Der Alexander Kissler, ein Mann, der uns Akif Pirinccis unfreiwillige Satire allen Ernstes schon mal als “Sachbuch” vorstellte, der holt jetzt im ‘Cicero’ zum großen Rundumschlag aus: Die deutschen Medien hätten ihr Publikum aus den Augen verloren, das könne man vor allem an den Kommentaren zur Russland-Berichterstattung und zu den Pirincci-Verrissen sehen, und daher, vom mangelnden Kontakt einer ‘Medienelite’ mit der Volksmeinung, kämen allemal und ganz allein die ständig sinkenden Auflagen:

“Immer mehr Menschen haben den Eindruck, da werde an ihrem Leben, ihren Eindrücken, ihren Haltungen vorbei geschrieben. Da bastle sich eine abgehobene Medienelite die Welt, wie sie ihr und nur ihr gefalle. Da herrsche der teils übellaunige, teils zwangsironische Nörgelton der Hyperkorrekten und Dauerbesorgten, der Schönredner und Weggucker und Besserwisser.”

Fakt daran ist bisher nur, dass die Auflagen tatsächlich sinken. Daraus aber den Schluss zu ziehen, die ganze junge Leserschaft hierzulande würde im Grunde wie ‘Russia Today’ denken und bei den Abonnements mördermäßig zuschlagen, wenn ein gedrucktes Medium nur deren Weisheiten endlich mal verkündete, das ist eine reichlich kühne These, die keineswegs durch Umfragen gedeckt ist. Zwischen dem, was unter rapide wechselnden Pseudos derzeit durch die Kanäle der Kommentarspalten stürmert, und der demoskopisch ermittelten ‘Volksmeinung’ herrscht nämlich eine geradezu erstaunliche Diskrepanz. Da spielen also höchstens einige Leute ‘das Volk’, indem sie sich zur beleidigten Katzenmusik einer konzertierten Aktion zusammenfinden. Was Alexander Kissler uns im Grunde hier als Vademecum für die Publizistik empfiehlt, das ist ihr Wandel vom Journalismus hin zu vermehrtem ‘Astroturfing’. Leitmedien wie der FAZ oder der Zeit sage ich schon mal einen noch größeren Auflagenschwund voraus, sollten sie sich jemals publizistisch auf die Ebene ihres Kommentariats zu diesen Themen begeben. Die Zeitungen haben kein ideologisches Problem, sondern ein mediales. Ideologisch sind – vom Freitag bis zur Welt – alle Bedürfnisse längst abgedeckt.

Weiterhin stünde es doch jedem renditebewussten Verleger in einer freien Marktwirtschaft absolut frei, auch hierzulande eine ‘Prawda’ auf den Markt zu bringen, wenn damit – laut Kissler – solch exorbitante Auflage zu erzielen wäre. Was sie davon bloß abhält? Vermutlich sind es die Beispiele, die schrecken. Wir haben doch hierzulande reichlich Medien, welche Kisslers empfohlene Linie eines ‘Bilderberger-Journalismus’ verfolgen – ich denke bspw. an das ‘Neue Deutschland’, an die ‘Junge Freiheit’ oder auch an die ‘Linkszeitung’. Steigen deren Auflagen etwa, weil sie die ‘einzig wahre Volksmeinung’ vertreten? Laut unserem Cicero-Orakel müssten sie ‘s doch eigentlich – und wie geht’s denn eigentlich dem ‘Cicero’?

“Die in Berlin vom Schweizer Ringier-Verlag herausgegebene Monatszeitschrift “Cicero” zählt zu den Titeln, die viele schätzen, aber nur wenige lesen.”

Viel geschätzt und wenig gelesen – wie geht das? Egal, das war vermutlich nur des Sängers Höflichkeit. Kurzum: Mal wieder völlig neben der Spur, der Alexander Kissler, diese These ist schlicht ein antielitärer Hoax, voll und ganz auf rechtspopulistischer Linie: ‘Wir sind eigentlich ganz viele und werden nur deshalb nicht erhört, weil ja die bösen Eliten’ usw. usf. – Lilliput im Größenwahn …