oder Machismo besitzt. Alan Posener muss schon kräftigst an den Tatzen lutschen, um seine These halbwegs blank zu polieren: Bob Dylan wolle sie höchstselbst “wie ein kleines Mädchen brechen“, behauptet unser Schlawiner. Im Original lautet die Zeile hingegen: “… but you break just like a little girl …”. Und zwischen einem ‘am Leben zerbrechen’ und einem ‘von einem Mann gebrochen werden’ bestehen für mich bis auf weiteres gewisse Unterschiede.

Es geht weiter – John Lennon hätte in ‘Norwegian Wood’ einem Mädchen nach einem One-Night-Stand die Bude angezündet, in Wahrheit wird – ausweichlich des Liedtextes – eine ganze Nacht “until two” nur gequatscht und der notgeile Jüngling darf auch nicht bei ihr, sondern nur in der Badewanne schlafen. Als er morgens allein aufwacht – “this bird had flown” -, zündet er sich ein Kaminfeuer an und genießt den Tag. Nix ist’s mit One-Night-Stand und brennendem Haus …

So stolpert der Text seiner unhaltbaren These geschäftig und absolut ohne Sinn und Verstand weiter hinterher. Man fragt sich, was Posener solcher ‘Taliban-Lyrik’ als Ideal entgegenzusetzen hätte. Nun, er verrät es uns: ‘Louie Louie’ von den Kingsmen sei sein All-Time-Hit, vermutlich wegen dieses aussagekräftigen und absolut frauenfreundlichen Kurztextes: “Louie Louie na na na na na said we gotta go said Louie Louie oh baby said we gotta go“. Ein Text dieser Prägnanz kommt vermutlich dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen deutschen Pop-Literaten schon eher entgegen …

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